Samstag, 4. Januar 2020

Zen-Geist Anfänger-Geist - Neujahrsseshin im Kloster Ryumonji Weiterswiller

Das Leben birgt viele Umwege in sich. Die Kunst besteht darin, dabei die Landschaft zu bewundern. (Zen-Weisheit)

 Prolog

Ungefähr vor zwei oder drei Jahren habe ich aus Neugierde nach "Retreat Zenkloster" gesucht und bin auf Ryumonji gestoßen. Ich habe mir durchgelesen, was mich auf so einem Retreat in etwa erwarten würde und es dann beiseite gelegt.
Ne, jetzt nicht.
Später!
Irgendwann.

Im Sommersemester 2019 hielt eine meiner Kolleginnen ein interdisziplinäres Seminar in eben diesem Kloster ab und erzählte einige Zeit später davon bei einem unserer Institutsfrühstücke. Es klang sehr toll und ich habe darauf nochmal nach Ryumonji geschaut. Ja, da gibt's ein Neujahrsseshin. Hm. Ja. Vielleicht. Nach dem Urlaub entscheide ich mich. Eventuell.

Im September nach meinem Urlaub schlich ich wieder um die Seite herum. Irgendwie fand ich es spannend, aber ... der Tagesablauf mit all diesen festen Zeiten, etlichen Malen Zazen (Sitzmeditation)... ich weiß nicht... soll ich?

Anfang November hatte ich mich endlich überwunden, eine Mail an das Kloster zu schreiben und dachte mir dabei "Naja, wird eh schon voll sein...!"
Aber nichts da.
Soundso ist die Anmeldung, das und das ausfüllen, beachten, mitbringen, Anmeldegebühr zahlen und los geht's.
Mit der Anmeldegebühr ließ ich mir noch einen Tag Zeit und war ganz stolz, als ich den Betrag endlich überwiesen hatte und die Bestätigung kam. Mein Kollege war voller Bewunderung, dass ich mich nun wirklich durchgerungen hatte.

Ja, der Mensch wächst mit seinen Aufgaben und ich wollte endlich wieder an Silvester etwas Besonderes tun. So eine Zeit des Rückzugs und der Einkehr, bevor ich nun 2020 mit all meinen Projekten durchstarte, ist sicher keine schlechte Idee. Mal davon ab, kann ich Silvester überhaupt nichts abgewinnen. Dieses sinnlose Rumgeballere, Gesaufe und Fröhlichkeit auf Knopfdruck, ne, lass mal!

Ende November buchte ich meine Bahnverbindungen, gab im Kloster wegen meiner Ankunftszeit Bescheid und begann mich zu freuen. Dann kam der Streik in Frankreich und kurz vor meiner Abreise eine Mail, dass es einige Zugverbindungen nicht oder anders gäbe. Keiner wusste etwas genaues. Vom Kloster kam die Nachricht, dass man mich am Ankunftstag um 18:15 Uhr in Ingwiller abholen würde.

Na, wird schon alles klappen. Inzwischen bin ich reiseerfahren genug, um alle Dinge einfach auf mich zukommen zu lassen. Es ist bis jetzt immer alles gut gegangen und für jedes Problem gab es eine Lösung, oder es löste sich in Luft auf.

28.12.2019 Anreise nach Weiterswiller

Am 28.12. brach ich gegen Mittag in Freiburg auf. Erst ging es mit dem Zug nach Offenburg, dann mit der S-Bahn nach Straßburg. Ich hatte einen Platz auf einem Vierersitz mit einer Patchworkfamilie. Mama mit auftätowierten Brauen und Spachtelkleister im Gesicht, Tochter mit Eifohn und der Partner von Mama, der sich durch unglaublich sinnfreies Gerede hervortat. Die Beziehung zwischen Mama und dem Partner schien mir von einem aggressiven Unterton überschattet. Aber gut, nach den Tagen des Aufeinandersitzens an Weihnachten kein Wunder...

In Straßburg hatte ich dank eines Zugausfalls zwei Stunden Aufenthalt und fragte wegen Erstattung und Umbuchung meiner verschiedenen Tickets nach. Ja, da in der Haupthalle könnte ich das machen. Das gleiche Problem wie ich hatten gefühlt zweihundert andere Menschen, aber es ging dann doch erfreulich schnell voran. Nur leider leider konnte man mir nichts erstatten, denn die Erstattung für die Tickets am 1. Januar waren erst ab dem 31.12. freigeschaltet. Na fein, da bin ich im Kloster ohne Internet! Ja und ich soll mich doch an die Deutsche Bahn wenden, denn bei denen hatte ich ja alles bestellt. Also noch eine Mail abgesetzt und den Flixbus für den 1. Janur gebucht, denn der fährt ganz sicher. Endlich war es so weit, in den Zug nach Ingwiller zu steigen. Nein, aufgeregt war ich nicht, ich war einfach nur neugierig auf das, was mich nun erwarten würde.

In Ingwiller war ich nicht die Einzige, die zum Kloster wollte, wir waren ingesamt elf Personen. Wir wurden in zwei Autos gepackt und dann ging es los. Am Empfang des Klosters war schon einiges los, ich bezahlte meine restliche Gebühr und bekam meine Unterkunft - Bamboo left - zugeteilt. Ein junger Mann zeigte mir das Haus und ich zog zu fünf Französinnen, die sich schon von einem Sommerretreat kannten. Zum Glück spreche ich die Sprache inzwischen ganz gut (sagte man mir) und wir räumten und richteten uns ein. Da mir niemand gesagt hatte, dass ich um 20 Uhr zur ersten Einführung im Speisesaal sein sollte, platzte ich dort prompt zu spät rein. Ich hasse es, zu spät zu kommen und hier nochmal doppelt, denn Pünktlichkeit zu allen Meditationen, Einführungen, Samu, Mahlzeiten usw. ist oberste Pflicht. Und Pünktlichkeit heißt hier nicht "Punkt 20 Uhr", sondern mindestens 10 Minuten vorher. Auf diese Weise hatte ich keine Ahnung, wie ich mein Eßschälchen ein- und auszupacken hätte. Marie-Anna, die für uns im Bamboo-Haus zuständig war, zeigte mir husch-husch, wie man einpackt und dann war auch schon Zeit für das Abendessen.

"When in Rome, do as the Romans do!" war mein Motto für den restlichen Abend. Ich hatte keine Ahnung, was ich zu tun oder zu lassen hätte. Also mit allen anderen erstmal an die Tische stellen, meine nicht so kunstvoll verpackte Schale vor mir hoch halten. Dann auf Kommando hinsetzen, den Sutren lauschen. Auf Kommando die Schale auspacken und das Einwickeltuch hübsch falten, so dass ein Quadrat entsteht. Mein Tuch sah eher wie ein Rattennest aus, in dessen Mitte meine Schale wie eine fette, runde Mama-Ratte trohnte.
Sutren singen nicht vergessen, die Texte liegen auf dem Tisch.
Gang Nummer eins.
Erst wird den anderen serviert, dann nimmt man selbst.
Beim Essen schweigen.
Verständigung mit Handzeichen.
Ich lerne schnell, dass wenn man serviert bekommt, man die Schale in die Linke nimmt, die Rechte mit der Handfläche nach oben zeigt. Wenn man genug von etwas hat, hebt man die Rechte langsam an.
Gang Nummer zwei.
Mit Brot die Schale möglichst sauber wischen.
Sutren singen.
Tee und Wasser kommen.
Tee wird auf Kommando serviert.
Schälchen spülen, Tee trinken.
Wasser wird auf Kommando serviert.
Schälchen und Besteck reinigen.
Wasser auf Kommando in die gereichten Holzbottiche gießen.
Tücher auslegen, Schalen auf Kommando einpacken (Rattennest-Origami!).
Mit feuchten Tüchern umwickelte Holzstäbchen werden zum Reinigen der Tische abgelegt. Man zieht sie Stück für Stück über den Tsch. Krümel landen auf einem Teller, der eingesammelt wird. Es wird nichts verschwendet, nichts weggeworfen, alles recycelt, kompostiert, altes Brot getrocknet und an die Pferde verfüttert usw. Und Zeit verschwendet man auch nicht, es geht zügig weiter durch den Abend.

Nächster Punkt: Zazen im Tempel.
Zazen bedeutet eine dreißigminütige Sitzmeditation im Lotussitz oder Seiza auf einem Kissen (Zafu), Gesicht zur Wand, Augen fast ganz geschlossen, so dass nur etwas Licht hereinfällt. Stille. Dem Atem lauschen, das wahrnehmen, was im Moment ist. Keinen Gedanken nachhängen, nichts analysieren, einfach nur sein. Ich kannte Zazen schon, da ich eine erste Erfahrung im Freiburger Dojo gemacht hatte, die ich allerdings wenig erfreulich fand. Die Meditation und Zeremonie selbst ja, aber das Drumherum, nein.

Hier ist es anders. Man begegnet uns Anfängern mit Wohlwollen und Motivation für die Praxis des Zazen. Wir holen uns Zafus und jeder findet seinen Platz. Dann bekommen wir erklärt, wie man richtig sitzt und wie wir es uns halbwegs gemütlich einrichten können. Ein Mönch kommt herum, korrigiert unsere Handhaltung und wir machen eine Art Generalprobe für die Sitzmeditation. Danach bekommen wir Kinhin, die Gehmeditation erklärt. Richtige Hand- und Körperhaltung, Schrittfolge usw.

Bald darauf ist Nachtruhe. Ich schlafe zwar nicht wirklich gut, weil ich nicht zur Ruhe komme, jemand im Zimmer schnarcht auch, aber die Ruhe rund um unser Haus ist großartig. Kein Hundegekläffe mitten in der Nacht, niemand trampelt durchs Haus oder krakeelt herum. Herrlich!

29.12.2019

6:30 Uhr: Die Morgenglocke wirft uns  aus den Betten. Weil Sonntag ist, dürfen wir eine halbe Stunde länger schlafen, sonst ist um 6:00 Uhr Wecken.
Da ich normalerweise noch früher aufstehe, macht es mir nicht viel aus.
Im Bad ziehen wir uns schnell die Waschlappen durchs Gesicht und die Zahnbürsten durch den Mund, dann geht es auch schon zum Tempel.
10 Minuten vor Beginn des Zazen wird auf ein Holz geschlagen. 
Im Lauf der Zeit lerne ich einige der verschiedenen Trommel-, Glocken-, und Holzschläge zu verstehen. Aber heute früh heißt es erstmal nur: Zafu finden, einrichten.

Gassho. (Verbeugung zur Begrüßung)
Gassho.

Eine schwarze Katze läuft zwischen den Reihen durch und macht es sich einige Zabutons entfernt von mir auf einem bequem und beginnt, sich abzulecken. Wie gerne wäre ich die Katze! Nicht sitzen zu müssen, gemütlich herumliegen können, und vor allem so beweglich sein...

Trommelschläge. Glockenschläge. Trommelschläge. Glockenschläge. Trommelschläge. Glockenschläge.

Ich hatte ja gehofft, meine Beine halbwegs in Brezelform biegen zu können, stelle aber bereits nach kurzer Zeit fest, dass ich auf keinen Fall dreißig Minuten so sitzen kann. Lotus bekomme ich nicht hin, nur mein linkes Bein liegt auf dem Boden, das rechte mag nicht und mein Knie ragt nach oben, so dass ich total schief sitze. Unterlegkissen hin oder her.
Nein.
aua.
Das kleine aua wächst vom kleinen Wehwehchen zu einem fetten Schmerzmonster. AUA. AUUUUAAAAAAAA!

Glockenschlag.
Glockenschlag.

Die ersten zehn Minuten Zazen sind eine Höllenqual. Man hatte uns am Abend vorher schon vorbereitet, welche Art Gedanken und Stimmen auftauchen könnten und was sich alles melden würde. Ich hatte gedacht, dass mein Rücken und meine Schultern entspannt seien, aber das hier belehrt mich eines besseren.

Glockenschlag.

Als erstes meldete sich mein Körper, die Schulterblätter schmerzen, die Oberarme schmerzen, dann mein rechter Fuß, meine Knie.
Dann setzen die Stimmen ein "waaaaah, bist Du wahnsinnig! Warum tust Du Dir das an! Auf dem Sofa daheim ist es doch viel besser! Los, spring auf und sag, dass Du nach Hause willst und das nicht ertragen kannst...!"

Endloses Zerdehnen der Minuten.

Glockenschlag.

Ich ignoriere alles.
Die Schmerzen, die Stimmen.
Ich atme.
Ein.
Aus.
Das Universum des hundertfach verlangsamten Zeitablaufs befindet sich in diesem Tempel.
Ganz sicher.

Stunden später.

Glockenschlag.

Allmählich beginnt sich das Chaos in Körper und Kopf zu entwirren.
Es wäre übertrieben zu sagen, dass ich die Position genieße.
Glockenschlag.
Wir verbeugen uns und stehen auf.
Die dreißig Minuten sind ganz plötzlich zuende und wir dürfen Kinhin machen.
puh!
Ich war noch niemals so froh, wieder aufstehen und mich bewegen zu dürfen!
Überhaupt, für einen körperlich aktiven Menschen wie mich, ist das Stillsitzen schwerer als erwartet.
Da wir sehr viele sind, macht ein Teil von uns in einem Nebenraum Kinhin.
Die Katze ist uns gefolgt und liegt nun auf dem Nähtisch in der Mitte des Raums und putzt sich weiter.

Wenn man die Augen gesenkt hat und sich auf den Atem und auf das Gehen konzentriert, werden andere Sinneseindrücke wesentlich schärfer. Wie zum Beispiel der Mundgeruch der Katze... leicht ranzig mit einem fettigen Unterton von Trockenfutter. Trotzdem finde ich ihre Präsenz im Raum sehr tröstlich. Ein Teil von mir tut sich trotz Trost-Katze sehr leid denn gleich müssen wir wieder Zazen machen...

Nach dem Kinhin entscheide ich mich, in Seiza (auf Knien) zu sitzen und diese Position beizubehalten. Wir singen Sutren, u. a. das Hanya Haramita (Sutra zum Öffnen des Herzchakras). Die Sutren mitzusingen ist nicht so schwer, denn man singt nur einen Ton und hat einen bestimmten Rhythmus. Die Texte hat man in einer Art Gesangsbuch unter dem Zabuton liegen und es lenkt einen vom Zippeln und Zappeln im Körper ab.
Die zweite halbe Stunde ist zwar nicht eben gemütlich, aber alles hat ein Ende, auch das erste Zazen am Morgen des ersten Tages.
Trommelschläge.
Glockenschläge.
Holzschläge.
Tempelglocke.
Oder so.
Wir gehen nun schweigend zum Frühstück.

8:30 Uhr: Frühstück.
In den Speisesaal gehen.
Stehen.
Schalen heben, bis alle im Raum sind.
Hinsetzen, besser gesagt, hinknien.
Sutra singen.
Genmai (Reissuppe) wird auf die Tische gestellt.
Schale auspacken.
Rattennest bauen.
Sehr kunstvolles Rattennest!
Genmai servieren.
Links halten, Rechts heben.
Schüssel nehmen, Löffel ins Genmai.
Sutra.

Boaaaaahhhhh, tut dieser warme Schlabber jetzt gut!
Mit Gomasio (gerösteter Sesam mit Salz) gemischt finde ich das richtig lecker.

Sutren singen.
Schüssel mit Tee spülen.
Schüssel mit Wasser spülen.
Sutren.
Schale einpacken.
Wasser in Holzbottich schütten.
Tisch abwischen.
Auf Kommando aufstehen.
Schale ins Regal stellen.
Glocke.
Verbeugung.
"Bonjour!"
Wir wünschen uns einen guten Morgen.
Im Vorraum gibt es nun Kaffee und Brioche und wir dürfen uns unterhalten.
Nie haben ein Kaffee und ein Brioche besser geschmeckt als an diesem Morgen!

Pause.
Schnelldusche.

11:00 Uhr: Zweites Zazen. Diesmal tut mir zwar auch alles weh, aber es ist besser.
Ich weiß jetzt, was mich wirklich erwartet.
Etwas tut sich in mir.
Ich bin während der Meditation da und nicht da.
Mein Geist schaltet sich ein und wieder aus, mal bin ich bei meinem Atem, mal bin ich leer, dann wieder tut etwas weh, ich versuche, es zu ignorieren, mich nicht zu bewegen. Die erste halbe Stunde ist schnell vorbei.
Kinhin.
Zazen.
Vielleicht hole ich mir noch einen Zabuton, ich habe nur einen und das ist mir auf Dauer zu hart.

12:30 Uhr: Mittagessen.
Es gibt Linsen und Reis.
Gegessen wird in Stille, unterbrochen von Sutrengesang zu den Stationen: Schale auspacken und Rattennest bauen, Essen einfüllen, Essen beginnen, Essen beenden.
Schalen spülen.
Schalen einpacken.
Aufstehen.
Schale wegräumen.
Glocke.
Dessert und Kaffee.

Pause!

Die ist jetzt bitter nötig. In unserem Haus liegen alle in ihren Betten. Jede stöhnt. Jeder tut etwas anderes weh. Wir schlafen oder ruhen zumindest. Ich hätte nicht erwartet, dass es so hart sein würde. Eigentlich hatte ich gedacht, ich wäre tapfer, aber ich bin scheinbar doch eine Memme!

14:45 Uhr: Samu. Samu ist Arbeit für die Gemeinschaft. Beim Samu wird nicht mehr als nötig gesprochen, nur um sich zu koordinieren, aber man schwätzt nicht. Man kann sich eine Aufgabe aussuchen, ich wähle "Holz stapeln". Zu Beginn des Samu singen wir eine Sutra. Dann gehe ich zusammen mit neun anderen Menschen an die Arbeit. Wir bekommen Handschuhe und feste Schuhe, bilden eine Kette und bald wird aus dem Weiterreichen der teilweise schweren Scheite ein Tanz. Scheit nehmen, nach unten leicht fallen lassen, Schwung zum hochreichen nutzen. Packen, fallen lassen, hochschwingen, packen, fallen lassen, hochschwingen. Die Scheite sind schwerelos. Packen, fallen lassen, hochschwingen. Packen, fallen lassen, hochschwingen... Wir kommen in einen Rhythmus und ich schaue ringsum in fröhliche Gesichter. Es ist rattenkalt draußen, aber niemand beklagt sich. Wir arbeiten konzentriert und bald ist der Holzhaufen weg und das Holz aufgestapelt. Um 16 Uhr ruft uns die Glocke zur Teepause. Auch hier tut es gut, etwas warmes zu trinken, um nach fünfzehn Minuten die restliche Arbeit draußen zu erledigen. Alle packen mit an, alle sind glücklich, niemand fühlt sich überflüssig oder steht dumm herum.

Vor dem dritten Zazen um 17:30 Uhr erhalten die Anfänger noch ein paar Tipps. Eine Zennonne mit einer wunderbaren Ausstrahlung und großartigem Humor erklärt uns die Sutrengesänge, dass die Texte auf Japanisch sind und was sonst noch alles wichtig ist. Ein Zenmönch übersetzt simultan ins Deutsche. Dann werden wir nochmal in unseren Sitz- und Mudrapositionen (Handhaltung und -form) korrigiert und angehalten, alles korrekt einzuhalten. Und es wird angekündigt, dass Meister Wan-Genh unterwegs sei und am nächsten Morgen vermutlich unterweisen würde. Im zweiten Zazen würde es drei Niederwerfungen geben, die jedoch freiwillig sind. "When in a Dojo, do as the Zen people do!" denke ich mir.

17:20 Uhr. Holzschläge.
Gassho nicht vergessen!

Niederlassen im Dojo.
Zurechtruckeln.

17:30: Zazen. Trommeln. Glocken. Trommeln. Glocken. Trommeln. Glocken. Schmerzen. Keine Schmerzen. Transzendenz der Schmerzen. Transzendenz der Transzendenz.
Meine Schmerzen bekommen plötzlich Junge. Die Jungen werden erst dick und fett und sterben dann plötzlich.
Glockenschläge.

Schmerzen.

Woanders Schmerzen.

Die anderen Schmerzen bekommen auch Junge.

Die Jungen werden von einer Epidemie dahingerafft.

Atmen. Ein. Aus. Augen noch mehr schließen. Aufpassen, dass sie nicht zufallen. Kampf gegen den Schlaf. Glockenschläge. Kampf gegen Schmerzen. Sich den Schmerzen ergeben. Atmen. Glockenschläge.

Glocke.
Ruckeln.
Verbeugung.
Aufstehen.

Kinhin.
Spüren, wie das Blut wieder durch die Beine fließt. Atmen. Kleine Schritte. Einatmen, Bein heben. Ausatmen, Bein absetzen. Solarplexus mit gefaltetem linken Daumen leicht drücken, Spannung in die Arme. Einatmen. Schultern entspannen, Bein heben. Ausatmen, Fußballen spüren. Ein leichtes Glücksgefühl macht sich breit.
Glocke.

Zazen.

Seiza mit Schmerzen.
Schmerzen in den Knien.

Links. Rechts. Rechts. Links.

Ich habe keine Beine mehr.

Meine Beine fallen jetzt ab.

Gleich.

Ganz sicher.

Krampfadern!
Ich werde dicke, fette Krampfadern bekommen!

Haben die Mönche und Nonnen auch Krampfadern?

Das KANN DOCH NICHT GESUND SEIN!

Der Geist zappt weg, zappt zurück.

Hinter mir wird geschnauft und gehustet, geschmatzt.
Geschmatzschnaufhustet.
Gehustetschnaufschmatzt.
Geschnaufschmatzhustet.

Wut steigt in mir auf.
Ich schiebe die Wut beiseite, lasse sie passieren.
Atmen.
Ein.
Aus.

*kschiiiiet* links neben mir.
"Ich will keine Erkältung!"
Gedanken passieren lassen.
Einatmen.
Ausatmen.

Die Hände zu einer schönen halben Orange formen, Daumen berühren sich.
Mittelfinger und Ringfinger rechts beginnen zu krampfen.
Mein Geist zappt vom Schmerz in den Beinen zum Schmerz in der Hand, zum Schmerz in Schultern, Steißbein, Rücken. Und dann zappt er wieder weg.

Ich habe keinen Körper mehr.

Trommeln. Glocken.
Verbeugung, aufstehen, niederwerfen.

Ah, endlich nicht mehr sitzen!

Ah, Mist!
Es kommt noch ein Zazen heute.

Zum ersten Mal in meinem Leben bekommt das Wort "Gottergebenheit" einen Sinn.

19:00 Uhr: Abendessen. Es gibt zwei Gänge. Erst Salat, dann etwas Warmes. Ich bin langsam aber sicher echt fertig. Noch nie war mir mein Körper so bewusst wie heute. Und das sage ich als jemand, der Körperwahrnehmung unterrichtet und an sich selbst studiert...
Schalen heben.
Hinsetzen.
Sutra.
Schalen auspacken.
Sutra.
Essen servieren.
Sutra.
Tee. Wasser.
Schale spülen.
Tee trinken.
Wasser in Bottiche.
Dazwischen Sutren.
Schalen einpacken.
Aufstehen.
Schalen wegstellen.

Schweigen bis nach dem Genmai am nächsten Morgen.

Möchte überhaupt noch jemand reden?
Mehr als das Nötigste?

20:30 Uhr. Zazen.
HÖRT DAS NIEMALS AUF!
ICH HASSE ZAZEN!
Einatmen.
Ausatmen.

Mein Geist beginnt, hysterisch zu kichern. Einatmen. Ausatmen.
Hustschmatzschnaufen ignorieren.
*kschniiiieeeet* von links ignorieren.

Ich konzentriere mich auf das verschwommene, weiße Rechteck, das eigentlich das Bändel des Zafus vor mir ist.
Mir ist kalt.
Mir ist KALT.
MIR IST KALT!
Warum habe ich mir keine Decke geholt?
Warum habe ich mir keinen zweiten Zabuton geholt?

Ich werde krank.
Ich werde KRANK.
GANZ SICHER WERDE ICH KRANK!
Einatmen. Ausatmen.

Knie werden völlig überbewertet.
Ach, was! BEINE werden völlig überbewertet!

Mein Geist zappt hin und her, ich beginne die Sekunden zwischen den Glockenschlägen der ersten Runde zu zählen, weil ich die Theorie habe, dass sie alle drei Minuten kommen. Um mich nicht zu verzählen, gebe ich nach der 60 einen leichten Druck mit dem "fertigen" Finger. Ja, stimmt, es sind alle drei Minuten.

UND WAS NÜTZT MIR DIESE INFORMATION JETZT?
Waren es jetzt schon sechs oder erst drei Schläge?

Gottergebenheit.

Ich fixiere das verschwommene weiße Rechteck und atme. Ein. Aus.
Glocke.
Aufstehen.
Niederwerfungen.
Irgendwasirgendwasirgendwas.
Trommelglockesutrazazenkaltmüdeschmerzenkeinebeinekeinrückenkeinkörpernichtexistenzeinschlafenwollenschlurfen.

Autopilot.

22:15 Uhr Nachruhe.

Tiefschlaf meines Lebens!

30.12.2019

6:00 Uhr: Morgenglocke.
Pipi.
Waschlappendurchsgesicht.
Bürste über die Zähne.
Durch die Kälte zum Tempel.
Im Nebenraum ein zweites Zabuton und eine Decke nehmen.

6:20 Uhr: Holzschläge. Zurechtruckeln. In Decke wickeln. Zabuton falten, unter die Knie schieben, Kissen unter die Knie schieben. Kissen umarrangieren. Decke besser wickeln. Zabuton anders falten, Kissenrein. Kissenraus.

Katze kommt vorbei.
Katze streicheln.
Miauton unterdrücken.

Zafu anders zurechtschieben. Seiza. Mudra. Verbeugung.

Schmerzen. Herumrutschen.
Verbeugung.
Mudra. Schmerzen ignorieren.

Atmen.
AT-MEN!
AAAATTTMEEEEENNNNNNN!

6:30 Uhr. Zazen. Von hinten Hustschmatzschnaufen. Atmen. Ein. Aus.

Von hinten seufzen.
Schmatzen.
In einem Paralleluniversum drehe ich mich um und haue dem Typen hinter mir eine rein.

Atmen. Ein. Aus.

*kschnniiiiettt* von links.
Atmen. Nicht an Erkältung denken.
Ichwerdediebazillenwegmeditieren!
ICH BIN DIE KÖNIGIN DES BAZILLENWEGMEDITIERENS!


*karöcht* von rechts.
Schmatzen von hinten.
In einem Paralleluniversum habe ich den Typen hinter mir soeben mit bloßen Händen erwürgt.

Stille. Atmen. Schmerzen. Atmen.

*kabutschuuuu* von etwas weiter weg. Stille. Atmen.

*kschniiiieetttt* von links.
Den erwürge ich auch noch!
Nein, ich werde ihn mit seinem Rotz füttern und ihn daran ersticken lassen, DIESE NICHTSWÜRDIGE MADE!

Das weiße Rechteck fixieren.

Sadistische Mord- und Foltergedanken passieren lassen.
Sich dem eigenen Zazenmasochismus hingeben.

Etwas in mir beginnt sich wie ein Deckel anzufühlen, unter dem irgendetwas liegt, das raus möchte.
Ich betrachte den Deckel.
Der Deckel ist schwarz und oben unregelmäßig geformt.

Vermutlich ist es kein Deckel, sondern ein Zabuton.

Oben rechts vor meinen fast geschlossenen Augen erscheint ein rotes Quadrat.
Ist das die Erleuchtung, die leuchtet?
Werde ich nun wahnsinnig?

Es wird langsam heller.
Draußen.
Hühnergeräusche.

Atmen. Ein. Aus. Weißes Rechteck. Glockenschläge. Husten. Niesen. Röcheln. Atmen.

Glocke.
Verbeugung.
Aufstehen.

Kinhin.

Ich habe wieder Beine.

Es ist schön, Beine zu haben.

Und Füße.

Füße sind toll.

Ich liebe meine Füße.

Und meine Beine.

Trotz der Krampfadern, die sie vom Zazen bekommen werden.

Atmen. Schritt. Atmen. Schritt. Anspannung. Entspannung.
Kinhin ist das beste an der Meditation.
Ich liebe Kinhin.
Atmen. Schritt. Atmen. Schritt.

*kschniiiieeettttt*
WARUM GIBT NIEMAND DIESEN GOTTVERDAMMTEN ROTZNASEN EINEN MUNDSCHUTZ?

Atmen. Schritt. Atmen. Schritt. Spannung. Entspannung.
Glocke.

Setzen. Decke. Zweites Zabuton falten.

Wieder entfalten.
Anders falten.
Kissenrein.

Kissenraus. Zabuton entfalten.

Kissenreinkissenraus.

Verzweiflung.

Schmerzen.

Zafu hin. Zafu her. Seiza. Atmen.

SEIZA.
AUA.

Kissenschieben. Ruckeln. Decke neu wickeln.
Ahhhh. Mudra. Verbeugung.

GOTTERGEBENHEIT.
GOTT-ER-GE-BEN-HEIT!

Trommel. Glocke. Trommel. Glocke. Trommel. Glocke.

Hustschmatzröchelniesen ignorieren.

In die schmerzhafte Stille tönt die Stimme des Zenmeisters.
Sie füllt den Raum.
Sie trägt mich über die Schmerzen.
Über die Gedanken.
Über Hustschmatzniesröcheln.

"Zazen praktizieren heißt, sich selbst zu praktizieren."

Mein Geist saugt die Worte auf.
Mein Körper schmiegt sich freudig an die starke Stimme, an die raumfüllende Präsenz.
Ich werde zu der Stimme des Meisters, zu einem Partikel im Universum.
Alles verschwindet und ist nur noch diese Stimme. Ich löse mich auf.

"Bewegt euch nicht!"
Ja, Meister!
*aaaahschmerzendieseschmerzendieseschmerzendieseschmerzendieseschmeeee...*
"Zazen praktizieren, heißt sich selbst praktizieren!"
Ja, Meister!
Gehören die Schmerzen auch dazu, sich selbst zu praktizieren?
"Selbst und Nicht-Selbst sind eins."
Ja, Meister!
Wenn ich Schmerzen habe, habe ich die dann, oder mein Nicht-Selbst?
*Großes Selbst-Nichtselbst-Magenknurren reihum*
Ende des Zazen.

8:30: Frühstück.
Ich wünsche mir ein hohes, festes Zafu.

Ich bekomme ein hohes, festes Zafu.

Buddha, ich liebe Dich!

Nie habe ich mich mehr auf Genmai gefreut als heute!
Ich würde am liebsten die ganze Schüssel leerfuttern!
Mich im Genmai wälzen und nie wieder aufstehen.

Aber.
Stehen.
Schale heben.
Setzen.
Sutra.
Schale auspacken.
Sutra.
Genmai servieren.
Sutra.
Essen.
Essen.
Essenessenessenessen.
Tee.
Trinkentrinkentrinkentrinken.
Schale spülen.
Wasser.
Schale und Löffel spülen.
Wasserbottich.
Schale einpacken.
Tisch abwischen.
Ankündigung des Tagesprogramms.
Aufstehen.
Schale wegstellen.
Glocke.
Verbeugung.
"Bonjour!"
KaffeeundBriocheeinatmen.

Kurze Pause bis zum Samu um 9:30 Uhr.

9:20 Uhr stehe ich wieder im Vorraum.
9:30 Uhr: Für das Samu lasse ich mich zum putzen einteilen. Ich putze gerne, es entspannt mich. Wir sollen die Toiletten reinigen. Da ich nicht in die Gummihandschuhe reinpasse, übernimmt meine Putzpartnerin das Reinigen der Toiletten, während ich mich um Waschbecken, Spiegel und den Boden kümmere. Wir sind recht schnell fertig und ich habe ausreichend Zeit, mich im Haus schnell zu duschen, bevor das nächste Zazen naht.

11:30 Uhr: Zazen.
Der Zenmeister ist da.
Es ist tröstlich.

Schmerzen.

Knie.

Schmerzen.
Knieschmerzen.
KnieSCHMERZEN.
KNIESCHMERZEN.
KNIEschmerzen.
Knieschmerzen.
Knie.
Schmerzen.

Ich kann hören, wie die Krampfadern in meinen Unterschenkeln wachsen.
Ameisenherden wandern über meine Beine.
Kleine, ekelhafte Ameisen.
A.M.E.I.S.E.N.
Ich hasse Ameisen!

Ich ...

Ameisen sind auch Geschöpfe Buddhas.

Ich lasse die Ameisen passieren, denn die Ameise, das bin ich.

Das weiße Rechteck.
Räucherstäbchen.
Atmen. Ein. Aus.

Glocke.
Verbeugung.

Während des Kinhin kommt Meister Wan-Genh in unser Nebenzimmer und korrigiert unsere Armhaltungen. Ein fester Griff nimmt meinen rechten Ellbogen und zieht leicht daran. Ich korrigiere meine Armhaltung. Aber das war's nicht, denn der Griff geht nun an meine rechte Schulter und schiebt mich fest, aber wohlwollend aus der Kreisform zu einer eckigen Form.

Kinhin ist kein Entenspaziergang im Kreis, sondern man läuft ein schönes Rechteck.
Ich nicke leicht und bin irgendwie den Tränen nahe.
Der schwarze Deckel ist wieder da.
Es ist kein Zabuton, es ist eine schwarze, teerige Masse.
Aber die Tränen wollen nicht unter dem Teerdeckel raus.
Atmen. Schritt. Atmen. Schritt. Anspannung. Entspannung. Glocke.

Teisho. Das ist eine Unterweisung in Zenpraxis durch den Zenmeister.

Wir knien oder sitzen nun mit unserem Blick zum Zenmeister.
Ich habe den Blick gesenkt und achte nur auf seine Worte.
In meiner Herzgegend wird es warm und ich lächle.
Seine Worte sind wundervoll, einfach, einfühlsam, zugewandt und wohlwollend.
Wir lachen, nicken, versuchen zu verstehen.

"Und deshalb jetzt: Zazen!" lautet sein letzter Satz.

Och nö!

nönönönönönönönönönönöööööööööööö!

Ist nicht schon Mittagessen...?

GOTTERGEBENHEIT.

Glocke.
Verbeugung.
Beine reiben.
Kreislauf finden.
Aufstehen.
Platz ordentlich machen.
Zum Mittagessen gehen.

12:30 Uhr: Mittagessen.
Stehen.
Schalen heben.
Warten.
Hinsetzen.
Sutra.
Schalen auspacken.
Essen wird auf den Tisch gestellt.

Ich habe versäumt, mir ein festes Zafu zu wünschen und sitze jetzt auf einem matschigen Ding praktisch mit dem Hintern am Boden.
Mist.
Knieschmerzen.
Krämpfe.
Schmerzknie.

Sutra.
Essen servieren.
Sutra.
Essen essen.
Essen genießen.
Schmerzen ignorieren.
Sutra.

Tee.
Wasser.
Tee trinken.
Schale spülen.
Wasser in Bottiche.
Dazwischen: Sutren.

Holzstäbe.
Ankündigung des Programms für den restlichen Tag.

Heute wird es mehrere spezielle Dinge geben, zum einen Doku-san, d. h. ein Vieraugengespräche mit dem Zenmeister, sofern man Fragen stellen möchte. Zum anderen eine Kito-Zeremonie für alle Menschen, die gerade körperliche oder seelische Leiden haben. Hierzu kann man nach dem Essen einen Namen abgeben und dann eine Spende für den Tempel machen. Und beim Nachmittagszazen wird es ein Mon-Do geben, d. h. wir können öffentlich Fragen an den Meister stellen.

Pause bis 14:45 Uhr.

14:45: Samu. Ich entscheide mich nochmal für putzen und werde in den Keller geschickt. Dort beginne ich mit einem Regal, in dem die Putzmittel lagern. Alles rausnehmen, Boden wischen. Alles schön und ordentlich arrangieren. Das liebe ich! Ich mag ja Marie Kondo und ich mag es, wenn man in einen Schrank oder ein Regal schaut und dort alles hübsch aussieht. So stelle ich alle Waschpulverpackungen nach Sorte hintereinander, dann die Putzmittel, dann die Spülmittel, dann packe ich den restlichen Kruscht ansehnlich in einen Karton. Meine "Vorgesetzte" kommt vorbei und lobt mich "perfekt!"

Danach mache ich mich an das nächste Regal. Hier sind alle möglichen Gläser verpackt. Ich stelle die Kartons ordentlich hin. Auf dem nächsten Regalboden ist Kaffeekruscht, Deckel, Kram und Schlonz. Erstmal alles runter, abwischen. Dann sortiere ich die Dinge nach Kategorien, lege so etwas wie Deckel in eine transparente Box. Ich entdecke irgendwelche Platzsets in Blumenform und lege die unter den Bereich, in den ich einen Wasserkocher, Teekocher, Filter und anderen Kruscht stelle. Danach kommt der Tisch unten drunter mit den Kaffeemaschinen und den Kannen dran. Alles wische ich ab und arrangiere es hübsch.

Als nächstes widme ich mich dem Schrank, in dem Vasen, Schalen und Dekokram stehen. Erstmal wische ich auf dem Schrank, stelle die Vasen nach Art und Größe sortiert auf (Glas zusammen, Keramik zusammen). Als nächstes öffne ich den Schrank, wische aus, sortiere weiter, Glasvasen zusammen, Keramikvasen zusammen, Schalen zusammen, Dekokram zusammen.

Teepause.

Ich kümmere mich um den restlichen Schrank, wische und räume.

Als nächstes kommt die Ecke mit den Regalen für Putzlappen, Staubsaugerzubehör, Bürsten, Schwämmen etc. dran. Ja, das kann man auch hübscher machen!
Ich wische die Böden aus, falte Putzlappen und lege sie sortiert nach Art (Baumwolle, Mikrofaser) in das Körbchen zurück. Dann noch die Mops (Möpe?). Dann ist auch schon Ende des Samus.

Schnell zurück ins Haus, umziehen, denn um 17:30 Uhr ist wieder Zazen.

Auf dem Weg vom Haus zurück zum Tempel bemerke ich eine nie gekannte Leichtigkeit meines Körpers. Und ein zufriedenes Lächeln in meinem Gesicht.

Freude?

17:20 Uhr. Holzschläge. Langsam, dann immer schneller. Diese Schläge zeigen an, dass es jetzt noch 10 Minuten bis zum Beginn des Zazen sind. Und das Tempo der Schläge soll symbolisieren, dass unsere Lebenszeit immer schneller läuft, wenn wir älter werden.

Außer beim Zazen.

Zum Zafu gehen.
Decke entfalten.
Halbwegs einrichten.
Decke kunstvoll um den Körper schlingen.
Die zwei Kapuzen meiner Pullis möglichst hoch in den Nacken ziehen.
Nachher werden die Tempeltüren wieder geöffnet sein und draußen ist es wirklich kalt.

Versuch eines Seiza.
Zabuton falten.
Zabuton entfalten.
Entfaltet lassen.
Kissenrein, Kissenraus.
Kissen raus lassen.

Zafu so zusammendrücken, dass ich möglichst fest und hoch sitze.
Herumruckeln.
Sitzen.
Seiza.
Mudra.

ne.
ne. ne.
Ne.
Ne. Ne.
Ne. Ne. Ne!
NENENENENE!
NE!

Ruckeln.
Wurschteln.
Mudra.
Verbeugung.

Gottergebenheit.

Atmen.
AAAATTTMEEEEENNNNN.

*kschniiiiiet*
*karöcht*
*husthust*
*schmatz*

Trommeln. Glocken. Trommeln. Glocken. Trommeln, Glocken.

Versenkung.
Weißes Rechteck.
Atmen.
Ein.
Aus.

Der schwarze Deckel ist wieder da. Zwischendrin überkommt mich immer wieder das Gefühl, jetzt gleich loszuheulen, zu schluchzen und mich am Boden wälzen zu müssen.
Dann ist es wieder weg.
Ich würde gerne weinen, aber die Tränen bleiben unter dem schwarzen Deckel.

Atmen.
Versenkung.

Graue Strickjacke der Vorderfrau betrachten.
Augen wieder zu 80 % schließen.
Blick senken.
Weißes Rechteck.

Geist beim wandern erwischen.
Einfangen und zurückpacken.
Atmen.
Ein.
Aus.

Schmerzen ignorieren.

Bemerken, dass sich die Schmerzen verändert haben.
Bemerken, dass die rechte Hand nicht mehr krampft.
Sich irgendwie freuen und es zugleich ätzend finden.

Ich hätte gerne keine Schmerzen.
Klappt nicht.

Glocke.
Verbeugung.

Kinhin.
Glocke.
Verbeugung.

Nun gibt es Mon-Do. Die erste Frage, die gestellt wird ist, wie man damit umgeht, wenn negative Gefühle hochkommen. Nun, auch die sollen wir passieren lassen. Allerdings müssen wir uns von den Dualität gut-schlecht/gut-böse verabschieden. Etwas Gutes, wie Zazenpraxis, Essen oder Sex kann ebenfalls zu etwas schlechtem werden, wenn wir es übertreiben, und/oder uns oder jemand anderem damit schaden. Ansonsten: Nicht analysieren und wenn das Gefühl zu übermächtig wird. ihm sagen, dass man sich damit später beschäftigt. Und atmen.

Es werden noch andere Fragen gestellt wie z. B. wie ein Zenmeister mit dem Streik in Frankreich umgeht.

Wir sollen uns immer wieder daran erinnern, dass nichts von Dauer ist. Wir sind nicht von Dauer, ein Berg ist nicht von Dauer, das Universum ist nicht von Dauer. Die einzige Gewissheit, ist die Ungewissheit. Und natürlich, dass der Streik auch mal zuende gehen wird.

Es herrscht eine gelöste Atmosphäre und ein paar Mal muss ich bei den Antworten auch lächeln, da ich das eine oder andere während der Praxis genauso empfunden habe.

Am Ende des Mon-Do dürfen wir zum Abendessen gehen, ohne nochmal Zazen machen zu müssen.
Was für ein Geschenk!

19:00 Uhr: Abendessen in Stille.
Stehen.
Schalen heben.
Setzen.
Sutra.
Schalen auspacken.
Sutra.
Essen servieren.
Sutra.
Essen essen.

Das Essen im Tempel ist einfach, aber wirklich gut. Es gibt jeden Tag etwas anderes, mal Salat mit Nüssen und Karotten, dann Selleriesalat mit Ingwer und Sesam, dann dicke Eintöpfe, Tofugerichte, Aufläufe. Es sind aber nie mehr als 3-4 Zutaten drin. Nachwürzen kann man - sofern man möchte - mit Sojasauce, Salz und Olivenöl. Meist schmeckt es aber auch so sehr gut. Nur ins morgendliche Genmai schmeiße ich immer ordentlich Gomasio.

Tee.
Wasser.
Schalen spülen.
Schalen einpacken.
Aufstehen.

Kurze Atempause.

20:30 Zazen. Heute Abend wird es nach dem Zazen eine Kito-Zeremonie geben, an deren Ende die Namen derjenigen gelesen werden, die nach dem Mittagessen einer Praktizierenden gegeben wurden.

Seiza.
Schmerzen.
Erster tröstlicher Gedanke: Nach der ersten Runde wird es eine Zeremonie geben!
Zweiter tröstlicher Gedanke: Der Zenmeister ist da. Sich an seine Worte erinnern. Vor allem "Il reste que l'impermanence!" Auch Schmerzen sind nicht von Dauer. Auch Zazen ist nicht von Dauer.

Dann ist das Zazen plötzlich vorbei.
Drei Niederwerfungen.
Es wird ein Sutra gesungen, diesmal gibt es aber nicht nur an bestimmten Stellen Trommelschläge, sondern jedes Wort wird von einem Trommelschlag begleitet.
Nach dem ersten Durchgang des Sutra verdoppelt sich das Tempo des Gesangs und der Schläge, ein treibender Rhythmus.
Der Zenmeister beginnt mit lauter Stimme etwas zu rezitieren, wieder und wieder.
Im Raum entsteht eine unglaubliche Energie aus dem Gesang, den Trommeln, der Rezitation der immer gleichen Worte, Glockenschlägen, Räucherstäbchen. Ich lausche mit einer Mischung aus einer gewissen Faszination, Verzückung und dem Gefühl, gleich in Trance zu fallen.

Dann hört die Rezitation auf und der Meister beginnt, die genannten Namen vorzulesen, während weiter die Trommel schlägt und das Sutra wiederholt wird.

Ende der Zeremonie.
Ich schaue in lauter leuchtende Gesichter.

Gegen 21:30 Uhr treffen wir uns im Vorraum des Speisesaals zu einem kleinen Umtrunk. Einer der Mönche hat Geburtstag und wir singen "happy birthday" auf Französisch. Danach geht es auf direktem Weg ins Bett.

Was für ein Tag!

31.12.2019 Silvester

6:00 Uhr: Morgenglocke. Zerknitterausdembettwühlen. Schlafanzugaus, Meditationsklamottenan. Insbadschlurfen. Gesichtwaschen. Zähnebürsten. Pipi. Jackean. Mützean. Zumtempellaufen. Schuheaus. Mützerunter. Jackeaus. Dojobetreten. Verbeugen. Zumplatzlaufen.

6:20 Uhr: Holz wird geschlagen.
Decke entfalten.
Zabuton zurechtschieben.
Hoffen, dass ein Wunder geschen ist und die Knie nicht mehr weh tun.
Feststellen, dass kein Wunder geschehen ist.

GOTTERGEBENHEIT.

Seiza.
Decke.
Heute keine Katze.
Mudra.
Verbeugung.
Augen fast schließen.

Unterdrückt gähnen.
Weißes Rechteck.
Atmen.

Trommeln. Glocken. Trommeln. Glocken. Trommeln. Glocken.

Der Schmatzer hinter mir ist heute besonders aktiv.
Ich versuche, es als eine Übung zu nehmen.
Wut und Hass steigen in mir auf.
Und zerplatzen wieder.

Der Nieser niest, der Schmatzer schmatzt.
Ich atme. Ein. Aus.


Mir fällt auf, dass speziell beim ersten Zazen am Morgen besonders viel gehustet, geschnieft, geniest und geröchelt wird. Danach wird es ruhiger. Bis auf den Schmatzer. Der hat immer was zu schmatzen. *hust* *hööömniamniamniam* *schmatzschmatz* *hömmmniam* *gulp* *hömmmniam* *schmatzschmatzschmatz* *gulknurpsschmatzhööömniamschmatz*
Eine wahrhaftige Schmatzophonie.

In einem Paralleuniversum habe ich ihm bereits die genagelte Keule über den Kopf gezogen, ihn gehäutet und werde seine Gebeine zum Schlagen der Trommeln und der Tempelglocke verwenden.

Atmen.
Das weiße Rechteck.
Die Hühner.
Das Licht.
Räucherstäbchen.

Schmerzen. Irrelevant.
Andere Schmerzen. Auch irrelevant.

Den schwarzen Deckel betrachten. Wieder nicht weinen können. Sich ärgern.

Glocke.
Verbeugung.
Kinhin.

Zazen.
Magen.
Knurren.
Magenknurren.
MAGENknurren.
MAGENKNURREN.

Seit gestern habe ich das Gefühl, dass mein Körper alles mögliche loslässt und sich reinigt. Ich habe auf einmal Pickel bekommen und inzwischen dauernd Hunger. Ich freue mich wirklich auf das warme Genmai nach dem Zazen!

Glocke.
Holzschläge.
Tempelglocke.
Trommel. Glocke. Trommel. Glocke. Trommel. Glocke.

Wir gehen schweigend zum Frühstück.

8:30 Uhr: Frühstück.
Hoch die Schalen.
Hinknien.
Schmerzen.
Hunger.
Hungerschmerzen.
Schmerzhunger.
Sutra.
Genmai.
GENMAIGENMAIGENMAIIIIIIIIIII!

Ich lasse mir meine Schale zu 2/3 füllen und nehme nochmals nach.
Mein Gegenüber starrt mich fasziniert an, er kriegt das Genmai nicht wirklich runter und isst sehr wenig.

Tee.
Wasser.
Holzbottich.
Sutra.
Einpacken.
Aufstehen.
Glocke.
Verbeugung.
"Bonjour!"
Kaffee und Brioche.
Kurze Verschnaufpause. Umziehen.

9:30 Uhr: Allgemeines Samu. Ich fege die Flure nochmal durch und den Vorraum des Speisesaals.

10:30 Uhr: Umziehen.
10:50 Uhr: Den Dojo betreten.
Wissen, dass das Seiza weh tun wird.
Wissen, dass neue Stellen weh tun.
Wissen, dass die Knie ein paar blaue Stellen haben.

Gottergebenheit.

Gassho.
Gassho.'

Decke entfalten.
Zafu zurechtdrücken.
In Decke wickeln.
Mudra.
Verbeugung.
Augen senken.
Weißes Rechteck.
Atmen.
Ein.
Aus.

Trommel. Glocken. Trommel. Glocken. Trommel. Glocken.

Ans Mittagessen denken.
An die Beine denken.
Mit den Schmerzen spielen, indem man an sie denkt.
Feststellen, dass sie stärker werden.
Schnell sein lassen.

Atmen.
An die Katze denken.
Atmen.
Ein.
Aus.

Den schwarzen Deckel betrachten und wieder nicht weinen können. Ich will endlich diese verdammte Klippe runterspringen! Die Tränen würgen mich, aber sie kommen nicht.

Atmen.
Ein.
Aus.
ein.
aus.
Seufzen.
EIN.
AUS.
Gähnen.
Gänänänänänähhhhhhnen.

Sich zusammenreißen.
Atmen.
Weißes Rechteck.

Atmen.
Atmen.
Atmen.
Atmen.
Atmen.
Atmen.
Atmen.
Glocke.
Verbeugung.

Niederwerfungen.
Sutra.

Nun folgt die Zeremonie für die Toten, derer gedacht werden soll. Ich hatte auch hier einen Namen genannt, meine Tante. Ich kann nicht weinen. Die Tränen steigen hoch, gehen wieder. Die Zeremonie berührt mich sehr, aber tief in meinem Innersten ist immer noch der schwarze Deckel.

Wir verlassen den Dojo und gehen zum Mittagessen.

12:30 Uhr: Mittagessen.
Schale halten.
Setzen.
Sutra.
Essen servieren und wir dürfen uns nun beim Essen unterhalten.

Das fühlt sich total seltsam an. Ich habe nichts zu sagen und esse einfach schweigend weiter.

Tee.
Wasser.
Schalen einpacken.
Tisch reinigen.
Aufstehen.
Glocke.
Verbeugung.

Wir haben nun bis 17 Uhr Pause. Danach wird es ein allgemeines Samu geben, um den Speisesaal vorzubereiten, in der Küche zu helfen, zu dekorieren, Musik zu wählen und und. Ich bin mit meinem Samu schnell fertig und gehe ins Haus, ziehe meine normalen Stiefel an und mache einen Spaziergang.

Mir fällt auf, dass die Farben auf einmal leuchtender sind. Alles ist intensiver.

Ich laufe einen Weg entlang bis zu den Pferden. Die sind in ihrem dicken Winterfell und schauen mich sehr erwartungsvoll an. Das eine schwarze ist nicht davon überzeugt, dass ich nichts dabei habe und schlabbert mir mit Begeisterung meine rechte Hand ab. Die anderen sind zurückhaltender. Ich laufe weiter durch den Wald, das Licht fällt auf halbgefrorenes Moos, Farne und silbrig zwischen den Baumstämmen hindurch. Ich bleibe immer wieder stehen und bewundere alles. Ich fühle mich leicht und froh, aber auch etwas verloren. Die ganze Tagesstruktur und der strenge Ablauf hatten mir Stabilität gegeben. Die Gemeinschaft hatte mich getragen durch ihre Anwesenheit im Zazen, sie hat für mich gekocht, mir serviert, für mich geputzt, aufgeräumt und ich konnte einfach nur sein. Ich musste keine Entscheidungen treffen. Das alles fühlte sich sehr gut an, frei, selbst wenn das nach unserem Freiheitsbegriff absurd klingt. Nun bin ich wieder allein auf mich gestellt. Ich schicke ein paar Nachrichten und mache ein paar Fotos. Ganz oben auf dem Hügel hat man einen tollen Blick über die Rheinebene bis zum Schwarzwald.

Ich laufe den Hügel herunter und Richtung Dorf, dann weiter zum Tempel und dann zu unserem Haus. Ich lege mich ins Bett und verbringe einige Zeit mit dösen, nachdenken, driften. Versuche zu lesen, aber kann mich nicht konzentrieren, da die anderen über ihre Abendgarderobe diskutieren. Da habe ich wohl was verpasst. Außer meinen Jeans und Pulli habe ich nichts dabei. Ich habe auch gar keine so große Lust auf Feiern. Das ist so weit weg nach den Tagen in Schweigen und aus der Welt sein. Es kommt mir alles so banal vor.

Um 17 Uhr gehe ich zu der Veranstaltung für die Neuen. Wir bekommen Tipps, wie wir weiter praktizieren können. Und ich werde das ganz bestimmt tun!
  1. Sich jeden Tag des ersten Gedankens am Morgen bewußt sein, egal, ob direkt nach dem Aufstehen, oder später irgendwann. Egal, ob trivial oder nicht. 
  2. Rituale in den Alltag integrieren, wie z. B. ein paar Minuten in Stille essen.
  3. Unterwegs im Bus oder Bahn nichts tun, nicht lesen, nicht Smartphone, nicht reden, einfach nur sitzen.
  4. Ein Dojo finden, alternativ kann man zuhause praktizieren und dem Livestream aus dem Kloster zuhören.

Ab 19 Uhr findet im Vorraum des Speisesaals der Apéro statt. Ich gehe mit den anderen aus meinem Haus rüber und der Lärm im Raum überfordert mich total. Ich hole mir einen Saft, denn Alkohol mag ich nicht trinken und knabbere ein bisschen Knabberkram. Unterhalte mich ein paar Sätze hier und da und stehe ansonsten deplatziert herum. Ich habe keine Lust, mich irgendwo dazuzustellen. Das ist mir alles zu anstrengend. Ich würde jetzt lieber Zazen machen. Hoppla.

Gegen 20 Uhr gehen wir in den festlich dekorierten Speisesaal. Es fühlt sich total seltsam an, von einem Teller zu essen, ein Messer zu benutzen. Die anderen trinken alle Wein oder Sekt, ich trinke Wasser. Mein Hals brennt etwas und ich fürchte, dass mich die Röchelanten um mich herum angesteckt haben. Meine eine Hausgenossin fragt mich, ob ich mich nicht lieber zu den Deutschen gesellt hätte wegen der Sprache. Nö. Zu wem denn? Und mir ist eh nicht so wirklich nach reden. Irgendwas wühlt in mir herum.

Nach dem Essen gibt es ein recht lustiges Programm. Lieder werden vorgetragen, eine Geschichte, ein Sketch, Gedichte. Meine Stimmung ist nach dem Essen und dem Programm jetzt auch besser geworden. Ich habe mich wieder an den Lärm gewöhnt.

Um 23 Uhr gehen wir nach draußen. Die Tempelglocke wird nun bis Mitternacht 108 Mal geschlagen. Jeder von uns darf sie einmal oder sogar mehrmals schlagen und sich dabei etwas wünschen. Ich bin relativ weit vorn dabei und wünsche mir einfach nur ein gutes Jahr für mich.
Mein Blick geht nach oben zum Himmel. Man sieht in Deutlichkeit alle möglichen Sternbilder, Orion, Großer Wagen und unzählige, deren Namen ich nicht kenne. Es ist kalt, aber wir können uns zeitweise an der Feuertonne wärmen, wenn nicht gerade irgendwer davor steht.

Kurz vor Mitternacht gibt es vor dem Tempel eine Zeremonie und Hannya Haramita wird gesungen. Leider ist es zu dunkel, um den Text mitsingen zu können, also höre ich einfach nur zu. Dann gehen wir herum und wünschen einander ein gutes neues Jahr.

Der Zenmeister achtet darauf, dass er wirklich jedem ein gutes neues Jahr wünscht. Küsschen links, Küsschen rechts "bonne année!" Ich umarme diverse Menschen, Mönche, Nonnen. Dann gehen wir wieder ins Haus zurück. Es wird Musik aufgelegt und wir tanzen. Es ist zwar nicht unbedingt "meine" Musik, aber tanzen geht. Irgendwann höre ich auf, weil die Stücke mir immer weniger zusagen. Ich wechsle ein paar Worte mit anderen Tänzerinnen. Gegen 1/2 2 beschließe ich, ins Bett zu gehen.

Ich laufe zum Haus, atme die klare, kalte Winterluft, spüre die Leichtigkeit meines Körpers und die Freude über diese anstrengenden, aber so bereichernden Tage. Im Haus dusche ich den Dreck des alten Jahres herunter und meine kalten Füße warm. Ich krieche in mein Bett und schlafe. Irgendwann kommen die anderen, ich wache kurz auf. Mitten in der Nacht reißt irgendwer an meinem Bettzeug herum. Ich habe wohl geschnarcht. Ich schlafe wieder ein.

01.01.2020 Neujahr

8:00 Uhr: Morgenglocke. Die letzten Stunden im Kloster beginnen. Inzwischen haben wir Routine, sind fix angezogen und laufen durch die Stille und Kälte zum Tempel. Die letzten Tage hatten den Garten und die gesamte Anlage oft in einen japanischen Holzschnitt verwandelt. Reifüberzogene Nadelbäume, Gras, Blätter, Eisschichten auf dem Wasser der Teiche, Eiszapfen an den Wasserleitungen aus Bambus.

8:30 Uhr: Zazen.
Ich habe meinen Frieden mit Zazen gemacht und meine Knie fanden die Pause tröstlich. Heute schmerzen sie fast gar nicht.

Trommel. Glocke. Trommel. Glocke. Trommel. Glocke.

Ich merke, dass mein vreschwommener Blick nicht von den fast geschlossenen Augen kommt, sondern dass Tränen kommen. Ich sitze und lasse sie über mein Gesicht laufen und herabtropfen. Ich weine in Stille, obwohl ich mich nicht traurig fühle. Der schwarze Deckel ist weg.

Dies ist mein vorletztes Zazen im Tempel. Das letzte Kinhin.
Glocke.
Verbeugung.
Kinhin.
Glocke.
Verbeugung.
Zazen.
Trommel. Glocke. Trommel. Glocke. Trommel. Glocke.
Holzschläge.
Tempelglocke.
Holzschläge.
Klangschale.

Wir gehen zum Frühstück.

9:00 Uhr: Frühstück.
10:00 Uhr: Allgemeines Samu, Reste vom Abend beseitigen.
Ich kümmere mich um unser Haus und putze dort, so gut es geht, packe meine Sachen, sofern sie noch nicht gepackt sind.

11:00 Uhr: Zazen.
Schade, das letzte Mal!
ups.

Atmen.
Atmen.
Atmen.
Atmen.
Atmen.
Glocke.
Niederwerfungen.

Nun folgt eine weitere Zeremonie. Wir singen ein Sutra, das wieder von den treibenden Trommeln begleitet wird und dann bekommt jeder von uns einen Schutzspruch vom Zenmeister und einen leichten Schlag auf die linke Schulter.

Als erstes sind die Mönche, Nonnen und alle Mitglieder der Sangha dran, dann wir. Wir stehen in einer Reihe an, betreten den Teppich, verbeugen uns, erhalten den Schutz und den Schlag auf die Schulter. Verbeugen uns wieder, gehen nach vorn zum Altar, verbeugen uns, legen Weihrauch auf die Kohle, verbeugen uns wieder. Gehen zu unserem Platz. Seiza. Atmen.

Dann ist das Zazen beendet. Ich kann  noch gar nicht glaube, dass das jetzt das letzte Mal war. Mir wird es fehlen. ups.

Wir gehen zum Mittagessen.
Zum letzten Mal Schalen heben, Sutren singen, Schalen spülen, Schalen einpacken, Tisch reinigen, Verbeugen.

Im Vorraum gibt es Kaffee und Brioche, Käse, Joghurt. Ich verabschiede mich schon einmal von den Französinnen und frage im Sekretariat wegen einer Mitfahrgelegenheit. Marie-Claire hatte ich am Abend vorher beim Tanzen schon kennengelernt. Da es zeitlich eng wird, muss ich meinen Bus umbuchen. Ich verlasse das Tempelgelände, mache das Handy an und buche den Bus um. Es dauert etwas mit der Verbindung und ich merke, dass ich mich zwar irgendwie aufrege, das Aufregen ist aber nur eine äußere Form. Innen bin ich ganz ruhig geworden. Das Aufregen brauche ich nicht mehr.

Mein Bus wird um 18:45 in Straßburg abfahren. Ich gebe Marie-Claire Bescheid und sie meint, dass ich mit zu ihr soll. Am Place d'Ètoile ist nichts und es hat eh alles geschlossen. Sie würde nicht weit weg wohnen. Ok, machen wir. Unterwegs unterhalten wir uns richtig gut, ich bin doch erstaunt, wie leicht mir das Französisch auf einmal fällt. Wir diskutieren über Genderirrsinn, entgleisten Feminismus und sie erzählt mir aus ihrer Zeit, als sie für Ärzte ohne Grenzen im Jemen war.

In Strassburg angekommen setzen wir uns in ihre Wohnzimmer und trinken Tee. Es fühlt sich total komisch an, auf einem Stuhl zu sitzen, nicht mehr zu knien. Ihre Tochter fragt, wie es war. Wir lachen und sagen, wir sind müde von 4 Tagen Nichtstun! Bis um 18 Uhr verbringen wir eine lustige Zeit, tauschen unsere Handynummern aus, dann bringt sie mich zum Busbahnhof. Der Bus fährt quasi sofort, nachdem ich eingestiegen bin, los. Mir ist kalt und ich wickele mich in alle Jacken.

Kehl.
Grenzkontrolle.
Warten.
Ich döse weg.

Ist das schon Freiburg? Oh ja, wir sind schon da. Ich sehe den 11er-Bus an der Haltestelle. Steige aus und in meinen Bus ein, der nach ein paar Minuten losfährt. Von der Haltestelle laufe ich nach Hause, werfe alles ab, drehe die Heizungen hoch, koche mir ein schnelles Porridge und einen Tee. Danach ist mir wieder warm.

Das waren vier intensive, fordernde, konfrontierende Tage.

Ich falle ins Bett und schlafe 12 Stunden lang wie ein Stein.

Am nächsten Morgen bestelle ich mir ein Zafu und einen Zabuton. Ich schalte mein Smartphone erst nach dem Frühstück ein. Ich zünde eine spezielle Kerze an, während ich frühstücke. Ich lese ein Kapitel über Zenpraxis.

So wird es weitergehen bis zum nächsten Retreat und von da aus immer weiter.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen