Sonntag, 30. April 2017

Monatsimpressionen April

Für den 2. April hatte ich morgens ein Fotoshooting für eine Freundin ausgemacht. Tags zuvor war ich bei herrlichstem Sonnenschein und warmen Temperaturen mit Conchita unterwegs, völlig entfesselt, weil ich am Freitag die erste Osteopathiebehandlung meines Lebens hatte und die irgendwie sämtliche Blockaden gelöst hat. Nun saß ich also in Freiamt im Café und schrieb ein whatsapp an Roland, der mit seinem Sohn unterwegs war. Die whatsapp hatte nur einen Haken, aber da es im Schwarzwald Funklöcher gibt, habe ich mir da nichts dabei gedacht.

Abends war an der whatsapp immer noch nur ein Haken, keine Meldung, kein Anruf von Roland. Ok, vielleicht hat er unterwegs Freunde getroffen, das Handy ist aus, liegt daheim oder oder, es gibt ja keine Pflicht zur Meldung.

Als am Sonntagmorgen nach wie vor nur ein Haken an der whatsapp war, wurde ich unruhig.
möge Conchita nie so enden...

Um 10 vor 9 klingelte mein Telefon.
Eine unbekannte Nummer.
Rolands Schwester war am Apparat.

Danach habe ich erstmal nur ungefähr 10% des Gesprächs wirklich aufgenommen, "Speiche gebrochen", "Unfall", "Intensivstation", "Krankenhaus Villingen" war das, was mein Gehirn durchgelassen hat.

Mechanisch schrieb ich die Telefonnummer auf und wählte.

Roland war selbst am Telefon und erzählte mir, was geschehen war und dass er bald auf die normale Station verlegt würde.

Es ist, wie wenn man die Welt plötzlich durch Gelee wahrnimmt, sich alles nach innen zurückzieht, sich Blei auf die Glieder legt und man sich nur noch in einer Ecke verkriechen möchte.
Alles ist wie unter Wasser.
Ein böser Traum.

Ich habe gewiss schon bessere Fotos gemacht als an diesem Morgen. Nach dem Shooting bin ich nach Hause gefahren, das Café im Vauban war voll, so dass ich zuhause erstmal etwas gegessen und Kaffee getrunken habe, um mich irgendwie zu sammeln. Die Angebote von zwei Freundinnen, mich nach VS zu fahren, habe ich ausgeschlagen.

Ich wollte und musste da allein durch.

Ich bin über Bräunlingen gefahren und habe dort Käsekuchen gekauft.
Eigentlich total absurd, aber ich wollte nicht mit leeren Händen kommen.

Vom Abschlepper zum Abdecker
In Villingen parkte ich mein Motorrad, ging zur Information und fragte nach Rolands Station und Zimmernummer.

Roland lag im  Halbschlaf, als ich in sein Zimmer kam.

Wir haben in den letzten neun Monaten, seit wir uns das erst Mal über den Weg gefahren sind, schon einiges miteinander durchgestanden, aber das... das war etwas völlig anderes. Roland war sichtlich vollgepumpt mit Schmerz- und Beruhigungsmitteln und kämpfte zwischen zwei Sätzen immer damit, die Augen offen zu halten. Weil er seine Arme nicht bewegen konnte, habe ich ihn mit dem Kuchen gefüttert.

Wieder so eine total absurde Situation.
Der Mann liegt keine 24 Stunden nach dem Unfall mehr oder weniger bewegungsunfähig im Krankenhausbett und ich füttere ihn mit Käsekuchen!

abgedeckt...
Das Erstaunlichste für mich war, dass er da in seinem Bett lag, mit einem Lächeln auf den Lippen und einem seltsamen Strahlen um sich herum. Es war, als ob jemand einen Spot auf ihn gerichtet hätte, alles andere verschwamm.

Jede Minute dieses Tages ab dem Anruf ist in meiner Erinnerung zu etwas Künstlichem geronnen, inszeniert wie eine billige Fernsehproduktion mit uns als Hauptakteuren.

Nach ungefähr zwanzig Minuten bin ich gegangen, weil es ihn sichtlich anstrengte, die Augen offen zu halten und ich dachte, dass er nichts als Ruhe braucht, schlafen, Regeneration.

Als ich aus dem Krankenhaus draußen war, habe ich mich auf eine Bank gesetzt und geheult. Dann hat mein Wille wieder die Oberhand gewonnen und ich bin nach Hause gefahren.

Zum Glück bin ich inzwischen eine routinierte Fahrerin, zum Glück war es eine anspruchslose
Essen auf Rädern
Strecke und zum Glück ist mir nichts passiert. Es war natürlich völlig unvernünftig, die Angebote meiner Freundinnen auszuschlagen, zumal mir unterwegs auch übel wurde.

Ich wusste, dass ich nicht anhalten könnte, weil ich dann nicht mehr nach Hause kommen würde und Montagmorgen musste ich wieder im Büro sein. Ich war noch nie so froh, als Conchita in der Garage geparkt war und ich wieder zuhause.

Die folgende Woche war ich dreimal im Krankenhaus. Am Mittwoch haben wir uns einen Rollstuhl ausgeliehen und ich habe Roland damit durch die Gänge ins Café geschoben. Da konnten wir schon wieder Scherze machen, nach dem Motto "die neue Africa Twin, jetzt mit Stützrädern...!"  Zwischen dem Sonntag nach dem Unfall und meinem letzten Krankenhausbesuch am Sonntag danach lagen Welten. Roland lief wieder, zwar langsam und vorsichtig, aber immerhin.

Tütensuppe kommt nicht in die Tüte
Seit dem Dienstag vor Ostern ist Roland wieder zuhause und in der nächsten Woche beginnt sein Arbeitsalltag. Drei Twins wurden angeschaut und eine werden wir in den nächsten Wochen aus Creglingen holen.


Am dritten Aprilwochenende waren wir bei Sandra und Heiner. Heiner hatte Rolands Twin vom Abschleppdienst (fast hätte ich "Abdecker" geschrieben) geholt und unsere Gruppe per whatsapp mit Bildern auf dem Laufenden gehalten. Es war eine Sache, die Fotos zu sehen und eine andere, live vor dem Wrack zu stehen. Der Tank hatte eine riesige Delle, die Gabelrohre sind verbogen und geborsten, der Vorbau erstaunlicherweise zum Teil noch in Ordnung. Der Rahmen ist bis zum Getriebe gestaucht, geknickt, aber nicht gebrochen (Honda baut Qualität...), die rechte Fußraste mitsamt der Aufhängung aus dem Rahmen gerissen und und und... Patient tot.

Zum Glück nur der mit den zwei Rädern.

Als Heiner uns Rolands Helm gab, wurde mir beim Anblick der Blutspritzer auf dem Visier wieder anders. Ich bin wirklich hart im nehmen, aber das... das setzte mir zu.

Ende Gelände
Roland hat von den beiden alten Leutchen, denen er reingefahren ist, eine Fotostrecke des Unfalls bekommen.

Er meinte, dass er mir die Bilder nicht zeigen wird, weil ich sonst nicht mehr fahren werde. Vielleicht sehe ich sie mir im Winter an, dann ist Zeit vergangen, Abstand gewonnen und man kann eh nicht viel fahren. Den beiden ist nicht viel passiert, außer dass das Auto im Eimer ist und sie nehmen es mit Humor. Auch sie sind froh, dass Roland noch lebt.

So viel Glück in nur einem Leben...strapazier es bitte nicht nochmal!

Mehr Monatsimpressionen gibt es bei den Fredissimas.




Kommentare:

  1. Es ist schon schön auch mal zu sehen, man kann auch richtig Glück haben in Leben, beim Unfall und wenn man jemanden hat der einen hätschelt.

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    1. ... ja, mancher hat es gelernt, auf der Welle zu surfen, auch wenn er ab und zu runterfällt.

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  2. Das war kein schöner Anfang des Aprils! Aber ich denke, es hat euch ganz schön zusammen geschweißt :-)... Gute Besserung noch Dem-mit-dem-emsigen-Schutzengel!

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    1. Ne, es gibt wahrlich schöneres... hehe, jetzt hat er noch einen neuen Indianernamen bekommen, den einen musste er ablegen (Geschmeidig-wie-eine-Katze). Nach dem Unfall sind die Knie alles andere als geschmeidig und Fußball wird ab jetzt nur noch geschaut, nicht mehr gespielt.

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  3. April, du zarte Tochter des Frühlings,
    feingliedrig Jüngferlein mit den liebreizenden Äugelein,
    ich sehe deine kleinen Brüste auf dem Aprikosenzweig blühen,
    des spitzige rosige Knospen vor meinem Fenster,
    in meinem Garten von der frischen Morgensonne gekost werden.
    Welch schöner Morgen! Welche Glückseligkeit, zu denken, daß man solchen Tag erschaun wird, daß man ihn schaut!

    Romain Rolland (1866-1944)

    .... WAS für´n GLÜCK - und - dass die SCHUTZENGEL mitgefahren sind !!!

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