Montag, 29. August 2016

Auf Nordland-Kaperfahrt unterwegs in Skandinavien - Teil 2

12.8.2016 Trysil - Tolga

Der Morgen beginnt recht bezogen und die Temperaturen sind eher frisch. Als ich zur Toilette gehen will, sind beide Toiletten bestzt und vor der Tür steht ein Mann, der offenbar auf seine kleinen Söhne aufpasst, die sich dort gerade erleichtern. Er spricht mich erst auf Norwegisch an und fragt dann, ob ich aus Schweden komme. Wir unterhalten uns auf Englisch und er sagt mir, dass er genau so eine Twin hatte, wie ich sie fahre und dass er sie toll fand. Er fragt mich nach dem Baujahr und meint dann, dass ich doch eine BMW fahren sollte, weil die deutsch ist. Er hätte seine Twin gegen eine GS getauscht. Ich denke bei mir "Wie kann man nur?" Bis seine Kinder fertig sind, plaudern wir noch etwas und dann mache ich mich ans Frühstück.

Die Küche und der sehr gemütliche Aufenthaltsraum sind leider blockiert, so dass ich draußen
Einsame Straßen
frühstücke und mit kritischem Auge das Wetter betrachte. Auf den ersten Kilometern stelle ich schon fest, dass es heute wirklich kalt ist und mir eigentlich so, wie ich jetzt fahre, zu kalt. Irgendwann ziehe ich die Regenklamotten über die Kombi und es wird erträglicher. Zwischendrin regnet es immer mal etwas und selbst die Griffheizung hilft nicht gegen meine immer kälter werdenden Finger.

In Koppang stoppe ich auf einem Parkplatz und gehe in eine "Cafébar". hm... bisschen seltsam hier... Dass ich hier offenbar weit weg von touristischen Pfaden bin merke ich daran, dass hier niemand Englisch spricht. Ich bekomme trotzdem einen Kaffee und ein Bagel und wärme mich erst einmal auf. Das hier scheint wohl so eine art christliches Lesecafé zu sein und die Gäste sind... sagen wir mal... skurril... Das ist mir aber alles gleich, denn ich will nur wieder warm werden. Im Outdoorshop nebenan hat man leider keine dünnen Handschuhe, die ich noch unterziehen könnte. Es ist ja nicht so, dass ich die nicht schon hätte, aber sie liegen zuhause...

50 shades of grey...
Die Landschaft ist hier hügelig und es gibt viele Seen, in denen sich der Himmel oder die umliegenden Berge spiegeln und ich denke, dass ich eigentlich viel öfter halten sollte, aber dann bin ich so hungrig nach Kurven, dass ich einfach immer weiterfahre. Mit den erlaubten 80 km/h kommt man in einen schönen, beständigen Fahrfluss und die umliegende Natur zieht wie ein Kinofilm an mir vorbei.

Gegen Nachmittag nach einem Tankstopp verschlechtert sich das Wetter weiter und ich halte Ausschau nach einem Campingplatz. Ich lande in Settersegga, auch hier wieder niemand da. Ich rufe die angegebene Nummer an und stelle mein Zelt noch im Trockenen auf. Während ich dusche, fängt es an zu regnen und ich verziehe mich zum Essen in die Küche.

Der Campingplatz ist wohl einfach mal ein Teil von einem Bauernhof gewesen und die
Küche/Wäscheraum dient auch noch als Abstellraum für allen möglichen Kram. Das stört mich aber nicht, denn hier ist es warm.

Neugierig wie ich bin, ziehe ich ein Buch aus dem vollgestopften Regal über mir und schlage es auf: "Irgendwas irgendwas den seksuellen orgasmen" steht da über einem Kapitel.

oha.
Über mein Kopfkino in diesem Moment erzähle ich besser nichts, denn als ich am nächsten Morgen den Campingbesitzer sehe, fühle ich mich in meinen Vorahnungen unangenehm bestätigt.

Die Fahrerei ist schon anstrengend, im Schnitt verbringe ich jeden Tag locker 8 Stunden im Sattel,
... es wird besser...
mein Körper ist müde und der Kopf voller Eindrücke, so dass sich der Schlaf im Handumdrehen einstellt. Eigentlich schlafe ich meist nur die erste Nacht im Zelt nicht so toll, danach könnte man neben mir Kanonen abschießen und ich würde nichts merken. Da das Wetter immer ekeliger wird, krieche ich rasch ins Zelt, schreibe noch einige whatsapps mit Freunden und schlafe bald ein.

13.8.2016 Tolga -  Selbu

Heute sollte ein ungemütlicher Tag werden. Als ich noch im Zelt war, fing es wieder an zu regnen, so dass ich etwas mit dem Aufstehen trödelte. Ein Blick nach draußen verhieß nichts Gutes, also raus und abbauen, weiterziehen!

... es wird schön...
Es ist wirklich unangenehm kalt in Kombination mit der Feuchtigkeit, aber dafür haben Straßen und Landschaft einiges zu bieten. An einigen Stellen sieht es aus wie in der schottischen Heide, an anderen hat die Landschaft etwas von Tundra, Krüppelbirken, breite Gebirgsflüsse, große Seen, alles im schönen Wechsel. Einige Gegenden werden auch landwirtschaftlich genutzt und man fährt über Viehgitter in der Straße und sieht die entsprechenden Schilder, die auf Tiere aufmerksam machen. Ich weiß nicht mehr, ob es hier war, aber ich habe in einer Gegend neben den obligatorischen "Vorsicht Elch"-Schildern auch welche mit "Vorsicht-Elch-und-Fuchs" gesehen. Leider gab's die Tiere nicht live zu sehen.

Ein Himmel wie aus dem Bilderbuch
An einer Stelle muss ich anhalten, weil zwei Schafböcke mitten auf der Straße ihre Rangordnung
auskämpfen. Es ist so putzig anzusehen, dass ich lachen muss, auch die Autofahrer, die mir entgegen kommen, lachen alle. Die beiden sind durch nichts zu stören, aber irgendwann setzen sie ihre Rangelei abseits der Straße fort und ich kann weiterfahren. Bald danach hüpfen aus dem Gebüsch vier Rentiere, ein Hirsch, ein weißes Weibchen und zwei halbwüchsige Jungtiere. Bis ich aber meine Kamera aus dem Tankrucksack gekramt und die Handschuhe ausgezogen habe, sind sie schon im Wald verschwunden.

Wenig später sehe ich zwei Rentiere mitten auf der Straße traben. Auch diese beiden lassen sich
durch nichts aus der Ruhe bringen. Ich fahre langsam hinter ihnen her, aber sie gehen nicht von der Straße. Inzwischen sind einige Autofahrer aufgetaucht, die ebenfalls anhalten. Die beiden lassen sich nicht stören, als ein Auto hupt, drehen sie einfach um und trabe zurück. Das eine Rentier hat ein Halsband, auf dem etwas steht, das ich leider nicht erkennen kann. Als ich ein Foto machen möchte, fährt das Wohnmobil hinter mir vor und nah an die Tiere heran, so dass es genau in meinem Bild steht. Toll! Danke!

In Røros kaufe ich kurz ein und verkneife mir die Stadtbesichtigung wegen des schlechten Wetters. Die Gegend davor und drumherum sieht aus wie im "Wilden Westen", halb verfallene Blockhäuser stehen am Straßenrand. Røros ist UNESCO-Weltkulturerbe. Hier wurde bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts Kupfererz abgebaut, was die Gegend geprägt hat, es ist sozusagen eine Art norwegisches Ruhrgebiet.

Auf einem Hochplateau treffe ich eine Gruppe schwedischer Motorradfahrer. Auf die Frage, wohin
sie heute noch fahren würde, sagen sie mir, dass sie bis nach Tromsø wollen... sportlich! Das sind locker noch 1000 km und bei dem Wetter...

Ich beschließe in Selbu den Tag zu beenden und mein Zelt auf dem Campingplatz aufzuschlagen. Hier spricht auch niemand Englisch, aber ob es jetzt "tent" oder "telt" heißt, "cycle" oder "sykkel", wir können uns einigen. Kaum steht mein Zelt, wird das Wetter schlagartig besser und ich ärgere mich ein wenig, denn es ist erst früher Nachmittag. Andererseits muss man nicht jeden Tag bis zum umfallen fahren. Ich ziehe mich um und gehe am See ein wenig spazieren, sitze in der Sonne und beende den Tag heute auch wieder zeitig. Es ist unglaublich, wie viele Stunden ich hier schlafen kann, aber scheinbar braucht mein Körper die Ruhe.

Selbu ist übrigens der Ort, an dem die "Selbu mittens" mit dem typischen Norwegermuster erfunden wurden. Vielleicht versuche ich mich im Winter mal da dran.

14.8.2016 Selbu - Namsen Fishing Camp

... zuerst...
Der Morgen in Selbu begrüßt mich grau und feucht und ich ärgere mich, dass ich gestern nicht
weitergefahren bin und bei dem tollen Wetter den Fjord bei Trondheim erkundet habe. Aber es ist eben so, wie es ist.

Ich frühstücke und packe mein feuchtes Zelt ein. Vorher schaue ich noch genau, wie ich Conchita über das feuchte Gras fahre und wo der matschige Teil ist, den ich unbedingt vermeiden will. Über feuchtes Gras zu fahren hasse ich wie die Pest, denn man weiß nie, ob es nicht doch irgendwo glitschig ist und das Vorderrad wegrutscht. Also ist eine vorsichtige Gashand gefragt, aber auch heute kriege ich sie problemlos aus der "Gefahrenzone" und verlasse früh den Campingplatz in Richtung Norden.

Ich habe mich trotz des anfänglich nicht so optimalen Wetters entschieden, heute nur die kleinen
Straßen gegenüber dem Trondheimfjord zu fahren, denn ich will jetzt endlich mal wieder das Meer sehen. Der Weg dorthin hat schon einmal eine Menge zu bieten, von "Wild-West-Feeling" über Tundra und Meerarme ist alles dabei. Das Wetter wird nun auch immer besser und ich halte an einem Parkplatz, wo ich erst einmal eine längere Pause einlege und Fotos von der nahe gelegenen Brücke mache, über die ich gerade gefahren bin.

Die Infrastruktur in Norwegen ist sehr faszinierend.

Zum Einen sind auch die entlegendsten Winkel
noch an das Verkehrsnetz angeschlossen, zum Anderen gibt es hier unglaubliche Brücken und noch unglaublichere Tunnel.

Ich war während meiner Reise immer wieder davon begeistert, dass von der holprigen Nebenstraße bis zur Quasi-Autobahn alles existiert, am fasizinierendsten sind jedoch die Tunnel. Hier gibt es vom Natursteintunnel ohne Beleuchtung bis zu einem 25 Kilometer langen Monstrum mit 4 Raststätten (!) und mehreren Kreisverkehren (!) alles! Es wird auch viel mit Licht gearbeitet, die großen Tunnels sind taghell erleuchtet und haben oft irgendwo bunt beleuchtete Nischen. Die Kreisverkehre sind übrigens immer blau beleuchtet. Darüber hinaus bin ich auf dem Rückweg einen Tunnel gefahren, der sich wie eine Schnecke nach unten schraubt.

Für Klaustrophobiker und Menschen mit Höhenangst sind diese Strecken sicherlich ein Alptraum, ich fand es einfach nur toll und war von dem Erfindungsreichtum und der Ingenieurskunst begeistert.

Für uns Touristen sind die ganzen Fähren natürlich auch toll, sie kosten jedoch sehr viel Zeit, so dass eine Strecke entlang der Fjorde von sagen wir mal 250 km einen ganzen Tag in Anspruch nehmen kann. Zwischendrin muss man ja immer mal wieder warten, dann setzt man über, fährt wieder, setzt wieder über usw. Um die Strecke Kristiansand-Trondheim zu verkürzen, ist ein System von Brücken und Tunnels geplant, die teilweise wohl in schwimmender Bauweise über und unter dem Meer verlaufen soll.

Irgendwann setzt wieder eine gewisse Erschöpfung ein und ich fahre runter zu einem Hafen für eine
neue Pause, Fotos und die Hoffnung auf Kaffee. Dort ist auch ein Café/Restaurant und ich gehe hinein. oha... heute ist Sonntag und alles steht in Sonntagskleidung aufgestylt in der Schlange, oder holt sich Essen vom Buffet. Dazwischen steht eine schmutzige, verstrubbelte Motorradfahrerin, die sich stöhnend mit ihrem Kaffee an einem der freien Tische auf einen Stuhl wirft und mit leerem Blick vor sich hinstiert. Ja, diese Reise ist anstrengend. Vielleicht werde ich auch einfach nur alt, jedenfalls brauche ich diese Pause dringend und niemand beachtet mich großartig.

Balsd hat mich die Straße wieder und ich gerate in einen Kurvenrausch, denn auch hier kann man auf
... wie neu!
herrlichen Straßen durch wundervolle Landschaft cruisen. Zwischendrin gucke ich immer mal wieder auf Conchitas Kilometerstand, denn heute ist es so weit, sie wird ihre ersten 100.000 Kilometer vollenden, davon knapp 47.000 mit mir und die in zwei Jahren. Für die ersten 53.000 hat sie immerhin fast 18 Jahre gebraucht...

Irgendwann springt der Tacho von 99.999,9 auf 00.000,0 um. Honda hat wohl nicht damit gerechnet, dass diese Maschinen sechsstellige Kilometerstände haben würden, denn der Tacho ist nur fünfstellig. Ich tätschele Conchitas Tank, wie man einem Pferd den Hals tätscheln würde und sage "Happy Birthday, mein Mädchen!"

Ja, ich weiß, das hört sich komisch an, aber im Lauf einer Reise geht man eine enge Bindung mit
Granitformationen bei Osen
seinem Motorrad ein. Man wird ein Team, man kennt jede Vibration und jedes Geräusch, hört ob Öl fehlt, die Kette zu trocken läuft, spürt, ob der Luftdruck stimmt... Vielleicht ist das bei Fahreren von modernen Maschinen anders, aber unsere alten Schlachtrösser haben Charakter, jedes ist anders, jedes hat andere kleine Macken, fährt sich anders, hat eine andere Geschichte. Manche standen gar jahre- und jahrzehntelang vernachlässigt herum, bevor man ihnen ein neues Leben gegeben hat. Ich denke, dass wir - neben anderen Faktoren wie der Wartungsfreundlichkeit - genau aus diesen Gründen an unseren alten Damen hängen.

Es gab einige Gelegenheiten, bei denen ich mit der alten Twin sofort mit anderen ins Gespräch kam, die auch einmal eine gefahren sind und nur positive Erinnerungen damit verbunden haben.

Bei Osen komme ich wieder mal an einem Abschnitt mit besonders tollen Formationen vorbei und
mache einige Aufnahmen. Der Tag ist heute doch plus/minus trocken geblieben und ich bin die gesamte Strecke gefahren, die ich mir vorgenommen hatte. Auf der Höhe von Namsos fange ich an, nach einem Campingplatz Ausschau zu halten. Die Müdigkeit setzt manchmal schlagartig ein und dann fahre ich nur noch sehr ungern längere Strecken, weil ich unkonzentriert werde und die Fahrerei dadurch noch anstrengender ist.

Bald taucht ein Schild auf, dass mich zum "Namsen Fishing Camp" führt. Der Platz ist direkt am
unten am Fluss
Wasser gelegen und sieht schön aus. Auch hier wieder das übliche Prozedere: Keiner da, Nummer anrufen, Zelt aufstellen, duschen, essen.

Da es hier sehr schön aussieht beschließe ich, noch ein Stück auf der Straße neben dem Fluss entlang zu laufen. Hier gibt es wieder das "Kanadaflair", das ich schon an einigen Stellen hatte. Ich finde einen Pfad nach unten ans Flußufer und entdecke eine Angelhütte, von denen er hier reichlich gibt. Ich laufe eine ganze Weile, bis ich an einem Haus beschließe, hier umzukehren, denn langsam dämmert es und ich mag nicht dauernd auf der Straße laufen.

Hinter mir hält auf einmal ein Auto was mich nicht weiter interessiert, da ich gerade Fotos mache.
Das "Hallo" erwidere ich, der Fahrer steigt aus und bei mir fällt der Groschen: Der Campingmann! Er spricht ziemlich gut Deutsch und ich kann absolut nicht abschätzen, wie alt er ist. Zwischen 50 und 70 kann alles sein, ein schlanker Outdoortyp, wie man sich so einen Norweger vorstellt. Wir plaudern eine ganze Weile und er erzählt mir, dass er jedes Jahr Gäste aus München hat, die zwei Wochen zum Lachsangeln kommen.

Dann fragt er mich, ob ich immer alleine reisen würde. Als ich ihm meine Reise bis heute schildere und auch, dass ich fast immer allein mit dem Motorrad unterwegs bin sagte er "Ich bin imponiert!" Ich muss innerlich über den Satz schmunzeln. Meinen Schlafplatz rechne ich gleich mit ihm auf der Straße ab, alles völlig unkompliziert. Er sagt mir noch, dass die Menschen weiter im Norden offener wären, als im Süden und man leichter mit ihnen ins Gespräch käme. Dann wünscht er mir einen schönen Abend, eine gute Weiterreise und empfiehlt mir die Küstenstraße für den weiteren Weg nach Norden.

Ich laufe zu meinem Zelt zurück und schlafe mit dem Gedanken ein, dass ein wenig Gesellschaft schon irgendwie schön wäre.

Fortsetzung folgt...

Kommentare:

  1. ja anstrengend, das glaube ich. Alt glaube ich noch nicht. Ich bin imponiert---unterschreibe ich. und manchmal, manchmal ist es schön ganz direkt Erlebnisse teilen zu können.....

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    1. ... wenn man andere findet, die genauso verrückt sind und solche Reisen mitmachen... aber...

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  2. ...ich bewundere IHNEN !!! *♥Reschpekt*

    Nur Reisen ist Leben, wie umgekehrt das Leben Reisen ist.

    Jean Paul

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  3. 100.000... Wow! Conchita hat sich aber gut gehalten für ihr Alter... Aber du fährst ja auch nicht mit Temperaturen von 180km/h... LOL

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