Dienstag, 28. Juni 2016

Floating Piers oder - Odysseus trägt Orange

Als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte,
Da bekleidete sich Odysseus mit Mantel und Leibrock
Und nun setzt' er sich hin ans Ruder, und steuerte künstlich
Über die Flut ...
(Homer Odysee)

Frühling und Sommer haben sich bis jetzt nicht wirklich mit Ruhm bekleckert. Da aber für den letzten Freitag gutes und warmes Wetter angesagt war, hatte ich meinen Stammtischjungs vorgeschlagen, dass wir gemeinsam eine Gassirunde fahren könnten. Nun... es kommt bekanntlich immer anders und vor allem anders, als man denkt.

1. Gesang - Eine unerwartete Reise...

bssssttttt... Dienstagabend errreicht mich eine Whatsapp von Werner.
Hegaublick
Ob ich nicht Lust hätte, spontan zum Iseosee zu fahren, um mit ihm die Installation von Christo anzusehen und zu begehen.
Was für eine Frage?
Natürlich habe ich Lust!
Ich habe noch nie eine Installation von Christo live gesehen, der Iseosee ist an einem Wochenende einigermaßen gut erreichbar und das Wetter soll toll werden, über Pässe donnern, zelten, was erleben, also nichts wie los!

2. Gesang - Die Suche nach einer Herberge...

Meine überaus rostigen Italienischkenntnisse reichen nicht, die Campeggios am See anzuschreiben, also bitte ich eine Kollegin, mir einen Zweizeiler zu übersetzen. Verstehen ist eine Sache, aber sprechen oder schreiben... oh je. Unsere Recherchen ergeben, dass vor Ort a) alles voll ist und b) totales Chaos herrscht. Sulzano, sonst ein völlig verschlafenes Kaff, ist überrannt von Touristen, Hotels und Unterkünfte im Umkreis von etlichen Kilometern ausgebucht, Chaos im ÖPNV, Chaos auf den Straßen... alle Welt will über das Wasser laufen, die Installation sehen, die Atmosphäre erleben, sich ein Stück vom Installationskuchen abschneiden...

3. Gesang - Entscheidungen, Entscheidungen...

Im Lauf der Woche kommt zwar keine Antwort von Campeggio uno und eine Absage von Campeggio due, was uns aber nicht davon abschreckt, die Mopeds zu satteln und nach Italien zu brettern. Wir werden schon irgendwo unterkommen, notfalls schläft man am Strand, schlägt sich ins Gebüsch, trinkt Kaffee, bis er aus den Ohren läuft und schläft gar nicht, oder oder oder.

Etliche Nachrichten rauschen durch den Äther, über Mailserver, Telefonleitungen glühen, die Rohrpost klappert und schnauft unentwegt, Brieftauben flattern, der Fernschreiber rattert, das Handy piept...

Mittwoch beschließe ich, dass ich mir den Freitag spontan frei nehme, denn anders sehe ich nicht, wie wir die Strecke schaffen und noch einigermaßen entspannt ankommen sollen. Werner hat inzwischen seine eigene Streckenplanung vollendet und wir beschließen, uns in Rheineck in der Schweiz zu treffen. Donnerstagabend gibt es eine kurze Planänderung, wir wollen uns in Lauterach in Vorarlberg treffen, da Werner noch Stiefel ansehen und Oberfräsen loswerden möchte.

4. Gesang - Auf der Straße nach Süden...

Freitagmorgen 5:30 klingelt mein Wecker. Der Morgen begrüßt mich mit einem strahlend blauen
Piz Bernina
Himmel und bereits um 6 Uhr liegen die Temperaturen über 20 Grad. Meine Taschen habe ich bereits am Mittwoch größtenteils gepackt. Jetzt schnell Proviant einpacken, Conchita aus der Garage holen, aufpacken und ab auf die Piste.

Da wir in der Schweiz einiges an Autobahn fahren werden müssen, brauche ich noch eine Vignette. Außerdem  muss ich mich entscheiden, wie rum ich um den Bodensee fahren möchte, obenrum oder untenrum. Beides wird eine Gurkerei werden. Bis zum Hegaublick fahre ich eine Mischung aus kleinen Straßen und B31, überhole, wo möglich und lasse es schon mal richtig krachen. Gepäck hin oder her, ich will vorankommen und Werner nicht unnötig warten lassen. Am Hegaublick erlebe ich die erste Enttäuschung, kein Kaffee für mich, es ist geschlossen. Ich gucke auf die Karte und beschließe, über die schweizer Seite weiterzufahren. Es ist erst kurz nach 9 Uhr und Werner hatte als Uhrzeit am Treffpunkt ca. 11:30/12:00 genannt. Da habe ich noch mehr als genug Zeit, denke ich mir.

5. Gesang - Verzögerungen...

Am Grenzübergang erstehe ich an einer Tankstelle eine Vignette und mache mich auf den weiteren Weg. Die Autobahn möchte ich erst einmal meiden, aber da ich rasch merke, dass ich auf den kleinen Straßen nicht gut vorwärts komme, fahre ich dann doch auf. Es ist jetzt schon wahnsinnig heiß und ich merke, wie meine Konzentration vom Fahrtwind weggeblasen wird. Bei einem kurzen Trinkstopp schreibe ich Werner meine Position und erhalte Antwort, dass ich mir Zeit lassen soll. Unterwegs sehe ich, dass es gar nicht so weit ist und ich somit gut in der Zeit liege.

Alles läuft super, bis kurz vor St. Gallen.
Unfall.
Autobahn dicht.
Mit der Rettungsgasse haben es die Schweizer wohl nicht so, jedenfalls komme ich mit dembepackten Moped nicht zwischen den Autos durch. Ich fluche und schwitze, Conchitas Lüfter springt an und mir läuft der Schweiß aus allen Poren.

Glücklicherweise ist der Stau kurz, Conchita und ich entrinnen dem Hitzschlag. Gemeinsam nähern wir uns dem Schweizerisch-Österreichischen Grenzübergang und fahren weiter nach Lauterach.

6. Gesang - Umweg ist auch ein Weg...

Am Treffpunkt ist kein Zebramoped weit und breit zu sehen und ich denke mir "Fein, da warst Du ja flott! Werner ist noch nicht da, und muss auch nicht warten."

Ich steige von Conchita, trinke etwas und schaue aufs Handy.
"Hallo Doro, zum einkaufen ist es zu spät. Ich warte in Rheineck an der BP-Tanke mit Café. Moped parkt gut sichtbar. Werner"

waaaaaahhhhhhhhh!
Werner!!!
Ich kann keine SMS lesen, wenn ich unterwegs bin, das solltest Du doch wissen!!!
Ich rufe Werner kurz an, kläre den Treffpunkt und fahre zurück nach Rheineck.

Aber erstmal verfahre ich mich, lande auf irgendeinem Radweg und hoffe, dass ich Conchita nicht noch auf einem Acker wenden muss. In Rheineck finde ich unseren Treffpunkt zum Glück sofort und ein völlig tiefentspannter Werner begrüßt mich fröhlich. Eine Fräse ist er losgeworden, also brauchen wir auch keine Post oder sonst etwas mehr zu suchen. Wir trinken Kaffee, Wasser und ich esse einen Apfel. Da es inzwischen nach 13 Uhr ist und wir noch etliche Kilometer vor uns haben, trödeln wir nicht lange herum und fahren rasch auf die Autobahn nach Chur.

7. Gesang - Die Schweiz (kein) virtuelles Land...

Nach einem Tankstopp in Chur geht es allmählich in die Berge hoch. An einem sehr schönen Aussichtspunkt machen wir Rast. Es gibt Brot, Käse, Rote Beete, Wasser, Müsliriegel, Zigaretten für Werner...

Ich hole meine Kamera aus dem Tankrucksack, mache ein, zwei Fotos.
Mein Blick fällt auf ein kleines, blinkendes Symbol.
Der Akku ist LEER!
NEIN!!!
Selbstverständlich hatte ich den Akku geladen und genauso selbstverständlich liegt das passende Ladegerät zuhause. So ein MIST! Werner beruhigt mich und sagt, dass wir in St. Moritz sicherlich einen Fotoladen finden, der mir den Akku aufladen kann.

Nach unserer Rast rangiere ich mit Werners Hilfe Conchita zurück auf die Straße und wir setzen unsere Reise durch traumhafte Landschaften fort. Vorbei an Lenzerheide, Rothorn, an leuchtenden Bergseen, Wasserfällen, Gebirgsbächen setzen wir unseren Weg nach St. Moritz fort. Ich bin jetzt schon so voll mit Eindrücken, dass ich platzen könnte. Aber noch sind wir weit vom Ziel entfernt.

8. Gesang - Unfreiwillige Trennung von Roß und Reiter...

Wir kurven flott über den Julierpass. Eine Gruppe Österreicher mit neuen, PS-starken Motorrädern
Frühstück mit Blümchen!
schafft es erst im letzten Drittel, uns und unsere Pferde einzuholen. Allerdings beobachte ich seit einiger Zeit mit Bedenken Werners Kurvenlinien, vor allem links herum...

Als wir in St. Moritz ankommen, fährt Werner hin und her durch den Ort. Er hält irgendwann und sagt mir, dass er nach einem Fotoladen schaut. An einer Tanke fragt er nach und wir fahren ein Stück zurück. Da es mit dem  Halten schwierig ist, biegen wir in eine Gasse ein, wenden oben und fahren wieder runter.

Wir machen einem Auto Platz und ich hätte hier mein Moped einfach stehen lassen. Naja... es kommt, wie es kommen muss: Ich steige auf, Conchita steht doof, ich trete in ein Loch, Seitenständer klappt ein, die Fuhre kippt und wir knallen auf den Asphalt...

Nach einem kurzen Schreckmoment hilft Werner mir auf, wir stellen Conchita aus dem Weg und ich bringe den Akku in den Laden. Ein sehr netter, hilfsbereiter junger Mann nimmt ihn im Empfang und bittet uns, in einer Stunde wiederzukommen. Derweil hat Werner schon ein Café für uns erspäht und wir parken die Mopeds davor. Werner schließt auf der Stelle Freundschaft mit den anwesenden Gästen und wir amüsieren uns prächtig. Die Stunde Wartezeit vergeht im Flug. Ich hole den zu 29% geladenen Akku ab und drücke dem netten Mann 5 € für die Kaffeekasse in die Hand. Jetzt kann es weitergehen und dokumentieren kann ich auch!

9. Gesang - Rasen verboten, Wiese erlaubt...

Wir kurven bei herrlichstem Wetter durch den Poschiavo, vorbei an Seen und Bergen. Über den Berninapass nähern wir uns nun Tirano und damit Italien. An einer der etlichen Baustellen können wir ein Exemplar echter Schweizerischer Präzision in Aktion sehen. Es handelt sich um die weißbehandschuhte Schweizer Präzisionswinke! Die Präzisionswinke wird morgens aufgezogen, dann an einer Baustelle aufgestellt und dort winkt sie dann mit in präzisem Winkel ausgestrecktem Arm und präzise gespannter Hand in präzisem Tempo Reisende durch die Baustelle. Unglaublich, was die Schweizer so alles erfinden!

Wir wollen heute auf jeden Fall bis Aprica kommen, danach wird es eng mit Campings und wir rechnen nicht damit, am Iseosee noch etwas zu finden.

Bei einem der letzten kurzen Stopps hatte ich Werner auf seine schlechte Kurvenlinie in Linkskurven
hingewiesen. Werners nonchalante Antwort, dass die anderen eben besser aufpassen müssten, lasse ich nicht gelten. Ich kenne es ja selbst, bei den Linkskurven neigt wohl fast jeder dazu, zu früh einzulenken, zu weit links zu fahren und einen gewissen Respekt vor dem rechten Fahrbahnrand zu haben. Trotzdem... wenn die Koffer in den Gegenverkehr ragen, dann ist das nichts!

Die letzte Etappe von Tirano nach Aprica ist nochmal ein besonderes Schmankerl. Die Straße windet sich in kleinen und kleinsten Kurven den Berg hoch. Bei gemäßigterem Tempo sieht es nun auch besser aus, was Werner da vor mir so herfährt. Lediglich ein nerviger Autofahrer verhindert flotteres Tempo, mit den beladenen Twins ist man jedoch zu einer gemütlichen Gangart gezwungen. Kopfschüttelnd beobachten wir einen anderen Motorradfahrer, der kurz vor einer Kehre mehrere Autos überholt.

Wäre ich allein gewesen, hätte ich vermutlich irgendwann auch überholt, aber Werner hat mir das Rasen verboten und so fahre ich brav hinter ihm her.

10. Gesang - Wer klopfet an...

In Aprica sieht es aus wie vor dem Giro d'Italia, an der Hauptstraße stehen lauter aufblasbare Tore, Stände an der Straße und wir sehen keinen Camping weit und breit, obwohl laut Karte zwei hätten da sein sollen. Werner hält und fragt eine Autofahrerin, die uns zeigt, dass sich der Camping am Ortsende befindet. Wir fahren die Hauptstraße weiter und finden den Camping dann auch problemlos. Wir parken die Mopeds und nach einer kurzen Beratschlagung gehe ich in die Bar und versuche, mich auf Italienisch verständlich zu machen. Keine Ahnung, ob das Mädel an der Bar keine Italienerin ist, oder ich inzwischen einen russischen Akzent entwickelt habe, jedenfalls versteht sie mich nicht. Mit Gesten und etwas Englisch kommen wir weiter und sie zeigt uns, wo wir klingeln und uns anmelden  müssen.

11. Gesang - Zwischen Skylla und Charybdis...

Die Tür vom Empfang öffnet uns Skylla. Skylla spricht nur Italienisch und ein paar Brocken Englisch. Mit geballtem Charme und Radebrechen können wir unser Anliegen vortragen. Allerdings konsultiert Skylla lieber noch Charybdis, der besser Englisch spricht. Charybdis möchte von uns einen Ausweis und ein Geburtsdatum, ohne dürfen schmutzige, verschwitzte Motorradfahrer nicht auf dem Campeggio nächtigen! Da Werner erst einmal bei beidem herumzickt und behauptet, er hätte keinen Pass, lege ich meinen Ausweis auf den Thresen. Die Frage nach dem Geburtsdatum überhört Werner geflissentlich. Charybdis insistiert jedoch und Werner kritzelt rasch etwas auf den Zettel, schiebt ihn rüber und knallt den Kuli oben drauf, damit ich nur ja nichts lesen kann.

Nun übernimmt Skylla das Einweisen der schmutzigen Barbaren aus dem unzivilisierten Norden. Wir bekommen ein hübsches Rasenstück zwischen zwei Dauercampern zugewiesen, packen ab und richten uns häuslich ein, duschen, packen unser Essen aus, Teekessel, Kocher...

12. Gesang - Ordnung ist das halbe Leben (die andere Hälfte ist uns lieber!)...

Unsere netten dauercampenden Nachbarn bringen uns einen richtigen Tisch und einen Campinghocker, bis dahin hatten wir auf einer Bank gesessen und Werner hatte bei einem der zahlreichen mit Häuschen umbauten, leeren Caravans eine Bank geliehen. Der nette Campingsnachbar gibt uns zu verstehen, dass wir die Bank besser zurück stellen sollten. Ordnung muss sein!

Wir verspeisen den von mir mitgebrachten Salat mit weitgereister Sauce, Brot, Käse und versuchen rauszubekommen, wie wir morgen zum Iseosee kommen können. Inzwischen ist Charybdis bei uns aufgetaucht und kommentiert leicht genervt, dass wir zwei Zelte haben und nicht nur eins. Außerdem stört ihn, dass wir auf dem völlig freien Nachbarplatz Tisch, Stühle und Mopeds hingestellt haben. Das ginge gar nicht, die Mopeds müssten zumindest in Reihe nebeneinander geparkt sein und die Campingmöbel auf unseren Platz.

Um weitere Diskussionen mit Herrn Charybdis-Schrebergarten zu vermeiden, parkt Werner das Zebra neben Conchita und gemeinsam tragen wir Tisch und Stühle zwischen unsere Zelte. Ich hätte nicht gedacht, dass die Italiener so unlocker sind... sowas kenne ich von Frankreich z. B. nicht... Mit Hilfe meines Zaubertelefons finde ich eine Verbindung nach Edolo und durch Zufall entdecken wir bei einem kleinen Abendspaziergang sogar eine Bus-Haltestelle, die zu meinen Angaben passt. Müde, aber trotzdem bestens gelaunt trinken wir noch ein Bier in der Campingbar (diesmal hat es mir sogar geschmeckt!) und kriechen gegen Mitternacht in die Zelte.

13. Gesang - Morgenstund hat Croissant im Mund...

Wir hatten am Vortag beschlossen, um 7 Uhr aufzustehen, um den Bus gegen 9:15 zu erreichen, zumal wir trotz allem nicht ganz sicher waren, ob es den Bus dann wirklich gibt, oder wir uns noch etwas anderes überlegen müssen.

Floating Piers von weitem
Pünktlich schälen wir uns aus den Schlafsäcken. Ich gehe duschen, während Werner sich um den Kaffee kümmert. Meine ausgepackten Brotaufstriche und den Käse kommentiert Werner mit den Worten, dass er was Süßes braucht am Morgen und wo denn die Marmelade sei? Ich bin da völlig schmerzbefreit, gegessen wird, was auf dem Tisch steht! Da aber auch unser Brot nicht mehr sonderlich weit reicht, macht Werner sich auf den Weg zum Campingladen. Ich bin nicht überzeugt, dass da so früh schon jemand ist und umso überraschter, als Werner mit einer großen Brötchentüte zurückkommt.

In der Tüte stecken die zwei göttlichsten Croissants, die ich je gegessen habe: Warm, mit Zuckerstreuseln bestreut, duftend und - mit einer absolut köstlichen Aprikosenmarmelade gefüllt. WAHNSINN!

14. Gesang - Auf in den Kampf, Torero...

Nach dem Frühstück brechen wir zur Haltestelle auf, die sich ca. 200 m vom Camping entfernt befindet. Wir sitzen auf der Leitplanke und die unbarmherzige Sonne bringt mich dazu, meinen Schirm aufzuspannen, damit wir keinen Sonnenbrand bekommen. Ich erzähle Werner meine Anekdoten zum Thema "Damen mit Regenschirm auf dem südfranzösischen Straßenstrich" und wir malen uns in buntesten Farben aus, was wir tun würden, wenn nun kein Bus käme: Werner würde sich verstecken, ich mich am Straßenrand mit dem Schirm platzieren, beim nächsten Auto mein Shirt hochreißen, worauf das Auto anhalten und Werner aus dem Gebüsch springen würde, wir kapern das Auto und fahren nach Edolo.
Super Idee!

Zum Glück kommt der Bus tatsächlich und wir können nach Edolo fahren. Im Bus bewundern wir die Fahrkünste des Busfahrers und ich lasse es mir nicht nehmen, Werner nochmal auf die Gefahr von schlecht gefahrenen Linkskurven hinzuweisen.

15. Gesang - Laschiate mi cantare....

In Edolo steht schon unser Regionalzug nach Sulzano. Ich habe keine Ahnung, wie lange wir unterwegs sein würden, da ich die Zuverbindungen nur für die kurzen Stücke am Iseosee herausgesucht hatte. Da wir aber spätestens um 19:15 den letzten Bus zurück zum Campeggio erreichen müssen, achten wir ein wenig auf die Zeit. Ich kaufe uns ein Tagesticket, das wir noch durch einen Automaten jagen müssen. Das mache ich wohl falsch, aber egal, der Zug steht draußen und den wollen wir nicht verpassen.

Im Zug werden wir natürlich nochmal kontrolliert und die Karte abgeknipst. Wir fragen uns, wofür eigentlich der Stempelautomat sein sollte... Der Zug fährt nun los und wir schauen uns die tolle Landschaft an. Das Valcamonica gehört mit seinen Felsgravuren aus der Eisenzeit zum UNESCO-Weltkulturerbe. Der Zug schnauft und windet sich durch das Tal. Zwischendrin kommen einige völlig unverständliche Durchsagen. So langsam füllt es sich auch etwas.

Werner flirtet mit den beiden Italienerinnen, die auf den Sitzen gegenüber Platz genommen haben. Gemeinsam lästern wir über ein Paar mit einem kleinen Taschenköter, unterhalten uns und gucken aus dem Fenster. Irgendwann kommt eine Durchsage, die ich soweit verstehe, dass der Zug nicht bis Sulzano fährt, sondern irgendwo vorher hält.
Es würde dann ein "traghetto" geben.
Nur was zum Teufel ist ein "traghetto"?
 Ein Blick in die LEO-App klärt uns auf: Ein "traghetto" ist eine Fähre.
Aha. Hm.
Wir sind ein wenig ratlos, aber die beiden Damen von nebenan geben uns zu verstehen, dass wir einfach aussteigen sollen, wenn sie aussteigen.

16. Gesang - Es geht ein Schiff nach nirgendwo...

In Sale Marasino, eine Station vor Sulzano endet unser Zug. Wir steigen zusammen mit den beiden freundlichen Damen und einer Menge anderer Menschen aus. Auch wenn wir sonst keine Herdentiere sind, folgen wir diesmal einfach den anderen. Bald stehen wir in einer Schlange am See und warten auf das traghetto. Nach ungefähr 15 Minuten beschließen wir jedoch, traghetto traghetto sein zu lassen, zumal es auf die andere Uferseite fährt und wir nicht sehen, wie es dann weitergeht.

Wir fragen, wie weit es nach Sulzano ist, es kann nicht allzu entfernt sein, denn wir können die Installation und die Menschen darauf bereits von weitem erahnen. Es sind noch knapp 2 km und wir fackeln nicht lange und laufen einfach los. Inzwischen ist es wirklich heiß geworden und zudem liegt noch eine gewisse Schwüle in der Luft. So laufen wir am Ufer entlang, machen immer wieder Fotos und nähern uns langsam der Installation. Die Straßen sind bereits seit Sale Marasino gesperrt, nur Zweiräder oder Fußgänger kommen hier noch durch. Offenbar hat man aus dem Chaos der vergangenen Woche reichlich gelernt. Eine Lautsprecherdurchsage macht uns darauf aufmerksam, dass es 4 Stunden dauern würde, bis man auf die Installation drauf könnte.
WAS?
NÖ!

Wir gucken uns das alles von weitem an und Werner meint, dass wir doch eine der Fähren nehmen könnten, die immer wieder von Sulzano auf die andere Uferseite fahren. Vorher probiert er aber noch sein Glück bei einem Fährmann, der gerade einen LKW herübergebracht hat.
Der Fährmann ist völlig resistent gegenüber Werners Charme.
Nein, er nimmt uns nicht mit rüber!
Nun, dann laufen wir eben weiter!

Als wir näher an die Installation kommen, sieht es gar nicht SO wild aus mit den Menschenmassen. Die angeblichen vier Stunden können wir uns nicht erklären, wollen es aber auch nicht ausprobieren. Es gibt tatsächlich eine Schlange und es werden Menschen dort auch nur grüppchenweise durch das Gatter gelassen. Zu den kleinen Fähren gelangen wir jedoch problemlos.

Auf der kleinen Fähre treffen wir dann auch die beiden netten Damen aus dem Zug wieder. Werner gibt ihnen mit  Händen und Füße zu verstehen, dass er einen Wein ausgibt, wenn wir uns ein drittes Mal treffen. Wir lachen und haben eine Menge Spaß. Dann legt das Boot ab und wir haben Gelegenheit, die Installation zum ersten Mal richtig nahe zu sehen.

Es ist ein tolles Bild! Der blaue See und die wippenden, orangefarbenen Piers. Überall sieht man Menschen barfuß, Menschen mit Selfie-Sticks, Menschen mit glücklichen Gesichtern...

Unser kleines Boot hat nun angelegt und wir versuchen, uns durch die Menschenmassen zu zwängen, die am Ufer entlang laufen. Ein paar Schritte wollen wir zumindest auf den Pier gehen und vielleicht noch in den Gassen herumlaufen. 

17. Gesang - Piece of cake...

Blick vom traghetto aus
Als wir zur Installation laufen, fragt mich Werner, ob ich eine Schere oder ein Messer dabei hätte.

Nein, habe ich nicht, liegt alles im Tankrucksack und der ist auf dem Campeggio. Will Werner sich jetzt Brote schmieren, oder Nägel schneiden?

Nein... Werner möchte ein Stück vom Installationskuchen! Ich lache nur und denke mir meinen Teil, aber Werner lässt nicht locker. Er fragt zwei der vielen überall anwensenden Organisations- und Securityleute, ob man sich was vom Kuchen abschneiden kann.
Ja, man kann, aber bitte da hinten!
Ich warte im Schatten, während Werner das Operationsbesteck besorgt...

Kurz darauf versuchen wir unser Glück nochmal zwischen den Menschenmassen, biegen aber rasch genervt in einige Seitengassen ein. Dort lagern überall Besucher beim essen, beim ausruhen, einfach nur im kühlen Schatten. Wir kommen durch eine Gasse, in der Werner noch versucht, ein junges Mädchen auf einem Roller zu bezirzen. Im Vorübergehen entdecken wir auf zwei Pfeilern noch einen Gartenzwerg und Rotkäppchen nebst Wolf, was mich zu dem Spruch verleitet, dass das ja prima zur Schrebergartenmentalität auf dem Campeggio passen würde....

Nun geht es aber wirklich auf den Pier. Wir kommen recht problemlos aufs Wasser, machen Fotos und werden sogleich wieder verwarnt. Diesmal hat Werner den vorgeschriebenen Mindestabstand vom Wasser nicht eingehalten!

Nicht EIN, nicht ZWEI, nein DREI Meter solltest Du dem Rande fernbleiben!

Mit dem ausgelassenen Besucher aus Germania haben die anwesenden Aufpassdamen ihre Probleme, dies ist schließlich ein seriöses kulturelles Event!

Wir lachen und albern herum und ein paar Meter hinter dem Zugang zum Pier scheucht einen niemand mehr in die Mitte. Die anwesenden Enten lassen sich ebenfalls nicht aus der Ruhe bringen. Selbst penetrantes Handyfotografieren entlockt ihnen kein müdes Quaken.

Als wir weiter auf den Pier rauslaufen, merkt man die Bewegungen des Wassers immer stärker. Wir beschließen, jetzt unsere Schuhe auszuziehen und - wie von Christo empfohlen - den weiteren Weg barfuß bzw. mit Socken fortzusetzen, um die Bewegungen besser zu spüren.
WOW!
Es ist ein tolles Gefühl, hier mitten im Wasser zu stehen, das Schwanken zu fühlen und selbst irgendwie ein Teil der Installation zu werden. 

Am anderen Ufer angelangt, ist für uns jetzt auch schon der Zeitpunkt für die Rückkehr gekommen. Wir rechnen mit Rückreisechaos und wollen versuchen, nicht den letzten Bus zu erreichen, sondern den um 17:15 Uhr ab Edolo. Vorher machen wir noch eine kurze Rast, trinken etwas und Werner schnippelt mit Hilfe vom Operationsbesteck noch ein ordentliches Stück Stoff ab. Wir bewundern die Akribie, mit der die Stoffe um Bäume, Laternen und Kurven drappiert wurde. Alles ist an den Rändern vernäht, hier muss eine wahnsinnige Vermessungsarbeit stattgefunden haben!

Die Installations-Enten sind auch hier nicht fern. Werner kommentiert die Abwehr von Erpel 2 durch Erpel 1 mit den Worten "Ach komm, zu Dritt macht's doch auch Spaß!"
68-er, tsk!
Bestens gelaunt und erfüllt von den Eindrücken auf und um die Piers machen wir uns auf den Weg zur Stazzione Ferroviaria.

18. Gesang - Im Reich des Helios...

Am dem Mini-Bahnhof ballen sich Menschenmassen. Werner und ich drängen uns an den Rand, um überhaupt erstmal zu erfahren, wann welcher Zug wohin fährt. Man erklärt uns, dass der nächste nach Brescia geht, unserer sei der übernächste. Bis dahin müssen wir uns in Geduld üben, Vortritt haben nur Behinderte oder kleine Kinder. Werners Vorschlag, einen Ohnmachtsanfall zu simulieren finde ich prima, aber wir stehen dann doch lieber brav in der Schlange. Es ist unglaublich heiß, zum aufspannen meines Schirms ist es zu eng und wir schwitzen wie in der Sauna. Es hat locker 36 und mehr Grad im Schatten, plus einer ziemlich hohen Luftfeuchtigkeit.

Der erste Zug kommt und die Menschenmassen drängen nach vorne. Wir schaffen es, ein paar Meter weiter zu kommen. Ich hoffe, dass ich Werner, der unsere Fahrkarte hat, im Gedränge nicht verliere. Inzwischen stehen wir etwas schattiger, allerdings dürfen wir uns nicht an der Mauer des Bahnhofs anlehnen. Hier wird nämlich jetzt eine Versorgungsgasse für die Verteilung von Wasser gebildet! Das finden wir super. Wir haben zwar selbst noch genug, reichen aber gerne weiter. Werner trinkt ausnahmsweise eine der verteilten Flaschen leer, obwohl das Wasser von Nestlé ist, einer Firma, die wir beide boykottieren und (nicht nur) aufgrund ihrer Wasserpolitik verabscheuen.

Der zweite Zug kommt nun auch an und die Massen drängen nach vorne. Werner und ich schaffen es aber, zusammen zu bleiben und entern den Zug. Diesmal gibt es nur Stehplätze für uns, aber wenigstens ist es kühl drin. Als zwei Stationen später einige Leute aussteigen, können wir uns setzen. Uns gegenüber sitzt ein italienisches Paar, dem Werner dann gleich stolz seine Beute inklusive einer realistischen Preisvorstellung präsentiert. Wir lachen und scherzen, bieten uns gegenseitig Dinge aus dem Vorrat an. Ich habe die Lacher auf meiner Seite, als ich eine 1,5-Liter-Flasche aus dem Rucksack ziehe und diese für "diecimille" anpreise. Der Tochter der beiden schenkt Werner dann noch einen losen Faden aus dem Stoff, den diese recht befremdet annimmt.

19. Gesang - Mit Aiolos' Hilfe...

Bald erreichen wir Darfo Boario Terme, der Zug endet hier. Es soll nun angeblich einen Bus geben, der uns nach Edolo bringt. Wir laufen einfach wieder den anderen hinterher, besteigen den Bus und hoffen, dass der Fahrer bald mal die Klimaanlage einschaltet. Der Bus fährt bald los und wir sind froh über den Sitzplatz, denn bis Edolo ist es noch ein ganzes Stück. Zum Glück sind wir frühzeitig zurückgefahren, denn auf der Straße wird die Strecke sicherlich länger dauern, als mit der Bahn.

Irgendwann vor Breno macht der Bus einen kurzen Stopp. Am Sonntag würde es ein Campionissimo im Radsport geben, in Aprica hatten wir ja schon die Vorbereitungen gesehen. Hier gibt es irgendeine Trainings- oder Zeitrunde mit einer größeren Gruppe Rennradfahrerinnen, die auch rasch durch den Ort gesaust sind. Weiter geht es bis Breno Stazzione. Hier stellen wir fest, dass unser Bus nicht weiter fährt. Der Fahrer meint, es gäbe irgendeinen Pulman, der weiter nach Edolo fährt und schickt uns eine Treppe hoch.

Werner spricht einen Carabinieri an, der uns zu der Haltestelle schickt. Dort gibt es aber  leider keinen Bus nach Edolo! Moment, da hängt ein Zettel! Mit Hilfe eines Wartenden und meiner rostigen Italienischkenntnisse finden wir heraus, dass der Bus irgendwie nicht fährt, oder von irgendwoanders. Werner fragt in der Bäckerei gegenüber und ich in der Bar. Wir werden weiter weg geschickt, sind aber an dem angegebenen Ort skeptisch. Das sieht so gar nicht nach Haltestelle aus, und auf dem Platz weiter oben? Nein, Fehlanzeige. Wir gehen nochmal in die Bar und dort beschreibt uns die Dame, wie der Platz heißt und dass dort eine Bank ist. Aha, waren wir doch richtig.

Werner quengelt und möchte "Ein Stück Schwarzwälder und einen Kaffee!" Ich insistiere, dass wir erst genau rausfinden, wo und wann der Bus fährt, bevor es irgendeine Belohnung gibt. Beides ist rasch erledigt, wir haben noch eine halbe Stunde Zeit, das reicht für Kaffee, Kuchen und Gelato!

Während ich mein Eis esse und Werner sich mit Kaffee und Kuchen stärkt, erklärt er mir, wie man am besten die ältere Dame überfallen könnte, die gerade auf dem Parkplatz gegenüber das Auto abgestellt hat und nun in die Bank zum Geld holen gegangen ist. So einen schlechten Einfluss hätte ich von einem seriösen Herrn im gesetzten Alter nicht erwartet! Wir rätseln, ob der Bus wirklich kommt, oder wir eine andere Lösung finden müssen. Werners Idee ist, dass er im Zweifelsfall ein Auto knacken würde, so ein altes ohne Elektronik, genau so eins, wie die ältere Dame, die gerade gegenüber in der Bank Geld holt, hat! Danach müsste man aber das Auto anzünden, um die Spuren zu beseitigen. "Das habe ich alles aus dem Fernsehen!" sagt Werner gut gelaunt.

Glücklicherweise kommt nun unser Bus! Ich hatte mir schon ausgemalt, wie wir den Rest unseres Lebens im italienischen Knast verbringen.

20. Gesang - Cena Trimalchionis in Aprica...

Der Bus ist nun wirklich der Richtige und wir können uns ein wenig von den Strapazen des Tages
Wetterwechsel kündigt sich an...
erholen. Ich hatte vorgeschlagen, dass wir am Abend in Aprica essen gehen könnten. Extra einkaufen und kochen finde ich für so eine kurze Zeit zu aufwendig und außerdem sind wir in Italien, da wird es wohl gescheites Essen geben!

Auf dem Campeggio begrüßen uns Skylla und Charybdis, die einträchtig auf einer Bank nebeneinander sitzen. Werner überlegt noch, welche der Flaggen er mitnehmen möchte, um unsere Mopeds am nächsten Tag entsprechend dekorieren zu können. Es gibt sogar die tschechische Flagge, aber wir gehen dann doch erst einmal duschen und lassen die Fahnen hängen. Als nächstes besorgen wir im Laden vom Campingplatz  Werners Frühstücksmarmelade.

Um unsere knurrenden Mägen zu füllen, laufen wir hoch nach Aprica. Auf dem Weg fragen wir im Supermercato, ob dieser auch sonntags offen ist. Das wird uns bestätigt und wir überlegen schon einmal, was wir für unterwegs einkaufen möchten. Aber erst einmal sehen wir uns die Partymeile für das Radrennen an, bewundern die Radfahrer, schauen in ein Zelt mit Fahrrädern und -zubehör.

Mein Vorschlag, doch zwei heliumgefüllte Ballons als Dekoration für die Mopeds zu kaufen, lehnt Werner leider ab. Schade, ich hätte gerne so einen chicen Hello-Kitty-Ballon an Conchita gebunden!

Wir beschließen einhellig, dass wir uns in einer der Seitenstraßen nach einem Restaurant umsehen möchten. Es fängt nun auch an zu regnen, und ich bin froh, dass ich meine Armeebluse übergezogen habe. Werner trägt galant unseren Schirm, beklagt sich aber, dass ich nicht extra erwähnt hatte, auch etwas mit langen Ärmeln mitzunehmen. In einer Nebenstraße finden wir erstmal einen Bäcker mit verlockenden Süßwaren. Da wir aber erstmal anständig essen möchten, verschieben wir den Süßigkeitenkauf auf später und suchen ein Restaurant.

Nach zwei Anläufen landen wir in einem Hotelrestaurant. Dort bekommen wir - nachdem wir klar gemacht haben, dass wir kein Zimmer dort haben - rasch einen Tisch. Fix stellt man uns ein Coperto mit Brötchen und Grissini hin. Dann kommt der Chef und fragt uns, was wir essen möchten. Er zählt alles mögliche auf, ich versuche zu übersetzen. Wir einigen uns auf Pizzoccheri und sind mal gespannt, was da kommt. Davor bedienen wir uns noch beim Salat und ruckzuck stehen sowohl Getränke, als auch unser Essen auf dem Tisch. Ich merke mir für später, dass ich noch "sarazeno" nachgucken muss. Irgendein Getreide, aber welches...? Die Pizzoccheri sind einfach nur köstlich! Mit etwas Salbeibutter und Kartoffelstückchen, etwas Käse drüber, genial!

So langsam füllt sich auch das Restaurant mit Radfahrern und anderen Gästen. Wir unterhalten uns und knabbern die köstlichen Rosmarin-Grissini. Zum Nachtisch holt sich Werner noch ein Stück Obst. Ich muss passen, mein Magen ist voll! Werner nimmt noch mehr Brot und tunkt damit das wunderbare Olivenöl von der Salatbar auf.

Als wir das Restaurant verlassen, ist der Bäcker leider geschlossen. Werner muss also auf Süßkram
verzichten. Inzwischen ist es draußen deutlich kühler geworden. Auf der Partymeile schwingen wir kurz das Tanzbein und gehen dann zurück zum Campeggio. Ich erwähne, dass ich hoffe, dass wir diese Nacht nicht frieren werden. Da Werner wegen der von mir angekündigten heißen Temperaturen keine wärmeren Klamotten mitgenommen hat,  bekomme ich hier wieder Schuldzuweisungen zu hören, was unserer guten Laune aber keinen Abbruch tut.

Auf dem Campeggio genehmigt sich Werner doch noch ein Stück Kuchen und ich trinke ein Bier. Wir lassen den Tag Revue passieren und quatschen noch bis kurz vor 22 Uhr. Danach ist es Zeit, in den Schlafsack zu kriechen, die Rückfahrt wird anstrengend.

21. Gesang - Odysseus trägt orange...

Wie schnell doch so ein Wochenende vergeht! Um 7 Uhr klingeln unsere Handys und wir kriechen aus den Zelten. Leider sieht das Wetter so gar nicht gut aus, überall quellen Wolken. Ich beginne recht rasch damit, schon einiges einzupacken, während Werner netterweise Kaffee kocht und uns noch Brot und wieder die genialen Croissants holt. Wir essen und trinken im trockenen, ich bin schon geduscht, Werner muss noch. Da die Straße wegen des Radrennens bis 8:45 Uhr gesperrt ist, haben wir auch keine allzu große Eile mit dem Einpacken unserer Sachen.

Während ich schon einiges gepackt habe und Werner in der Dusche ist, beginnt es zu regnen. Werners aufgehängte Klamotten, Stiefel und seinen Stuhl stelle ich rasch in sein Zelt, rette unseren Kaffee und setze mich unter die Überdachung der Brücke über unseren Campingbach. Ich knöpfe das Futter in meine Motorradjacke und hoffe, dass wir unterwegs nicht nur im Regen fahren müssen.

Als Werner aus der Dusche kommt, regnet es noch immer. Ich habe mein Zelt zum Glück noch im trockenen und einigermaßen trocken abgebaut. Werners ist nass, aber in einer Regenpause baut auch er ab und wir packen die Mopeds auf. Werner hilft mir beim rangieren auf dem nassen Gras und ich fahre schon einmal vor, um oben an der Straße auf ihn zu warten.

Wir fahren nun erst einmal einkaufen. Dann geht es über eine kleine Seitenstraße weiter und zum
Apricapass. Das Wetter macht mir etwas Bauchweh, es tröpfelt immer mal und zwischen den Radfahrern auf der Straße kommen wir auch nicht so schnell voran. Zum Glück biegen die Rennradler bald auf eine Seitenstraße ab, so dass wir einigermaßen zügig weiter nach Tirano kommen.

Richtung Bernina wird es immer dunkler. Ich habe bereits meine Regenmembran in der Jacke, aber die Hose ist noch hinten auf dem Gepäckträger. Als wir uns dem Berninapass nähern, wird es immer dunkler, ich sehe einen Blitz. Hinter einer Kurve hält Werner an. Ich steige in meine Regenhose und Werner holt nun seine leuchtend orange Post-Regenkombi aus dem Koffer. Aufschrift hinten: Post. Aufschrift vorne auf der Hose: Herr Duffner. Ich kriege einen Lachanfall. Werner sieht mit seiner Regen-Kombi und der gelben Sturmhaube wie ein mutierter Feuersalamander aus! Aber wenigstens kann man ihn gut sehen...

Ein paar Kilometer weiter beginnt es zu regnen, bald zu schütten. Sicht gleich Null. Wir fahren aber trotzdem flottes Tempo über den Pass und nach unten. Die Landschaft verschwimmt zu einer grauen Matsche. Wir müssen - wie auf dem Hinweg - etliche Baustellen passieren, drängeln uns vor, wo es nur geht und überholen. Mein Visier ist angelaufen, die Pinlockscheibe liegt daheim, aber egal. Ich fahre jetzt offen und sehe nicht mehr viel, weil jetzt auch Wasser auf die Brille läuft, diese beschlägt... so kämpfen wir uns weiter durch. An jeder Baustellenampel machen wir Scherze, lachen, blödeln herum. Auf dem Julierpass legen wir eine kurze Pause ein, Werner möchte seine Handschuhe wechseln, ich nutze die Zeit, um fix etwas zu essen und weil normale "Passbilder" doof sind, lege erst ich und dann Werner noch eine Poledance-Einheit an der Stange vom Pass-Schild hin. Wir sind ausgelassen wie die Kinder, winken anderen Motorradfahrern und albern auf dem Parkplatz herum.

Bald geht es weiter und unsere treuen Motorräder tragen uns durch das Sauwetter hinter dem Pass bis nach Chur, wo wir einen Tankstopp einlegen und Werner bei dem McCafé nebenan Kaffee für uns holt. Werner hätte gerne Käsekuchen gekauft, aber für 9 SFr verzichten wir dankend. Ein paar Vorräte haben wir noch, und wir wollen eh rasch Land gewinnen.

Odysseus trägt orange!
Zum Glück wird das Wetter ab Chur langsam trockener und wir donnern die Autobahn Richtung Zürich und Basel weiter. Jetzt kommt auch etwas Sonne hervor und die nasse Jacke wird vom Fahrtwind trocken geblasen. Bei Kaiseraugst dirigiert uns Werner auf einen Parkplatz. Mir dröhnen die Ohren von der Autobahnfahrt und ich bin ein bisschen ko, habe Hunger und Durst. Jetzt verspeisen wir das restliche Brot aus Italien, die leckeren Tomaten und das Obst, trinken Wasser und lassen die Rückfahrt Revue passieren.

Ich habe das Gefühl, dass keiner von uns nach Hause will, zu schön war diese spontane Reise, so viele Eindrücke, so viele Erlebnisse, so viel gelacht...Wir steigen auf die Mopeds und fahren weiter Richtung Freiburg. Kurz vor Bad Krozigen ist der Abschied dann da, wir halten kurz auf einem Parkplatz, umarmen uns und dann trennen sich unsere Wege...

Auf Wiedersehen, Werner, bis zu nächsten Flucht aus dem Alltag!

Kommentare:

  1. IN USA könnte Werner so nicht rumlaufen. Sie würden ihn umgehend nach Guantanamo ausliefern... LOL... Aber das klingt alles traumhaft... Vor allem die schöne Landschaft, die netten Leuten, die leckeren Croissants...

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    1. Hier würden sie ihm ein Fahrrad geben und ihn Briefe austragen lassen :-D
      Es war eine total geniale Alltagsflucht und ich hoffe, dass wir sowas noch oft zusammen machen werden.

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  2. Wer allzeit bei dem Ofen sitzt,
    Grillen und die Hölzlein spitzt
    und fremde Lande nicht beschaut,
    der ist ein Aff in seiner Haut.


    Altdeutscher Witz

    WOW !!!
    TOLLE & herrlichkomprimierteundSOlebendige Lebenszeit ->♥

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  3. Bin Sprachlos! Ohne Worte, oder doch eines: NEID!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

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    1. Bis Sonntag könnt ihr noch hinfahren und selbst anschauen...

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