Donnerstag, 12. November 2015

Don't be a MAYBE

Mir geht seit ein paar Tagen durch den Kopf, dass ich mit "vielleicht" nicht gut leben kann. Ich brauche Klarheit in meinem Leben, klare Entscheidungen PRO oder CONTRA, der berühmte "goldene Mittelweg" und anderes Herumgeeiere sind nichts für mich.

In den letzten 6 Jahren sind mir einige "vielleicht"-Menschen begegnet. Klar, wenn man jemanden neu kennenlernt und "vielleicht" auf der Suche nach jemandem ist, möchte man sich "vielleicht" noch andere Optionen offenhalten.

"Vielleicht" heißt aber auch, dass ich mich eben nur "vielleicht" mit meinem Gegenüber auseinandersetze, weil das ja "vielleicht" die falsche Entscheidung sein könnte.

Wie Buridans Esel stehen die "Vielleichts" zwischen zwei (oder mehr) Heuballen und können sich nicht entscheiden.
Der hier?
Oder "vielleicht" lieber jener?

Am Ende des Tages wird der Esel nur eins erreicht haben: Er hat immer noch Hunger und er ist obendrein noch unglücklich. Aber morgen, morgen wird bestimmt der richtige Heuballen vor ihm liegen, oder die einzig wahre Karotte! Gewiss, so muss es sein, so wurde es ihm gesagt und das glaubt er.

Kürzlich las ich einen Artikel darüber, dass uns endlose Auswahl nicht glücklich macht. Wenn wir zwischen wenigen Optionen wählen können, fühlen wir uns mit der getroffenen Entscheidung wesentlich glücklicher.

Also gilt es "vielleicht" die überflüssigen "Vielleichts" aus dem Leben zu streichen?
Die Auswahl auf wenige Optionen zu reduzieren, PRO und CONTRA pragmatisch abzuwägen?

Ich weiß, das klingt schrecklich rational und vernünftig und gar nicht nach Spaß und Erfüllung.
Wo bleibt denn da das GROßE GEFÜHL?
Die wundervolle, romantische Beziehung, in der man gemeinsam in den Sonnenuntergang reitet?

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Nebenan steht Müllers Esel.

Müllers Esel ist ein fröhlicher Geselle, Hunger hat er selten. Wenn Müller ihm zwei Heuballen hinlegt, schaut sich der Esel beide an und beißt einfach in IRGENDEINEN.
Sie riechen ja gleich, sind gleich groß, sehen gleich aus.
Zumindest auf den ersten Blick.

Müllers Esel juckt das wenig, er hat Hunger und das Heu ist lecker.
Morgen kann er ja zur Abwechslung den linken statt den rechten Ballen versuchen, oder das Bündel Karotten, das da auch liegt.
Müllers Esel schläft abends satt und glücklich ein, denn Müllers Esel weiß, wer er ist (ein Esel), was er will (Heuballen) und wie er satt wird (sich für einen Ballen entscheiden und den fressen).

Selbstzweifel hat er manchmal auch und an einigen Tagen ist es wirklich schwierig zu entscheiden, ob jener Heuballen nicht vielleicht doch leckerer gewesen wäre, als dieser.

Meist gelangt Müllers Esel aber zu der Einsicht, dass er von diesem Heuballen satt geworden ist und jener ihn folglich nicht weiter interessiert, er hat sich numal entschieden und lebt mit den Konsequenzen seiner Entscheidung, mal mehr mal weniger glücklich.

Die scheinbar unendliche Entscheidungsfreiheit unserer Zeit ist aus meiner Sicht nichts anderes als eine Form der dauerhaften Selbstblockade. Der Zustand dieses dauerhaften "Vielleichts" ist ein Zustand des maximalen Unglücklichseins.

Ich schreibe mit Absicht von "Entscheidungsfreiheit" und nicht von "Wahlfreiheit". "Entscheidungsfreiheit" ist hier analog zu lesen zu "Meinungsfreiheit" im ironischen Sinne von "von einer eigenen Meinung frei sein".

Ist eine Entscheidung falsch, kann ich dennoch jederzeit eine andere treffen.

Ich muss nicht von einem Heuballen zum nächsten rasen, ich kann verweilen, kann die Heuballen betrachten, abwägen, mich entscheiden.

Und wenn nicht der optimale Ballen dabei war, so what?

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Das GROßE GEFÜHL entsteht nicht aus "Vielleicht".

Es entsteht, weil wir Entscheidungen fällen, die nicht immer bequem sind, Entscheidungen, die Mut brauchen, Entscheidungen, die manchmal verrückt sind.

Es entsteht aus der Exklusivität der getroffenen Entscheidung heraus, nicht aus "vielleicht", auch wenn diese am Ende des Tages "vielleicht" doch nicht richtig war.

Kommentare:

  1. „Auch ist das vielleicht nicht eigentlich Liebe, wenn ich sage, daß Du mir das Liebste bist; Liebe ist, daß Du mir das Messer bist, mit dem ich in mir wühle.“

    Franz Kafka

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    1. Ein bisschen drastisch, der Herr Kafka, aber im Prinzip stimme ich ihm zu. Vielleicht :-D

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