Sonntag, 18. August 2013

Unterwegs mit Bike und Zelt II - Deutsche Fachwerkstraße und Zollernalbkreis

Home, sweet Home
Kennt Ihr das auch? Kaum seid Ihr an Eurem Ziel angekommen, fragt Ihr Euch, ob der Hahn von der Waschmaschine zu ist, oder ob Ihr alle Fenster geschlossen habt. So ging es mir am Freitagabend. Ich mache immer eine Runde durch die Wohnung und gucke, ob alles zu ist. Diesmal wurde ich beim aufpacken jedoch von meiner Vermieterin gestört, und da diese Störungen immer länger dauern, hatte ich es eilig, aus dem Haus zu kommen.

Das Problem war kein Wasserhahn, sondern ein Fenster. Und zwar das von meinem Arbeitszimmer, das man - wenn es offen ist - prima als Einstieg benutzen könnte. So lag ich also Freitagabend in meinem Schlafsack und überlegte ernsthaft, ob ich Samstag nicht erst schnell wieder nach Freiburg fahren sollte, nach dem Fenster gucken. Irgendwann habe ich beschlossen, Fenster Fenster sein zu lassen, zu holen gibt es bei mir sowieso nichts. Alle Wertsachen habe ich bei mir und die wichtigste Wertsache befindet sich sowieso die meiste Zeit unter meinem Hintern.

Dornstetten - Marktplatz
Als Übernachtungsort hatte ich mir diesmal Dornstetten im Nordschwarzwald am Rand zur Schwäbischen Alb ausgesucht. Das Städtchen sah schon mal vielversprechend aus und der Campingplatz "Königskanzel" ebenfalls.

Ich kam nach einer relativ zügigen Fahrt am frühen Abend dort an, baute das Zelt auf und setzte mich in die Abendsonne auf eine Wiese. Diesmal hatte ich mehr Verpflegung mitgenommen, als bei der letzten Tour und ging mit gefülltem Magen schlafen. Ich habe schon lange nicht mehr so tief und so lange geschlafen, wie in dieser Nacht. Statt Kissen hatte ich einfach den Dry-Sack gefüllt mit meinen Klamotten unter den Kopf geschoben. T-Shirt drüber, fertig.

Dornstetten - Zehntscheuer
Am Samstag schälte ich mich dann gegen 1/2 9 aus dem Zelt, holte meine Brötchen ab, machte Frühstück und plante die Tour. Der erste Stop sollte Dornstetten sein.

Dornstetten ist ein hübsches, mittelalterliches Städtchen, das besonders für sein Rundfachwerk bekannt ist. Nach einer Runde durch das noch völlig menschenleere Örtchen genehmigte ich mit einen Kaffee auf dem Marktplatz. Irgendwie fällt für mich auf meinen Touren der Alltag in kürzester Zeit von mir ab. Die kleinen Wochenend-Auszeiten wirken Wunder. Mit Blick auf das Rundfachwerk der Häuser gegenüber kam ich ins Grübeln. Ich fragte mich, warum wir Fachwerkhäuser so schön finden und mir fiel die ästhetische Theorie "Analysis of Beauty" von William Hogarth ein. Hogarth schreibt dort unter anderem, dass die S-Linie die schönste Linie sei, da sie das Auge anregt und am ehesten Lebendigkeit und Bewegung ausdrückt. Die unregelmäßige Regelmäßigkeit des Holzes gepaart mit der Symetrie der Fachwerkmuster erfreut also unser Auge und das Rundfachwerk dann folglich ganz besonders...



Der nächste Gedanke der sich mir aufdrängte war, ob unsere heutige Zweck-Architektur ein Ausdruck unserer langweiligen, getakteten Leben ist. Fachwerkarchitektur war ja sicherlich auch ein Ausdruck des Könnens der Handwerker. Und natürlich ein Ausdruck der finanziellen Möglichkeiten des Bauherrn... Es ist eine Gemütlichkeit und Ruhe, die diese Häuser trotz (oder wegen?) ihrer Unregelmäßigkeit und ihrer Bodenständigkeit ausdrücken.

Bei dem Gedanken an die Taktung unseres Lebens fragte ich mich, wann das eigentlich genau begonnen hatte. Mit der Erfindung von Chronometern? Oder tatsächlich erst durch die Produktionsgesellschaft? Müßiggang hat heutzutage ja den Ruch der Faulheit. Wir sollen immer verfügbar sein, immer produktiv, immer wach und immer leistungsbereit. An so einem wunderbaren Samstag wie gestern fiel es mir sehr leicht, mich dem Müßiggang hinzugeben. Heute ging es nicht darum, eine weite Strecke zu fahren, sondern das Schöne am Weg zu genießen.

Puppenhäuschen ;-)
Der nächste Besuch galt Nagold. Hier war noch Wochenmarkt und entsprechend voll waren die Gassen. Inzwischen war es doch recht heiß geworden und neben Sonnencreme für die Nase und Wasser für die Kehle wollte der Magen noch gefüllt werden. Und zwar mit einem schönen Eis. Bewaffnet mit der Eistüte ging es auf die Suche nach einer schattigen Bank, was gar nicht so einfach war. Als ich dann eine gefunden hatte, war dort gegenüber noch eine Eisdiele. Ich hätte also alles auf einmal haben können. Aber egal, Schatten ist Schatten. Und das Eis war auch gut.

Die Beschreibung der Deutschen Fachwerkstraße dass hier "Die Orte wie Perlen an einer Schnur" aufgereiht liegen, ist nicht übertrieben. Man könnte eigentlich in jedem kleineren oder größeren Ort anhalten, einen Bummel machen und sich alles ansehen. So viele hübsche Häuschen, so viele winkelige Gassen.

Die sind besonders süß!
Nach einer Runde durch den Ort bei inzwischen ganz ordentlichen Temperaturen zog es mich wieder aufs Motorrad. Zumindest ein bisschen kühler ist es beim fahren ja doch. Ich hätte gerne eine Kühlhose im Sommer... Für die Jacke habe ich eine gute Lösung gefunden, die passt in den Rucksack komplett rein. Dafür merkt man umso mehr, wie die Hose am Bein klebt und der Schweiß in die Stiefel rinnt... Irgendwann in den nächsten Wochen gibt es eine Anprobe für die Motorradtaschen von Ortlieb. Da könnte man dann ggf. die Hose + Stiefel reinstopfen und in Short und Sandalen umsteigen. Die Klamotten sind beim Stadtbummel im Sommer schon eine Plage.

Im Nagoldtal war es dann angenehm, teilweise auch schattig und der Fahrtwind kühlte mich wieder auf eine angenehme Betriebstemperatur herunter. Weiter ging es nach Calw.

Calw
Dort war ich vor Ewigkeiten mit 18 oder so einmal gewesen. Die Schwester einer Freundin war
Reformfachverkäuferin und lud uns zur Besichtigung von Welda in Schwäbisch Gmünd ein. Von dort fuhren wir weiter nach Calw. Ich hatte noch dunkle Erinnerungen an Fachwerkhäuser und eine Fahrt durch den Schwarzwald. Lang lang ist's her... Heute begrüßte mich Calw bei strahlend blauem Himmel gleich am Ortseingang mit niedlich, krummen Fachwerkhäuschen. In Richtung Marktplatz wurde es prachtvoller und großzügiger. Hier gab es keine engen Gässchen, hier war alles viel weitläufiger.

Bei meinem Bummel durch die Stadt und dem Thema "Müßiggang" kam mir die Idee, dass ich Postkarten kaufen und verschicken könnte. Ich hasse es, im Urlaub Karten zu verschicken, da mir das als recht sinnlose Zeitverschwendung erscheint. Da möchte ich lieber Nichtstun, oder irgendwo sitzen, oder Motorrad fahren und nicht mühsam meine Erlebnisse auf eine Karte kritzeln müssen. Aber so eine schöne, kitschige Schwarzwald-Postkarte, darauf hatte ich jetzt Lust.

Ist das nicht niedlich?
Flugs zwei Karten nebst zugehörigen Briefmarken gekauft und geschrieben. Das nächste Mal nehme
ich mein Adressbuch mit, dann kann ich noch mehr Leute mit Karten beglücken.

Inzwischen war der Nachmittag vorangeschritten und ich wollte noch ein wenig weiter meine Runde vollenden.

Kloster Hirsau lag am Weg, also machte ich noch einen Abstecher dort hin. Was mir gestern auf meinen Spaziergängen durch die verschiedenen Orte auffiel war, wie leer es dort überall war. Es ist Hauptsaison und in Bayern und Baden-Württemberg sind noch Ferien.

In der Klosteranlage war es ebenfalls fast menschenleer, zumindest bis auf die Kirche, denn dort war gerade eine Hochzeit. Die Schloßruine wird derzeit saniert und man
Kloster Hirsau
kann dort nicht hinein. Ein bisschen schade war auch, dass ziemliche hässliche Bestuhlung für die Freiluftbühne aufgebaut war. Klar, an so einem Ort schaut man sich gerne ein Schauspiel an. Ich war vor etlichen Jahre auf einer Aufführung von "Der Ackermann und der Tod" auf dem Alten Friedhof in Freiburg. Einen besseren Ort hätte man sich dafür nicht aussuchen können!

Die Sonne brannte mittlerweile unbarmherzig vom strahlend blauen Himmel und mir rann der Schweiß in Strömen. Hätte ich diesmal nur meine Badesachen dabei, dann hätte ich nachher noch an der Nagoldtalsperre ein erfrischendes Bad nehmen können. Hatte ich aber nicht. Also weiter schwitzen.

Kloster Hirsau
Vor der Sperre hatte ich noch einen kleinen Schwenk durch den Wald gedreht und war auf das Gasthaus Kröpfmühle gestoßen. Im schattigen Biergarten konnte ich ein bisschen abkühlen und mich stärken. Danach ging es weiter zur Nagoldtalsperre. Naja, selbst mit Badesachen hätte ich mir's überlegt, das Wasser roch nicht so richtig lecker.

Meine letzte Station an diesem Abend war Horb am Neckar. In der immer noch beachtlichen Wärme schleppte ich mich die etlichen Treppen nach oben, um einen Blick über die Stadt zu haben und noch ein paar Bilder machen zu können. Die Sonne stand schon tief, als ich wieder zu meinem Zelt zurückkam.
Jetzt noch rasch duschen, ein bisschen was essen und dann in den Schlafsack kriechen.

Horb am Neckar
Die Nacht war dann nicht ganz so erholsam, weil irgendetwas an meiner Mülltüte, die vor dem Zelt
lag herumraschelte und dann noch meinen Aluteekessel umwarf. Selbst ein "kssscht" hat nicht viel geholfen. Ich schätze mal, dass es ein Igel war, der sich an der leeren Brötchentüte zu schaffen machte. Außer ein paar Krümeln wird er nichts gefunden haben.

Fortsetzung folgt...


1 Kommentar:

  1. Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen.

    Johann Wolfgang von Goethe

    ...und durch Deine kosmischen Bikertouren !!!
    ♥schliebe Postkarten ... ;) *hüstel*

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