Mittwoch, 22. Mai 2013

Tour de France (et d'Espagne) - Teil 1


Schon seit Ewigkeiten stehen die Pyrenäen auf der Liste der "Muss-ich-unbedingt-mal-besuchen"-Orte. Da mir der Pfingstochse ein wenig Freizeit beschert hat, und ich angesichts des schauderlichen Wetters Fernweh verspürte, habe ich kurzerhand eine Tour in den Süden geplant. So richtig viel gefahren bin ich dieses Jahr noch nicht, und der Hunger nach ausgedehnten Stunden im Sattel war groß.

Zur Vorbereitung habe ich mir diverses Kartenmaterial besorgt, u. a. Karten für Languedoc-Roussillon und die Französische Atlantikküste, sowie die "Reise-Knowhow"-Karte Pyrenäen und noch zwei weitere Karten mit größeren Maßstäben. Dazu noch Motorradkarten für Südfrankreich und zwei Reiseführer, den von Reise Knowhow und "Lust auf Pyrenäen". Zwei kleine, handliche Wörterbücher fanden noch den Weg in den Tankrucksack. Ich spreche zwar sowohl Französisch, als auch Spanisch, aber speziell bei Französisch sind meine Kenntnisse sehr begrenzt. Jaja, jede Menge Material, aber ich hatte nur wenig davon dabei. In erster Linie wollte ich verschiedene Infos zum vor- und nachbereiten und mir durch das Lesen die Vorfreude versüßen.

Letzten Donnerstag (9.5.) ging es dann los. Am Tag vorher kriegte mein Moped noch einen neuen Vorderreifen und eine Inspektion spendiert. Aus der Erfahrung des letzten Urlaubs wusste ich, dass ich mit sehr wenigen Sachen auskommen würde. Den Großteil der Zeit steckt man eh in der Kombi, also braucht man auch nicht allzuviele andere Klamotten mitnehmen. Glücklicherweise habe ich nicht gezeltet, wie ich ursprünglich vorhatte. Ein Blick auf die Nachttemperaturen in den Hochlagen der Pyrenäen hat mich eines besseren belehrt. Bei -5 Grad und weniger wollte ich dann doch nicht draußen schlafen, so sehr ich die Unabhängigkeit eines "Stoffhauses auf Rädern" schätze.

9.5.2013 Freiburg - Le Puy-en-Velay 

... here comes the rain again...
Die Latte für den ersten Tourtag hatte ich recht hoch gelegt, bis nach Le Puy-en-Velay in der Auvergne sollte die erste Etappe führen.

Laut google-maps so knappe 600 km, das ist an einem Tag doch machbar, dachte ich. Und weil Autobahn so langweilig ist, fahren wir schön über Land und gucken uns noch alles möglich an, was am Weg liegt. Bei leicht bedecktem Himmel ging es am Vormittag los, immer schön auf den kleinen Straßen und auf den Nationalstraßen. Gefühlt legte ich ganz gut Weg zurück, und da ich eine Unterkunft reserviert hatte, wollte ich auch unbedingt bis dorthin kommen. Nun ja, unterwegs kam schon mal der eine oder andere Gedanke auf, dass es schade ist, hier so durchzurasen. Das Doubs-Tal und diverse andere schöne Streckenabschnitte lockten schon, etwas länger zu verweilen. Aber nichts da, fahren! Als dann so langsam das Zentralmassiv in den Blick rückte, zog es sich immer weiter zu.

Die Hoffnung, dass ich nicht da hinfahren würde, wo es so düster aussieht, zerstob mit den ersten Tropfen auf dem Visier. Aber gut, wird schon nicht so schlimm werden, ich habe mittlerweile ein weiteres Paar Goretex-Handschuhe, die dicken Winterhandschuhe hatte ich auch dabei, würde ich bestimmt nicht brauchen, ich fahre ja in den Süden, naja, vielleicht mal oben in den Bergen.... Es tropfte, es tropfte mehr, es begann zu regnen. Kein Problem, es ist ja noch hell und ich komme sicherlich noch im Hellen an mein Ziel. Es regnet stärker. Zum Glück bin ich dick angezogen, denn es wird jetzt auch frisch.

Es wird jetzt hügeliger, die Straßen kurviger.Theoretisch ist es hier landschaftlich schön. Wenn man was sehen könnte.
Es regnet. Ohne Unterbrechung.
Hm. Man könnte auch Autobahn.
Ach, ist ja nicht mehr so weit, so in 2 Stunden bin ich sicherlich da.

Es wird kalt.
Es wird langsam dämmerig.
Es regnet.
Ein Hase hoppelt ca. 10 m vor mir gemütlich über die Straße.
Die Straße ist kurvig.
Ich bin müde.
Die Hände tun weh.

Aber ich hab ja die Unterkunft reserviert und es ist bestimmt nicht mehr so weit. Bald kommt eine heiße Dusche und ein warmes Bett. In Ambert sind es nur noch so 20 km und die Straße ist gerade, alles easy!

Es wird dunkel. Ambert kommt und kommt nicht in Sicht.
Schilder mit "Wildwechsel" stehen an der Straße. Es geht durch den Wald. Unter dem Visier murmele ich unablässig vor mich hin "Keine Viecher bitte! Keine Viecher!" Nach gefühlten 10 Stunden auf dieser Strecke kommt endlich Ambert. Und dort das Schild nach Le Puy-en-Velay.
72 km! Ich falle fast aus dem Sattel.
Aber gut, Zähne zusammen und durch. Kälteschauer laufen mir über den Rücken, die Hände sind Eiszapfen, am Hintern wird es langsam feucht. Seit Stunden sind mir der Nutzen von Handprotektoren und Griffheizung vollkommen klar. Viel lieber hätte ich jetzt aber ein warmes Bett und eine heiße Dusche.

Nach weiteren gefühlten 10 Stunden komme ich endlich an. Natürlich habe ich keine Ahnung, wo ich jetzt hinfahren muss, um zu meiner Unterkunft zu kommen. Es ist mir auch egal, ich will nur noch zwei Dinge: heiß duschen und schlafen! Ich steuere das nächstbeste Hotel an, steige steifgefroren vom Motorrad. Klatschnass, wie das Gespenst von Canterville betrete ich die Hotellobby und frage nach einem Zimmer. Die Dame an der Rezeption hat ein Zimmer für mich und fragt, ob ich von weit her komme. "Oui, de Fribourg en Allemagne!" Ja, das ist wirklich weit weg! Denn laut meinem Tacho waren das nicht knapp 600 km, sondern schlappe 730 km.

Ich lasse mein Bike einfach draußen stehen, schleppe meine Taschen in den Aufzug und gehe auf mein Zimmer. Nasse Sachen aufhängen, heiß duschen und dann schlafen! Endlich!

10.5.2013 Le Puy-en-Velay - Réalmont

Am nächsten Morgen klingelt um 8 Uhr der Wecker. Ich bin sowieso schon früher wach und habe bereits einen Blick nach draußen geworfen. Es regnet immer noch. Ingeheim taufe ich den Ort von "Le Puy-en-Velay" in "La Pluie-en-Velay" um.

Ich belade das Bike und stelle fest, dass mein Schlüssel klemmt. Im Geiste sehe ich mich schon mit abgebrochenem Schlüssel irgendwo auf einer einsamen Bergstraße in einer Gegend, deren Dialekt ich nicht verstehe, stehen. Mit ein bisschen Gefummel lässt sich das Zündschloss dann doch bewegen. Da ich dieses Problem noch nie hatte, schiebe ich es auf das intensive Bad, das mein Bike am Vortag bekommen hat. Der Regen ist nicht mehr so schlimm. Ich fahre aus Le Puy los in Richtung Mende. Für heute steht die Gorges du Tarn auf dem Programm und danach geht es weiter Richtung Carcassone.

mystère dans le brouillard...
Es ist unangenehm frisch und vor allem sehr feucht. Weiter hinter Le Puy wechselt das Wetter von Regen zu Nebel.

Ich fahre an einem Parkplatz kurz raus, um ein Foto von der Suppe zu machen. Dort steht ein anderer Motorradfahrer, und wickelt sich in weitere Klamottenschichten. Spontan fällt mir der Song "mystère dans le brouillard" von Liaisons Dangereuses ein. Der Nebel ist teilweise so dicht, dass man vielleicht noch 20 m weit sieht. Auf dem Thermometer in einem Ort werden kuschelige 5 Grad angezeigt. Ich halte auf einem Parkplatz, ziehe meine Handschuhe an, und wärme meine Hände am Motorblock auf. Das Bike kommt gerade so auf Betriebstemperatur und es ist immer noch mehr oder weniger nebelig und ich bin froh, dass ich meine dicken Klamotten dabei un vor allem an habe.

Bei Pradelles wird es endlich etwas heller und der Nebel lichtet sich. So langsam kann man etwas von der Landschaft erkennen. Je weiter ich fahre, desto heller und freundlicher wird das Wetter. Inzwischen befinde ich mich mitten in einem Tal, ein Wildbach fließt an der Straße und die Wiesen sind mit Schlüsselblumen bedeckt. Der Frühling ist hier wohl erst kürzlich angekommen, die Bäume sind teilweise noch kahl, oder haben nur kleine Blätter. Es ist auch nach wie vor frisch, aber immerhin regnet es nicht mehr, oder ist neblig.

Blick nach St. Énemie
Je näher ich an die Gorges du Tarn komme, desto mehr Motorradfahrer begegnen mir und desto wilder und schöner wird die Landschaft. Ich folge dem Schild und lande irgendwann an einer Kreuzung, fahre einfach rechts weiter. Nach einer engen Kehre und mehreren engen Kurven wird die Landschaft auf einmal weit.

Die Sonne scheint und kein Mensch weit und breit auf der Straße. Ich trödele gemütlich vor mich hin, genieße die Sonne, frage mich aber insgeheim, ob DAS die richtige Straße ist. bald stehe ich auf einer Anhöhe mit Blick ins Tal. Es ist die richtige Straße! Unten kann man schon den Tarn sehen und vor mir die kleine, enge, kurvige Straße, die ins Tal führt. Immer noch ist es weitgehend menschenleer. Im letzten Drittel der Strecke ins Tal steht ein Trupp Motorradfahrer an einer Kehre. Kurz dahinter eine hübsche Ölspur und dann sehe ich auch schon die ersten Häuser von St. Énemie und gleich darauf Rudel von Motorradfahrern, fahrend, parkend, im Café, auf dem Parkplatz, überall.

 Ich parke ganz unten am Fluss und genieße die Aussicht und die Sonne, schlendere ein wenig durch den Ort, bis mich der Hunger in die Pizzeria an der Brücke treibt. Hier kann man bestens den Motorradcorso über die Brücke und durch den Ort beobachten, sich die Sonne auf den Pelz scheinen lassen und seine Pizza genießen.

Gestärkt mache ich mich auf den Weg weiter in Richtung Millau. Die Gorges du Tarn wechselt hinter St. Énemie zwischen eng und schluchtartig zu weiter. Ab und an ragen Felsen in die Straße und zwingen zu gemäßigtem Tempo. Angesichts der fantastischen Landschaft sollte man sich hier sowieso Zeit lassen. Die Gorges allein wäre schon eine Tagestour wert, denn eigentlich kann man alle paar Meter anhalten und fotografieren. Kurz vor dem Ende der Gorges am  Pas de Soucis kann man einen kleinen Felsen erklimmen und hat eine fantastische Sicht auf den Fluss.

Vergessene Orte...
Weiter geht es durch Millau in Richtung Albí. Eigentlich wollte ich heute noch bis Carcassone kommen, aber der Weg ist bekanntlich das Ziel und  so trödele ich gemächlich weiter, genieße das schöne Wetter und komme gegen 21 Uhr müde, aber glücklich in Réalmont an. Ich mache mich auf die Suche nach einem Zimmer und lande im Hotel Noelle (die Akzente bitte dazudenken...). Als ich reinkomme, fällt mein Blick zuerst in den Speisesaal aus dem gedämpfte Klaviermusik kommt. Schweigend sitzen hier ältere Herrschaften über ihr Essen gebeugt, es sieht nach Silberbesteck und 5-Gänge-Menüs aus.

Mit meinen verdreckten, verschwitzten Klamotten
fühle ich mich leicht fehl am Platze, aber da kommt auch schon der Besitzer.

Ich leiere mein französisches Sprüchlein herunter und ja, man hat ein Zimmer für mich. Es geht die auf Hochglanz polierte Holztreppe hoch und über Perserteppiche Richtung mein Zimmer. Ja, ok, das nehme ich, sieht nach einer entspannten Nacht aus.

Ich gehe los, meine Maschine abladen. Als ich wieder reinkomme, sagt mir Mr. Noelle, dass er noch ein anderes, ruhigeres Zimmer für mich hat. Soll mir auch Recht sein. Die Nacht verbringe ich auf üppigen Polstern gebettet in einem plüschigen Zimmer, eigenes Bad mit Luxusdusche und Toilette inklusive. Ist schon ein komisches Gefühl, wenn das Hotelzimmer inkl. Bad fast so groß wie die Wohnung zuhause ist...

11.5.2013 Réalmont - Quillam

Am nächsten Morgen erwartet mich dann der ebenfalls plüschige Speisesaal, ich kann den Kamin mit Familienwappen und das Silber im Regal bewundern. Mr. Noelle serviert mir ein üppiges Frühstück mit Croissants, Baguette, Pain au Chocolat, Joghurt und einen Eimer Tee dazu. Frisch gestärkt und ausgeruht geht es zur nächsten Etappe. Heute möchte ich ein  gutes Stück weiter in Richtung Pyrenäen kommen.

Der erste größere Stopp heute wird Carcassonne sein. Wer sich wundert, warum ich nicht mehr Städte/Orte ansehe: Ich habe mein gesamtes Gepäck auf dem Motorrad. Nicht dass da viel zu klauen wäre, wer unbedingt eine Packrolle mit mehr oder weniger sauberen Klamotten möchte, bitteschön. Ärgerlich wäre es trotzdem. Naja, und dann sind da die Klamotten und seit letztem August noch mein Ischias-Hinkebein. Beides macht es nicht sonderlich angenehm, längere Ausflüge zu Fuß zu machen, vor
Maison de la Montagne Noire (zu verkaufen!)
allem, wenn es noch irgendwo bergauf geht. Außerdem mag ich das Gewühl in den Städten nicht, wenn ich keine Ahnung habe, wo ich jetzt hinfahren muss, wo ein Parkplatz sein könnte etc. Am liebsten fahre ich über Land, halte irgendwo, trinke vielleicht mal einen Kaffee und dann geht es weiter. Und - nein - Topcase oder gar Koffer kommen mir nicht ans Motorrad. Zu diesem Thema wird es später in der Ardéche noch eine kleine Anekdote geben.

Es geht durch die wunderbar verlassene Montagne Noire, durch zauberhaft schönen Wald. Aber es ist mal wieder frisch, um nicht zu sagen kalt. So langsam halte ich das sonnige, warme Südfrankreich für ein Land, das es nur irgendwo in einem Paralleliuniversum gibt. Eigentlich hatte ich gehofft, hier leicht bekleidet herumfahren zu können, aber ich bin eingewickelt in mehrere Lagen, Kombi inkl. Goretexfutter, Unterziehhandschuhe... Ich nehme spontan eine Abzweigung von der Hauptstrecke und lande an einem Stausee. Die wenigen Leute dort wirken erstaunt, dass sich jemand hier hin verirrt. Es wäre schön dort, wenn es nur nicht so lausig kalt wäre. Ein eisiger Wind pfeift und ich wärme meine Hände mal wieder am Motor auf, ein Ritual, das ich in diesem Urlaub noch öfter durchführen werde.

Langsam nähere ich mich Carcasonne und ebenso langsam wird es wärmer. Ich fahre in die Stadt und parke auf einem riesigen Parkplatz, weil ich denke, dass ich schon in der Cité angekommen bin. Die Mauer entpuppt sich jedoch als Zugang zu einem der zahlreichen Kalvarienberge. Dieser spezielle Kalvarienberg strahlt mit seinen leicht makaberen Figuren und den ziemlich vergammelten, verfallenen Stationen einen morbiden Charme aus. Ich drehe eine Runde, entdecke in einer Ecke noch halbvergessene, enthauptete Statuen und eine Art Krypta mit einer Jesusfigur drin. Hier könnte man prima einen Vampir- oder anderen Gruselfilm drehen...

... to be continued...








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