Sonntag, 9. September 2018

The crutch diaries - No more Mrs. Frankenfoot

Schluchsee
Der letzte Eintrag ist jetzt doch schon eine ganze Weile her, aber mein Alltag packt an mir. Ich arbeite bereits seit Mitte Juli wieder und seit dem 26.7. laufe ich ganz offiziell ohne Huf und Krücken herum.


In Woche 5 habe ich vorsichtig versucht, die Krücken zunehmend in die Ecke zu schmeißen und bin zumindest zuhause ohne Vacoped, aber dafür erstmal in meinen Trekkingsandalen herumgelaufen. Mit Krücken habe ich fleißig das Abrollen geübt und irgendwann mich getraut, die Schuhe abzulegen und barfuß zu laufen. Rein und raus in die Dusche ging bald auch wieder normal, langsam und vorsichtig zwar, aber nicht mehr mit absetzen auf dem Wannenrand.

Gegen Ende von Woche sieben habe ich dann eines abends beschlossen, etwas "Nordic Walking" zu machen. Es war mehr "Nordic Dahinkrieching", aber ich wollte meine Waden und den Fuß mal anders beanspruchen. Zu diesem Zeitpunkt war ich im Vacoped schon einige Zeit mit Vollbelastung unterwegs gewesen und konnte längere Strecken in relativ normalem Tempo gehen. Der erste Ausflug ging dann etwa eine halbe Stunde. Bergauf ging ziemlich gut, bergab war sehr anstrengend, der Fuß "pflatschig" und ziepen tat er auch. Im Hinterkopf hatte ich immer ein wenig die Angst, dass ich jetzt doch was "kaputtmachen" könnte, aber irgendwie fühlte es sich eher nach protestierenden Sehnen und Muskeln als nach kaputten Knochen an.

Ich hatte in Woche 5 noch eine Sitzung bei meiner Osteopathin, die mit dem Ergebnis meiner Mobilisation und der Heilung sehr zufrieden war.  Auch mit dem Sport zog ich jetzt etwas an und probierte mich an diversen Trainings ohne Sprünge aus. Der eine Versuch "Mountainclimber" tat doch noch zu sehr weh, als dass das eine gute Idee gewesen wäre. Kniebeugen und Pushups gingen aber, auch gegen die Uhr und in flottem Tempo.

Zwei Tage später war ich dann schon eine Stunde unterwegs, diesmal auch - wagemutig - auf nicht
geteertem Boden und mehr bergauf und bergab. Weitere zwei Tage später waren es dann bereits um die 6 km und 1,5 Stunden. Im Büro lief ich bereits problemlos die drei Stockwerke nach oben, nach unten war es eher noch im Quasimodo-Modus. Krücken und Vacoped hatte ich nur noch auf der Straße und in der Straßenbahn und auch nur, weil ich offiziell noch so unterwegs sein musste. Da mir die Reparatur meiner Fahrradschaltung nicht gelungen war, rollte ich eines Tages in Bergstiefeln und mit den Krücken in der Packtasche zum Fahrradladen. So langsam aber sicher hatte ich das Gehumpele, die Krücken und die Orthese satt.

Dann kam endlich der ersehnte Tag der "Fußbefreiung" am 26.7. In der Uniklinik musste ich zum Glück nicht lange warten. Lustigerweise erinnerte sich die Dame beim Röntgen noch an mich und fragte, ob ich heute gleich wieder aufs Motorrad steigen würde. Nein, ganz so schnell dann doch nicht, auch wenn ich die letzten zwei Wochen zuhause langsam unruhig wurde und das Angebundensein jetzt wirklich satt hatte.Wie ich mir schon gedacht hatte, war alles prima verheilt und die Entfernung der Drähte wurde für den 22.8. angesetzt. Nach diesem positiven Befund gönnte ich mir eine kleine Feier mit mir selbst und ging wieder ins Paradies. Die Bedienung war die gleiche, wie an dem grauenhaft anstrengenden und schwülen Tag im Juni, als ich die Gänge der Klinik rauf- und runtergescheucht wurde und sie erinnerte sich ebenfalls an mich.

Am Wochenende probierte ich dann gleich meine neue Freiheit aus und fuhr am Sonntag mit dem Bus zum Schluchsee hoch, um der Hitze zu entfliehen und etwas länger herumzulaufen. Kurz hinter der Staumauer traf ich dann einen Bekannten auf seinem Mountainbike, der von einer gemeinsamen Freundin von meinem Unfall gehört hatte. Ich ließ es gemütlich angehen und machte im Unterkrummenhof eine Kaffeepause. Der Fuß war willig und ich war nicht sonderlich KO, denn es geht ja auf ebenem Weg am See entlang, zudem blies ein kühler Hauch vom Wasser. Ich beschloß noch bis Aha-Bahnhof zu laufen und dann das Ausflugsboot zurück zu nehmen. Nach 25 Jahren im Schwarzwald darf man auch mal das Touriprogramm machen! Es waren am Ende 11 km, die ich gelaufen war und erstaunlicherweise ging es immer besser, je weiter ich lief. Der Fuß war auch nicht groß geschwollen, als ich bei einer weiteren Pause den Kompressionsstrumpf herunterzog. Endlich wieder in der Natur sein! Endlich wieder normales Leben!

In der Folgewoche hatte ich mein Einführungsrehatraining im Unisportzentrum. Ich bekam ein wirklich gutes und abwechslungsreiches Programm zusammengestellt: Stabilisationsübungen auf dem Airexkissen, Lunges mit Drehung auf dem Bosu, einbeinig vom Kasten aufstehen, Kniebeugen ein- und zweibeinig, Wadenpresse, Wadenheben, Beinpresse links, Adduktoren- und Abdukturenpresse und zum Schluß noch zwei megafiese Übungen mit einem Gymnastikball. Und weil mir das ja nicht reicht, mache ich noch ein paar Geräte für den Oberkörper (Latzug, Schulterpresse, Rudergerät). Am Ende waren fast immer Klamotten und Handtuch patschnaß, was aber auch an den extremen Temperaturen der letzten Wochen lag.

Außerdem wechselte ich zur Physiotherapie im Olympiastützpunkt, weil ich mir von gezielter Sportphysiotherapie mehr erhoffe. Bis jetzt gibt's da "nur" Lymphmassage, aber die ist auch schon anders und als besonderes Bonbon werde ich danach immer für 30 Minuten in "Reboots" gesteckt. Das sind eine Art Luftmatratzenstiefel, deren Luftkammern von unten nach oben aufgeblasen werden und so die Lymphe sehr effektiv aktivieren. In den 30 Minuten gibt es ca. 14-15 Durchläufe davon. Die Beine sehen danach aus, als ob ein Oktopus dran war, aber das Gefühl ist unbeschreiblich gut. Netter Nebeneffekt: Mein linker Fuß war nach der ersten Behandlung 1,5 Tage nicht geschwollen.

Am 5.8. bin ich in die Garage gefahren, um nach Conchita zu sehen. Wäre es nicht so gräßlich heiß gewesen, wäre ich schon früher wieder aufgestiegen. Ich habe den Reifendruck gecheckt und sie gestartet. Als der Motor lief war klar, dass ich heute noch aufsteigen und fahren werde. Eine halbe Stunde später saß ich im Sattel und fuhr die ersten Minuten etwas verkrampft, aber bald wieder wie sonst auch. Der Verkehr zwang mich sowieso zu mäßigem Tempo, aber das war mir an diesem Tag egal. Endlich wieder fahren! Endlich wieder Käsekuchen!

In Urlaub werde ich dieses Jahr nicht fahren, die sechs Wochen zuhause haben als Entspannung
gereicht und ich halte gerade mein Geld etwas zusammen, da ich ab Oktober eine berufsbegleitende Ausbildung zur Lehrernin für Body Alignment beginne. Bei dem Wetter und den Temperaturen der letzten Wochen hatte ich sowieso wenig Lust, irgendwo hinzufahren, wo es vielleicht noch heißer ist.

Inzwischen sind noch ein paar weitere Touren dazugekommen, ich war mit Martin und Heiner vom Stammtisch unterwegs und mit Tanja vom Spanischkurs auf Tagestour in Engen.

Vor zwei Wochen war dann der Moment der endgültigen Fußbefreiung gekommen: Die Drähte durften raus. Bei "Drähten" denkt man ja an etwas feines, dünnes... naja... ich habe jetzt auch mal einen Operationssaal von innen gesehen, da die Metallentfernung meist in lokaler Betäubung erfolgt.

Am Tag der OP musste ich nicht zu nachtschlafender Zeit kommen, aber trotzdem nüchtern. Auch dieses Mal war ich früher als gedacht dran und wurde gegen 10:30 Uhr in Richtung Operationssaal gerollert. Nicht ohne vorher wieder das schmucke Nachthemd, Thrombosestrümpfe und die aufregende Netzunterhose zu bekommen. Dann ging es in den Anästhesiebereich, wo mir - für alle Fälle - ein Zugang gelegt und ich verkabelt wurde. Vor dem Eintritt in den OP wurden mir Fragen gestellt, mein Patientenbändel abgescannt und ich bekam noch ein chices Mützchen auf. Im OP selbst lief Musik (sogar recht gute), ich wurde über alles mögliche informiert, u. a. dass immer jemand in meiner Nähe wäre usw. Dann wurde mein Bein bis zum Oberschenkel mit Jod bepinselt und als besonderes Schmankerl bekamen meinen Zehen noch einen Gummihandschuh drüber, dies sei eine Sicherheitsmaßnahme, da man unter den Nägeln nicht desinfizieren könnte.

Ich fand das alles erstmal recht amüsant.

Als nächstes wurde der OP-Bereich abgehängt. Ein Teil von mir hätte gerne zugesehen, während der andere froh war, nichts sehen zu müssen.

"Ich setzte jetzt die Spritze in den Bereich."
Autsch, ekelhaft!

Es vergeht etwas Zeit und der Chirurg piekt an der Stelle herum.

"Au!"
"Gut, dann warten wir noch etwas."
*knetet an Fuß herum*
*piekt Fuß*
"Au, tut immer noch weh!"
"Das spüren Sie noch?"
"Ja!!!"
"Dann müssen wir nachspritzen."
*macht irgendwas am Fuß*
"Ich spüre jetzt, dass Sie etwas machen, aber es tut nicht weh."
"Dann fangen wir jetzt an!"

Stillleben mit Titandrähten (rechts)
Ich hatte mir das alles ganz easy vorgestellt, der Chirurg zieht an dem Draht und der Draht fluppt willig heraus... Wer mal versucht hat, einen rostigen, langen Nagel aus einem Balken zu ziehen weiß, dass das oft nur mit Gewalt geht... aber so weit hatte ich nicht gedacht.

*zwei Menschen liegen auf meinem Oberschenkel*
*herumreißen am Fuß*
*Knipsgeräusche von einer Zange*

*murmelmurmel* "...brauchen Säge..." *murmel*
Ich liege inzwischen ziemlich unentspannt auf der OP-Liege, kralle mich in die Armschienen und hoffe, dass es schnell vorbei ist.
*knips*
*schnalz*
*reißwürgschnalzknipsreiß*

Ich beiße die Zähne zusammen und versuche, an irgendetwas schönes zu denken.
Nach gefühlten Stunden ist Draht Nr. 1 raus. Dazwischen hat es sich angefühlt, als ob mein Fuß in Stücke gerissen und alles wieder gebrochen wird.

"Das war der Dreier, oder?" (Meine Mittelfußknochen 2-4 waren gebrochen).
"Ja."
"Da hat mir Dr. Kühle schon gesagt, dass der nicht so einfach sein wird..."

Jetzt weiß ich also, was mich bei dem zweiten Draht erwartet, der zwar nicht so gebogen ist und nicht ganz so weit drinsteckt, aber lustig wird das auch nicht. Das Knipsen und Reißen geht jetzt wieder los, ich liege inzwischen völlig verkrampft auf der Liege, habe die Zähne zusammengebissen und die Augen zugekniffen.

"Sollen wir Ihnen noch etwas geben?" fragt mich der Pfleger.
"Nein, ich habe keine Schmerzen, es ist nur EKELHAFT und ich will, dass es vorbei ist!"

Wie erwartet ist Draht Nr. 2 auch nicht kooperativ, aber irgendwann ist er draußen.
"Ich bin froh, dass nicht noch ein Draht drin ist, das hätte ich nicht ausgehalten!"
"Ich auch nicht."
"Ich habe drauf gewartet, dass Sie noch den Presslufthammer holen..."
*lacht*

Während die Wunde vernäht wird, bekomme ich einen Behälter unter die Nase gehalten.
"Das sind sie!"
Oh. Mein. Gott.
Die Drähte sind ungefähr 7 cm lang und dick. SEHR DICK! Das so etwas in den Knochen von meinem Fuß drin sein konnte, unglaublich!
Zugleich bin ich unendlich froh, dass das jetzt vorbei ist. Diese Operation war echt der ekelhafteste Teil von dem Ganzen. Bei der ersten habe ich ja nichts mitbekommen.

Der OP-Bereich wird jetzt wieder enthüllt und ich sehe zu, wie mein Fuß erst nochmal geröngt und dann bandagiert wird. Das Röntgenbild sieht super aus, der Fuß ist wie neu. Nun werde ich zurück auf Station gebracht, falls ich Schmerzen haben sollte, soll ich mich melden.

Im Zimmer angekommen darf ich gleich aufstehen, bekomme endlich etwas zu trinken und hoffe,
Willkommen zum Fußfest!
dass es auch bald Mittagessen gibt. Aufstehen ist kein Problem, aber mit dem dicken Verband komme ich kaum in meine Trekkingsandalen. Ich ziehe mich um und packe eBook und Handy aus und mache es mir halbwegs gemütlich. Der Fuß zupft etwas, aber ich will abwarten, ob das noch "echte" Schmerzen werden, oder sie von selbst weggehen. Nach einer Stunde werden die Abstände zwischen dem Zupf- und Rupfgefühl größer und hören schließlich ganz auf. Auf Schmerzmittel habe ich gar keine Lust, mein Körper hat dieses Jahr genug an Röntgenstrahlen und Medikamenten verpasst bekommen. Ich darf ja auch noch ein paar Tage die geliebten Heparinspritzen setzen. Insgeheim habe ich schon beschlossen, sie maximal bis Sonntag zu nehmen.

Am späteren Nachmittag kommt mein Chirurg zum Verbandswechsel, fragt nach Schmerzen und lässt meine Entlassungspapiere fertigmachen. Dann wird noch der Zugang gezogen. Der Pfleger, der das macht, hat unglaublich tolle Tattoos und ich frage nach, wo er die hat stechen lassen. Er freut sich über die Komplimente und erklärt mir, dass die eine Seite von einem Tättowierer aus Stuttgart gemacht wurde und die andere von einem Russen, der alle paar Monate da ist. Dann kommen auch die Papiere und ich staune Bauklötze. Ich hatte damit gerechnet, übers Wochenende krankgeschrieben zu sein, aber nicht bis zum 2.9.!

Sehr schönes Anatomieposter
Carmen holt mich von der Uniklinik ab und wir machen noch Zwischenstation an der Apotheke. Mir geht es prima und ich bin super gelaunt. Endlich sind die Drähte raus! Der Fuß ist noch etwas aufgeregt, aber ich merke, dass er sich wesentlich besser als vorher anfühlt. Die Krücken habe ich mehr oder weniger nur als Dekoration dabei und um die Narbe nicht ganz so zu belasten. Zuhause angekommen quatschen wir ein bisschen, dann muss Carmen gehen, ich setze mir die Herparinspritze und lege den Fuß etwas hoch. Von den Spritzen werde ich auch dieses Mal wieder hundemüde. Am Abend mache ich den Verband ab, weil der nervt und schlafe wider Erwarten ganz wunderbar. Eigentlich hatte ich mit Albträumen von der OP gerechnet, aber die ist irgendwie schon ganz weit weg.

Am Freitag bringe ich meine Krankmeldungen zum Briefkasten und statte danach meinen Nachbarn einen kurzen Besuch ab. Sie sind aus dem Urlaub zurück und laden mich zu Zwetschgenkuchen und Kaffee am Nachmittag ein. Oh Mann... ich muss schon wieder schlafen, das Heparin schafft mich! Einige Stunden später klingelt mein Telefon und reißt mich aus dem Tiefschlaf. Meine Nachbarin ist dran, der Kuchen sei fertig. Ich schüttele den Schlaf ab und gehe rüber in den Garten. Wir unterhalten uns und genießen den Kuchen, die Wespen verscheuchen wir mit dem Pflanzensprüher. Dieses Jahr platzt ihr Garten vor Obst. Ich hatte schon einiges von ihrem Fallobst aufgelesen und haufenweise Apfelmus eingekocht, außerdem noch einige Gläser Pfirsichmarmelade.

Für den Samstag war eigentlich ein Gartenkonzert bei meinen Nachbarn angesagt, leider kippt das Wetter am Freitagabend und es beginnt zu schütten. Der Samstag ist kühl und nieselig bis regnerisch, das Konzert wird verlegt und meine Freunde Micha und Dani kommen "nur" zum Flammkuchen essen. Micha zeigt uns Fotos aus Madeira, wir genießen seinen mitgebrachten Wein und meine experimentellen Flammkuchen (Feige, rote Zwiebel, Ziegenfrischkäse und Räuchertofu, rote Zwiebel, Ziegenfrischkäse, beide sehr lecker). Für Sonntag hat sich mein bester Freund Lenin aus Bern angekündigt, wir wollen zusammen frühstücken und mit Malve Gassi gehen.

Fußfühlparcours
Wir verbringen einen wunderbaren Vormittag und Mittag, abends bin ich schon zum nächsten "Date" verabredet. Mein Nachbar hat Geburtstag und seine Gäste zu Crêpe und Gallette vom mongolischen Grill eingeladen. Leider ist es abends so frisch, dass man Decken, Pullover und Jacke braucht. Nach den endlosen Hitzewoche ein ziemlicher Kälteschock. Wir verbringen einen schönen Abend und ich diskutiere mit zwei Gästen über Politik. Da ich Montag nicht aufstehen muss, kann ich auch länger aufbleiben.

Am Montagmorgen packe ich meine Walkingstöcke und ziehe in flottem Tempo zwei Stunden los.
Der steile Anstieg den Berg hoch ist eine Herausforderung sowohl für meine Kondition als auch für die Wade. Das Laufen tut mir aber so gut und macht so viel Spaß, dass ich die Woche noch vier weitere Male jeweils gute zwei Stunden unterwegs bin. Ins Fitnesscenter und zur Reha geht es auch noch und so ist die Woche ratzfatz vorbei.

Für den 1. September hatte ich meine Helferlein zu einem "Fußfest" eingeladen. Dass ich nicht arbeiten musste, passte da gut, denn so konnte ich mir in Ruhe ausdenken, was es zu essen und trinken geben würde und welche Spielchen ich mit meinen Gästen veranstalten würde. Mitte August hatte Renate Geburtstag und uns zu einem Picknick mit selbstgemachter Limonade eingeladen. Ich entschloß mich, eine Limonadenbar anzubieten. Auf diese Weise kann sich jeder das zusammen mischen und matschen, was er oder sie mag und sich durch diverse Mischungen probieren. Da auf meinen Feiern zunehmen weniger Alkohol getrunken wird, habe ich diesmal ganz drauf verzichtet. Ich trinke ab und zu mal ein Bier, aber Wein bleibt bei mir stehen. Entweder, ich verkoche ihn dann irgendwann, oder - wenn er noch verschlossen ist - verschenke ich ihn weiter. Rotwein vertrage ich sowieso nicht mehr und irgendwie habe ich auch gar keine Lust mehr auf Alkohol. Die Limonadenbar kam sehr gut an und meine Gäste verbrachten einen schönen und amüsanten Abend.
Limonandenbar mix & mat(s)ch

Inzwischen war ich nochmal mit Conchita unterwegs, leider müssen erstmal die Radlager hinten ersetzt werden, aber das zeichnete sich schon länger ab. Die erste Trainingswoche Freeletics ist fast geschafft und ich habe das Training entgegen meinen Befürchtungen sehr gut hinter mich gebracht. Gut, derzeit komme auf locker 10-12 Stunden Sport pro Woche, wenn man den Weg zur Arbeit mit dem Rad dazu zählt.  Der Alltag ist in meinem Leben eingekehrt, vor mir liegen neue Herausforderungen. Ich beginne im Oktober mit der Ausbildung und werde Russisch lernen (ne, das Eine hat mit dem Anderen nix zu tun). Und es gibt einen ganz kleinen Hoffnungsschimmer für meine/unsere Tinytopia, aber davon berichte ich, wenn es mehr zu erzählen gibt.

Ich habe in diesen Wochen und Monaten zur Ruhe gefunden und vor mir zeichnen sich in einige Wege ab, die ich gehen werde. Natürlich gehören Motorradreisen und -ausfahrten dazu, ich freue mich schon auf die neue Saison, die ich dann mit einer überholten Conchita und 100% Fitness und  Trainings beginnen werde.

Stay tuned!

(...manchmal frage ich mich, ob das überhaupt jemand liest...)

Samstag, 30. Juni 2018

The crutch diaries - Woche 3 und 4 - I've been looking for freedom

Der Sommertrend: Stütztstrumpf links!
Inzwischen bin ich seit 4 Wochen zuhause und gestern war der Tag der Sollbruchstelle genau einen Monat her. In den letzten zwei Wochen ist einiges passiert, ich beginne mir langsam meine Freiheit zurückzuerobern, mache kleinere Spaziergänge auf Krücken (oder auch größere Offroadspaziergänge...) und bin mit Bus und Anrufsammeltaxi unterwegs. Obwohl das nur einen Euro pro Fahrt kostet, geht es auf die Dauer auch ins Geld.

Aber fangen wir mit Woche drei an.

Zu Beginn von Woche drei hatte ich die whatsapp-Gruppe "Team Klumpfuß" ins Leben gerufen, um mich mit meinen Helferlein besser koordinieren zu können. Ich hatte ja fast täglich Termine bei der Physiotherapie und oder Lymphmassage. Die ersten Tage nach der OP waren trotz des "Hufs" noch schwierig für mich, da das Laufen mit dem Stiefel zwar zuhause ganz gut klappte, aber sobald es unwegsamer wurde (schräger Gehsteig, holpriger Gehsteig) wurde es doch sehr anstrengend. Bis zur Straßenbahn würde ich es eher nicht schaffen, es sind zwar "nur" knapp 900 m, aber bei den Temperaturen im Moment ist das eine ganz schöne Strecke, zumal es auch bergab geht.

Die ersten zwei Termine der Woche hatte ich meine "Chauffeure" und am Montagnachmittag holte mich Micha ab, und wir fuhren ins Five Senses. Ich habe diese dritte Woche fast jeden Tag im Café gesessen und ich sage Euch - das war SO SCHÖN! Endlich wieder unter Menschen zu sein und Teil des "sozialen Gefüges"! Ein Milchkaffee und ein Croissant können das schönste Geschenk sein, wenn man nach über 2 Wochen zum ersten Mal wieder die Wohnung verlässt und nicht, um zum Arzt oder zur Reha zu fahren. Micha und ich genoßen einige schöne Stunden, später kam noch Dani dazu, die an diesem Tag Geburtstag hatte. Am Ende unseres Cafébesuchs stellte sich noch heraus, dass Dani aufs Haus trinken durfte, denn am Geburtstag des Gastes gibt Five Senses einen aus. Das merke ich mir!

Wenigstens nicht leberwurstfarben!
Dienstag war dann Carmen mit "Chauffeurdienst" dran und wir machten aus, dass ich vor der Reha zusammen mit ihr in der Waldorfschule essen würde. Gegen 12 Uhr packte mich dann der Wagemut, ich wollte versuchen, ob ich es nicht auf meinen 1,5 Beinen nach unten schaffen würde. Immerhin wäre es näher als die Straßenbahn. Ich schrieb Carmen kurzerhand eine whatsapp und machte mich langsam auf den Weg nach unten. Es war (und ist) ziemlich heiß und ich brauchte den einen oder anderen kurzen Stopp. Im Rekordtempo von knapp 20 Minuten für 600 Meter war ich vor der Schule angelangt. Carmen hatte aber just da nicht aufs Handy geschaut und war nach oben gefahren, ohne mich anzutreffen. Mit etwas Verspätung trafen wir uns dann an der Schule und aßen gemeinsam draußen auf der Terrasse. Nach der Reha beschloßen wir kurzerhand noch ein Eis essen zu gehen, außerdem konnte Carmen das mit Päckchen wegbringen verbinden und ich mit dem Kauf der Regiokarte, denn morgen würde ich es allein versuchen.

Im Café trafen wir noch auf eine Bekannte meiner Nachbarn, die sich zu uns gesellte. Klar, im Moment fragt jeder nach meinem Fuß und man sieht ja, dass ich gerade ein bisschen eingeschränkt bin. Aber ich habe keine Lust mehr auf diese ewigen Krankheitgespräche! Ich habe einen Mittelfußbruch, ja und? Ich bin an Krücken, ja und? Der Bruch verheilt und ich komme im Alltag ziemlich gut allein zurecht. Dieses Konzentrieren auf alles, was nicht mehr oder nicht geht, das nervt mich. Ich werde am 1.9. wieder mit Freeletics anfangen und ebenso kommt dann Conchita wieder aus der Garage. Darauf schaue ich jetzt, nicht drauf, dass ich keine Kniebeugen machen kann - stimmt nicht, es geht; man braucht nur eine andere Technik - oder keine Burpees - die gehen allerdings wirklich nicht, dafür müsste ich theoretisch jetzt die Freeletics-Liegestütze richtig schaffen, muss ich morgen mal probieren - oder dass ich keinen Motorradurlaub machen kann oder oder. Ich bin immer noch der Meinung, das Ganze als sportliche Herausforderung zu betrachten und das Beste aus der Zeit zu machen, die ich zuhause verbringe.

Falls jemand denkt, es ist total "gemütlich" vier Wochen zuhause zu sein, dass ich nur rumliege und
schlafe, esse oder Netflix gucke, dann irrt er. Klar, ich muss morgens nicht um 5.30 Uhr aufstehen, aber ich habe ziemlich viel zu tun. Morgens nach dem Frühstück bin ich mehr als eine Stunde, oft sogar zwei damit beschäftigt, Mobilisationsübungen zu machen und diverse andere Übungen. Ich trainiere so gut es geht einen Mix aus Kraft und Pilates, Stretching, Übungen mit dem Franklinball und Therabändern. Ohne das wäre ich noch lange nicht so weit, wie ich es jetzt bin. Und - ja - es ist zum Teil nicht angenehm, den Fuß in bestimmte Positionen zu bringen, manchmal zwickt es ganz ordentlich. Ich arbeite mit Übungen aus dem Body Alignment, Körperreisen, Visualisierung - kurz mit allem, was ich zur Verfügung habe. Außerdem löchere ich die Physiotherapeutinnen, was ich darf und was nicht. Eigentlich darf ich alles, nur eben den Fuß nicht mit mehr als 20 kg belasten.
Unterwegs zum Jesuitenschloß

Danach widme ich mich der Körperpflege, die nicht in 10 Minuten erledigt ist. Ich nehme mir da viel Zeit, duschen ist eh noch umständlich, auch wenn ich jetzt den Fuß in der Wanne aufstelle. Aber Beine rasieren braucht rechts etwas Umstellung, weil ich ja links nicht stehen und das rechte Bein nicht auf den Wannenrand stellen kann. Außerdem mache ich gerne eine Bürstenmassage, vor allem für das linke Bein und den Fuß. Danach in Ruhe abtrocknen, eincremen, anziehen, Kompressionsstrumpf anziehen, Vacopedstiefel anziehen... unter 30 Minuten nicht zu schaffen. Wenn ich morgens Termine habe, stehe ich mindestens zwei Stunden davor auf, denn mal schnell Frühstück machen geht ja auch nicht. Meine eigentliche Küche ist um eine Ecke und wenn ich da etwas brauche, oder hinbringen muss, dann muss ich zwischendrin abstellen, denn meine Hände sind nicht frei, die brauche ich für die Krücken. Zuviel rechts hopsen mag ich nicht, denn meine Achillessehne ist schon leicht beleidigt.

Es dauert einfach fast alles doppelt so lange wie normal und das will eingeplant sein.

Mittwoch brach ich dann zu meinem ersten eigenständigen Abenteuer auf 1,5 Beinen auf. Ich rief mir das Sammeltaxi, das mich dann zum Bus brachte. In den Bus kam ich gut rein und sah auch, dass der Fahrer wartete, bis ich mich hingesetzt hatte. Es sind nur zwei Haltestellen zur Reha und von dort nur ca. 250 m. Das ist zu schaffen! Ich überlegte noch kurz, an welcher Haltestelle ich aussteigen sollte, denn beide sind gleich weit entfernt, aber auf der einen Strecke hat man etwas Schatten und muss über keine Ampeln krücken. Bei dem momentanen Wetter die bessere Idee. Ich kam problemlos aus dem Bus und ebenso problemlos zu Reha. Allerdings bin ich meist viel zu früh da, weil das Taxi nur einmal zur vollen Stunde fährt und ich auch da entsprechend vorplanen muss. Ich nahm mir vor, nach der Reha noch mit der Straßenbahn aufs Vauban zu fahren und ein paar Sachen einzukaufen. Kleinigkeiten kann ich im Rucksack problemlos tragen. Allerdings kam ich auf die blöde Idee, neben Joghurt und Erdnußmus noch eine Packung Geschirrspülmittel zu kaufen. Das machte ich beim Rumkrücken schon bemerkbar. Aber ich hatte es geschafft und überbrückte etwas Zeit bis zum nächsten Taxi im Eiscafé. Auch das dauert alles, ich bin mit meiner Rückfahrt nicht flexibel und für vierzig Minuten Reha bin ich gute zwei bis zweieinhalb Stunden unterwegs. Mit zwei Beinen und Rad wäre das eine Sache von maximal sechzig Minuten.

Geschafft!
Am Donnerstag gönnte ich mir morgens einen Friseurbesuch, die Haare waren mal wieder im "Tote-Katze-wohnt-auf-meinem-Kopf"-Zustand und mussten dringend geschnitten werden. Nachmittags brachte Marie-Claude mich zur Reha und danach gingen wir noch Kaffee trinken und quatschten ein bisschen.

Freitag verbrachte ich zuhause mit meinem üblichen Programm, das Wetter war nicht so berauschend, dass es mich nach draußen zog. Aber ich kam auf eine Idee, nachdem ich eine Weile recherchiert hatte. Das Herumkrücken mit zwei ungleichen Beinen ist unglaublich anstrengend und für den Körper auch nicht gerade gut (Beckenschiefstand, Verspannungen, muskuläre Dysbalancen). Sollte das mit dem Vacopedschuh und einem "normalen" Fuß so sein wegen der Belastung, oder wäre es möglich, einen gleich hohen Schuh zu tragen und damit besser und leichter gehen zu können? Ich zog meinen rechten Wanderstiefel aus dem Regal, das sind die einzigen Schuhe, die von der Höhe her passen, von den Motorradstiefeln mal abgesehen. Damit möchte ich jetzt allerdings nicht herumlaufen, es hat über 30 Grad und ist teilweise schrecklich schwül. Der erste Versuch war vielversprechend. Es lief sich einfacher und als ich die Krücken noch zwei Löcher höher gestellt hatte, ging es fast mühelos.

Am Samstag packte mich dann nach dem Morgenprogramm der Wagemut. Ich wollte versuchen, von zuhause zum Jesuitenschloß zu laufen. Auf zwei gesunden Beinen ist das ein kleiner Spaziergang von vielleicht 20 Minuten. Allerdings geht es im ersten Teil steil bergauf und es ist auch leicht unwegsam. Ich wollte es trotzdem versuchen, denn umkehren könnte ich ja jederzeit wieder. An Krücken bergauf zu laufen ist allerdings nichts für Weicheier. Ihr wißt, ich bin nicht unsportlich und war bis vor dem Unfall in Topform, aber hier brauchte ich alle 30-50 Meter eine Pause. Es ging unglaublich in die Arme, Hände und Bauchmuskeln. Ich dachte allerdings keinen Moment daran, umzukehren. Nach dem steilen Stück würde es eine Bank geben, da könnte ich immer noch entscheiden. An der Bank angekommen wollte ich den zweiten, ebeneren Teil auch noch meistern. Ich krückte das Stück mit weiteren Pausen entlang. Kurz vor dem Jesuitenschloß kam mir dann ein Auto entgegen. Der Fahrer ließ die Scheibe herunter und sagte zu mir "Sie sind unglaublich tapfer!" Ich lachte nur und meinte, dass mir zuhause langsam die Decke auf den Kopf fallen würde und ich unbedingt Bewegung bräuchte. Dann hatte ich es geschafft! Ich ließ mir eine Johannisbeerschorle und einen Salat schmecken, leider trieb mich der kalte Wind rasch von der Terrasse weiter. Welchen Weg sollte ich nehmen? Den gleichen zurück, oder den anderen, geteerten aber längeren Weg? Ich entschied mich für den geteerten Weg.

Erstmal Fuß hochlegen
An Krücken fällt mir erst einmal auf, wie steil manche Wege doch sind. Bergab ging es dann in die Hände, Arme und den unteren Rücken. Immer wieder musste ich aufpassen, nicht zu schnell zu werden, zu stolpern und zu stürzen. Man muss sich wirklich auf jeden Schritt konzentrieren. Das merke ich auch beim Treppen steigen. Nebenbei schwätzen ist eher kontraproduktiv, entweder laufen oder schwätzen. Beides geht nicht. Der Rückweg zog sich endlos, meine Kräfte ließen nach und ich brauchte immer häufiger Pausen. Für die letzten 500 Meter nach Hause brauchte ich gefühlte Stunden. Zuhause genoß ich zwar einen inneren Triumph, aber zugleich war ich fix und fertig. Ich fiel auf mein Sofa und schlief drei Stunden lang.

Am Sonntag besuchten mich erst Marie-Claude und dann Micha, wir landeten wieder im Five Senses und genoßen den Sonntag.

Am Montagmorgen hatte ich einen Arzttermin, jetzt kamen endlich die Fäden raus. Die hatten mich
die ganze letzte Woche schon genervt. Ich musste ein Pflaster drüber kleben, damit sie nicht in den Socken hängenblieben und dann in der Wunde herumrührten. Das war schnell erledigt, ebenso musste ich nochmal Blut abgeben, weil beim letzten Mal meine Leberwerte zu hoch waren. Konnte eignetlich nur die OP sein, ich lebe einfach zu gesund für erhöhte Leberwerte! Außerdem wurde ich für eine weitere Woche krankgeschrieben, da mein Fuß noch immer zu stark geschwollen ist, um mich ins Büro zu schicken.

Meine Physiotermine in der vierten Woche managte ich alle selbst, nur am Montagmorgen brachte Marie-Claude mich zum Arzt, da das Taxi erst ab 8 Uhr fährt und es mit dem Termin um 8:30 Uhr hätte knapp werden können.

Am Mittwochmorgen hatte ich einen Termin, auf den ich mich bereits sehr freute: Ich war bei der Osteopathie. Meine Osteopathin hatte ich in der Vorwoche angeschrieben, ob es noch zu früh sei für eine Sitzung, aber sie verneinte. Ich hatte die ganze Zeit ein Blockadegefühl bei der Außenrotation des Knöchels gespürt und hatte es aber selbst nicht geschafft, das zu lösen. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass die Lymphmassage ins Leere lief und nichts in den Fluß kam.

Ich kann Euch nur raten: Gönnt Euch so eine Behandlung, auch wenn ihr nichts akutes habt. Es ist unglaublich, wie wohltuend das ist! Nach der Sitzung war mein Fuß rosiger und ich konnte spüren, dass die Lymphe wieder besser abfließen kann, außerdem war das völlig steife Quergewölbe viel besser geworden. Der ganze Fuß war lebendiger und fühlte sich wieder als Teil von mir an. Nebenbei hatte sie noch diverse Verspannungen im unteren Rücken gelöst. Nachmittags bei der Reha und Lymphmassage konnte ich die Veränderung deutlich spüren.

In der Nacht auf Donnerstag träumte ich irgendwelche wilden Sachen, wachte aber nachts zwischendurch mit dem Gedanken "Das war super, das musste RAUS!" auf, ich fühlte mich wie gereinigt. Mein unterer Rücken hatte einen halben Tag lang Muskelkater und mein Energiepegel war deutlich nach oben gegangen.

Am Donnerstagabend holte mich Marie-Claude ab, wir fuhren gemeinsam zum Helferfest von unserm neuen Oberbürgermeister Martin Horn. Es war ein sehr schöner Abend mit guter Stimmung, gutem Essen und Getränken und lustigen Liedern (Memo an mich: Badnerlied lernen!). Martin Horn hat einfach ein Talent, Menschen zusammenzubringen. Das Fest hatte mehr von einer erweiterten Familienfeier, als von einer offziellen Veranstaltung. Ich freue mich immer wieder, dass wir hier einen Wechsel erlebt haben und bin sehr gespannt auf die Veränderungen in unserer Stadt. Zum ersten Mal seit Langem habe ich das Gefühl gehört und gesehen zu werden. Allerdings wird Herr Horn mich noch fürchten lernen, denn ich werde ihn so lange nerven, bis es einen offiziellen Platz für Tiny Houses in Freiburg geben wird! Bis dahin wünsche ich ihm für den kommenden Amtsantritt alles Gute, leider habe ich genau zu der Zeit Reha, wo er seine Rede halten wird.

Freitag hatte ich keine Termine, wollte aber einkaufen gehen (jeden Tag einige Kleinigkeiten) und außerdem schauen, ob ich es bis zur Straßenbahn zu Fuß schaffen würde. Ich ging hier gemütlich los, machte immer wieder eine kurze Trinkpause (ich werde meinen Trinkrucksack aus dem Keller holen!) und lief in etwas mehr als 20 Minuten die ganze Strecke. Danach war ich nicht mehr völlig fertig, meine Arme, Schulter und Rückenmuskeln sind inzwischen sehr kräftig geworden, nur die Hände schmerzen oft nach längeren Strecken. Nach meinen Einkauf gönnte ich mir ein Eis und einen Milchkaffee, rief mein Taxi und guckte an der Endhaltestelle der Straßenbahn Leute.

Mir fällt dabei immer wieder negativ auf, wie viele fette Menschen es gibt, vor allem junge Menschen. Manche von ihnen bewegen sich auf zwei gesunden Beinen langsamer, als ich an Krücken! Ich sehe viele Haltungsschäden, Fehlbelastungen und und. Diese Zeit nach dem Unfall lehrt mich immer wieder, wie dankbar unsere Körper sind, wenn wir ihnen etwas mehr Aufmerksamkeit widmen. Und was für Wunderwerke sie sind. Ich werde in ein paar Wochen das Laufen mehr oder weniger neu erlenen müssen, wenn ich wieder normal gehen darf. All die kleinen Abläufe macht man sich sonst nie bewusst. Erst, wenn etwas nicht mehr geht, bemerken wir unseren Körper noch. Naja, ich behaupte mal, ein ganz gutes Körpergefühl zu habe, ich habe viele Jahre an und mit mir gearbeitet, mich mit mir auseinandergesetzt und bin ich gutem Kontakt. Unsere Gesellschaft ist allerdings absolut körperfeindlich. Der Körper ist eine Ware, er hat schön zu sein, zu funktionieren und wir wollen möglichst nichts dafür tun, dass es so bleibt, weil wir ja mit anderen, wichtigen Dingen beschäftigt sind (Arbeiten! Karriere! Konsum! Kindererziehung! Lebensoptimierung!). Wenn mal was ist, werden Pillen eingeworfen, der Arzt wird's schon richten und die Physiotherapie auch. Ich brauch nix zu tun!
Es gibt nicht nur Karotten bei mir!

Das ist so verkehrt.
 
Ich habe gelernt, meinem Körper dankbar zu sein und auch gelernt, dass er mir dankbar ist. Für gutes Essen, für guten Schlaf, für Entspannung, für Aufmerksamkeit, für Bewegung... Wir leben meistens so völlig entkoppelt von unseren Körpern, erleben sie als Last, anstatt täglich voller Bewunderung zu sein über die Regenerationskräfte, das unglaubliche Zusammenspiel von Organen, Knochen, Muskeln, Zellen, Blut, Gehirn und und... Ich kann Euch nur ans Herz legen: Schenkt Euren Körpern Aufmerksamkeit, macht Sport, esst keinen Schrott und entkoppelt Euch so oft wie möglich von dem alltäglichen Wahnsinn. Unsere Körper sind dafür gemacht, bewegt zu werden und nicht 40 Stunden die Woche vor dem PC und dann nochmal genauso viele vor der Glotze oder auf dem Sofa geparkt zu werden!
OK, ich habe sicherlich mit die guten Gene meiner Familie erwischt: Ich bin jetzt 52, vor der OP hatte ich einen Ruhepuls von zwischen 50 und 58, ich nehme (von ab und zu Remifemin abgesehen) keine Medikamente, bewege mich regelmäßig und wenn ich gesund bin auch gerne richtig anstrengend, esse keine industriell verarbeiteten Nahrungsmittel, trinke kaum Alkohol, habe vor fast 30 Jahren mit dem Rauchen aufgehört, schlafe ausreichend und "füttere" mich mit möglichst vielen Dingen, die mir gut tun. Ich habe ein reiches soziales Leben, Pläne und Ziele und liebe die geistige und körperliche Herausforderung. Als ich letzten Sommer in Spanien war und in einem Restaurant mit einer jungen Frau ins Gespräch kam, erwähnte ich irgendwann mein Alter. Ihre Augen wurden riesig "You look very much younger! So it is true what they say that experiences and challenges keep you young!"


So fühle ich mich auch, ich habe mich die letzten vier Wochen erholt. Wobei ich in den ersten zwei Wochen erst merkte, wie müde ich bin und wie sehr ich mich im Alltag voranprügele, trotz Müdigkeit mein Programm durchziehe. Ich habe in all den Jahren mit ihren Herausforderungen einen eisernen Willen entwickelt und manchmal ist die Balance zwischen Wollen und Können nicht wirklich vorhanden, mein Wille dominiert nicht immer auf gute Weise meinen Körper. Am Morgen der Burgrallye war ich müde und unkonzentriert, der Wille die Rallye zu fahren (ich war Teamkapitänin!) war stark und ich bin jemand, der sich stark zusammenreißen kann. Nach dem Sturz bin ich aufgestanden und gefahren, trotz Schmerzen. Es ist müßig zu spekulieren, ob ich mir die OP hätte ersparen können, aber klar ist, dass ich nach einer schlechten Nacht nicht aufs Motorrad gehöre. Eigentlich weiß ich das auch, aber "extreme Zeiten erfordern extreme Maßnahmen"...


Heute bin ich zuhause zum ersten Mal ganz vorsichtig ohne Krücken "gelaufen". Wobei man das nicht laufen nennen kann. Ich darf vorne nicht aufsetzen bzw. nur mit Unterstützung, aber auf der Ferse geht es. Auf diese Weise habe ich endlich mal beide Hände frei und kann kleinere Gegenstände über kurze Strecken von A nach B tragen, ohne Tasche und ohne abstellen zwischendrin. Seit gestern übe ich im Sitzen das Abrollen von meinem Fuß, ohne aus der Spur zu kommen (nicht leicht!) und arbeite weiter an der Aufrichtung vom Quergewölbe. Inzwischen kann ich meinen linken Fuß fast so gut kreisen, strecken und anziehen wie den rechten, die Zehen 1-3 sind schon recht beweglich, 4 und 5 noch steif. Ein Papiertaschentuch mit den Zehen von meinem linken Fuß zu zerknüddeln klappt noch gar nicht (ich habe normalerweise extrem geschmeidige Zehen), dafür kann ich die "mit dem Fuß den Sand nach innen wegschieben"-Bewegung schon besser als vor drei Tagen und der Fußheber ist schon stärker geworden. Dafür wird meine Wade immer dünner und der Oberschenkel sah auch schon mal schöner aus...

Was die Kniebeugen betrifft: Da stelle ich den behuften Fuß einen Schritt nach vorne (oder einen halben), nehme das Hauptgewicht nach rechts und dann geht's los. Auf die Weise kann ich zumindest ansatzweise meine Kondition trainieren. In ein paar Tagen werde ich das Ganze dann vorsichtig und mit Festhalten am Balkongitter ohne den Huf probieren. Wenn's weh tut, höre ich sofort auf, versprochen!



Sonntag, 17. Juni 2018

The crutch diaries - Woche 1 und 2: Pontius, Pilates und Vacopedstiefel

Wie ihr ja bereits wisst, habe ich mir auf der Burg durch ein unglücklichen Umfaller drei Mittelfußknochen gebrochen. Das ist inzwischen ziemlich genau 2 Wochen her.

Die erste Woche war wirklich mühsam. Ich hatte eine Dynacast-Schiene, die ich zwar zum duschen abnehmen durfte, aber sonst war Ruhe angesagt. Rumliegen. Fuß hoch. In der Klinik hatte man mir die Krücken in die Hand gedrückt mit den Worten "Fuß nicht belasten!" und dann viel Glück. Da ich im ersten Stock wohne und auch vor dem Haus einige Treppen zu bewältigen sind, durfte ich mir erstmal überlegen, wie ich überhaupt nach oben komme. Zum Glück ging das mit etwas Gehopse ganz gut. Danach suchte ich mir youtube-Videos, wie man richtig mit Krücken geht und vor allem, wie man damit richtig Treppen hoch und runter "geht" und wie ich richtig "laufe".

Wer viel Sport macht, ist im Vorteil.
Wer beweglich ist, organisiert und eine kleine Wohnung hat, ebenso.

Zuhause habe ich mir gleich überlegt, wie ich die vorausgesagten 6 Wochen Zwangspause nutze und vor allem - wie ich nicht komplett abbaue. Ich suchte mir einige Pilates-Videos für Bauch und Rücken und durchforstete meine Apps nach Übungen, die man ohne stehen zu müssen machen kann. Das sind eine ganze Menge, leg raises, diverse Situps, Crunches, Plank mit einem Bein, Knieliegestützen und und.
Also ran an den Speck!

Am 10.6. hatte ich dann die Nachuntersuchung, in der entschieden wurde, ob operiert werden muss
Kreative Kühlung auf der "Burg"
oder nicht.

Dieser Tag hatte es echt in sich. Meine Nachbarin Ines brachte mich zur Uniklinik, wo ich mich in der Sportorthopädie melden sollte. Wir gingen eine Rampe herunter und standen dann vor einem Gebäude mit einer steilen Treppe. Der Mann, der auf der Treppe saß, meinte es gäbe keinen anderen Aufgang.
Wie bitte???
Also hopste ich irgendwie auf einem Bein die Treppe hoch. Drinnen sollte ich eine Treppe zur Anmeldung herunter. Da habe ich mich dann geweigert. Sorry, aber ich habe keine Lust, die Treppe runterzufliegen, zumal ich mit den Krücken noch alles andere als sicher war. Netterweise flitzte Ines mit meiner Versicherungskarte nach unten, um mich anzumelden. Danach hieß es warten, bis die Ärztin kam. Diese schickte mich dann mit den Worten "Es ist nicht weit und Sie brauchen dann auch keine Treppen zu laufen" in die Ambulante Orthopädie, vorher sollte ich noch zum Röntgen.

Bei gefühlten 35 Grad und 99 % Luftfeuchtigkeit krückte ich den endlosen Gang entlang. Im Röntgen angekommen, melde ich mich brav an und wartete wieder. Bald kam eine Auszubildende und fragte ein paar Sachen ab, unter anderem, ob man ausschließen könnte, dass ich schwanger bin. Ich bin 52, hallo??? Aber gut, die Wunder der Reproduktionsmedizin...

Ich wurde alsbald zum Röntgen geholt und eine Dame mit russischem Akzent wickelte meine Schiene ab und fragte, wie das passiert sei. Sie war ganz lustig, bei jedem Positionswechsel meines Fußes (nach links kippen, nach rechts kippen) meinte sie "So, jetzt kööhnän Sie Motorrrrad fahrään". In der Kabine wurde zuvor noch diskutiert, ob der linke oder rechte Fuß geröngt werden sollte.
Ich würde mal sagen der, der in allen Farben schillert?! (hoffentlich muss nicht operiert werden!)
Am Ende des Röntgens sagte die Dame dann "In zwei Monatään könnään Sie wieder Motorrad fahrääään mit Ihräään Maaahnn!" Darauf ich "Nix Mann, ich fahre selbst!" Sie "oh!"

Die nächste Station "Es ist nicht weit!" war dann die Anmeldung bei der Ambulanten Orthopädie.
Hm.
Hier ist ein Schalter, aber der ist zu, da steht "Patientenakte einwerfen", aber die habe ich nicht?! Eine Frau steht im Flur und meint, die Anmeldung wäre um die Ecke "nicht weit". Also krücke ich weiter um die Ecke. An der Anmeldung sind von 5 Schaltern 2  besetzt. Ich lasse mich an einem temporär nicht besetzten Schalter auf einen Stuhl fallen.
Die glauben doch nicht ernsthaft, dass ich hier stehe und warte?
Zum Glück kommt bald eine Dame, die meine Daten aufnimmt. Nach einigem Hin und Her wegen Sportorthopädie oder nicht, bekomme ich meine Akte, die ich in meine - zum Glück - mitgebrachte Tasche stopfe.
Die sind echt lustig hier.
Nicht jeder kommt mit der halben Familie eingeritten oder hat persönliche Träger.
24 hours later...


Auf dem Weg zur nächsten Station rutschte mir die Akte aus der Tasche, netterweise hebt sie jemand für mich auf. Ich werfe die Akte ein und setze mich ins Wartezimmer.
Fuß hoch, sitzen. Gefühlte 50 kreischende Kleinkinder sind ebenfalls im Wartezimmer, es ist unerträglich feuchtheiß und ich habe Durst.

Blöderweise habe ich nichts zu essen und zu trinken dabei, weil ich nicht damit gerechnet habe, dass das alles so lange dauern würde. Bald werde ich aufgerufen und man sagte mir, ich müsse noch ein "kleines CT" machen. Ich frage nach einem Rollstuhl, der mir zum Glück auch gebracht wird. Die Anfrage vorher wurde mit "da müssen Sie unter Umständen länger drauf warten, der ist noch nicht zurück" beantwortet. Haben die nur einen pro Station, oder was...?

Eine nette Schwester karrt mich in die nächste Abteilung und stellt mich mit den Worten "ich stelle Sie so ab, dass sie Gefahren von rechts und links sehen können!" ab. Ja, einer Zombieinvasion könnte ich jetzt nicht weglaufen, aber zumindest sehen würde ich sie rechtzeitig.
Kopf Tischkante.

Als nächstes werde ich in einen neuen Raum gebracht und darf sogar im Rollstuhl sitzenbleiben. Meinen Fuß steckte ich in ein Gerät, das sich zum Glück wirklich als CT und nicht als Fußteleportationsportal in eine andere Dimension herausstellt. Nachher sitze ich hier ganz ohne Fuß, irgendein Alien läuft irgendwo mit meinem rum, oder ich bekomme ihn mit irgendwelchen seltsamen Implantaten wieder oder irgendwelche Tentakel hängen dran. Man kann nie vorsichtig genug sein!
(Ok, ich lese derzeit etwas zuviel H. P. Lovecraft... Iäää iäää Shub Niggurath...)

Ich stecke also meinen Fuß in diese grüne Riesenwaschtrommel, nicht ohne vorher einen schmucken blau-roten Bleikittel umgehängt zu bekommen und schon geht es los. Die Trommel dreht sich um meinen Fuß und nach ein paar Minuten bin ich fertig.

Jemand anderes rollert mich wieder zur Ambulanten Orthopädie. Dort darf ich wieder an die Anmeldung, wo ich wieder das "Sportorthopädie oder nicht"-Gespräch führen darf und eigentlich nicht über "LOS" gemußt hätte, sondern gleich in den Wartesaal gedurft hätte.
Den Rollstuhl lasse ich stehen, weil ich denke, dass das jetzt die letzte Station gewesen sein dürfte. Es ist inzwischen weit über Mittag und ich habe Hunger, Durst, Pipi und bin ziemlich geschafft.

Nach ungefähr fünf Minuten werde ich aufgerufen und treffe wieder auf den netten Arzt, der mich
... noch paar Stunden später...
Sonntag untersucht hat. Ich darf mir die tollen (wirklich!) 3-D-Aufnahmen von meinen Fußknochen ansehen und bekomme erklärt, dass wohl operiert werden muss (seufz! Hoffentlich keine Tentakelimplantate!). Ganz nebenbei zapft mir jemand Blut ab und ich werde sofort für einen OP-Termin eingetragen, lerne meinen Chirurgen kennen und soll noch ein Anästhesiegespräch führen.

Zum Glück kann ich das auch heute gleich erledigen und werde mit den Worten "Es ist nicht weit weg, nur diesen Gang und dann blablabla..." verabschiedet.
Langsam bin ich echt fertig.
Ich schleppe mich im Tempo einer Amöbe beim 1000-Meter-Lauf durch die Gänge, mache etliche Pausen, es ist heiß, ich schwitze unsäglich, mein Magen knurrt und die Zunge klebt mir am Gaumen.
Ein Hoch auf die Willenskraft...

Als ich endlich in der Anästhesie ankomme, bekomme ich den nächsten Papierkram gereicht. Weil ich nicht gleichzeitig Krücken und Klemmbrett mit Stift halten kann, bringt mir die Dame an der Aufnahme alles an meinen Platz. Man fragt nach Größe, Gewicht, Allergien und und und.
Ich kreuze praktisch überall "nein" an.
Dann kommt ein Mann mit einem fixierten Arm herein und wir kommen ein bisschen ins Gespräch. Er ist bei einer Skitour auf Harsch dumm gestürzt und hat sich einiges gebrochen. Wir wünschen uns gegenseitig Gute Besserung und ich darf weiter zur Anästhesieärztin.

Ich werde an ein Blutdruckmessgerät angeschlossen und mein Daumen an einen seltsamen Clip gehängt, der die Sauerstoffsättigung meines Blutes messen soll.

Als die Ärztin zu der Frage "Können Sie zwei Stockwerke hochlaufen, ohne außer Atem zu geraten?" kommt, kontere ich mit "Ich mach Freeletics!" "oh! Ist das dabei passiert?"
Für einen kurzen Moment verlassen wir ihre Routine und ich erzähle von meinem unglücklichen Umfaller.
Dann: "Ihr Blutdruck ist etwas hoch, sind Sie aufgeregt?"
Nenene, ich wurde ja schon drölfmillionen Mal operiert, voll die Routine für mich!

NATÜRLICH BIN ICH AUFGEREGT!!!!

Ich werde nochmal beruhigt, dass ich mir keine Sorgen machen soll, ich sei fit, jung (hust) und das ein Routineeingriff, meine Patientenverfügung dürfte ich mitbringen, wäre aber eigentlich nicht nötig.
You never know!!!
Mit wirklich letzter Kraft schleppe ich mich nach draußen und rufe Ines an.
Sehr schöne Balkondeko


Da sie noch arbeiten muss, entschließe ich mich, die 500 m ("es ist nicht weit!!!") zum Biergarten zu hinken. Passenderweise heißt der Laden "Paradies". In gefühlten 30 Minuten mit Pausen alle 10 Meter schaffe ich es dann endlich, muss mich noch zwei Stufen hochquälen und kann mir endlich etwas zu essen und zu trinken bestellen.
Die erste Schorle ist in zwei Schlucken leer. Eigentlich müsste ich auch mal, aber ich weiß, dass man hier Treppen runter muss und darauf habe ich gar keine Lust.
Also muss ich NICHT.
Reine Willenskraft und jahrelanges Beckenbodentraining!

Ines kommt nach ungefähr 40 Minuten und sammelt mich ein. Ich bin so dankbar, jetzt herumkutschiert zu werden, allerdings muss ich noch zuhause die Treppen hoch... Zuhause angekommen schaffe ich es noch über den Hof, aber die Treppen rutsche ich auf dem Hintern nach oben. Ich kann echt nicht mehr! Wo sind die nubischen Sänftenträger, wenn man sie mal braucht?

Am nächsten Tag habe ich einen unglaublichen Muskelkater unter den Achseln und im oberen Rücken.
Boah, ne.

Die nächsten Tage habe ich Besuch und verbringe eine ganz schöne Zeit zuhause. Endlich genieße ich mal meinen Balkon, male ein Bild für Ines, bereite mich mental auf meine OP am Mittwoch vor. Nach Monaten mit massivsten Schlafstörungen kann ich auf einmal wieder schlafen wie ein Baby und mein Tagesrythmus ist auch ähnlich: 2 Stunden schlafen, 2 Stunden wach.

Mein täglicher Grusel ist die Heparinspritze, die ich mir in den Bauch rammen darf.
Jeden Tag um 19 Uhr!

Die ersten zwei Male setzt mir Ines die Spritze, weil ich mich nicht überwinden kann. Und dann, am dritten Tag, schaffe ich es selbst. Es kostet Überwindung, zweimal setze ich an, aber dann steckt sie im Speck und ich drücke zu. Zum Glück sind es Pens, alles andere wäre einfach nur gruselig gewesen.

Am Montagmorgen wirft mich das Telefon aus dem Bett.

"Ja, hier die Uniklinik. Ihr OP-Termin wurde auf morgen vorverlegt! Sie sind dann in der MKG, Station Eschler."
Wiewowas?
Ich werfe die Klamotten, die ich mitnehmen will, in die Maschine.

Wobei, einfach werfen ist nicht. Wenn ich meine Wäsche machen will, kippe ich den Korb aus und werfe die Wäsche mit den Krücken vor mir her, bis ich bei der Waschmaschine bin. Zum Glück steht meine nicht im Keller, wie die von Ines!

Duschen ist übrigens auch interessant, zumindest die ersten paar Male.

Ich muss mir bei fast jedem Alltagshandgriff vorher genau überlegen, wie ich was mache, damit der
Sehr schöne Fußdeko
gebrochene Fuß nicht belastet wird. Im Bad heißt das, erstmal aufs geschlossene Klo setzen, Klamotten oben runter, Klamotten unten runter. Duschvorhang aufziehen. Auf den Wannenrand setzen, rechtes Bein rein, linkes Bein rein, vorsichtig aufstehen, Duschvorhang zu. Einbeinig duschen.

Versucht mal, mit geschlossenen Augen auf einem Bein zu stehen... ich sag Euch, das ist nicht leicht!

Meist lehne ich mich an die Wand, wenn ich mir die Seife aus den Haaren spülen muss.
Duschen fertig.
Duschvorhang auf, auf Wannenrand setzen, vorsichtig linkes Bein raus, rechtes Bein raus, abstellen, hochdrücken.
Abtrocknen obenrum einbeinig, untenrum auf dem geschlossenen Klo sitzend.

Aber zurück zum Montag. Ich wasche also Wäsche und hoffe, dass die Wollshorts bis morgen trocken ist, denn ich nehme nur ein paar Sachen mit, da ich nicht lange in der Klinik bleiben werde, wenn alles gut läuft. Ich packe alles mögliche zusammen und stecke alles in meinen Rucksack, auch meine Wasserflasche.
Ich habe schließlich gelernt!

Ich recherchiere jetzt, wo diese mysteriöse Station sein soll und stelle fest, dass es ein Teil der Mund-Kiefer- und Gesichtschirurgie ist. (Nach der OP habe ich Tentakel! Oder mysteriöse Mundwerkzeuge an Tentakeln am Fuß!)

Hallo???
Ich hab was am FUß!

Als ich dort anrufe, beruhigt man mich, dass ich richtig sei, weil sie dort auch Unfallchirurgie machen. Na dann. Um 6:30 Uhr soll ich morgen dort sein, sechs Stunden vorher nix essen und zwei Stunden vorher nix trinken. Bei diesen Temperaturen! Morgens trinke ich normalerweise erstmal einen Liter Tee und im Lauf des Vormittags gleich noch einen.

Ich bestelle mein Taxi auf 6:00 Uhr und plane genug Zeit ein, weil jetzt ja alles ewig dauert. Erstaunlicherweise bin ich nicht sehr aufgeregt und schlafe halbwegs gut.

Um 5 Uhr bin ich von selbst wach und stehe einfach auf.
Ich dusche in Ruhe, trinke noch etwas Wasser und um viertel vor 6 mache ich mich auf den Weg nach unten, weil ich für die Treppe ja auch ewig brauche. Alles läuft wunderbar, mein Taxi ist pünktlich und ich bin überpünktlich in der Klink, bald - nach dem üblichen Aufnahmeplempel auch auf Station. Meine Papiere lasse ich mir in den Rucksack stecken und auf Station bitte ich die Schwester, einfach in den Rucksack zu greifen "Ach, so selbständige Patienten, das lobe ich mir!" Ich darf mich setzen, dann verkündet man mir, dass ich erst mittags dran sein soll.
uuuaaaaahhhhhh!
Ohne Essen ist kein Problem, aber ohne Wasser!!!
"Vielleicht kommt ja jemand nicht, dann sind Sie früher dran!"

Und dann passiert tatsächlich das Wunder, dass Nummer 1 auf der Liste nicht erscheint und ich als
Forma Adventure 2018
Erste drankomme. Yeah! Vorher gibt es noch ein Kreuz auf das Bein, das operiert werden soll (Jeder nur ein Kreuz!) und ich bekomme ein Patientenarmband mit Strichcode verpasst, ohne das ich mich in der Klinik nicht bewegen darf.

Ich werde zu den OPs gebracht und darf wieder warten, bekomme dann das unglaublich tolle OP-Outfit gereicht: weiße Thrombosesocken, eine wunderschöne, weiße Einwegunterhose mit orangem Rand und absolut sexy-aufregendem Schnitt sowie ein extrem schmuckes OP-Hemd in weiß mit beigen und blauen Gewöllen bedruckt. Dann muss ich mich auf die OP-Liege legen. Boah, was für ein scheißunbequemes Ding! Ich bekomme sofort Rückenschmerzen.

Jetzt geht es rüber zur Anästhesie. Eigentlich sollte ich noch eine LMAA-Pille bekommen, aber das geht irgendwo unter und ich bin eher fasziniert als aufgeregt. Die Anästhesieärztin verwickelt mich in ein Gespräch und der Assistent namens "Heinzelmann" (wirklich!) diskutiert mit mir über Gesundheitspolitik, während ich mit allem möglichen beklebt, verkabelt und abgefüllt werde. Dann kommt die Sauerstoffmaske und dann "Sooo, jetzt kommt das Schlafmittel, noch drei Atemzüge..."

Die Decke beginnt zu verschwimmen, ich kämpfe einen kurzen Moment gegen das Gefühl an und dann sagt eine innere Stimme zu mir "Doro, Du brauchst nicht kämpfen!" und schon bin ich weg.

"Frau Ernsting... Frau Ernsting... aufwachen..." kommt eine Stimme von ganz weit weg.
*grunz*
Ich drehe mich auf die Seite.
"Nein, nicht auf die Seite legen!"
Wo bin ich? Ich schaue auf eine Uhr, die 10 vor 10 Uhr zeigt und lalle "Ist alles gut verlaufen?"
"Ja, alles super!"

Langsam werde ich wacher, während mich die nächste Schwester in ein Gespräch verwickelt.
Boah, lasst mich doch pennen, verdammt!
Oder gebt mir was zu trinken, ich hab Durst!
Fehlanzeige, zu früh.

"Machen Sie viel Sport?" "Ja, warum?" "Der Alarm ging ein paar Mal los, weil Ihr Puls so niedrig war..." Nach einer halben Stunde werde ich von zwei netten Männern (nubische Sänftenträger! naja, fast) umgebettet und fahre zum ersten Mal in meinem Leben in einem Rettungswagen.

Bald werde ich im Bett auf mein Zimmer gekarrt, das bis jetzt erst mit einer alten Dame belegt ist.

Solange ich am Tropf hänge, darf ich immer noch nichts trinken.
Boah, ne.
ICH HABE DURST, VERDAMMT NOCHMAL!

Irgendwann ist der Tropf leer und ich bekomme endlich etwas zu trinken, die Flasche ist quasi sofort leer. Auf Toilette soll ich die ersten Male begleitet werden, es ist aber gleich klar, dass das nicht nötig ist.

Etwas später darf ich mich aus dem OP-Hemd schälen und in meine eigenen Klamotten schlüpfen. Unter dem T-Shirt finde ich noch die OP-Aufkleber von den Kabeln. Mein Fuß ist unangenehm eingeschnürt in Schiene und Verband und ich würde alles am liebsten runterreißen, weil die Schiene an der Seite drückt und ich das Gefühl habe, der Fuß platzt gleich.

Für meine nächste Wasserbestellung krücke ich schon selbständig nach vorne, wo man ziemlich
Kunststick am Fuß
erstaunt ist "Ist Ihnen nicht schwindelig? Machen Sie langsam!" Vermutlich werde ich in die Annalen der Orthopädie als "Die Patientin, die nicht still liegen kann, Medikamente verweigert und alles selbst macht" eingehen... aber ich MUSS mich bewegen, dieses rumliegen macht mich kirre und so schlecht geht es mir auch nicht. Fühlt sich bisschen an wie gestern drei Bier zuviel und heute zu früh aufgestanden und noch keinen Tee getrunken, also fast wie neu.

Nach zwei Flaschen Wasser bin ich langsam etwas zurechnungsfähiger und fühle mich besser. Jetzt kommt Nummer 3 ins Zimmer, eine junge Frau mit Kreuzbandriss, die später noch operiert werden soll. Sie wird gegen Mittag geholt und für uns Verbleibende gibt's jetzt Mittagessen!
YEAH! Ich bekomme etwas vegetarisches, einen erstaunlich leckeren Auflauf und ein Joghurt.
Das tut gut!

Zwischendrin dämmere ich ein bisschen weg. Gegen späteren Nachmittag kommt der Vater der jungen Frau mit Blumen, aber sie ist noch nicht zurück aus dem OP. So unterhalten wir uns ein bisschen und ich bewege mich, soweit es geht auch im Bett.
Joah, Fuß schön hochlegen, mach ich, aber ab und zu aufstehen ist auch was.
Wir schwätzen eine Weile ganz nett, dann kommt die Tochter aus dem OP, ihre Familie und später ihre Freundin sammeln sich um sie.
Ein ganz lustiger Haufen ist das.

Irgendwann gibt es Abendessen und ich bekomme dazu ominöse Tabletten gereicht.
Hm, bin ja absolut kein Fan davon, mehr als nötig zu nehmen und habe den Eindruck, dass ich immer noch benebelt bin.
ok, Paracetamol, kenn ich, brauch ich nicht, mir tut nix weh.
Tilidin.
Was das wohl ist?
Thromboseprophylaxe?
Ich nehm's mal.

Fünf Minuten später. Mir ist blümerant zumute. Ich recherchiere, was ich den hier genommen habe. Holla, das ist ein OPIAT.
Ach Du Sch...!
DAS nehm ich ganz gewiss nicht nochmal.

Die erste Nacht ist etwas unruhig, außer uns schläft nur die alte Dame großartig. Sie hatte eine Schlaftablette und schnarcht die ganze Nacht. Ich schlafe auch einmal tief ein, werde aber vom Rettungshubschrauber geweckt, der startet oder landet. Außerdem tut mir das Kreuz weh, ich kann nicht auf dem Rücken liegen und schon gar nicht die ganze Nacht. Mehr schlecht als recht wühle ich mich ins Bett ein, bewege meine Beine, strecke mich.

Am nächsten Morgen bin ich immer noch etwas benebelt, als die Visite kommt. Mein Chirurg läßt endlich den elenden Verband aufschneiden und ich darf zum ersten Mal wieder den Knöchel bewegen.

Es ist unglaublich, für welche kleinen Dinge man dankbar ist!
Das tut soooo gut! Ich hatte mich vorher nicht getraut, irgendetwas mit dem Fuß zu machen, nicht mal Zehen wackeln.

Ich bekomme ein Röntgenbild von meinem Fuß gezeigt, alles sei super verlaufen und wenn ich wollte, könnte ich heute schon nach Hause. YEAH!

Bald darauf kommt eine Physiotherapeutin mit meinem neuen Schuh. Ich bekomme einen Hightechstiefel verpasst, einen Vacoped-Schuh. Das Ding ist grottenhäßlich, aber damit darf ich den Fuß teilbelasten, d. h. ich darf ihn aufsetzen und abrollen. Diese Schuhe (im Fachjargon "Orthese") schützen und fixieren den Fuß, haben innen ein püscheliges Futter und zwischen den Futterschichten eine Schicht mit kleinen Styroporkügelchen, bei denen nach dem anziehen mit einer Pumpe ein Vakuum erzeugt wird. Damit schmiegt sich der Schuh perfekt an den Fuß an. Außerdem bleibt das Gangbild halbwegs normal, da man nicht wie früher beim "Gehgips" auf einem "Absatz" herumbalanciert und den Fuß unwillkürlich seltsam schwenkt. Das Ding hat auch etwas Gewicht, so dass das Bein zumindest etwas Training erhält. Ihr glaubt nicht, wie schnell Muskeln komplett abbauen!

Ich soll jetzt ein paar Schritte hin und her machen, alles prima.
Boah, das ist was anderes mit dem Ding als das Gehopse davor! Wesentlich weniger anstrengend, zumal die Dame meine Krücken auch noch höher gestellt hat.

Meine Bettnachbarin, die witzigerweise Dorothe heißt, bekommt auch schon die ersten Maßnahmen und nachmittags bringt ihre Freundin sie im Rollstuhl raus und ins Café.
Wie ich sie beneide!
Ein Croissant und ein Milchkaffee, das wäre jetzt echt was!

Leider hat sich nicht rumgesprochen, dass ich Vegetarierin bin, und mein Mittagessen besteht aus Hühnersuppe, einem Stück Fleisch, etwas Gemüse und einem Joghurt. Tja. Das Fleisch lasse ich liegen. Ich habe eh nicht viel Hunger, höchsten auf etwas Frisches. 

Dorothe und ich verquasseln den Nachmittag und wir bedauern die alte Dame, die Schmerzen hat und von Tag zu Tag immobiler und angenervter wird. Ich wünsche wirklich niemandem so ein Schicksal!

Zwischendrin werde ich im Bett ins Röntgen gekarrt, wieder nach Schwangerschaft gefragt. Meine Antwort wird mit "woanders wird man mit 70 noch schwanger!" quittiert und ich antworte mit "Ein Hoch auf die Reproduktionsmedizin!" Oh Mann.

Im Röntgenraum hängt ein riesiges, blaues Plüschcameleon. Ich verkneife mir zu fragen, wo man sowas kaufen kann... Dann werde ich erst in den Flur geschoben und ein wenig später wieder zurück gefahren. Fast so gut wie eine Sänfte ist das, nur kann ich niemandem huldvoll zuwinken und der Sänftenschieber entspricht auch nicht meinem Beuteschema.

Gegen späteren Nachmittag kommt der zweite Arzt, der mich mit operiert hat und erklärt mir, dass sie mich lieber noch eine Nacht da behalten möchten. Meine Laborwerte seien noch nicht da. Na gut, dann bleibe ich halt noch!

Meine Freundin Marie-Claude hat ihren Besuch angekündigt und ich bitte sie, mir ein bisschen Obst mitzubringen, weil ich das Gefühl habe, dass mein Körper danach schreit. Zuhause esse ich ja nur frische Sachen und vor allem - ganz andere Sachen. Ich bin ihr total dankbar, als sie mir ein paar Kirschen, Erdbeeren, einen Apfel und eine Banane mitbringt. Die Erdbeeren und Kirschen atme ich sofort ein, den Apfel esse ich später. Wir unterhalten uns auf Französisch über alle mögliche und sie fragt mich auch, was die beiden anderen haben.Dann fährt sie nach Hause und ich versuche, meine Nase ins Buch zu stecken, aber so richtig konzentrieren kann ich mich hier nicht. Dauernd ist irgendwas, jemand kommt rein, draußen ist Action, dann komme ich wieder mit Dorothe ins Gespräch, dann kommt eine whatsapp...

Zum Abendessen bekomme ich die nächste Pralinenschachtel gereicht.
Ich sage ganz trocken "Brauch ich nicht, ich habe keine Schmerzen. Ich habe gestern nur eine Paracetamol und einmal Tilidin genommen, das hat gereicht."
uiui.
Das hört man hier gar nicht gern.
Sie wollen mir offenbar nicht glauben, dass es mir gut geht...?
Aber warum soll ich meinen Körper, der jetzt mit Heilung beschäftigt ist, mit irgendwas belasten, das ich nicht brauche...?

Später kommt die supernette und lustige Nachtschwester, mißt unseren Blutdruck, Puls (58 bei mir... "Sportlerpuls!"), Temperatur und rammt erst Dorothe, dann mir die Spritze in den Bauch. Sie erzählt uns, dass sie das bei anderen supergut könnte, nur nicht bei sich selbst. Wir quatschen noch etwas und scherzen mit ihr. Dorothe und ich unterhalten uns noch eine Weile miteinander, und gegen 21 Uhr schlafe ich sang- und klanglos ein.

Diesmal stören mich weder Schnarchen noch Hubschrauber, ich bin einfach weg.

Mitten in der Nacht wache ich auf, weil ich mal muss.

Ich ringe mit mir. Anziehen, im Dunkeln durchs Zimmer krücken, schön leise... nach einer Viertelstunde gebe ich den Kampf auf und versuche so leise wie möglich ins Bad zu gehen
.
Der zweite Teil der Nacht ist etwas unruhiger, weil ich nicht dauerhaft in einer Stellung liegen kann. Das Bett ist zwar bequem, aber ich bewege mich auch im Schlaf ziemlich viel herum und darf mich nicht auf die Seite legen. Mehr schlecht als recht schlafe ich bis ungeähr halb 6. Dann habe ich es satt. Ich bin wach.

Ich trinke meine Wasserflasche leer, krame meine Klamotten vom Stuhl und beschließe, duschen zu gehen. Jetzt schlafen die beiden anderen noch, niemand muss aufs Klo und die Visite ist auch noch weit weg.

Ihr glaubt gar nicht, wie GUT so eine Dusche tun kann und wie gut es tut, sich wieder halbwegs normale Klamotten anzuziehen! Hier muss ich über keine Ränder klettern, in der Dusche sind Haltegriffe und ich habe einen Hocker zum an- und ausziehen, ggf. auch fürs duschen. Sehr angenehm!

Ich packe alles im Bad zusammen und merke auch, dass die Müdigkeit vom letzten und vorletzten Tag wesentlich weniger ist. So langsam fühle ich mich wieder normal. Wird auch Zeit!

Weil ich Hunger habe, verdrücke ich die Banane, denn das Frühstück wird noch auf sich warten lassen.

Dorothe ist jetzt auch wach und wir unterhalten uns im Flüsterton, bis die alte Dame - offenbar auch wach - nach dem Pfleger klingelt, weil sie nicht ohne Hilfe auf die Toilette kann.

Dann kommt erst Dorothes Visite und danach ein Stab von neun Personen zu der alten Dame. Sie bekommt endlich den wohl schmerzhaft drückenden Gips vom Arm und wird weiter versorgt.

Was mir bei den Visiten auffällt ist, dass Dorothes und mein Arzt sehr nett zu uns sind, uns Fragen stellen und mein Chirurg wirklich richtig sympathisch und lustig ist. Bei der alten Dame ist die Visite ein bisschen so, wie man sich das vorstellt: Es wird über den Patienten gesprochen, aber weniger mit ihm. Keine Ahnung, woran das liegt. Vielleicht waren wir einfach viel frecher und offensiver als die alte Dame, die offensichtlich keine Energie hatte, sich als Person und nicht als Patientin einzubringen. Ich kann da jedem nur raten, Fragen zu stellen und sich ruhig in den Mittelpunkt zu stellen, ihr seid nicht nur der "Mittelfußbruch" oder "Kreuzbandriss", ihr seid eine Persönlichkeit und etwas renitent zu sein, schadet ebenfalls nicht.

Mein Chirurg kommt herein und fragte mich "Wie geht es Ihnen?" Was ich mit "Sehr gut, ich war schon duschen!" quittiere. Darauf meint er "Ab nach Hause mit Ihnen!"
YEAH!
Das wollte ich hören.

Als das Frühstück kommt, gehe ich leer aus. Offenbar war ich schon als "entlassen" markiert, für mich wird nachbestellt und nach 45 Minuten habe ich auch etwas zu essen. Leider ist nichts mit in Ruhe frühstücken, denn jetzt kommen meine Entlassungpapiere, Anweisungen und bald auch der Taxifahrer, der mich abholt. Ich verabschiede mich von allen, nicht ohne meine restlichen nicht benötigten Medikamente (Opiate anyone...??) aufgenötigt zu bekommen.

Dann werde ich wieder in die Freiheit entlassen.

Fazit meines ersten (und hoffentlich letzten) Krankenhausaufenthalts ist: Ich hatte mir alles viel schlimmer und unangenehmer vorgestellt. In meinem Kopf waren noch die Bilder aus den 70er und 80er-Jahren, als meine Eltern teilweise wochenlang im Krankenhaus lagen. Sechs- und Achtbettzimmer waren damals noch Gang und Gäbe. Privatsphäre gab es nur durch ein paar Vorhänge oder mit Stoff bespannte Stellwände. Alles war einfacher, dafür war die Pflege nicht so durchgetaktet, Patienten wurden viel länger einbehalten und nicht nach ein paar Tagen "rausgeworfen", selbst wenn sie noch nicht so weit waren.

Wobei ich sagen muss, dass ich nie den Eindruck hatte, es wäre nicht hier und da mal ein Moment für ein paar nette Worte an die Patienten. Im Gegenteil, ich hatte immer das Gefühl man versucht, uns den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Aber länger als 2 Nächte muss ich das echt nicht haben.

So, nun bin ich also wieder auf dem Weg nach Hause. Der Taxifahrer fragt mich erst nach der Verordnung der Taxifahrt und erklärt mir, dass sie unheimlich aufpassen müssten, dass die Kasse die Fahrt wirklich zahlt und sie nicht auf den Kosten sitzen bleiben. Das ist ein echtes Unding! Er fragt natürlich auch, wie ich mich verletzt habe und erzählt mir, dass sein Bruder auch Motorrad gefahren ist. "Eine große Honda!", wohl einen Supersportler. Er hat ihn dazu überredet, die Maschine zu verkaufen, weil es zu gefährlich sei. Hm. DAZU überredet MICH niemand!

Zuhause angekommen, bitte ich ihn, meinen Karton für den Vacopedstiefel und die Schiene zum Haus zu bringen, ich kann ja nichts tragen. Er hat Angst vor Hunden, ich versichere ihm, dass die Hunde meiner Vermieterin drin sind, sonst stünden sie schon kläffend am Tor. Er trägt mir die Karton vor die Tür und verabschiedet sich. Ich höre die Hunde schon kläffen und rufe nach meiner Vermieterin und bitte sie, meinen Karton und die Schiene nach oben zu schaffen. Sie erklärt mir gleich lang und breit ihre Leidengeschichte und wie schlimm und schlecht alles ist, während ich - frisch operiert und gut gelaunt - die Treppe nach oben erhopse.

Ja, ein Bruch ist wirklich nichts, worüber man sich freuen muss, aber es gibt schlimmeres! Es ist alles eine Frage der Einstellung.

Etwas, das ich aus dieser Verletzung gelernt habe ist, dass man sich nicht auf das konzentrieren sollte, was man jetzt nicht kann, sondern auf das, was man kann. Und das ist doch eine Menge: Treppen, kürzere Strecken gehen, Sport ohne Bein oder auf einem Bein, malen, schreiben, Essen zubereiten, Betten machen, Betten beziehen (mit kreativer Technik), mit Menschen reden, im Garten oder auf dem Balkon sitzen, lesen, chatten, telefonieren, schlafen, Netflix gucken und und und... es gibt derzeit genau drei Dinge, die ich nicht selbst erledigen kann: Müll wegbringen, irgendwo hinfahren und einkaufen. Der Rest klappt problemlos, sogar putzen, staubsaugen, geht alles. Darf ich meiner Kasse aber nicht verraten ;-)

Man wird bescheiden.
Der Besuch im Café mit einer Freundin ist jetzt etwas Besonderes, der Einkauf, im Garten der Nachbarn sitzen zu können... Aber ich arbeite täglich an mir und versuche, meinen Radius zu erweitern. Mein Körper passt sich an die geänderten Bedingungen an und ich freue mich darüber, dass ich mit dem Stiefel besser gehen kann, keine Spritzen mehr brauche und dass es nicht Winter ist.

Am Donnerstag mache ich einen Arzttermin für Laborwerte aus und erledige diversen Kassenpapierkram. Ich genieße mein Zuhause, bereite mir meine gewohnten Mahlzeiten zu, trinke Tee und gucke auf Netflix "Happy" zuende (Falls ihr Netflix habt und schräge Serien mögt: Angucken! Total durchgeknallter Shit!).

Freitagmorgen soll ich zwischen 8:00 Uhr und 10:00 Uhr zur Blutabnahme beim Arzt sein. Ok, ich versuche mal, ob ich bis zur Bushaltestelle (ca. 800 m) komme und krücke beherzt los. Bergab ist es allerdings nicht einfach, außerdem ist es schon wieder schwül ohne Ende und ich merke, dass ich körperlich noch nicht wieder bei 100 % angekommen bin. Ich mache ziemlich viele Pausen, muss bei dem krummen und schiefen Gehsteig genau gucken, wo ich meine Krücken hinsetze und verfluche diesen Entschluß schon bald. Als ich an der Straßenecke ankomme, spricht mich eine Wildfremde an "Wo müssen Sie denn hin? Kann ich Sie mitnehmen?" Ich antworte "Zur Bushaltestelle, ich muss zum Arzt." Sie bietet mir kurzentschlossen an, mich zum Arzt zu fahren. Nach kurzem Zögern willige ich ein. Als ich am einsteigen bin, hält ein SUV und ein älterer Mann bietet mir ebenfalls an, mich mitzunehmen. Wow, damit hätte ich jetzt echt nicht gerechnet!

Die Dame ist supernett und wir unterhalten uns, sie gibt mir ein paar Tipps zur Reha und Krankenkassenkram. Dann erzählt sie mir, dass sie eine zeitlang alleinerziehend war und eine Freundin ihr sehr geholfen hätte. "Ich habe ihr dann gesagt, dass ich ihr das niemals zurückgeben könnte. Darauf meinte sie 'mir nicht, aber vielleicht jemand anderem!'" Wow, das nenne ich Karmaarbeit! Sobald ich wieder laufen kann, gibt's ein Blech Muffins oder Cupcakes!

Beim Arzt läuft alles wie am Schnürchen, ich habe mit dieser Praxis einen Glücksgriff getan. Ich hatte nie einen Hausarzt, weil ich nie ernstlich krank war. Nach ganz kurzer Wartezeit bin ich dran, bekomme von der supernetten Ärztin jeglich Form von Support für die Kasse und bin bald wieder draußen. Blut muss noch genommen werden und dann kommt mein Taxi.

Tja. Mit der Kassenzuzahlung war es wohl nix, für ambulante Behandlungen zahlen sie keinen Transport. Na toll. Wie soll ich das jetzt anstellen? Ich habe etliche Termine vor mir, Reha, Arzt, Arzt, Reha... wenn ich das selbst zahlen darf, bin ich bald arm.

Der Taxifahrer erklärt mir das alles haarklein und meint auch, dass ich erst die Genehmigung von der Kasse brauche und dann erst das "Transportrezept". Ich weiß echt nicht, wie die sich das vorstellen, wenn man allein lebt, der ÖPNV nicht 50 Meter entfernt ist (ich habe jetzt erfahren, dass es ein Anrufsammeltaxi nach unten oder oben gibt, das werde ich dann wohl mal nutzen) und keinen Chauffeur hat? Bei der Kasse wird mir erklärt, dass es ja auch Hausbesuch gibt. Joah. Und wenn ich Krankengymnastik an Geräten brauche? Dann kommen die auch her, oder wie?

Wir quasseln ganz nett und als ich aussteige fällt mir auf, dass der Fahrer ein Motorradshirt trägt. Ich frage ihn, ob er auch fährt. "Ja! Ich habe gleich Ihre Kette gesehen!" (Ich trage Conchita als Anhänger an einer Kette). Er erzählt mir, dass er sein Motorrad verkauft hätte, aber sich jetzt wieder eins kaufen möchte. "Ich glaube, ich bin gestern mit Ihrem Bruder gefahren!" Ja, Treffer. Eh ich mich versehe, sind wir in ein Benzingespräch vertieft, er erzählt mir, wie er als Junge sich heimlich die Motocrossmaschine vom Nachbarn ausgeliehen hat und damit rumgefahren ist. Wir verabschieden uns herzlich. Motorradfahren verbindet wirklich Menschen aller Länder und jeglicher Kulturen :-)

So, jetzt muss ich mit der Kasse telefonieren, natürlich mit negativem Ergebnis, siehe oben. 

Danach telefoniere ich mit Physiotherapiepraxen. Die ersten zwei haben nichts frei, von der zweiten bekomme ich noch einen wichtigen Hinweis: Wenn man von einer Klinik aus dem "Entlassmanagement" ein Rezept bekommt, muss dies nach 12 Tagen abgearbeitet sein, weil es sonst verfällt.
Ah ja.
Und wenn man keinen Termin bekommt, ist man gearscht.
Wirklich toll.
Wer sich das ausgedacht hat, hat noch nie eine ernstliche Verletzung gehabt!

Bei einem großen Anbieter habe ich Glück und bekomme sogar gleich für Freitagnachmittag einen Termin. Jetzt kommt die Preisfrage: Wie komme ich hin? Zum Glück habe ich hier eine wahnsinnig nette und hilfsbereite Nachbarschaft! Meine Nachbarn in Haus 25 sind sofort bereit, mich zum Termin zu karren und abzuholen.

Mir geht es jetzt, wie der Dame vom Morgen: Ich werde das nie zurückzahlen können! Aber es wird ein Fuß-Fest geben, wenn ich wieder fit bin! Und irgendjemand wird von mir etwas zurückbekommen!

Die erste Sitzung sind 20 Minuten Physiotherapie. Es gibt eine Bestandaufnahme und dann muss ich meinen Fuß beugen, strecken, zum Vergleich wird der gesunde Fuß herangezogen (Hypermobil! 60 Grad Streckung möglich...). Im Lauf der Sitzung kann ich immer weiter beugen und strecken, ein Teil der Steifheit ist sicherlich auch noch der Schwellung geschuldet. Ich habe zwar immer wieder selbst am meinem Fuß herumgeknetet und -gestrichen, aber heute war ich den ganzen Tag im Stiefel und entsprechend schaut er aus: Geschwollen.

Michaela holt mich nach der "Stunde" ab und lädt mich noch zu frischem Kirschkuchen ein. Ich verbringe zwei schöne Stunden in ihrem Garten und biete meine Dienste für alles an, was man im sitzen erledigen kann (Kirschen entsteinen!) und auch fürs nähen von Kirschkernsäckchen, wenn jemand meine Maschine und das Material für mich von A nach B trägt.

Gegen Abend verabschiede ich mich, der Fuß muss jetzt hochgelegt werden. Ich gebe mir noch 45 Minuten Pilates und dann geht es aufs Sofa, Fuß hoch.

DAS war ein ereignisreicher Tag!

Samstagmittag habe ich den nächsten Termin für die Lymphdrainage. Ich schlafe erstmal halbwegs aus, dann beziehe ich mein Bett neu, wasche Wäsche, dusche mich und setze mich auf den Balkon. Statt meine Küchenstühle immer von A nach B zu schieben, schaffe ich einen Metallklapptstuhl aus der Abstellkammer auf den Balkon und stelle meinen Bambushocker dazu. Mit einem Kissen drauf ist das ganz bequem so und ich kann Hocker und Kissen nach der Benutzung einfach ins Wohnzimmer packen. So sitze ich eine zeitlang in der Sonne und mache mich gegen Mittag auf den Weg nach unten.

Diesmal fährt Tobias mich zur Reha. Ich weiß nicht, wie lange es diesmal dauert und Tobias beschließt, in der Zwischenzeit auf den Flohmarkt zu gehen. Die Lymphdrainage ist aber auch nach 20 Minuten zuende und Tobias hat nicht viel Gelegenheit, Geld auf dem Flohmarkt zu lassen. Ich werde wieder nach Hause geschafft.

120 Minuten Physiotherapie und Lymphdrainage pro Woche.
Damit soll man wiederhergestellt werden...?

Ich bin sportlich und ich kenne mich mit meinem Körper aus, habe viele Jahre Fortbildungen gemacht, getanzt, mit und an meinem Körper gearbeitet, kenne Massagegriffe und bin hochmotiviert, so schnell wie möglich wieder fit zu sein. Ich arbeite seit dem Bruch täglich in irgendeiner Form an meiner Fitness und war davor auf einem richtig guten Stand (15 Wochen Freeletics, jede Woche 1 x Pilates, täglich zwischen 20 und 30 km Radfahren). Ich gucke mir an, was die in der Reha machen, stelle Fragen, was ich darf und was noch nicht, was ich noch machen kann usw.
Kurz gesagt: Ich bin fit und ich werde wieder fit. In drei Monaten werde ich wieder Freeletics machen können, in 6 Wochen darf ich wieder Radfahren und schwimmen. Ende des Jahres spätestens bin ich wieder so fit wie vor 3 Wochen.

Jetzt frage ich aber: Was helfen jemandem, der noch nie Sport gemacht hat, der sich nicht mit seinem Körper beschäftigt hat, der sich nie über Bewegungsabläufe Gedanken gemacht hat, weil er nie getanzt oder Kampfsport gemacht hat, 120 Minuten Reha IN DER WOCHE? Ich behaupte: Herzlich wenig!

Diese Form der auf Gewinn ausgerichteten Gesundheitspolitik ist einfach grundverkehrt!

Da wird auf der einen Seite ewig viel Geld für Quatsch rausgehauen und auf der anderen wird an Stellen gespart, wo es völlig kontraproduktiv ist. Anstatt einem Kranken das Optimum an Möglichkeiten zu geben mit Bewegungsschulung, Koordinationsschulung, Ernährungsberatung und und und gibt es Trostpflästerchen, später dann unter Umständen Folgeerkrankungen, die noch teurer sind und und.

Ich finde, dass für jemand mit einer Erkrankung oder Verletzung im Bewegungsapparat TÄGLICH mindestens EINE Stunde Physiotherapie unter Anleitung nötig ist, von eigenen Bemühungen zuhause ganz zu schweigen. Meine Tanzlehrerin hat einmal gesagt, dass man jeden Bewegungsablauf rund 300 Mal üben muss, bis er "sitzt"...

Ja, so sitze ich also hier und erstelle mir nachher meinen persönlichen Trainingsplan für die nächsten Wochen. Heute ist noch Pilates dran, mein linkes Bein habe ich im Vacopedschuh bereits 50 Mal nach vorne, hinten und zur Seite gehoben und werde diesen Ablauf mindestens 3 Mal täglich üben und die Wiederholungen von Woche zu Woche um 25-30 steigern. Stretching, Planks, Therabänder, Gewichtsmanschetten... mit all dem fordere ich meinen Körper im Rahmen dessen, was möglich ist. Und das ist ziemlich viel!

Als ich mit Freeletics anfing und oft einen grauenhaften Muskelkater hatte, fragten mich einige "Warum tust Du Dir das an...?"
Ganz einfach: Es macht Spaß, schult meinen Willen und jetzt profitiere ich davon!

Ich finde den Perspektivwechsel sehr interessant und aufschlußreich. Es gibt unglaublich viele Hindernisse in der Umwelt (schiefe Gehsteige, Treppen, Kopfsteinpflaster, Fußabstreifer...) und auch in der Krankenversicherung (sinnlose Vorschriften, viel zu wenig Reha)... auf der anderen Seite gibt es wahnsinnig tolle Entwicklungen (Vacoped statt Gips, diverse Hightech-Rehageräte) und es gibt unglaublich viel Hilfsbereitschaft.

Als klar war, dass ich mir den Fuß gebrochen habe, habe ich auch verstanden, weshalb Menschen, die vor einem Unfall sportlich waren und nun dauerhaft einen Teil ihrer Mobilität eingebußt haben, sich denken "jetzt erst Recht!". Sich zu sportlichen Höchstleistungen anspornen, sich durchbeißen, Lösungen suchen, kreativ sind.

Es gibt immer zwei (oder mehr) Wege: Fuß hochlegen, oder Bett hochstellen, Junk Food oder clean eating, Sport oder Sofa, kämpfen oder leiden... 

No excuses!

Just my two cents.

Mittwoch, 6. Juni 2018

Souvenirs, Souvenirs... - Die Burg 2018

Souvenirs, Souvenirs,
kauft ihr Leute, kauft sie ein,

denn sie sollen wie das Salz
in der Lebenssuppe sein... (Bill Ramsey, Souvenirs, Souvenirs 1959)
Die Burg 2018 ist jetzt schon ein paar Tage her und theoretisch hätte ich genug Zeit gehabt, schon zu bloggen, aber... fangen wir von vorn an.

30.05.2018

Coming home...
Im Forum gab es einen Thread "Mitfahrgelegenheiten", in dem jemand aus Feldkirch in Vorarlberg fragte, ob jemand aus dem Süden Richtung Burg fahren würde.
Na klar, ich!
Ich bot daraufhin Mitfahrgelegenheit und ggf. eine Übernachtungsmöglichkeit an.

Einen Tag später erreichte mich eine recht seltsame Mail von jemand anderem, dass derjenige ja schon seine Frau im Schlepptau hätte und Feldkirch doch etwas weit von Freiburg weg sei.
ähm, hä..?

Meine Antwort fiel entsprechend kurz und nicht sonderlich freundlich aus. Ich find's schon ein starkes Stück, dass jemand, der mich nicht kennt, nie gesehen hat und nichts von mir weiß, mir irgendwelche seltsamen Absichten unterstellt. Aber gut, manche Menschen schließen von sich auf andere... Jeder, der mich ein bisschen kennt weiß, dass Motorradfahrer bei mir willkommen sind und dass ich in der Vergangenheit auch Couchsurfer aus allen möglichen Ländern aufgenommen habe. Ich bin nunmal jemand, der den Kontakt und Austausch mit verschiedensten Menschen mag und bereichernd findet. Gastfreundschaft steht bei mir ganz oben. Aus dem Alter, mir bei jeder Gelegenheit jemand abschleppen zu müssen, bin ich echt raus.

Ein wenig später erhielt ich dann eine Mail von Fritz aus Rankweil, dass er die Einladung gern
Es wird Nacht, Señorita...
annehmen würde und wir einigten uns darauf, uns in Waldhaus zu treffen und von dort weiter nach Freiburg zu fahren. Ich kam als Erste in Waldhaus an und gegen 18:30 Uhr erreichten Fritz und Claudia ebenfalls den Treffpunkt. Wir aßen zusammen und währenddessen braute sich draußen ein ziemliches Gewitter zusammen. Naja, wird lokal sein und wir werden da schon drumrum kommen, dachten wir. Als wir gegen 19:30 Uhr losfuhren, war es am regnen, es sah aber grob in Richtung Freiburg heller aus. Also fuhren wir los... leider regnete es und regnet und schüttete zwischendrin. Der Gegenverkehr blendete teilweise, aber wir fuhren trotzdem recht zügig durch. Auf der Abszweigung zu den Spirzen war das Gewitter dann allerdings recht nah, weshalb ich überlegte, ob wir uns unterstellen oder weiterfahren sollen. Da es rundum nicht sonderlich gut aussah, entschied ich mich für weiterfahren.

Als wir in Freiburg ankamen, waren die Mopeds verdreckt und wir alle gut angefeuchtet. Natürlich hatte es jetzt aufgehört zu regnen. Meine Gäste brachten ihr Gepäck nach oben und wir schwätzten noch eine Weile, bis sich alle zum schlafen zurückzogen.

31.05.2018

*seufz* so schön!
Heute sollte es also gemeinsam losgehen. Ich hatte mit Thomas einen Treffpunkt nahe der A5
ausgemacht und wir wollten dann gemeinsam Richtung Waiblingen fahren, um dort Ralf aufzusammeln. Nach einem frühen, aber trotzdem gemütlichen Frühstück brachen wir zu dritt nach einem Tankstopp zur A5 auf. Wir waren recht früh dran, kamen gut durch und ich gab auch ganz gut Stoff. Schon um 9:45 Uhr waren wir am Treffpunkt, eine halbe Stunde zu früh. Aber gut, besser so, als zu spät.

Thomas kam bereits 5 Minuten nach uns an und führte uns wieder auf die Autobahn zurück. Sein Tempo war etwas gemütlicher und ich fragte mich, was er immer im Cockpit machte? Antwort: Auf dem Navi rumdrücken... Nach einer Dreiviertelstunde erreichten wir Östringen und fuhren die Tankstelle an, die Treffpunkt sein sollte. Ich nutzte den Stopp für einen Kaffee, Fritz holte sich ein Eis und bald stieß Ralf zu uns.

Thomas führte uns sehr gemächlich mit ein paar unfreiwilligen Abstechern ein ganzes Stück, bis wir an eine Stelle mit einer Straßensperrung kamen, wo nicht klar war, ob wir hier weiter könnten, oder nicht. Es war inzwischen ziemlich heiß und ich wäre gern etwas flotter gefahren, aber egal. Fritz und Claudia seilten sich von uns ab, weil es ihnen zu langsam ging, ich fuhr weiter mit Thomas und Ralf.

Im weiteren Teil der Tour zog das Tempo an und irgendwann erreichten wir Amorbach, wo wir an
sehr schöne Twin-Twin
einem Brunnen stoppten, etwas aßen und tranken. Die Hitze war ordentlich, in einem Ort zeigte ein Thermometer +39 Grad an. Boah. Mir setzten im letzten Drittel die Temperaturen ziemlich zu, so dass der letzte Teil für mich mehr ein Gegurke war, als Genuß. Als Ortenberg auftauchte und die Einfahrt zur Burg, war ich wirklich froh. Ich bin echt zäh, aber bei über 30 Grad brauche ich mehr Stopps und gegessen hatte ich auch nicht wirklich genug. Na, egal. Nächstes Mal!

Von Conchita zu steigen, mich bei den Burgwächtern anzumelden, den Aufkleber zu bekommen und bekannte Gesichter zu sehen, das war wie ein Heimkommen. Ich freute mich sehr, viele Bekannte wiederzutreffen. Offenbar freuten sich einige auch, mich wiederzusehen. Von Lutz wurde ich später mit "Doro, mein Sonnenschein!" begrüßt. Lutz, alter Schlawiner :-) Aus Rastatt waren Richard und Stefan schon da und wir begrüßten uns ebenfalls.

Ich war bei den Rastattern untergebracht und musste mein Zelt irgendwie zwischen die anderen quetschen. Unser Platz befand sich offenbar auf einer Megalopolis von Ohrkneifern, durchsetzt mit gelegentlichen Ameisen und Nacktschnecken. Das merkten wir aber erst abends richtig. Jetzt galt es erstmal, raus aus den Mopedklamotten, bisschen frisch machen, Essens- und Getränkemarken holen, Hände schütteln, Umarmungen austauschen, Essen fassen, Getränke holen...sprich, richtig ankommen.

Rapunzel, lass deinen Mopedschlüssel runter!
Es war jetzt meine dritte Burg und ich habe mich wirklich unglaublich gefreut, wieder dabei zu sein. Nach sieben Jahren Führerschein und vier Jahren Africa Twin habe ich das Gefühl, jetzt richtig "assimiliert" zu sein, auch wenn meine Reise- und anderen Abenteuer noch eher in die weniger weltläufige Kategorie fallen, das hier ist mein Platz, meine "Familie", hier gehöre ich hin. Ich mag es, die Geschichte von improvisierten Reparaturen zu hören, über Lowtech-Lösungen zu diskutieren, mich über Reisen auszutauschen und mitten zwischen dem bunten Volk der Twinfahrer zu sein. Meine Twin schaut inzwischen total verhaut etwas mitgenommener aus, meine Klamotten sind abgerockt haben Patina und ich habe meine eigenen Anekdoten zu erzählen. Hey, und was gibt es schöneres, als im Zelt zu liegen, und draußen das typische blubbernde rrriiiiiiiirrrrrriiiiiiii zu hören? Das zaubert mir immer ein Lächeln ins Gesicht. Morgens das Zelt zu öffnen, und Unmengen von Twins zu sehen, das hebt doch die Stimmung!

Für Ralf war es die erste Burg, weshalb wir ihn ein wenig herumführten und zeigten, wo was zu finden ist und was ihn so erwarten würde in den nächsten Tagen.

Um 20 Uhr wurden wir dann herzlich vom Orga-Team begrüßt und über das weitere Programm
lost places...
informiert, außerdem wurden die Roadbooks für Freitag ausgegeben. Horst nahm es sich nicht, mir wieder unter die Nase zu reiben, dass er das Roadbook diesmal extra so gestaltet hätte, dass auch ich es verstehen und die Route finden würde. Jaja, schon gut, Horst, das wird der running gag der nächten Jahre werden...

Ich bin übrigens eine sehr gute Navigatorin per Karte und auch ohne, das wissen die, die mit mir außerhalb der Burg unterwegs waren. Ich komme auch immer dort an, wo ich hin will. Allerdings muss ich sagen, dass ich noch nie jemand war, der gut mit Gebrauchsanweisungen ist. Wenn ich ein neues Gerät habe, probiere ich einfach alles möglich aus. Wenn ich dann irgendwas nicht hinkriege, oder eine Funktion nicht finde, DANN lese ich die Anweisung. Hat bis jetzt immer gut geklappt! Von daher: Ein Roadbook ist für mich wie ein Rezept: Anregung und Inspirazione!

Nach der Begrüßungsrunde gibt es noch einen kleinen Vortrag über das erste Treffen und die Entwicklung seitdem. Es ist schon Wahnsinn, wieviele Leute und welche Logistik hinter so einem Treffen stehen. Die Chefs einer bekannten Firma, die mit T beginnt, waren beim ersten Treffen noch persönlich dabei, beim nächste kamen dann "nur" noch Angestellte. Heute verkauft die Firma mit T nix mehr für unsere alten Twins, aber ganz viel Trödeltech...für Propellermopeds...

Wir zogen uns gegen 22:30 Uhr in die Zelte zurück, der erste Tag hatte genug Eindrücke hinterlassen. Als ich den Reißverschluß meines Zelts öffnete, klebte am Innenzelt eine Nacktschnecke, die ich mit dem Ausruf "iiiiiih! Nacktschneckenalarm!" aus dem Zelt schnippte. Von Thomas kam "Dann zieh ihr halt was an!" Die Nacht schlief ich nach einem Köstritzer wunderbar tief und fest und träumte von den vielen schönen Motorrädern um mich herum, war unbehelligt von wilden Tieren, weil die von den Männern erfolgreich weggeschnarcht wurden.

01.06.2018 Roadbooktour

Nachdem es in der Nacht ziemlich geschüttet hatte, begrüßte uns der Freitag recht bedeckt. Die
Regenklamotten einzupacken, war auf jeden Fall keine ganz schlechte Idee.

Ich habe ja meine eigene Theorie zum Wetter: Wenn man an so einem Tag nichts mitnimmt, liegt die Regenwahrscheinlichkeit bei 100%. Haben von drei Fahrern zwei Regenkleidung dabei, liegt sie bei 33%, haben alle was dabei, wird es nicht regnen...

Zuerst war aber Frühstück angesagt und eine Dusche. Ich hatte in der Nacht wunderbar geschlafen. Die Schlafstörungen der letzten Monate waren komplett weggeblasen, im Zelt schlafe ich irgendwie fast immer gut. Einmal hatte mich der Regen geweckt, aber das Geplätscher war eher beruhigend und das Vogelgezwitscher in der Dämmerung war auch schön. Ich liebe dieses Leben im Zelt, in irgendwelche festen Unterkünfte gehe ich auf Reisen nur im äußersten Notfall. Ansonsten schlafe ich lieber auf der Erde unter dem Sternenhimmel. Es ist einfach etwas völlig anderes und ich mag es sehr, nur mit dem Allernötigsten unterwegs zu sein. Von Reise zu Reise wird es weniger, was ich mitnehme.

Nun also hatten wir gefrühstückt und Thomas und Ralf schloßen sich meiner Führung vertrauensvoll an. Es lief auch alles gut, bis ich bei der Abzweigung nach Freienseen das Schild zu spät sah und geradeaus fuhr. Hm. Ich fahr einfach mal weiter und fädle irgendwo wieder ein... Die beiden Jungs haben wohl an der Abzweigung auf mich gewartet und sich Sorgen gemacht, ob ich mich wo abgelegt hatte, aber ich habe einfach geschaut, wo ich wieder einfädeln kann. Naja, nicht ganz die feine englische Art, aber sie sind ja zu zweit, haben auch ein Roadbook und man findet sich schon wieder.

Ich fand irgendwann die Route wieder und fuhr weiter zum Stopp an "Gleis 1" in der Rabenau. Auch dieses Jahr wieder war die Tour unglaublich schön, lediglich kurze Verbindungsstücke führten über größere Bundesstraßen, der Rest waren kleine K- und L-Sträßchen ohne nennenswerten Verkehr.

Als ich bei Gleis 1 ankam, machten sich Richard und Stefan gerade auf den weiteren Weg. Thomas und Ralf waren wohl nicht da gewesen, als sie ankamen. Hm. Ein bisschen schlechtes Gewissen hatte ich schon... Aber jetzt wollte ich erstmal einen Kaffee. Gleis 1 ist ein sehr originelles Café in einem alten Bahnwaggon, man kann draußen oder drinnen sitzen. Die nette Bedienung sagte mir, dass vorher schon zwei da gewesen wären, aber das war ein Paar. Ob meine Jungs wohl einfach weitergefahren waren? Kaum saß ich, fielen nach und nach weitere Gruppen von Twin-Fahrern ein und auch Thomas und Ralf. Die beiden hatten sich etwas später auch verfahren und waren zum Glück nicht böse, dass ich ohne sie weitergefahren war. puh.

Nach der Kaffeepause fuhren wir gemeinsam weiter und alles lief gut. Es ging durch malerische Dörfchen, viel schönes Fachwerk gab es zu sehen und es begegneten uns nuer ganz selten Autos, ab und zu ein Traktor und ab und zu sahen wir andere Gruppen. Es lief alles wunderbar, bis ich irgendwann in den Spiegel schaute und niemand mehr hinter mir war. Oh! öhm...? Diesmal war aber alles richtig! Wo waren sie nur? Ich wartete und wartete, aber niemand kam. Nun dann... fuhr ich weiter und genoß den Rest der Tour allein. Als ich auf der Burg ankam, kamen Thomas und Ralf bald nach mir. "Hey, diesmal hat doch alles gepasst, wo ward ihr denn..?" "Ralf hat versucht, Dir Zeichen zu geben und ist Dir noch 2 km nachgefahren, ich musste mein Bein an einem Baum heben, aber Du bist einfach weitergefahren!" Tja. Es wird wohl Zeit für Tena Men, Jungs :-D

Für später am Abend waren die Ausgabe der Roadbooks für die Stammtischrallye und Arnos Vortrag über seine Reise in die Mongolei geplant. Wir holten uns was zu essen und zu trinken, ich später noch ein Eis und dann ging es dran, die Gruppe anzumelden.

Auch dieses Jahr sollte ich wieder vorn fahren und auch dieses Jahr brauchten wir einen Namen. Nachdem die Diskussion fruchtlos verlief, fragte ich Thomas nochmal "Wie sollen wir denn jetzt heißen?" Darauf meinte er "Is mir Wurschd!" tja. Ich ging zu Horst und meldete uns als "Is mir Wurschd" an, Horst wollte noch die genaue Ausbuchstabierung von "Wurschd" und kommentierte entsprechend in Erwartung meiner Navigationskünste dieses Jahr. Ich muss mir für nächstes Jahr mal irgendwas für ein Shirt oder so überlegen, z. B. "wer mir nachfährt, ist selbst Schuld" oder so.

Nun erwartete uns Arnos Vortrag. Arno war mit zwei anderen von Deutschland in die Mongolei und zurück gefahren, 2 Monate, 22.000 Kilometer. Ursprünglich sollten sie zu fünft fahren, aber zwei hatten sich am Fuß verletzt und sind "nur" die Strecke zurück gefahren. Arno war aufregt, weil es sein erster Vortrag war und er meinte, er hätte nichts vorbereitet, keine tollen Bilder vorzuweisen und und.... Also, Arno: Dein Vortrag war der Knüller, wir haben uns bestens amüsiert, vor allem über die kleinen Ziegen und die kleinen Menschen in der Mongolei! Du bist ein Naturtalent. Dass die Zeit nie genug ist, das kenne ich auch. Ich fürchte, dass die Zeit nur dann genug ist, wenn man sich keine Limits setzt bzw. keine gesetzt bekommt (Urlaubsdauer...). Ich denke mir auch jedes Jahr "boah, nächstes Jahr lässt Du Dir mehr Zeit, fährst weniger, nimmst länger frei..." Hat bis jetzt nie geklappt. Wenn ich mal auf Tour bin, bin ich nicht zu stoppen, der Hunger, zu sehen, was hinter der nächsten Kurve kommt, welche Überraschungen der nächste Tag birgt, abends völlig am Ende zu sein und am nächsten Tag trotzdem weiterzumachen, weil es einen weiter treibt, immer weiter... das kenne ich nur zu gut. Ich bin gespannt, welches Deine nächste Reise sein wird.

02.06.2018 Stammtischpokal

Is mir Wurschd!
Ich hatte die Nacht irgendwie unruhig geschlafen. Keine Ahnung, ob es die Aufregung wegen dem Pokal war, oder ob die Schlafstörungen einfach mal wieder stören wollten. Jedenfalls wachte ich Samstagmorgen nicht 100% fit auf. Egsl. Kaffee wird's schon richten!

Als wir uns fertigmachten und starten wollen, passiert mir ein (wie ich denke) kleines Malheur. Ich fahre auf eine Lücke zwischen zwei Motorrädern zu, denke "oh, anhalten, nochmal rangieren, das passt nicht!", habe den Lenker eingeschlagen, bremse zu stark und liege unversehends auf dem Boden. Ein fieser Schmerz zuckt durch meinen linken Fuß, da ist wohl was draufgefallen. Mist.

Die Umstehenden eilen besorgt zu mir, rasch steht Conchita wieder. Ich bin etwas zittrig, aber wir sind gleich dran, also los, ans Tor. Als wir rausfahren, bin ich noch etwas fertig, aber bald sind wir unterwegs. Ich merke, wie mein Fuß im Stiefel anschwillt und drückt, bei nächste Gelegenheit werde ich die unterste Schnalle lösen!


Als wir auf die Ronneburg fahren, sind meine Knie immer noch etwas weich und das Absteigen ist alles andere als elegant. Zusammen mit meinem Team humple ich zur Falknerei, um im Glaskasten Greifvögel zu zählen. Wir kommen auf 30, wobei uns später gesagt wird, dass Eulen keine Greifvögel sind, sondern Ansitzjäger. Danach gilt es die "Aussicht" zu finden und den Durchmesser des Linsenausgangs zu bestimmen. Wir haben nichts zu messen dabei, aber ich komme auf die Idee, auf der A4-Blatt die Breite zu markieren und das Blatt zu falten. Ein DinA4-Blatt ist 29,4 cm lang, die erste Schätzung (die sich später als korrekt erweist) ergibt 9 cm Außendurchmesser, Innen 7,4 cm.

Jetzt geht es auf den Weg zur nächsten Station. Mein Fuß tut ganz schön weh, aber ich ignoriere es
Ronneburg
und bringe uns zum nächsten Punkt. Als ich dort absteige, bin ich extra vorsichtig, denn hier ist Schotter und ich will nicht ausrutschen. Unsere Aufgaben sind: Titelmelodien von Filmen und Serien erraten, danach müssen die beiden Jungs einen Fragebogen beantworten. Dort sind Labels von Biersorten abgebildet, Filmzitate müssen erraten werden und am Ende sind Führerscheinfragen zu beantworten. Wir schlagen uns mehr schlecht als recht. Vom Platz runter muss ich wieder rangieren und bin supervorsichtig, weil ich auf keinen Fall nochmal stürzen will und zudem der Fuß sich ziemlich geprellt anfühlt, der Stiefel spannt ordentlich.

Wir fahren den zweiten Teil der Tour, hier verfahre ich mich an einer Stelle und an die nächste Station finden wir zwar, aber da ist kein Team mit Aufgaben. Hm? Ich sage ja, ich bin schlecht im Lesen von Anleitungen... Das gesuchte Denkmal finden wir problemlos, beantworten die Fragen. Auf der Suche nach der möglichen Aufgabenstation fahren wir noch einen kleinen Weg rein, hier lasse ich dann Thomas wenden. Ich bin einerseits total unter Strom, andererseits tut der Fuß weh und ich habe keinen Nerv, die Twin hier zu wenden. Aufsteigen ist auch nicht so toll jetzt... in meinem Hinterkopf spukt der Gedanke, dass da vielleicht doch mehr passiert ist, als ich dachte... aber gut...

So steuern wir die nächste Station an, die wir wieder problemlos finden. Hier dürfen wir blumig umschriebene Motorradteile erraten z. B. "leichte Gliedmasse" (Federbein), "Fernbesteck" (Telegabel), "Agentenzubehör" (Schalldäpfer), "Kopfbedeckung mit Unterdruckfunktion" (Ventilkappe) oder aber "behütendes Metallteil" (Kotflügel). Hier schlagen wir uns ganz gut. Enige fragen besorgt nach, warum ich so humple und ich erzähle von meinem Umfaller am Morgen.

Gegen 14 Uhr erreichen wir die Burg, geben unsere Unterlagen ab. Thomas und Ralf wollen noch Eis essen, ich will aus dem Stiefel und nachsehen, wie der Fuß aussieht. Oh je. Ganz schön geschwollen, hoffentlich wird das besser bis morgen... Unsere Zeltnachbarin Julia fährt extra nochmal für mich los, um Eis zu holen. Sie kehrt nach einer Viertelstunde mit einer Tüte zurück, überall war Eis ausverkauft, aber an der Edeka-Fischtheke gab es welches. Natürlich gibt es die entsprechenden Kommentare von wegen Fisch mit Käse und so... Als ich nach oben humple, kommen die nächsten Besorgten, Björn, einer der Ärzte auf der Burg, soll sich meinen Fuß ansehen. Ich wickle mein feuchtes Handtuch drum und kühle, so gut es geht mit Eis. Es tut jetzt nicht mehr so weh, ist nicht viel dicker geworden und ich kann langsam, aber ok laufen. Ich bekomme noch Aloe Vera extra strong von einem netten Paar aus dem Allgäu und reibe den Fuß damit ein.

Gegen 17 Uhr versammeln wir uns für das Geschicklichkeitsspiel. Diesmal gilt es, ein Bettlaken per Hand und Fuß über eine Strecke zu befordern, dabei müssen beide Füße auf dem Laken bleiben und am Ende muss die Rückseite des Lakens oben liegen. Wir sind nicht die Ersten und können einige mehr oder weniger erfolgreiche Variationen beobachten. Von herumkicken, schieben, rollen oder Laken packen und auf dem gespannten Laken ins Ziel laufen, ist alles dabei. Es wird übertreten, gibt Strafsekunden und natürlich großes Hallo und jede Menge dumme Kommentare.

Der Abend schreitet voran und Björn schaut sich meinen Fuß an. Wir witzeln etwas herum, weil er inzwischen doch recht blau geworden ist. "Das Blut sammelt sich immer unten, wie bei den Leichenflecken..." Danke Björn, genau die Info, die ich jetzt hören will :-D Die einzige Sorge, die mich gerade umtreibt ist, ob ich morgen in den Stiefel passe, oder nicht. Aber erstmal gibt es die Siegerehrung. Dieses Jahr teilen wir uns den 14. Platz mit einer anderen Gruppe, yeah! Eigentlich hätte unser Team Schmerzzulage bekommen müssen, verpasste Station oder nicht, Tapferkeit im Einsatz sollte belohnt werden, finde ich!
Der Kampf mit Laokoon... ähm... dem Laken

Meine Jungs sind Kummer schon gewohnt und ersparen mir Kommentare bezüglich unserer Platzierung. Der erste Preis geht nach Franken, als gebürtige Fränkin kann ich damit leben. Außerdem: Wer von uns hätte Platz für den Pokal gehabt...? Wir völlig überbewertet!

Da dieses Jahr die Burg zum 20. Mal in Ortenberg stattfand und es die 21. Burg war, gab es für die drei Dauerteilnehmer, die von Anfang an dabei waren, auch Urkunden. Einer der Drei ist etwas befremdet, als man ihn vom Zelt in den Saal holt, um ihm die Urkunde zu überreichen.

Danach entführen uns Julia und HaDi nach Kasachstan. Arno hatte Kasachstan auf seiner Reise in die Mongolei nur als Transitland benutzt und war mit seinen beiden Begleitern durch endlose Steppe gefahren. Julia und HaDi hatten auf ihrer Reise durch Südamerika einen Kasachen kennengelernt, der sie zur Expo eingeladen hatte und dieser Einladung waren sie gefolgt. Ihre Route führte sie ebenfalls von Deutschland nach dort und sie reisten im Land umher, sahen sich verschiedene Nationalparks an und aßen sich durch die Speisekarte verschiedener Gegenden. Ich bin zwar eigentlich Vegetarierin, aber in anderen Ländern mache ich schon  mal eine Ausnahme, außerdem finde ich es unhöflich, Essen abzulehnen, zu dem ich von Fremden eingeladen werde, auch wenn es Fleisch sein sollte. But that's just me!

Am meisten haben mich der Baikalsee und der Aralsee beeindruckt. Letzterer eher negativ, den See wird man wohl nie wieder zu seiner alten Form zurückbringen können. Georgien habe ich mir als mögliches Reiseziel ebenfalls vorgemerkt.

Nach dem Vortrag trinken wir noch etwas und gehen dann gegen Mitternacht zu unseren Zelten. Ich lege meinen Fuß so gut es geht hoch und wickle den restlichen Eisbeutel im Handtuch drum. Hoffentlich passe ich morgen in den Stiefel!

03.06.2018

Mist, der Fuß ist nicht nennenswert abgeschwollen und ich krieche mehr schlecht als recht aus dem
50 shades of Fuß!
Zelt, um zu den Sanitäranlagen zu humpeln. Auf dem Weg hin und zurück fragen mich lauter besorgte Menschen nach meinem Wohlergehen und ich sage, dass ich auf jeden Fall heimfahren werde, sofern ich den Stiefel anbekomme.

Je mehr ich laufe, desto besser wird es und desto mehr schwillt alles ab. So humple ich erstmal recht frohen Mutes zum Frühstück. Wir sind sehr früh dran und trödeln noch etwas herum, das Wetter für die Rückfahrt schaut gut aus und ich habe nach dem Frühstück bald alles abgebaut. Langsam trage ich Stück für Stück zu Conchita und packe auf. Jetzt kommt der Härtetest: Stiefel anziehen! Erstaunlicherweise geht das gut, ich komme rein. Vorsichtig rangiere ich Conchita aus der Lücke und wir machen uns langsam abfahrbereit.

Am Ausgang verabschieden wir uns von den Burgwächtern, bekommen noch ein paar kleine Geschenke gereicht und dann fahren wir los. Ich bin furchtbar steif und vorsichtig, an der Tankstelle in Ortenberg halte ich, um den Luftdruck zu prüfen und zu tanken, Thomas und Ralf wollen am Tankhof tanken und dort auf mich warten. Dass der Druck nicht passt, muss ich mir eingebildet haben, vermutlich sitzt mir gestern doch noch mehr in den Knochen als ich dachte.

Bald aber geht es weiter Richtung Autobahn. Wir kommen gut voran und ungefähr eine Stunde, bevor Ralf uns verlassen wird, halten wir auf einem Parkplatz, trinken etwas, und verabschieden uns. Das Absteigen ist jetzt zu einer Art akrobatischer Übung geworden, denn ich bin seeeeehr vorsichtig mit meinem linken Fuß. Als wir losfahren, bin ich froh, dass ich es auch nicht mehr so weit habe. Wenn ich von der Autobahn komme, erstmal tanken, dann heimfahren, abladen, ausruhen, Conchita runterfahren.

An der Tankstelle rutsche ich mühsam aus dem Sattel und ebenso mühsam ist der Aufstieg. Ich bin jetzt froh, bald zuhause zu sein. Angekommen packe ich Conchita langsam ab, trage Stück für Stück die Treppe hoch. Dann kommt der nächste Gedanke: Wenn Du jetzt den Stiefel ausziehst, kommst Du vielleicht nicht mehr rein... aber ich möchte etwas schlafen, also Stiefel runter, Hose runter.Weil ich nicht sicher bin, ob ich Montag arbeiten fahren kann, schreibe ich noch eine Mail ins Büro.

Als ich zwei Stunden später aufwache, ist mein Fuß ballonförmig und ziemlich verfärbt. Wohl doch
... mit dem Zweiten geht man besser...
besser, das mal ansehen zu lassen.... Meine Freundin Carmen fährt mich in die Uniklinik, wo wir gemeinsam den Wartsaal bespaßen mit flachen Witzen wie "oh, guck mal, die zeigen Rehe, das ist sicher die Reh-Animation!" Irgendwann werde ich zum Röntgen gerufen und warte mit anderen Fußpatienten, die ebenfalls dumme Witze reißen. Ich muss nochmal in den Wartebereich und als ich danach reingerufen werde, verkündet mir der Arzt, dass ich drei gerbrochene Mittelfußknochen habe, jetzt eine Schiene und Krücken bekomme und zudem noch eine Thrombosespritze in den Bauch (iiiiihhhh!). Ich gucke der Schwester fasziniert zu, die mir den Dynacast anpasst. Als ich wieder nach Hause fahre, habe ich eine formschöne, neue Deko erhalten: eine blau-weiße Schiene und rote Krücken. Die HRC-Farben! 6 Wochen humpeln mit Stil!

Memo an mich: Dieser Unfall hat mir gezeigt, dass es Zeit ist, meine Schwächen auszumerzen. Nächstes Jahr nehme ich Trainerstunden für langsam fahren, wenden und rangieren der Twin in schwierigeren Situationen, bisschen Endurotraining und und... ich will den Jungs schließlich auch auf Schotter wegfahren ;-)

P. S: Liebe Kinder, bitte das mit dem Fuß nicht nachmachen, auch wenn man eine schöne Honda-Schiene bekommt!