Sonntag, 17. Juni 2018

The crutch diaries - Woche 1 und 2: Pontius, Pilates und Vacopedstiefel

Wie ihr ja bereits wisst, habe ich mir auf der Burg durch ein unglücklichen Umfaller drei Mittelfußknochen gebrochen. Das ist inzwischen ziemlich genau 2 Wochen her.

Die erste Woche war wirklich mühsam. Ich hatte eine Dynacast-Schiene, die ich zwar zum duschen abnehmen durfte, aber sonst war Ruhe angesagt. Rumliegen. Fuß hoch. In der Klinik hatte man mir die Krücken in die Hand gedrückt mit den Worten "Fuß nicht belasten!" und dann viel Glück. Da ich im ersten Stock wohne und auch vor dem Haus einige Treppen zu bewältigen sind, durfte ich mir erstmal überlegen, wie ich überhaupt nach oben komme. Zum Glück ging das mit etwas Gehopse ganz gut. Danach suchte ich mir youtube-Videos, wie man richtig mit Krücken geht und vor allem, wie man damit richtig Treppen hoch und runter "geht" und wie ich richtig "laufe".

Wer viel Sport macht, ist im Vorteil.
Wer beweglich ist, organisiert und eine kleine Wohnung hat, ebenso.

Zuhause habe ich mir gleich überlegt, wie ich die vorausgesagten 6 Wochen Zwangspause nutze und vor allem - wie ich nicht komplett abbaue. Ich suchte mir einige Pilates-Videos für Bauch und Rücken und durchforstete meine Apps nach Übungen, die man ohne stehen zu müssen machen kann. Das sind eine ganze Menge, leg raises, diverse Situps, Crunches, Plank mit einem Bein, Knieliegestützen und und.
Also ran an den Speck!

Am 10.6. hatte ich dann die Nachuntersuchung, in der entschieden wurde, ob operiert werden muss
Kreative Kühlung auf der "Burg"
oder nicht.

Dieser Tag hatte es echt in sich. Meine Nachbarin Ines brachte mich zur Uniklinik, wo ich mich in der Sportorthopädie melden sollte. Wir gingen eine Rampe herunter und standen dann vor einem Gebäude mit einer steilen Treppe. Der Mann, der auf der Treppe saß, meinte es gäbe keinen anderen Aufgang.
Wie bitte???
Also hopste ich irgendwie auf einem Bein die Treppe hoch. Drinnen sollte ich eine Treppe zur Anmeldung herunter. Da habe ich mich dann geweigert. Sorry, aber ich habe keine Lust, die Treppe runterzufliegen, zumal ich mit den Krücken noch alles andere als sicher war. Netterweise flitzte Ines mit meiner Versicherungskarte nach unten, um mich anzumelden. Danach hieß es warten, bis die Ärztin kam. Diese schickte mich dann mit den Worten "Es ist nicht weit und Sie brauchen dann auch keine Treppen zu laufen" in die Ambulante Orthopädie, vorher sollte ich noch zum Röntgen.

Bei gefühlten 35 Grad und 99 % Luftfeuchtigkeit krückte ich den endlosen Gang entlang. Im Röntgen angekommen, melde ich mich brav an und wartete wieder. Bald kam eine Auszubildende und fragte ein paar Sachen ab, unter anderem, ob man ausschließen könnte, dass ich schwanger bin. Ich bin 52, hallo??? Aber gut, die Wunder der Reproduktionsmedizin...

Ich wurde alsbald zum Röntgen geholt und eine Dame mit russischem Akzent wickelte meine Schiene ab und fragte, wie das passiert sei. Sie war ganz lustig, bei jedem Positionswechsel meines Fußes (nach links kippen, nach rechts kippen) meinte sie "So, jetzt kööhnän Sie Motorrrrad fahrään". In der Kabine wurde zuvor noch diskutiert, ob der linke oder rechte Fuß geröngt werden sollte.
Ich würde mal sagen der, der in allen Farben schillert?! (hoffentlich muss nicht operiert werden!)
Am Ende des Röntgens sagte die Dame dann "In zwei Monatään könnään Sie wieder Motorrad fahrääään mit Ihräään Maaahnn!" Darauf ich "Nix Mann, ich fahre selbst!" Sie "oh!"

Die nächste Station "Es ist nicht weit!" war dann die Anmeldung bei der Ambulanten Orthopädie.
Hm.
Hier ist ein Schalter, aber der ist zu, da steht "Patientenakte einwerfen", aber die habe ich nicht?! Eine Frau steht im Flur und meint, die Anmeldung wäre um die Ecke "nicht weit". Also krücke ich weiter um die Ecke. An der Anmeldung sind von 5 Schaltern 2  besetzt. Ich lasse mich an einem temporär nicht besetzten Schalter auf einen Stuhl fallen.
Die glauben doch nicht ernsthaft, dass ich hier stehe und warte?
Zum Glück kommt bald eine Dame, die meine Daten aufnimmt. Nach einigem Hin und Her wegen Sportorthopädie oder nicht, bekomme ich meine Akte, die ich in meine - zum Glück - mitgebrachte Tasche stopfe.
Die sind echt lustig hier.
Nicht jeder kommt mit der halben Familie eingeritten oder hat persönliche Träger.
24 hours later...


Auf dem Weg zur nächsten Station rutschte mir die Akte aus der Tasche, netterweise hebt sie jemand für mich auf. Ich werfe die Akte ein und setze mich ins Wartezimmer.
Fuß hoch, sitzen. Gefühlte 50 kreischende Kleinkinder sind ebenfalls im Wartezimmer, es ist unerträglich feuchtheiß und ich habe Durst.

Blöderweise habe ich nichts zu essen und zu trinken dabei, weil ich nicht damit gerechnet habe, dass das alles so lange dauern würde. Bald werde ich aufgerufen und man sagte mir, ich müsse noch ein "kleines CT" machen. Ich frage nach einem Rollstuhl, der mir zum Glück auch gebracht wird. Die Anfrage vorher wurde mit "da müssen Sie unter Umständen länger drauf warten, der ist noch nicht zurück" beantwortet. Haben die nur einen pro Station, oder was...?

Eine nette Schwester karrt mich in die nächste Abteilung und stellt mich mit den Worten "ich stelle Sie so ab, dass sie Gefahren von rechts und links sehen können!" ab. Ja, einer Zombieinvasion könnte ich jetzt nicht weglaufen, aber zumindest sehen würde ich sie rechtzeitig.
Kopf Tischkante.

Als nächstes werde ich in einen neuen Raum gebracht und darf sogar im Rollstuhl sitzenbleiben. Meinen Fuß steckte ich in ein Gerät, das sich zum Glück wirklich als CT und nicht als Fußteleportationsportal in eine andere Dimension herausstellt. Nachher sitze ich hier ganz ohne Fuß, irgendein Alien läuft irgendwo mit meinem rum, oder ich bekomme ihn mit irgendwelchen seltsamen Implantaten wieder oder irgendwelche Tentakel hängen dran. Man kann nie vorsichtig genug sein!
(Ok, ich lese derzeit etwas zuviel H. P. Lovecraft... Iäää iäää Shub Niggurath...)

Ich stecke also meinen Fuß in diese grüne Riesenwaschtrommel, nicht ohne vorher einen schmucken blau-roten Bleikittel umgehängt zu bekommen und schon geht es los. Die Trommel dreht sich um meinen Fuß und nach ein paar Minuten bin ich fertig.

Jemand anderes rollert mich wieder zur Ambulanten Orthopädie. Dort darf ich wieder an die Anmeldung, wo ich wieder das "Sportorthopädie oder nicht"-Gespräch führen darf und eigentlich nicht über "LOS" gemußt hätte, sondern gleich in den Wartesaal gedurft hätte.
Den Rollstuhl lasse ich stehen, weil ich denke, dass das jetzt die letzte Station gewesen sein dürfte. Es ist inzwischen weit über Mittag und ich habe Hunger, Durst, Pipi und bin ziemlich geschafft.

Nach ungefähr fünf Minuten werde ich aufgerufen und treffe wieder auf den netten Arzt, der mich
... noch paar Stunden später...
Sonntag untersucht hat. Ich darf mir die tollen (wirklich!) 3-D-Aufnahmen von meinen Fußknochen ansehen und bekomme erklärt, dass wohl operiert werden muss (seufz! Hoffentlich keine Tentakelimplantate!). Ganz nebenbei zapft mir jemand Blut ab und ich werde sofort für einen OP-Termin eingetragen, lerne meinen Chirurgen kennen und soll noch ein Anästhesiegespräch führen.

Zum Glück kann ich das auch heute gleich erledigen und werde mit den Worten "Es ist nicht weit weg, nur diesen Gang und dann blablabla..." verabschiedet.
Langsam bin ich echt fertig.
Ich schleppe mich im Tempo einer Amöbe beim 1000-Meter-Lauf durch die Gänge, mache etliche Pausen, es ist heiß, ich schwitze unsäglich, mein Magen knurrt und die Zunge klebt mir am Gaumen.
Ein Hoch auf die Willenskraft...

Als ich endlich in der Anästhesie ankomme, bekomme ich den nächsten Papierkram gereicht. Weil ich nicht gleichzeitig Krücken und Klemmbrett mit Stift halten kann, bringt mir die Dame an der Aufnahme alles an meinen Platz. Man fragt nach Größe, Gewicht, Allergien und und und.
Ich kreuze praktisch überall "nein" an.
Dann kommt ein Mann mit einem fixierten Arm herein und wir kommen ein bisschen ins Gespräch. Er ist bei einer Skitour auf Harsch dumm gestürzt und hat sich einiges gebrochen. Wir wünschen uns gegenseitig Gute Besserung und ich darf weiter zur Anästhesieärztin.

Ich werde an ein Blutdruckmessgerät angeschlossen und mein Daumen an einen seltsamen Clip gehängt, der die Sauerstoffsättigung meines Blutes messen soll.

Als die Ärztin zu der Frage "Können Sie zwei Stockwerke hochlaufen, ohne außer Atem zu geraten?" kommt, kontere ich mit "Ich mach Freeletics!" "oh! Ist das dabei passiert?"
Für einen kurzen Moment verlassen wir ihre Routine und ich erzähle von meinem unglücklichen Umfaller.
Dann: "Ihr Blutdruck ist etwas hoch, sind Sie aufgeregt?"
Nenene, ich wurde ja schon drölfmillionen Mal operiert, voll die Routine für mich!

NATÜRLICH BIN ICH AUFGEREGT!!!!

Ich werde nochmal beruhigt, dass ich mir keine Sorgen machen soll, ich sei fit, jung (hust) und das ein Routineeingriff, meine Patientenverfügung dürfte ich mitbringen, wäre aber eigentlich nicht nötig.
You never know!!!
Mit wirklich letzter Kraft schleppe ich mich nach draußen und rufe Ines an.
Sehr schöne Balkondeko


Da sie noch arbeiten muss, entschließe ich mich, die 500 m ("es ist nicht weit!!!") zum Biergarten zu hinken. Passenderweise heißt der Laden "Paradies". In gefühlten 30 Minuten mit Pausen alle 10 Meter schaffe ich es dann endlich, muss mich noch zwei Stufen hochquälen und kann mir endlich etwas zu essen und zu trinken bestellen.
Die erste Schorle ist in zwei Schlucken leer. Eigentlich müsste ich auch mal, aber ich weiß, dass man hier Treppen runter muss und darauf habe ich gar keine Lust.
Also muss ich NICHT.
Reine Willenskraft und jahrelanges Beckenbodentraining!

Ines kommt nach ungefähr 40 Minuten und sammelt mich ein. Ich bin so dankbar, jetzt herumkutschiert zu werden, allerdings muss ich noch zuhause die Treppen hoch... Zuhause angekommen schaffe ich es noch über den Hof, aber die Treppen rutsche ich auf dem Hintern nach oben. Ich kann echt nicht mehr! Wo sind die nubischen Sänftenträger, wenn man sie mal braucht?

Am nächsten Tag habe ich einen unglaublichen Muskelkater unter den Achseln und im oberen Rücken.
Boah, ne.

Die nächsten Tage habe ich Besuch und verbringe eine ganz schöne Zeit zuhause. Endlich genieße ich mal meinen Balkon, male ein Bild für Ines, bereite mich mental auf meine OP am Mittwoch vor. Nach Monaten mit massivsten Schlafstörungen kann ich auf einmal wieder schlafen wie ein Baby und mein Tagesrythmus ist auch ähnlich: 2 Stunden schlafen, 2 Stunden wach.

Mein täglicher Grusel ist die Heparinspritze, die ich mir in den Bauch rammen darf.
Jeden Tag um 19 Uhr!

Die ersten zwei Male setzt mir Ines die Spritze, weil ich mich nicht überwinden kann. Und dann, am dritten Tag, schaffe ich es selbst. Es kostet Überwindung, zweimal setze ich an, aber dann steckt sie im Speck und ich drücke zu. Zum Glück sind es Pens, alles andere wäre einfach nur gruselig gewesen.

Am Montagmorgen wirft mich das Telefon aus dem Bett.

"Ja, hier die Uniklinik. Ihr OP-Termin wurde auf morgen vorverlegt! Sie sind dann in der MKG, Station Eschler."
Wiewowas?
Ich werfe die Klamotten, die ich mitnehmen will, in die Maschine.

Wobei, einfach werfen ist nicht. Wenn ich meine Wäsche machen will, kippe ich den Korb aus und werfe die Wäsche mit den Krücken vor mir her, bis ich bei der Waschmaschine bin. Zum Glück steht meine nicht im Keller, wie die von Ines!

Duschen ist übrigens auch interessant, zumindest die ersten paar Male.

Ich muss mir bei fast jedem Alltagshandgriff vorher genau überlegen, wie ich was mache, damit der
Sehr schöne Fußdeko
gebrochene Fuß nicht belastet wird. Im Bad heißt das, erstmal aufs geschlossene Klo setzen, Klamotten oben runter, Klamotten unten runter. Duschvorhang aufziehen. Auf den Wannenrand setzen, rechtes Bein rein, linkes Bein rein, vorsichtig aufstehen, Duschvorhang zu. Einbeinig duschen.

Versucht mal, mit geschlossenen Augen auf einem Bein zu stehen... ich sag Euch, das ist nicht leicht!

Meist lehne ich mich an die Wand, wenn ich mir die Seife aus den Haaren spülen muss.
Duschen fertig.
Duschvorhang auf, auf Wannenrand setzen, vorsichtig linkes Bein raus, rechtes Bein raus, abstellen, hochdrücken.
Abtrocknen obenrum einbeinig, untenrum auf dem geschlossenen Klo sitzend.

Aber zurück zum Montag. Ich wasche also Wäsche und hoffe, dass die Wollshorts bis morgen trocken ist, denn ich nehme nur ein paar Sachen mit, da ich nicht lange in der Klinik bleiben werde, wenn alles gut läuft. Ich packe alles mögliche zusammen und stecke alles in meinen Rucksack, auch meine Wasserflasche.
Ich habe schließlich gelernt!

Ich recherchiere jetzt, wo diese mysteriöse Station sein soll und stelle fest, dass es ein Teil der Mund-Kiefer- und Gesichtschirurgie ist. (Nach der OP habe ich Tentakel! Oder mysteriöse Mundwerkzeuge an Tentakeln am Fuß!)

Hallo???
Ich hab was am FUß!

Als ich dort anrufe, beruhigt man mich, dass ich richtig sei, weil sie dort auch Unfallchirurgie machen. Na dann. Um 6:30 Uhr soll ich morgen dort sein, sechs Stunden vorher nix essen und zwei Stunden vorher nix trinken. Bei diesen Temperaturen! Morgens trinke ich normalerweise erstmal einen Liter Tee und im Lauf des Vormittags gleich noch einen.

Ich bestelle mein Taxi auf 6:00 Uhr und plane genug Zeit ein, weil jetzt ja alles ewig dauert. Erstaunlicherweise bin ich nicht sehr aufgeregt und schlafe halbwegs gut.

Um 5 Uhr bin ich von selbst wach und stehe einfach auf.
Ich dusche in Ruhe, trinke noch etwas Wasser und um viertel vor 6 mache ich mich auf den Weg nach unten, weil ich für die Treppe ja auch ewig brauche. Alles läuft wunderbar, mein Taxi ist pünktlich und ich bin überpünktlich in der Klink, bald - nach dem üblichen Aufnahmeplempel auch auf Station. Meine Papiere lasse ich mir in den Rucksack stecken und auf Station bitte ich die Schwester, einfach in den Rucksack zu greifen "Ach, so selbständige Patienten, das lobe ich mir!" Ich darf mich setzen, dann verkündet man mir, dass ich erst mittags dran sein soll.
uuuaaaaahhhhhh!
Ohne Essen ist kein Problem, aber ohne Wasser!!!
"Vielleicht kommt ja jemand nicht, dann sind Sie früher dran!"

Und dann passiert tatsächlich das Wunder, dass Nummer 1 auf der Liste nicht erscheint und ich als
Forma Adventure 2018
Erste drankomme. Yeah! Vorher gibt es noch ein Kreuz auf das Bein, das operiert werden soll (Jeder nur ein Kreuz!) und ich bekomme ein Patientenarmband mit Strichcode verpasst, ohne das ich mich in der Klinik nicht bewegen darf.

Ich werde zu den OPs gebracht und darf wieder warten, bekomme dann das unglaublich tolle OP-Outfit gereicht: weiße Thrombosesocken, eine wunderschöne, weiße Einwegunterhose mit orangem Rand und absolut sexy-aufregendem Schnitt sowie ein extrem schmuckes OP-Hemd in weiß mit beigen und blauen Gewöllen bedruckt. Dann muss ich mich auf die OP-Liege legen. Boah, was für ein scheißunbequemes Ding! Ich bekomme sofort Rückenschmerzen.

Jetzt geht es rüber zur Anästhesie. Eigentlich sollte ich noch eine LMAA-Pille bekommen, aber das geht irgendwo unter und ich bin eher fasziniert als aufgeregt. Die Anästhesieärztin verwickelt mich in ein Gespräch und der Assistent namens "Heinzelmann" (wirklich!) diskutiert mit mir über Gesundheitspolitik, während ich mit allem möglichen beklebt, verkabelt und abgefüllt werde. Dann kommt die Sauerstoffmaske und dann "Sooo, jetzt kommt das Schlafmittel, noch drei Atemzüge..."

Die Decke beginnt zu verschwimmen, ich kämpfe einen kurzen Moment gegen das Gefühl an und dann sagt eine innere Stimme zu mir "Doro, Du brauchst nicht kämpfen!" und schon bin ich weg.

"Frau Ernsting... Frau Ernsting... aufwachen..." kommt eine Stimme von ganz weit weg.
*grunz*
Ich drehe mich auf die Seite.
"Nein, nicht auf die Seite legen!"
Wo bin ich? Ich schaue auf eine Uhr, die 10 vor 10 Uhr zeigt und lalle "Ist alles gut verlaufen?"
"Ja, alles super!"

Langsam werde ich wacher, während mich die nächste Schwester in ein Gespräch verwickelt.
Boah, lasst mich doch pennen, verdammt!
Oder gebt mir was zu trinken, ich hab Durst!
Fehlanzeige, zu früh.

"Machen Sie viel Sport?" "Ja, warum?" "Der Alarm ging ein paar Mal los, weil Ihr Puls so niedrig war..." Nach einer halben Stunde werde ich von zwei netten Männern (nubische Sänftenträger! naja, fast) umgebettet und fahre zum ersten Mal in meinem Leben in einem Rettungswagen.

Bald werde ich im Bett auf mein Zimmer gekarrt, das bis jetzt erst mit einer alten Dame belegt ist.

Solange ich am Tropf hänge, darf ich immer noch nichts trinken.
Boah, ne.
ICH HABE DURST, VERDAMMT NOCHMAL!

Irgendwann ist der Tropf leer und ich bekomme endlich etwas zu trinken, die Flasche ist quasi sofort leer. Auf Toilette soll ich die ersten Male begleitet werden, es ist aber gleich klar, dass das nicht nötig ist.

Etwas später darf ich mich aus dem OP-Hemd schälen und in meine eigenen Klamotten schlüpfen. Unter dem T-Shirt finde ich noch die OP-Aufkleber von den Kabeln. Mein Fuß ist unangenehm eingeschnürt in Schiene und Verband und ich würde alles am liebsten runterreißen, weil die Schiene an der Seite drückt und ich das Gefühl habe, der Fuß platzt gleich.

Für meine nächste Wasserbestellung krücke ich schon selbständig nach vorne, wo man ziemlich
Kunststick am Fuß
erstaunt ist "Ist Ihnen nicht schwindelig? Machen Sie langsam!" Vermutlich werde ich in die Annalen der Orthopädie als "Die Patientin, die nicht still liegen kann, Medikamente verweigert und alles selbst macht" eingehen... aber ich MUSS mich bewegen, dieses rumliegen macht mich kirre und so schlecht geht es mir auch nicht. Fühlt sich bisschen an wie gestern drei Bier zuviel und heute zu früh aufgestanden und noch keinen Tee getrunken, also fast wie neu.

Nach zwei Flaschen Wasser bin ich langsam etwas zurechnungsfähiger und fühle mich besser. Jetzt kommt Nummer 3 ins Zimmer, eine junge Frau mit Kreuzbandriss, die später noch operiert werden soll. Sie wird gegen Mittag geholt und für uns Verbleibende gibt's jetzt Mittagessen!
YEAH! Ich bekomme etwas vegetarisches, einen erstaunlich leckeren Auflauf und ein Joghurt.
Das tut gut!

Zwischendrin dämmere ich ein bisschen weg. Gegen späteren Nachmittag kommt der Vater der jungen Frau mit Blumen, aber sie ist noch nicht zurück aus dem OP. So unterhalten wir uns ein bisschen und ich bewege mich, soweit es geht auch im Bett.
Joah, Fuß schön hochlegen, mach ich, aber ab und zu aufstehen ist auch was.
Wir schwätzen eine Weile ganz nett, dann kommt die Tochter aus dem OP, ihre Familie und später ihre Freundin sammeln sich um sie.
Ein ganz lustiger Haufen ist das.

Irgendwann gibt es Abendessen und ich bekomme dazu ominöse Tabletten gereicht.
Hm, bin ja absolut kein Fan davon, mehr als nötig zu nehmen und habe den Eindruck, dass ich immer noch benebelt bin.
ok, Paracetamol, kenn ich, brauch ich nicht, mir tut nix weh.
Tilidin.
Was das wohl ist?
Thromboseprophylaxe?
Ich nehm's mal.

Fünf Minuten später. Mir ist blümerant zumute. Ich recherchiere, was ich den hier genommen habe. Holla, das ist ein OPIAT.
Ach Du Sch...!
DAS nehm ich ganz gewiss nicht nochmal.

Die erste Nacht ist etwas unruhig, außer uns schläft nur die alte Dame großartig. Sie hatte eine Schlaftablette und schnarcht die ganze Nacht. Ich schlafe auch einmal tief ein, werde aber vom Rettungshubschrauber geweckt, der startet oder landet. Außerdem tut mir das Kreuz weh, ich kann nicht auf dem Rücken liegen und schon gar nicht die ganze Nacht. Mehr schlecht als recht wühle ich mich ins Bett ein, bewege meine Beine, strecke mich.

Am nächsten Morgen bin ich immer noch etwas benebelt, als die Visite kommt. Mein Chirurg läßt endlich den elenden Verband aufschneiden und ich darf zum ersten Mal wieder den Knöchel bewegen.

Es ist unglaublich, für welche kleinen Dinge man dankbar ist!
Das tut soooo gut! Ich hatte mich vorher nicht getraut, irgendetwas mit dem Fuß zu machen, nicht mal Zehen wackeln.

Ich bekomme ein Röntgenbild von meinem Fuß gezeigt, alles sei super verlaufen und wenn ich wollte, könnte ich heute schon nach Hause. YEAH!

Bald darauf kommt eine Physiotherapeutin mit meinem neuen Schuh. Ich bekomme einen Hightechstiefel verpasst, einen Vacoped-Schuh. Das Ding ist grottenhäßlich, aber damit darf ich den Fuß teilbelasten, d. h. ich darf ihn aufsetzen und abrollen. Diese Schuhe (im Fachjargon "Orthese") schützen und fixieren den Fuß, haben innen ein püscheliges Futter und zwischen den Futterschichten eine Schicht mit kleinen Styroporkügelchen, bei denen nach dem anziehen mit einer Pumpe ein Vakuum erzeugt wird. Damit schmiegt sich der Schuh perfekt an den Fuß an. Außerdem bleibt das Gangbild halbwegs normal, da man nicht wie früher beim "Gehgips" auf einem "Absatz" herumbalanciert und den Fuß unwillkürlich seltsam schwenkt. Das Ding hat auch etwas Gewicht, so dass das Bein zumindest etwas Training erhält. Ihr glaubt nicht, wie schnell Muskeln komplett abbauen!

Ich soll jetzt ein paar Schritte hin und her machen, alles prima.
Boah, das ist was anderes mit dem Ding als das Gehopse davor! Wesentlich weniger anstrengend, zumal die Dame meine Krücken auch noch höher gestellt hat.

Meine Bettnachbarin, die witzigerweise Dorothe heißt, bekommt auch schon die ersten Maßnahmen und nachmittags bringt ihre Freundin sie im Rollstuhl raus und ins Café.
Wie ich sie beneide!
Ein Croissant und ein Milchkaffee, das wäre jetzt echt was!

Leider hat sich nicht rumgesprochen, dass ich Vegetarierin bin, und mein Mittagessen besteht aus Hühnersuppe, einem Stück Fleisch, etwas Gemüse und einem Joghurt. Tja. Das Fleisch lasse ich liegen. Ich habe eh nicht viel Hunger, höchsten auf etwas Frisches. 

Dorothe und ich verquasseln den Nachmittag und wir bedauern die alte Dame, die Schmerzen hat und von Tag zu Tag immobiler und angenervter wird. Ich wünsche wirklich niemandem so ein Schicksal!

Zwischendrin werde ich im Bett ins Röntgen gekarrt, wieder nach Schwangerschaft gefragt. Meine Antwort wird mit "woanders wird man mit 70 noch schwanger!" quittiert und ich antworte mit "Ein Hoch auf die Reproduktionsmedizin!" Oh Mann.

Im Röntgenraum hängt ein riesiges, blaues Plüschcameleon. Ich verkneife mir zu fragen, wo man sowas kaufen kann... Dann werde ich erst in den Flur geschoben und ein wenig später wieder zurück gefahren. Fast so gut wie eine Sänfte ist das, nur kann ich niemandem huldvoll zuwinken und der Sänftenschieber entspricht auch nicht meinem Beuteschema.

Gegen späteren Nachmittag kommt der zweite Arzt, der mich mit operiert hat und erklärt mir, dass sie mich lieber noch eine Nacht da behalten möchten. Meine Laborwerte seien noch nicht da. Na gut, dann bleibe ich halt noch!

Meine Freundin Marie-Claude hat ihren Besuch angekündigt und ich bitte sie, mir ein bisschen Obst mitzubringen, weil ich das Gefühl habe, dass mein Körper danach schreit. Zuhause esse ich ja nur frische Sachen und vor allem - ganz andere Sachen. Ich bin ihr total dankbar, als sie mir ein paar Kirschen, Erdbeeren, einen Apfel und eine Banane mitbringt. Die Erdbeeren und Kirschen atme ich sofort ein, den Apfel esse ich später. Wir unterhalten uns auf Französisch über alle mögliche und sie fragt mich auch, was die beiden anderen haben.Dann fährt sie nach Hause und ich versuche, meine Nase ins Buch zu stecken, aber so richtig konzentrieren kann ich mich hier nicht. Dauernd ist irgendwas, jemand kommt rein, draußen ist Action, dann komme ich wieder mit Dorothe ins Gespräch, dann kommt eine whatsapp...

Zum Abendessen bekomme ich die nächste Pralinenschachtel gereicht.
Ich sage ganz trocken "Brauch ich nicht, ich habe keine Schmerzen. Ich habe gestern nur eine Paracetamol und einmal Tilidin genommen, das hat gereicht."
uiui.
Das hört man hier gar nicht gern.
Sie wollen mir offenbar nicht glauben, dass es mir gut geht...?
Aber warum soll ich meinen Körper, der jetzt mit Heilung beschäftigt ist, mit irgendwas belasten, das ich nicht brauche...?

Später kommt die supernette und lustige Nachtschwester, mißt unseren Blutdruck, Puls (58 bei mir... "Sportlerpuls!"), Temperatur und rammt erst Dorothe, dann mir die Spritze in den Bauch. Sie erzählt uns, dass sie das bei anderen supergut könnte, nur nicht bei sich selbst. Wir quatschen noch etwas und scherzen mit ihr. Dorothe und ich unterhalten uns noch eine Weile miteinander, und gegen 21 Uhr schlafe ich sang- und klanglos ein.

Diesmal stören mich weder Schnarchen noch Hubschrauber, ich bin einfach weg.

Mitten in der Nacht wache ich auf, weil ich mal muss.

Ich ringe mit mir. Anziehen, im Dunkeln durchs Zimmer krücken, schön leise... nach einer Viertelstunde gebe ich den Kampf auf und versuche so leise wie möglich ins Bad zu gehen
.
Der zweite Teil der Nacht ist etwas unruhiger, weil ich nicht dauerhaft in einer Stellung liegen kann. Das Bett ist zwar bequem, aber ich bewege mich auch im Schlaf ziemlich viel herum und darf mich nicht auf die Seite legen. Mehr schlecht als recht schlafe ich bis ungeähr halb 6. Dann habe ich es satt. Ich bin wach.

Ich trinke meine Wasserflasche leer, krame meine Klamotten vom Stuhl und beschließe, duschen zu gehen. Jetzt schlafen die beiden anderen noch, niemand muss aufs Klo und die Visite ist auch noch weit weg.

Ihr glaubt gar nicht, wie GUT so eine Dusche tun kann und wie gut es tut, sich wieder halbwegs normale Klamotten anzuziehen! Hier muss ich über keine Ränder klettern, in der Dusche sind Haltegriffe und ich habe einen Hocker zum an- und ausziehen, ggf. auch fürs duschen. Sehr angenehm!

Ich packe alles im Bad zusammen und merke auch, dass die Müdigkeit vom letzten und vorletzten Tag wesentlich weniger ist. So langsam fühle ich mich wieder normal. Wird auch Zeit!

Weil ich Hunger habe, verdrücke ich die Banane, denn das Frühstück wird noch auf sich warten lassen.

Dorothe ist jetzt auch wach und wir unterhalten uns im Flüsterton, bis die alte Dame - offenbar auch wach - nach dem Pfleger klingelt, weil sie nicht ohne Hilfe auf die Toilette kann.

Dann kommt erst Dorothes Visite und danach ein Stab von neun Personen zu der alten Dame. Sie bekommt endlich den wohl schmerzhaft drückenden Gips vom Arm und wird weiter versorgt.

Was mir bei den Visiten auffällt ist, dass Dorothes und mein Arzt sehr nett zu uns sind, uns Fragen stellen und mein Chirurg wirklich richtig sympathisch und lustig ist. Bei der alten Dame ist die Visite ein bisschen so, wie man sich das vorstellt: Es wird über den Patienten gesprochen, aber weniger mit ihm. Keine Ahnung, woran das liegt. Vielleicht waren wir einfach viel frecher und offensiver als die alte Dame, die offensichtlich keine Energie hatte, sich als Person und nicht als Patientin einzubringen. Ich kann da jedem nur raten, Fragen zu stellen und sich ruhig in den Mittelpunkt zu stellen, ihr seid nicht nur der "Mittelfußbruch" oder "Kreuzbandriss", ihr seid eine Persönlichkeit und etwas renitent zu sein, schadet ebenfalls nicht.

Mein Chirurg kommt herein und fragte mich "Wie geht es Ihnen?" Was ich mit "Sehr gut, ich war schon duschen!" quittiere. Darauf meint er "Ab nach Hause mit Ihnen!"
YEAH!
Das wollte ich hören.

Als das Frühstück kommt, gehe ich leer aus. Offenbar war ich schon als "entlassen" markiert, für mich wird nachbestellt und nach 45 Minuten habe ich auch etwas zu essen. Leider ist nichts mit in Ruhe frühstücken, denn jetzt kommen meine Entlassungpapiere, Anweisungen und bald auch der Taxifahrer, der mich abholt. Ich verabschiede mich von allen, nicht ohne meine restlichen nicht benötigten Medikamente (Opiate anyone...??) aufgenötigt zu bekommen.

Dann werde ich wieder in die Freiheit entlassen.

Fazit meines ersten (und hoffentlich letzten) Krankenhausaufenthalts ist: Ich hatte mir alles viel schlimmer und unangenehmer vorgestellt. In meinem Kopf waren noch die Bilder aus den 70er und 80er-Jahren, als meine Eltern teilweise wochenlang im Krankenhaus lagen. Sechs- und Achtbettzimmer waren damals noch Gang und Gäbe. Privatsphäre gab es nur durch ein paar Vorhänge oder mit Stoff bespannte Stellwände. Alles war einfacher, dafür war die Pflege nicht so durchgetaktet, Patienten wurden viel länger einbehalten und nicht nach ein paar Tagen "rausgeworfen", selbst wenn sie noch nicht so weit waren.

Wobei ich sagen muss, dass ich nie den Eindruck hatte, es wäre nicht hier und da mal ein Moment für ein paar nette Worte an die Patienten. Im Gegenteil, ich hatte immer das Gefühl man versucht, uns den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Aber länger als 2 Nächte muss ich das echt nicht haben.

So, nun bin ich also wieder auf dem Weg nach Hause. Der Taxifahrer fragt mich erst nach der Verordnung der Taxifahrt und erklärt mir, dass sie unheimlich aufpassen müssten, dass die Kasse die Fahrt wirklich zahlt und sie nicht auf den Kosten sitzen bleiben. Das ist ein echtes Unding! Er fragt natürlich auch, wie ich mich verletzt habe und erzählt mir, dass sein Bruder auch Motorrad gefahren ist. "Eine große Honda!", wohl einen Supersportler. Er hat ihn dazu überredet, die Maschine zu verkaufen, weil es zu gefährlich sei. Hm. DAZU überredet MICH niemand!

Zuhause angekommen, bitte ich ihn, meinen Karton für den Vacopedstiefel und die Schiene zum Haus zu bringen, ich kann ja nichts tragen. Er hat Angst vor Hunden, ich versichere ihm, dass die Hunde meiner Vermieterin drin sind, sonst stünden sie schon kläffend am Tor. Er trägt mir die Karton vor die Tür und verabschiedet sich. Ich höre die Hunde schon kläffen und rufe nach meiner Vermieterin und bitte sie, meinen Karton und die Schiene nach oben zu schaffen. Sie erklärt mir gleich lang und breit ihre Leidengeschichte und wie schlimm und schlecht alles ist, während ich - frisch operiert und gut gelaunt - die Treppe nach oben erhopse.

Ja, ein Bruch ist wirklich nichts, worüber man sich freuen muss, aber es gibt schlimmeres! Es ist alles eine Frage der Einstellung.

Etwas, das ich aus dieser Verletzung gelernt habe ist, dass man sich nicht auf das konzentrieren sollte, was man jetzt nicht kann, sondern auf das, was man kann. Und das ist doch eine Menge: Treppen, kürzere Strecken gehen, Sport ohne Bein oder auf einem Bein, malen, schreiben, Essen zubereiten, Betten machen, Betten beziehen (mit kreativer Technik), mit Menschen reden, im Garten oder auf dem Balkon sitzen, lesen, chatten, telefonieren, schlafen, Netflix gucken und und und... es gibt derzeit genau drei Dinge, die ich nicht selbst erledigen kann: Müll wegbringen, irgendwo hinfahren und einkaufen. Der Rest klappt problemlos, sogar putzen, staubsaugen, geht alles. Darf ich meiner Kasse aber nicht verraten ;-)

Man wird bescheiden.
Der Besuch im Café mit einer Freundin ist jetzt etwas Besonderes, der Einkauf, im Garten der Nachbarn sitzen zu können... Aber ich arbeite täglich an mir und versuche, meinen Radius zu erweitern. Mein Körper passt sich an die geänderten Bedingungen an und ich freue mich darüber, dass ich mit dem Stiefel besser gehen kann, keine Spritzen mehr brauche und dass es nicht Winter ist.

Am Donnerstag mache ich einen Arzttermin für Laborwerte aus und erledige diversen Kassenpapierkram. Ich genieße mein Zuhause, bereite mir meine gewohnten Mahlzeiten zu, trinke Tee und gucke auf Netflix "Happy" zuende (Falls ihr Netflix habt und schräge Serien mögt: Angucken! Total durchgeknallter Shit!).

Freitagmorgen soll ich zwischen 8:00 Uhr und 10:00 Uhr zur Blutabnahme beim Arzt sein. Ok, ich versuche mal, ob ich bis zur Bushaltestelle (ca. 800 m) komme und krücke beherzt los. Bergab ist es allerdings nicht einfach, außerdem ist es schon wieder schwül ohne Ende und ich merke, dass ich körperlich noch nicht wieder bei 100 % angekommen bin. Ich mache ziemlich viele Pausen, muss bei dem krummen und schiefen Gehsteig genau gucken, wo ich meine Krücken hinsetze und verfluche diesen Entschluß schon bald. Als ich an der Straßenecke ankomme, spricht mich eine Wildfremde an "Wo müssen Sie denn hin? Kann ich Sie mitnehmen?" Ich antworte "Zur Bushaltestelle, ich muss zum Arzt." Sie bietet mir kurzentschlossen an, mich zum Arzt zu fahren. Nach kurzem Zögern willige ich ein. Als ich am einsteigen bin, hält ein SUV und ein älterer Mann bietet mir ebenfalls an, mich mitzunehmen. Wow, damit hätte ich jetzt echt nicht gerechnet!

Die Dame ist supernett und wir unterhalten uns, sie gibt mir ein paar Tipps zur Reha und Krankenkassenkram. Dann erzählt sie mir, dass sie eine zeitlang alleinerziehend war und eine Freundin ihr sehr geholfen hätte. "Ich habe ihr dann gesagt, dass ich ihr das niemals zurückgeben könnte. Darauf meinte sie 'mir nicht, aber vielleicht jemand anderem!'" Wow, das nenne ich Karmaarbeit! Sobald ich wieder laufen kann, gibt's ein Blech Muffins oder Cupcakes!

Beim Arzt läuft alles wie am Schnürchen, ich habe mit dieser Praxis einen Glücksgriff getan. Ich hatte nie einen Hausarzt, weil ich nie ernstlich krank war. Nach ganz kurzer Wartezeit bin ich dran, bekomme von der supernetten Ärztin jeglich Form von Support für die Kasse und bin bald wieder draußen. Blut muss noch genommen werden und dann kommt mein Taxi.

Tja. Mit der Kassenzuzahlung war es wohl nix, für ambulante Behandlungen zahlen sie keinen Transport. Na toll. Wie soll ich das jetzt anstellen? Ich habe etliche Termine vor mir, Reha, Arzt, Arzt, Reha... wenn ich das selbst zahlen darf, bin ich bald arm.

Der Taxifahrer erklärt mir das alles haarklein und meint auch, dass ich erst die Genehmigung von der Kasse brauche und dann erst das "Transportrezept". Ich weiß echt nicht, wie die sich das vorstellen, wenn man allein lebt, der ÖPNV nicht 50 Meter entfernt ist (ich habe jetzt erfahren, dass es ein Anrufsammeltaxi nach unten oder oben gibt, das werde ich dann wohl mal nutzen) und keinen Chauffeur hat? Bei der Kasse wird mir erklärt, dass es ja auch Hausbesuch gibt. Joah. Und wenn ich Krankengymnastik an Geräten brauche? Dann kommen die auch her, oder wie?

Wir quasseln ganz nett und als ich aussteige fällt mir auf, dass der Fahrer ein Motorradshirt trägt. Ich frage ihn, ob er auch fährt. "Ja! Ich habe gleich Ihre Kette gesehen!" (Ich trage Conchita als Anhänger an einer Kette). Er erzählt mir, dass er sein Motorrad verkauft hätte, aber sich jetzt wieder eins kaufen möchte. "Ich glaube, ich bin gestern mit Ihrem Bruder gefahren!" Ja, Treffer. Eh ich mich versehe, sind wir in ein Benzingespräch vertieft, er erzählt mir, wie er als Junge sich heimlich die Motocrossmaschine vom Nachbarn ausgeliehen hat und damit rumgefahren ist. Wir verabschieden uns herzlich. Motorradfahren verbindet wirklich Menschen aller Länder und jeglicher Kulturen :-)

So, jetzt muss ich mit der Kasse telefonieren, natürlich mit negativem Ergebnis, siehe oben. 

Danach telefoniere ich mit Physiotherapiepraxen. Die ersten zwei haben nichts frei, von der zweiten bekomme ich noch einen wichtigen Hinweis: Wenn man von einer Klinik aus dem "Entlassmanagement" ein Rezept bekommt, muss dies nach 12 Tagen abgearbeitet sein, weil es sonst verfällt.
Ah ja.
Und wenn man keinen Termin bekommt, ist man gearscht.
Wirklich toll.
Wer sich das ausgedacht hat, hat noch nie eine ernstliche Verletzung gehabt!

Bei einem großen Anbieter habe ich Glück und bekomme sogar gleich für Freitagnachmittag einen Termin. Jetzt kommt die Preisfrage: Wie komme ich hin? Zum Glück habe ich hier eine wahnsinnig nette und hilfsbereite Nachbarschaft! Meine Nachbarn in Haus 25 sind sofort bereit, mich zum Termin zu karren und abzuholen.

Mir geht es jetzt, wie der Dame vom Morgen: Ich werde das nie zurückzahlen können! Aber es wird ein Fuß-Fest geben, wenn ich wieder fit bin! Und irgendjemand wird von mir etwas zurückbekommen!

Die erste Sitzung sind 20 Minuten Physiotherapie. Es gibt eine Bestandaufnahme und dann muss ich meinen Fuß beugen, strecken, zum Vergleich wird der gesunde Fuß herangezogen (Hypermobil! 60 Grad Streckung möglich...). Im Lauf der Sitzung kann ich immer weiter beugen und strecken, ein Teil der Steifheit ist sicherlich auch noch der Schwellung geschuldet. Ich habe zwar immer wieder selbst am meinem Fuß herumgeknetet und -gestrichen, aber heute war ich den ganzen Tag im Stiefel und entsprechend schaut er aus: Geschwollen.

Michaela holt mich nach der "Stunde" ab und lädt mich noch zu frischem Kirschkuchen ein. Ich verbringe zwei schöne Stunden in ihrem Garten und biete meine Dienste für alles an, was man im sitzen erledigen kann (Kirschen entsteinen!) und auch fürs nähen von Kirschkernsäckchen, wenn jemand meine Maschine und das Material für mich von A nach B trägt.

Gegen Abend verabschiede ich mich, der Fuß muss jetzt hochgelegt werden. Ich gebe mir noch 45 Minuten Pilates und dann geht es aufs Sofa, Fuß hoch.

DAS war ein ereignisreicher Tag!

Samstagmittag habe ich den nächsten Termin für die Lymphdrainage. Ich schlafe erstmal halbwegs aus, dann beziehe ich mein Bett neu, wasche Wäsche, dusche mich und setze mich auf den Balkon. Statt meine Küchenstühle immer von A nach B zu schieben, schaffe ich einen Metallklapptstuhl aus der Abstellkammer auf den Balkon und stelle meinen Bambushocker dazu. Mit einem Kissen drauf ist das ganz bequem so und ich kann Hocker und Kissen nach der Benutzung einfach ins Wohnzimmer packen. So sitze ich eine zeitlang in der Sonne und mache mich gegen Mittag auf den Weg nach unten.

Diesmal fährt Tobias mich zur Reha. Ich weiß nicht, wie lange es diesmal dauert und Tobias beschließt, in der Zwischenzeit auf den Flohmarkt zu gehen. Die Lymphdrainage ist aber auch nach 20 Minuten zuende und Tobias hat nicht viel Gelegenheit, Geld auf dem Flohmarkt zu lassen. Ich werde wieder nach Hause geschafft.

120 Minuten Physiotherapie und Lymphdrainage pro Woche.
Damit soll man wiederhergestellt werden...?

Ich bin sportlich und ich kenne mich mit meinem Körper aus, habe viele Jahre Fortbildungen gemacht, getanzt, mit und an meinem Körper gearbeitet, kenne Massagegriffe und bin hochmotiviert, so schnell wie möglich wieder fit zu sein. Ich arbeite seit dem Bruch täglich in irgendeiner Form an meiner Fitness und war davor auf einem richtig guten Stand (15 Wochen Freeletics, jede Woche 1 x Pilates, täglich zwischen 20 und 30 km Radfahren). Ich gucke mir an, was die in der Reha machen, stelle Fragen, was ich darf und was noch nicht, was ich noch machen kann usw.
Kurz gesagt: Ich bin fit und ich werde wieder fit. In drei Monaten werde ich wieder Freeletics machen können, in 6 Wochen darf ich wieder Radfahren und schwimmen. Ende des Jahres spätestens bin ich wieder so fit wie vor 3 Wochen.

Jetzt frage ich aber: Was helfen jemandem, der noch nie Sport gemacht hat, der sich nicht mit seinem Körper beschäftigt hat, der sich nie über Bewegungsabläufe Gedanken gemacht hat, weil er nie getanzt oder Kampfsport gemacht hat, 120 Minuten Reha IN DER WOCHE? Ich behaupte: Herzlich wenig!

Diese Form der auf Gewinn ausgerichteten Gesundheitspolitik ist einfach grundverkehrt!

Da wird auf der einen Seite ewig viel Geld für Quatsch rausgehauen und auf der anderen wird an Stellen gespart, wo es völlig kontraproduktiv ist. Anstatt einem Kranken das Optimum an Möglichkeiten zu geben mit Bewegungsschulung, Koordinationsschulung, Ernährungsberatung und und und gibt es Trostpflästerchen, später dann unter Umständen Folgeerkrankungen, die noch teurer sind und und.

Ich finde, dass für jemand mit einer Erkrankung oder Verletzung im Bewegungsapparat TÄGLICH mindestens EINE Stunde Physiotherapie unter Anleitung nötig ist, von eigenen Bemühungen zuhause ganz zu schweigen. Meine Tanzlehrerin hat einmal gesagt, dass man jeden Bewegungsablauf rund 300 Mal üben muss, bis er "sitzt"...

Ja, so sitze ich also hier und erstelle mir nachher meinen persönlichen Trainingsplan für die nächsten Wochen. Heute ist noch Pilates dran, mein linkes Bein habe ich im Vacopedschuh bereits 50 Mal nach vorne, hinten und zur Seite gehoben und werde diesen Ablauf mindestens 3 Mal täglich üben und die Wiederholungen von Woche zu Woche um 25-30 steigern. Stretching, Planks, Therabänder, Gewichtsmanschetten... mit all dem fordere ich meinen Körper im Rahmen dessen, was möglich ist. Und das ist ziemlich viel!

Als ich mit Freeletics anfing und oft einen grauenhaften Muskelkater hatte, fragten mich einige "Warum tust Du Dir das an...?"
Ganz einfach: Es macht Spaß, schult meinen Willen und jetzt profitiere ich davon!

Ich finde den Perspektivwechsel sehr interessant und aufschlußreich. Es gibt unglaublich viele Hindernisse in der Umwelt (schiefe Gehsteige, Treppen, Kopfsteinpflaster, Fußabstreifer...) und auch in der Krankenversicherung (sinnlose Vorschriften, viel zu wenig Reha)... auf der anderen Seite gibt es wahnsinnig tolle Entwicklungen (Vacoped statt Gips, diverse Hightech-Rehageräte) und es gibt unglaublich viel Hilfsbereitschaft.

Als klar war, dass ich mir den Fuß gebrochen habe, habe ich auch verstanden, weshalb Menschen, die vor einem Unfall sportlich waren und nun dauerhaft einen Teil ihrer Mobilität eingebußt haben, sich denken "jetzt erst Recht!". Sich zu sportlichen Höchstleistungen anspornen, sich durchbeißen, Lösungen suchen, kreativ sind.

Es gibt immer zwei (oder mehr) Wege: Fuß hochlegen, oder Bett hochstellen, Junk Food oder clean eating, Sport oder Sofa, kämpfen oder leiden... 

No excuses!

Just my two cents.

Mittwoch, 6. Juni 2018

Souvenirs, Souvenirs... - Die Burg 2018

Souvenirs, Souvenirs,
kauft ihr Leute, kauft sie ein,

denn sie sollen wie das Salz
in der Lebenssuppe sein... (Bill Ramsey, Souvenirs, Souvenirs 1959)
Die Burg 2018 ist jetzt schon ein paar Tage her und theoretisch hätte ich genug Zeit gehabt, schon zu bloggen, aber... fangen wir von vorn an.

30.05.2018

Coming home...
Im Forum gab es einen Thread "Mitfahrgelegenheiten", in dem jemand aus Feldkirch in Vorarlberg fragte, ob jemand aus dem Süden Richtung Burg fahren würde.
Na klar, ich!
Ich bot daraufhin Mitfahrgelegenheit und ggf. eine Übernachtungsmöglichkeit an.

Einen Tag später erreichte mich eine recht seltsame Mail von jemand anderem, dass derjenige ja schon seine Frau im Schlepptau hätte und Feldkirch doch etwas weit von Freiburg weg sei.
ähm, hä..?

Meine Antwort fiel entsprechend kurz und nicht sonderlich freundlich aus. Ich find's schon ein starkes Stück, dass jemand, der mich nicht kennt, nie gesehen hat und nichts von mir weiß, mir irgendwelche seltsamen Absichten unterstellt. Aber gut, manche Menschen schließen von sich auf andere... Jeder, der mich ein bisschen kennt weiß, dass Motorradfahrer bei mir willkommen sind und dass ich in der Vergangenheit auch Couchsurfer aus allen möglichen Ländern aufgenommen habe. Ich bin nunmal jemand, der den Kontakt und Austausch mit verschiedensten Menschen mag und bereichernd findet. Gastfreundschaft steht bei mir ganz oben. Aus dem Alter, mir bei jeder Gelegenheit jemand abschleppen zu müssen, bin ich echt raus.

Ein wenig später erhielt ich dann eine Mail von Fritz aus Rankweil, dass er die Einladung gern
Es wird Nacht, Señorita...
annehmen würde und wir einigten uns darauf, uns in Waldhaus zu treffen und von dort weiter nach Freiburg zu fahren. Ich kam als Erste in Waldhaus an und gegen 18:30 Uhr erreichten Fritz und Claudia ebenfalls den Treffpunkt. Wir aßen zusammen und währenddessen braute sich draußen ein ziemliches Gewitter zusammen. Naja, wird lokal sein und wir werden da schon drumrum kommen, dachten wir. Als wir gegen 19:30 Uhr losfuhren, war es am regnen, es sah aber grob in Richtung Freiburg heller aus. Also fuhren wir los... leider regnete es und regnet und schüttete zwischendrin. Der Gegenverkehr blendete teilweise, aber wir fuhren trotzdem recht zügig durch. Auf der Abszweigung zu den Spirzen war das Gewitter dann allerdings recht nah, weshalb ich überlegte, ob wir uns unterstellen oder weiterfahren sollen. Da es rundum nicht sonderlich gut aussah, entschied ich mich für weiterfahren.

Als wir in Freiburg ankamen, waren die Mopeds verdreckt und wir alle gut angefeuchtet. Natürlich hatte es jetzt aufgehört zu regnen. Meine Gäste brachten ihr Gepäck nach oben und wir schwätzten noch eine Weile, bis sich alle zum schlafen zurückzogen.

31.05.2018

*seufz* so schön!
Heute sollte es also gemeinsam losgehen. Ich hatte mit Thomas einen Treffpunkt nahe der A5
ausgemacht und wir wollten dann gemeinsam Richtung Waiblingen fahren, um dort Ralf aufzusammeln. Nach einem frühen, aber trotzdem gemütlichen Frühstück brachen wir zu dritt nach einem Tankstopp zur A5 auf. Wir waren recht früh dran, kamen gut durch und ich gab auch ganz gut Stoff. Schon um 9:45 Uhr waren wir am Treffpunkt, eine halbe Stunde zu früh. Aber gut, besser so, als zu spät.

Thomas kam bereits 5 Minuten nach uns an und führte uns wieder auf die Autobahn zurück. Sein Tempo war etwas gemütlicher und ich fragte mich, was er immer im Cockpit machte? Antwort: Auf dem Navi rumdrücken... Nach einer Dreiviertelstunde erreichten wir Östringen und fuhren die Tankstelle an, die Treffpunkt sein sollte. Ich nutzte den Stopp für einen Kaffee, Fritz holte sich ein Eis und bald stieß Ralf zu uns.

Thomas führte uns sehr gemächlich mit ein paar unfreiwilligen Abstechern ein ganzes Stück, bis wir an eine Stelle mit einer Straßensperrung kamen, wo nicht klar war, ob wir hier weiter könnten, oder nicht. Es war inzwischen ziemlich heiß und ich wäre gern etwas flotter gefahren, aber egal. Fritz und Claudia seilten sich von uns ab, weil es ihnen zu langsam ging, ich fuhr weiter mit Thomas und Ralf.

Im weiteren Teil der Tour zog das Tempo an und irgendwann erreichten wir Amorbach, wo wir an
sehr schöne Twin-Twin
einem Brunnen stoppten, etwas aßen und tranken. Die Hitze war ordentlich, in einem Ort zeigte ein Thermometer +39 Grad an. Boah. Mir setzten im letzten Drittel die Temperaturen ziemlich zu, so dass der letzte Teil für mich mehr ein Gegurke war, als Genuß. Als Ortenberg auftauchte und die Einfahrt zur Burg, war ich wirklich froh. Ich bin echt zäh, aber bei über 30 Grad brauche ich mehr Stopps und gegessen hatte ich auch nicht wirklich genug. Na, egal. Nächstes Mal!

Von Conchita zu steigen, mich bei den Burgwächtern anzumelden, den Aufkleber zu bekommen und bekannte Gesichter zu sehen, das war wie ein Heimkommen. Ich freute mich sehr, viele Bekannte wiederzutreffen. Offenbar freuten sich einige auch, mich wiederzusehen. Von Lutz wurde ich später mit "Doro, mein Sonnenschein!" begrüßt. Lutz, alter Schlawiner :-) Aus Rastatt waren Richard und Stefan schon da und wir begrüßten uns ebenfalls.

Ich war bei den Rastattern untergebracht und musste mein Zelt irgendwie zwischen die anderen quetschen. Unser Platz befand sich offenbar auf einer Megalopolis von Ohrkneifern, durchsetzt mit gelegentlichen Ameisen und Nacktschnecken. Das merkten wir aber erst abends richtig. Jetzt galt es erstmal, raus aus den Mopedklamotten, bisschen frisch machen, Essens- und Getränkemarken holen, Hände schütteln, Umarmungen austauschen, Essen fassen, Getränke holen...sprich, richtig ankommen.

Rapunzel, lass deinen Mopedschlüssel runter!
Es war jetzt meine dritte Burg und ich habe mich wirklich unglaublich gefreut, wieder dabei zu sein. Nach sieben Jahren Führerschein und vier Jahren Africa Twin habe ich das Gefühl, jetzt richtig "assimiliert" zu sein, auch wenn meine Reise- und anderen Abenteuer noch eher in die weniger weltläufige Kategorie fallen, das hier ist mein Platz, meine "Familie", hier gehöre ich hin. Ich mag es, die Geschichte von improvisierten Reparaturen zu hören, über Lowtech-Lösungen zu diskutieren, mich über Reisen auszutauschen und mitten zwischen dem bunten Volk der Twinfahrer zu sein. Meine Twin schaut inzwischen total verhaut etwas mitgenommener aus, meine Klamotten sind abgerockt haben Patina und ich habe meine eigenen Anekdoten zu erzählen. Hey, und was gibt es schöneres, als im Zelt zu liegen, und draußen das typische blubbernde rrriiiiiiiirrrrrriiiiiiii zu hören? Das zaubert mir immer ein Lächeln ins Gesicht. Morgens das Zelt zu öffnen, und Unmengen von Twins zu sehen, das hebt doch die Stimmung!

Für Ralf war es die erste Burg, weshalb wir ihn ein wenig herumführten und zeigten, wo was zu finden ist und was ihn so erwarten würde in den nächsten Tagen.

Um 20 Uhr wurden wir dann herzlich vom Orga-Team begrüßt und über das weitere Programm
lost places...
informiert, außerdem wurden die Roadbooks für Freitag ausgegeben. Horst nahm es sich nicht, mir wieder unter die Nase zu reiben, dass er das Roadbook diesmal extra so gestaltet hätte, dass auch ich es verstehen und die Route finden würde. Jaja, schon gut, Horst, das wird der running gag der nächten Jahre werden...

Ich bin übrigens eine sehr gute Navigatorin per Karte und auch ohne, das wissen die, die mit mir außerhalb der Burg unterwegs waren. Ich komme auch immer dort an, wo ich hin will. Allerdings muss ich sagen, dass ich noch nie jemand war, der gut mit Gebrauchsanweisungen ist. Wenn ich ein neues Gerät habe, probiere ich einfach alles möglich aus. Wenn ich dann irgendwas nicht hinkriege, oder eine Funktion nicht finde, DANN lese ich die Anweisung. Hat bis jetzt immer gut geklappt! Von daher: Ein Roadbook ist für mich wie ein Rezept: Anregung und Inspirazione!

Nach der Begrüßungsrunde gibt es noch einen kleinen Vortrag über das erste Treffen und die Entwicklung seitdem. Es ist schon Wahnsinn, wieviele Leute und welche Logistik hinter so einem Treffen stehen. Die Chefs einer bekannten Firma, die mit T beginnt, waren beim ersten Treffen noch persönlich dabei, beim nächste kamen dann "nur" noch Angestellte. Heute verkauft die Firma mit T nix mehr für unsere alten Twins, aber ganz viel Trödeltech...für Propellermopeds...

Wir zogen uns gegen 22:30 Uhr in die Zelte zurück, der erste Tag hatte genug Eindrücke hinterlassen. Als ich den Reißverschluß meines Zelts öffnete, klebte am Innenzelt eine Nacktschnecke, die ich mit dem Ausruf "iiiiiih! Nacktschneckenalarm!" aus dem Zelt schnippte. Von Thomas kam "Dann zieh ihr halt was an!" Die Nacht schlief ich nach einem Köstritzer wunderbar tief und fest und träumte von den vielen schönen Motorrädern um mich herum, war unbehelligt von wilden Tieren, weil die von den Männern erfolgreich weggeschnarcht wurden.

01.06.2018 Roadbooktour

Nachdem es in der Nacht ziemlich geschüttet hatte, begrüßte uns der Freitag recht bedeckt. Die
Regenklamotten einzupacken, war auf jeden Fall keine ganz schlechte Idee.

Ich habe ja meine eigene Theorie zum Wetter: Wenn man an so einem Tag nichts mitnimmt, liegt die Regenwahrscheinlichkeit bei 100%. Haben von drei Fahrern zwei Regenkleidung dabei, liegt sie bei 33%, haben alle was dabei, wird es nicht regnen...

Zuerst war aber Frühstück angesagt und eine Dusche. Ich hatte in der Nacht wunderbar geschlafen. Die Schlafstörungen der letzten Monate waren komplett weggeblasen, im Zelt schlafe ich irgendwie fast immer gut. Einmal hatte mich der Regen geweckt, aber das Geplätscher war eher beruhigend und das Vogelgezwitscher in der Dämmerung war auch schön. Ich liebe dieses Leben im Zelt, in irgendwelche festen Unterkünfte gehe ich auf Reisen nur im äußersten Notfall. Ansonsten schlafe ich lieber auf der Erde unter dem Sternenhimmel. Es ist einfach etwas völlig anderes und ich mag es sehr, nur mit dem Allernötigsten unterwegs zu sein. Von Reise zu Reise wird es weniger, was ich mitnehme.

Nun also hatten wir gefrühstückt und Thomas und Ralf schloßen sich meiner Führung vertrauensvoll an. Es lief auch alles gut, bis ich bei der Abzweigung nach Freienseen das Schild zu spät sah und geradeaus fuhr. Hm. Ich fahr einfach mal weiter und fädle irgendwo wieder ein... Die beiden Jungs haben wohl an der Abzweigung auf mich gewartet und sich Sorgen gemacht, ob ich mich wo abgelegt hatte, aber ich habe einfach geschaut, wo ich wieder einfädeln kann. Naja, nicht ganz die feine englische Art, aber sie sind ja zu zweit, haben auch ein Roadbook und man findet sich schon wieder.

Ich fand irgendwann die Route wieder und fuhr weiter zum Stopp an "Gleis 1" in der Rabenau. Auch dieses Jahr wieder war die Tour unglaublich schön, lediglich kurze Verbindungsstücke führten über größere Bundesstraßen, der Rest waren kleine K- und L-Sträßchen ohne nennenswerten Verkehr.

Als ich bei Gleis 1 ankam, machten sich Richard und Stefan gerade auf den weiteren Weg. Thomas und Ralf waren wohl nicht da gewesen, als sie ankamen. Hm. Ein bisschen schlechtes Gewissen hatte ich schon... Aber jetzt wollte ich erstmal einen Kaffee. Gleis 1 ist ein sehr originelles Café in einem alten Bahnwaggon, man kann draußen oder drinnen sitzen. Die nette Bedienung sagte mir, dass vorher schon zwei da gewesen wären, aber das war ein Paar. Ob meine Jungs wohl einfach weitergefahren waren? Kaum saß ich, fielen nach und nach weitere Gruppen von Twin-Fahrern ein und auch Thomas und Ralf. Die beiden hatten sich etwas später auch verfahren und waren zum Glück nicht böse, dass ich ohne sie weitergefahren war. puh.

Nach der Kaffeepause fuhren wir gemeinsam weiter und alles lief gut. Es ging durch malerische Dörfchen, viel schönes Fachwerk gab es zu sehen und es begegneten uns nuer ganz selten Autos, ab und zu ein Traktor und ab und zu sahen wir andere Gruppen. Es lief alles wunderbar, bis ich irgendwann in den Spiegel schaute und niemand mehr hinter mir war. Oh! öhm...? Diesmal war aber alles richtig! Wo waren sie nur? Ich wartete und wartete, aber niemand kam. Nun dann... fuhr ich weiter und genoß den Rest der Tour allein. Als ich auf der Burg ankam, kamen Thomas und Ralf bald nach mir. "Hey, diesmal hat doch alles gepasst, wo ward ihr denn..?" "Ralf hat versucht, Dir Zeichen zu geben und ist Dir noch 2 km nachgefahren, ich musste mein Bein an einem Baum heben, aber Du bist einfach weitergefahren!" Tja. Es wird wohl Zeit für Tena Men, Jungs :-D

Für später am Abend waren die Ausgabe der Roadbooks für die Stammtischrallye und Arnos Vortrag über seine Reise in die Mongolei geplant. Wir holten uns was zu essen und zu trinken, ich später noch ein Eis und dann ging es dran, die Gruppe anzumelden.

Auch dieses Jahr sollte ich wieder vorn fahren und auch dieses Jahr brauchten wir einen Namen. Nachdem die Diskussion fruchtlos verlief, fragte ich Thomas nochmal "Wie sollen wir denn jetzt heißen?" Darauf meinte er "Is mir Wurschd!" tja. Ich ging zu Horst und meldete uns als "Is mir Wurschd" an, Horst wollte noch die genaue Ausbuchstabierung von "Wurschd" und kommentierte entsprechend in Erwartung meiner Navigationskünste dieses Jahr. Ich muss mir für nächstes Jahr mal irgendwas für ein Shirt oder so überlegen, z. B. "wer mir nachfährt, ist selbst Schuld" oder so.

Nun erwartete uns Arnos Vortrag. Arno war mit zwei anderen von Deutschland in die Mongolei und zurück gefahren, 2 Monate, 22.000 Kilometer. Ursprünglich sollten sie zu fünft fahren, aber zwei hatten sich am Fuß verletzt und sind "nur" die Strecke zurück gefahren. Arno war aufregt, weil es sein erster Vortrag war und er meinte, er hätte nichts vorbereitet, keine tollen Bilder vorzuweisen und und.... Also, Arno: Dein Vortrag war der Knüller, wir haben uns bestens amüsiert, vor allem über die kleinen Ziegen und die kleinen Menschen in der Mongolei! Du bist ein Naturtalent. Dass die Zeit nie genug ist, das kenne ich auch. Ich fürchte, dass die Zeit nur dann genug ist, wenn man sich keine Limits setzt bzw. keine gesetzt bekommt (Urlaubsdauer...). Ich denke mir auch jedes Jahr "boah, nächstes Jahr lässt Du Dir mehr Zeit, fährst weniger, nimmst länger frei..." Hat bis jetzt nie geklappt. Wenn ich mal auf Tour bin, bin ich nicht zu stoppen, der Hunger, zu sehen, was hinter der nächsten Kurve kommt, welche Überraschungen der nächste Tag birgt, abends völlig am Ende zu sein und am nächsten Tag trotzdem weiterzumachen, weil es einen weiter treibt, immer weiter... das kenne ich nur zu gut. Ich bin gespannt, welches Deine nächste Reise sein wird.

02.06.2018 Stammtischpokal

Is mir Wurschd!
Ich hatte die Nacht irgendwie unruhig geschlafen. Keine Ahnung, ob es die Aufregung wegen dem Pokal war, oder ob die Schlafstörungen einfach mal wieder stören wollten. Jedenfalls wachte ich Samstagmorgen nicht 100% fit auf. Egsl. Kaffee wird's schon richten!

Als wir uns fertigmachten und starten wollen, passiert mir ein (wie ich denke) kleines Malheur. Ich fahre auf eine Lücke zwischen zwei Motorrädern zu, denke "oh, anhalten, nochmal rangieren, das passt nicht!", habe den Lenker eingeschlagen, bremse zu stark und liege unversehends auf dem Boden. Ein fieser Schmerz zuckt durch meinen linken Fuß, da ist wohl was draufgefallen. Mist.

Die Umstehenden eilen besorgt zu mir, rasch steht Conchita wieder. Ich bin etwas zittrig, aber wir sind gleich dran, also los, ans Tor. Als wir rausfahren, bin ich noch etwas fertig, aber bald sind wir unterwegs. Ich merke, wie mein Fuß im Stiefel anschwillt und drückt, bei nächste Gelegenheit werde ich die unterste Schnalle lösen!


Als wir auf die Ronneburg fahren, sind meine Knie immer noch etwas weich und das Absteigen ist alles andere als elegant. Zusammen mit meinem Team humple ich zur Falknerei, um im Glaskasten Greifvögel zu zählen. Wir kommen auf 30, wobei uns später gesagt wird, dass Eulen keine Greifvögel sind, sondern Ansitzjäger. Danach gilt es die "Aussicht" zu finden und den Durchmesser des Linsenausgangs zu bestimmen. Wir haben nichts zu messen dabei, aber ich komme auf die Idee, auf der A4-Blatt die Breite zu markieren und das Blatt zu falten. Ein DinA4-Blatt ist 29,4 cm lang, die erste Schätzung (die sich später als korrekt erweist) ergibt 9 cm Außendurchmesser, Innen 7,4 cm.

Jetzt geht es auf den Weg zur nächsten Station. Mein Fuß tut ganz schön weh, aber ich ignoriere es
Ronneburg
und bringe uns zum nächsten Punkt. Als ich dort absteige, bin ich extra vorsichtig, denn hier ist Schotter und ich will nicht ausrutschen. Unsere Aufgaben sind: Titelmelodien von Filmen und Serien erraten, danach müssen die beiden Jungs einen Fragebogen beantworten. Dort sind Labels von Biersorten abgebildet, Filmzitate müssen erraten werden und am Ende sind Führerscheinfragen zu beantworten. Wir schlagen uns mehr schlecht als recht. Vom Platz runter muss ich wieder rangieren und bin supervorsichtig, weil ich auf keinen Fall nochmal stürzen will und zudem der Fuß sich ziemlich geprellt anfühlt, der Stiefel spannt ordentlich.

Wir fahren den zweiten Teil der Tour, hier verfahre ich mich an einer Stelle und an die nächste Station finden wir zwar, aber da ist kein Team mit Aufgaben. Hm? Ich sage ja, ich bin schlecht im Lesen von Anleitungen... Das gesuchte Denkmal finden wir problemlos, beantworten die Fragen. Auf der Suche nach der möglichen Aufgabenstation fahren wir noch einen kleinen Weg rein, hier lasse ich dann Thomas wenden. Ich bin einerseits total unter Strom, andererseits tut der Fuß weh und ich habe keinen Nerv, die Twin hier zu wenden. Aufsteigen ist auch nicht so toll jetzt... in meinem Hinterkopf spukt der Gedanke, dass da vielleicht doch mehr passiert ist, als ich dachte... aber gut...

So steuern wir die nächste Station an, die wir wieder problemlos finden. Hier dürfen wir blumig umschriebene Motorradteile erraten z. B. "leichte Gliedmasse" (Federbein), "Fernbesteck" (Telegabel), "Agentenzubehör" (Schalldäpfer), "Kopfbedeckung mit Unterdruckfunktion" (Ventilkappe) oder aber "behütendes Metallteil" (Kotflügel). Hier schlagen wir uns ganz gut. Enige fragen besorgt nach, warum ich so humple und ich erzähle von meinem Umfaller am Morgen.

Gegen 14 Uhr erreichen wir die Burg, geben unsere Unterlagen ab. Thomas und Ralf wollen noch Eis essen, ich will aus dem Stiefel und nachsehen, wie der Fuß aussieht. Oh je. Ganz schön geschwollen, hoffentlich wird das besser bis morgen... Unsere Zeltnachbarin Julia fährt extra nochmal für mich los, um Eis zu holen. Sie kehrt nach einer Viertelstunde mit einer Tüte zurück, überall war Eis ausverkauft, aber an der Edeka-Fischtheke gab es welches. Natürlich gibt es die entsprechenden Kommentare von wegen Fisch mit Käse und so... Als ich nach oben humple, kommen die nächsten Besorgten, Björn, einer der Ärzte auf der Burg, soll sich meinen Fuß ansehen. Ich wickle mein feuchtes Handtuch drum und kühle, so gut es geht mit Eis. Es tut jetzt nicht mehr so weh, ist nicht viel dicker geworden und ich kann langsam, aber ok laufen. Ich bekomme noch Aloe Vera extra strong von einem netten Paar aus dem Allgäu und reibe den Fuß damit ein.

Gegen 17 Uhr versammeln wir uns für das Geschicklichkeitsspiel. Diesmal gilt es, ein Bettlaken per Hand und Fuß über eine Strecke zu befordern, dabei müssen beide Füße auf dem Laken bleiben und am Ende muss die Rückseite des Lakens oben liegen. Wir sind nicht die Ersten und können einige mehr oder weniger erfolgreiche Variationen beobachten. Von herumkicken, schieben, rollen oder Laken packen und auf dem gespannten Laken ins Ziel laufen, ist alles dabei. Es wird übertreten, gibt Strafsekunden und natürlich großes Hallo und jede Menge dumme Kommentare.

Der Abend schreitet voran und Björn schaut sich meinen Fuß an. Wir witzeln etwas herum, weil er inzwischen doch recht blau geworden ist. "Das Blut sammelt sich immer unten, wie bei den Leichenflecken..." Danke Björn, genau die Info, die ich jetzt hören will :-D Die einzige Sorge, die mich gerade umtreibt ist, ob ich morgen in den Stiefel passe, oder nicht. Aber erstmal gibt es die Siegerehrung. Dieses Jahr teilen wir uns den 14. Platz mit einer anderen Gruppe, yeah! Eigentlich hätte unser Team Schmerzzulage bekommen müssen, verpasste Station oder nicht, Tapferkeit im Einsatz sollte belohnt werden, finde ich!
Der Kampf mit Laokoon... ähm... dem Laken

Meine Jungs sind Kummer schon gewohnt und ersparen mir Kommentare bezüglich unserer Platzierung. Der erste Preis geht nach Franken, als gebürtige Fränkin kann ich damit leben. Außerdem: Wer von uns hätte Platz für den Pokal gehabt...? Wir völlig überbewertet!

Da dieses Jahr die Burg zum 20. Mal in Ortenberg stattfand und es die 21. Burg war, gab es für die drei Dauerteilnehmer, die von Anfang an dabei waren, auch Urkunden. Einer der Drei ist etwas befremdet, als man ihn vom Zelt in den Saal holt, um ihm die Urkunde zu überreichen.

Danach entführen uns Julia und HaDi nach Kasachstan. Arno hatte Kasachstan auf seiner Reise in die Mongolei nur als Transitland benutzt und war mit seinen beiden Begleitern durch endlose Steppe gefahren. Julia und HaDi hatten auf ihrer Reise durch Südamerika einen Kasachen kennengelernt, der sie zur Expo eingeladen hatte und dieser Einladung waren sie gefolgt. Ihre Route führte sie ebenfalls von Deutschland nach dort und sie reisten im Land umher, sahen sich verschiedene Nationalparks an und aßen sich durch die Speisekarte verschiedener Gegenden. Ich bin zwar eigentlich Vegetarierin, aber in anderen Ländern mache ich schon  mal eine Ausnahme, außerdem finde ich es unhöflich, Essen abzulehnen, zu dem ich von Fremden eingeladen werde, auch wenn es Fleisch sein sollte. But that's just me!

Am meisten haben mich der Baikalsee und der Aralsee beeindruckt. Letzterer eher negativ, den See wird man wohl nie wieder zu seiner alten Form zurückbringen können. Georgien habe ich mir als mögliches Reiseziel ebenfalls vorgemerkt.

Nach dem Vortrag trinken wir noch etwas und gehen dann gegen Mitternacht zu unseren Zelten. Ich lege meinen Fuß so gut es geht hoch und wickle den restlichen Eisbeutel im Handtuch drum. Hoffentlich passe ich morgen in den Stiefel!

03.06.2018

Mist, der Fuß ist nicht nennenswert abgeschwollen und ich krieche mehr schlecht als recht aus dem
50 shades of Fuß!
Zelt, um zu den Sanitäranlagen zu humpeln. Auf dem Weg hin und zurück fragen mich lauter besorgte Menschen nach meinem Wohlergehen und ich sage, dass ich auf jeden Fall heimfahren werde, sofern ich den Stiefel anbekomme.

Je mehr ich laufe, desto besser wird es und desto mehr schwillt alles ab. So humple ich erstmal recht frohen Mutes zum Frühstück. Wir sind sehr früh dran und trödeln noch etwas herum, das Wetter für die Rückfahrt schaut gut aus und ich habe nach dem Frühstück bald alles abgebaut. Langsam trage ich Stück für Stück zu Conchita und packe auf. Jetzt kommt der Härtetest: Stiefel anziehen! Erstaunlicherweise geht das gut, ich komme rein. Vorsichtig rangiere ich Conchita aus der Lücke und wir machen uns langsam abfahrbereit.

Am Ausgang verabschieden wir uns von den Burgwächtern, bekommen noch ein paar kleine Geschenke gereicht und dann fahren wir los. Ich bin furchtbar steif und vorsichtig, an der Tankstelle in Ortenberg halte ich, um den Luftdruck zu prüfen und zu tanken, Thomas und Ralf wollen am Tankhof tanken und dort auf mich warten. Dass der Druck nicht passt, muss ich mir eingebildet haben, vermutlich sitzt mir gestern doch noch mehr in den Knochen als ich dachte.

Bald aber geht es weiter Richtung Autobahn. Wir kommen gut voran und ungefähr eine Stunde, bevor Ralf uns verlassen wird, halten wir auf einem Parkplatz, trinken etwas, und verabschieden uns. Das Absteigen ist jetzt zu einer Art akrobatischer Übung geworden, denn ich bin seeeeehr vorsichtig mit meinem linken Fuß. Als wir losfahren, bin ich froh, dass ich es auch nicht mehr so weit habe. Wenn ich von der Autobahn komme, erstmal tanken, dann heimfahren, abladen, ausruhen, Conchita runterfahren.

An der Tankstelle rutsche ich mühsam aus dem Sattel und ebenso mühsam ist der Aufstieg. Ich bin jetzt froh, bald zuhause zu sein. Angekommen packe ich Conchita langsam ab, trage Stück für Stück die Treppe hoch. Dann kommt der nächste Gedanke: Wenn Du jetzt den Stiefel ausziehst, kommst Du vielleicht nicht mehr rein... aber ich möchte etwas schlafen, also Stiefel runter, Hose runter.Weil ich nicht sicher bin, ob ich Montag arbeiten fahren kann, schreibe ich noch eine Mail ins Büro.

Als ich zwei Stunden später aufwache, ist mein Fuß ballonförmig und ziemlich verfärbt. Wohl doch
... mit dem Zweiten geht man besser...
besser, das mal ansehen zu lassen.... Meine Freundin Carmen fährt mich in die Uniklinik, wo wir gemeinsam den Wartsaal bespaßen mit flachen Witzen wie "oh, guck mal, die zeigen Rehe, das ist sicher die Reh-Animation!" Irgendwann werde ich zum Röntgen gerufen und warte mit anderen Fußpatienten, die ebenfalls dumme Witze reißen. Ich muss nochmal in den Wartebereich und als ich danach reingerufen werde, verkündet mir der Arzt, dass ich drei gerbrochene Mittelfußknochen habe, jetzt eine Schiene und Krücken bekomme und zudem noch eine Thrombosespritze in den Bauch (iiiiihhhh!). Ich gucke der Schwester fasziniert zu, die mir den Dynacast anpasst. Als ich wieder nach Hause fahre, habe ich eine formschöne, neue Deko erhalten: eine blau-weiße Schiene und rote Krücken. Die HRC-Farben! 6 Wochen humpeln mit Stil!

Memo an mich: Dieser Unfall hat mir gezeigt, dass es Zeit ist, meine Schwächen auszumerzen. Nächstes Jahr nehme ich Trainerstunden für langsam fahren, wenden und rangieren der Twin in schwierigeren Situationen, bisschen Endurotraining und und... ich will den Jungs schließlich auch auf Schotter wegfahren ;-)

P. S: Liebe Kinder, bitte das mit dem Fuß nicht nachmachen, auch wenn man eine schöne Honda-Schiene bekommt!









Mittwoch, 23. Mai 2018

DSGVO - meine ganz persönliche Meinung

Wie ihr ja sicher alle wisst, wird ab dem 25. Mai die neue DSGVO um- und durchgesetzt.

Das hat dazu geführt, dass kleine Blogs, kleine Onlineshops, kleine Webseiten, Handwerker, Künstler, kurz alle, die irgendwie im Netz aktiv sind, und sich keine Heerscharen von Anwälten leisten können, völlig am Rad drehen.

Keiner weiß, wie und was man noch darf oder nicht darf und wir wissen, dass sich eine gewisse Zunft schon ihre kleinen, fetten Patschehändchen reibt, denn bald gibt es den fetten Reibach zu verdienen!

Anstatt dass wir produktiv, kreativ und ungestört unserem Tagesgeschäft folgen können, müssen wir uns mit diesem Monstrum beschäftigen, dass ja nur zu unserem Schutz da ist.

Ich habe tatsächlich einen kurzen Moment überlegt, dieses Blog abzuschalten und nur noch als mein persönliches Reise- und anderes Tagebuch zu verwenden. Kommentare ausschalten weil ja die IP getrackt werden könnte. Wer Blogger kennt, weiß, wie lückenhaft die Statistik ist, und um mir noch irgendwelche Adwords oder anderen Krempel hier zu installieren, ist mir meine Zeit zu schade. Denn, was habe ICH davon? Nullkommagarnichts! Um gescheite Statistiken und Tracker nutzen zu können, braucht es schon bisschen mehr, als so ein Einfach-Blog aus der Fertigbox. 

Es kommt nicht von ungefähr, dass ich vor gut 2 Jahren beschlossen habe, meine Shops Shops sein zu lassen, denn um den neuen Säuen, die ständig durchs Netz getrieben wurden folgen zu können, dazu ist mir meine Zeit verdammt nochmal zu schade. Und mein Geld stopfe ich auch nicht irgendwem in den Rachen, der einen Kommafehler in meinen AGBs bemängelt, oder irgendeinen anderen Schwachsinn.

Wenn schon Visitenkarten zu einem potenziellen Risiko für Abmahnungen werden können, frage ich mich (und ich bin damit nicht allein), wo der gesunde Menschenverstand eigentlich geblieben ist? Mir geht diese ganze staatlich verordnete Nannysierung, der scheinbare Schutz von Daten oder unserer "Sicherheit" schon eine ganze Weile zunehmend auf den Sack.

Was ist eigentlich mit der Briefpost, die schon längst nicht mehr manuell sortiert wird?
Wo bleiben denn die Adressen, die dort "erkannt" werden?
Von der Post habe ich noch nix bekommen wegen DSGVO.
Ach, und ich vergaß den Briefträger, der ja potenziell auch gefährlich sein kann, denn wer garantiert mir, dass er nicht just meine Adresse in sein Handy tippt, oder ein Foto davon macht und es in seine Whatsapp-Gruppe postet, auf dass mir Hinz und Kunz ungefragt Post schicken möge. Oder, dass er schaut, von wem ich Post bekomme und mich dann heimlich bei irgendwelchen Newsletter anmeldet, weil es dafür 0,5 Cent gibt.
Na...?
Ach so, es gibt ja das Briefgeheimnis.

LOL.

Ich habe nichts dagegen, dass meine Daten "geschützt" werden und nicht an Hinz und Kunz verkauft, aber - ganz ehrlich - kann ich's kontrollieren? Wer kann mir garantieren, dass nicht der Server von X oder Y gehackt und meine Kreditkartendaten, mein BMI oder mein IQ an die Marsianer, die Vulkanier oder die Klingonen verkauft werden? Niemand!

Interessant finde ich, dass mich eine Mail meiner Tanzlehrerin bzgl. ihres Newsletters erreichte, dass ich aber von amazon nichts bekommen habe. Vielleicht hab ich es auch gelöscht, weil ich da eh so gut wie nichts mehr bestelle und ihre Newsletter sowieso alle abbestellt habe, was ich grundsätzlich immer tue (na gut, nicht bei Mopedkram).

Wenn ich nix brauche, brauche ich auch keine Werbung, die mir sagt, was ich brauchen könnte.
Wenn ich was brauche, dann suche ich danach und kaufe es.
Zack. Fertig.

Leute, wenn ihr eure Daten "sicher" haben wollt, dann schaltet euer Hirn ein!
Schaut, wo ihr euer Zeug im Netz kauft (wenn ihr es da kauft), schaut, wo ihr registriert seid, schaut, welche Kundenkarten ihr habt usw. und dann handelt entsprechend. Für ein paar Punkte und Cents verkaufe ich nicht meine Seele und das solltet ihr auch tun.
Boykott ist eine Lösung!

Montag, 23. April 2018

M. A. D. - Stofforigami gegen Plastiktsunami


Ich war mal ein Bettbezug
Ich habe am Wochenende Stoffe aussortiert und dabei sind mir einige nicht ganz so schöne gebrauchte Stoffreste unter die Finger gekommen, die erstmal in die "Wegschmeißen"-Tüte kamen.

Im Lauf des Tages fiel bei mir aber der Groschen, ich wollte ja schon länger Beutel für loses Obst und Gemüse nähen, um z. B. den Kassiererinnen das Abwiegen an der Supermarktkasse zu erleichtern.

Der eine oder andere Markt hat jetzt auch solche wiederverwendbaren Netzbeutel, die man kaufen und in die man sein Obst oder Gemüse packen kann, aber die kosten was und ich habe ja alles daheim, und während ich so nähte entstand...

M. A. D. 

Einfach zuknoten und nix fällt raus!
M. A. D. steht für "Make a Difference" - und natürlich auch für die englische Vokabel, die übersetzt "wütend" bedeutet. Ich bin nämlich zunehmend wütend über den täglichen Plastiktsunami, der uns überall umgibt.

Wie kann ich M. A. D. sein?

Das ist ganz einfach:

... wenn Du nähen kannst...
  • guck Dir dieses Tutorial an, die Taschen sind einfach und schnell fertig,
  • schau in Deine Restekiste,
  • schneide Deinen Stoff zu und leg los,
  • nähe eins, zwei, drei... ganz viele Origamitaschen,
  • verschenke sie an Deine Nachbarn, Freunde, Familie, verteil sie vor dem Supermarkt...,
  • verbreite die Aktion über Facebook, Twitter, Instagram, Dein Blog oder oder oder..,
  • BENUTZ Deinen Beutel so oft es geht!
 ... wenn Du nicht nähen kannst...
  • kennst Du vielleicht jemanden, der es kann und Dir eine Tasche näht,
  • kannst Du die Aktion über Social Media teilen,
  • kannst Du Deinen Supermarkt/Discounter/Bioladen/Drogeriemarkt mit E-Mails zum Thema "Plastikverpackungen" nerven, lass Dich nicht mit Textbausteinen abspeisen, bleib dran!
  • kannst Du mit anderen über das Thema sprechen,
  • Deine eigene Aktion starten, oder oder oder... ,
  • sei auf Deine Weise kreativ und unbequem!

Verdienst Du was an der Aktion?

Nein.
Ich verdiene nix daran und will auch nix daran verdienen!
Die Aktion ist einzig und allein auf meinem "Mist" gewachsen, da steht sonst niemand dahinter (außer jetzt hoffentlich ihr!).

... eins, zwei, drei... ganz viele!
Ich bitte Euch, diese Aktion nicht kommerziell zu nutzen, d. h. z. B. die Taschen im Rahmen der Aktion zu verkaufen.

Warum?

Nun, es geht hier um Dialog und darum, unsere Konsumgewohnheiten zu hinterfragen und nicht darum, den fetten Reibach zu machen.

Morgen werde ich die ersten Beutel verschenken und bin auf die Reaktionen gespannt.

Ihr könnt Eure eigenen Aktionen unten in den Kommentaren verlinken, wenn ihr wollt.

Montag, 2. April 2018

Herz am Montag aus Valldemossa

Kartause von Valldemossa
Anfang März verbrachte ich eine schöne und sonnige Woche auf Mallorca. Da ich auf den
öffentlichen Nahverkehr angewiesen war, habe ich in erster Linie Tagesausflüge in leicht erreichbare und vom Reiseführer als "besonders schön" oder "sehenswert" eingestufte Orte gemacht.

Ich habe in Port d'Alcudía gewohnt und mich hauptsächlich auf die Tramuntana im Norden konzentriert. So landete ich unter anderem in Valldemossa.

Über Valldemossa wusste ich gar nichts, z. B. dass dort Frédéric Chopin und George Sand einen Winter in der zugigen Kartause verbrachten.

Stilleben mit Blumen
George Sand soll, ob des schlechten Wetters und der unangenehmen Unterbringung erbost, ein lästerliches Werk über Mallorca verfasst haben. Den Mallorquinern war diese Frau einfach zu modern und die beiden fanden nicht das Paradies, das sie sich erträumt hatten. Chopin, der sich auf Mallorca Linderung seiner Tuberkulose erhofft hatte, hätte die Rückreise im Schiff beinahe nicht überlebt.

Das mit der unangenehmen Unterbringungen und den resultierenden Malaisen kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich hatte zwar keine zugige, aber eine kalte und feuchte Bude ohne Heizung und mit einer launischen Dusche.

Nun, das berühmte Paar hat den Ort Valldemossa bekannt gemacht, neben der Kartause gibt es ein Museum, welches den beiden gewidmet ist.


Ich habe in Valldemossa einen schönen, sonnigen Tag verbracht und mich jenseits der Touristenströme gehalten. Mir haben besonders die verwinkelten Gässchen und die Häuser mit ihrem Blumenschmuck gefallen. Der türkisblaue Turm der Karthause ist ebenfalls ein Hingucker. Und eine dicke, plüschige Katze hat dort ihre dicke, plüschige Pfote nebst Krallen in meinen Daumen geschlagen.

Am Ende des Tages habe ich mir noch eine Kachel mitgenommen, auf der "Aquí vive un motero"
(Hier wohnt ein Motorradfahrer) steht. Wenn ich einmal mein Tiny House habe, kommt sie neben die Eingangstür.

Das Windspiel habe ich an einer der Haustüren entdeckt.

Neben den Kacheln mit den Fürbitten der Heiligen Catalina Tomás gab es viele hübsche, kleine Details zu entdecken. Das Dorf wirkt so, als ob man es jeden Tag feucht durchwischen würde. Alles ist sauber, gekehrt, poliert und der Blumenschmuck an den Häusern entspricht ein bisschen den perfekt "geohrten" Kissen  (wer kennt ihn noch? Den Karateschlag in die Mitte vom Sofakissen?) auf dem mit Schondeckchen versehenen Sofa einer Hausfrau aus den 60er Jahren. Home, sweet home, eben.

Mehr Montagsherzen findet ihr bei den Fredissimas.

Freitag, 23. März 2018

Fisch am Freitag aus Port d'Alcúdia

Viel Meer, sehr viel Meer
Meine eifrigen Blogleser wissen, dass ich kürzlich einen Urlaub auf Mallorca verbracht habe. Und was gibt es auf Mallorca?
Genau, es gibt Meer, sehr viel Meer, so außenrum, ist ja eine Insel.
Und was gibt es im Meer?
Genau, da gibt es Boote und mit den Booten kann man auf dem Meer herumfahren und Fische fangen. (Das war der Teil "Bloglesen für Pauschaltouristen").


Port d'Alcúdia liegt im Norden von Mallorca, also weit entfernt vom "Ballermann". In meinem Reiseführer stand übrigens eine Erklärung, wie es zu dem Namen "Ballermann" überhaupt kam.

Mehr Meer
(Jingleinspielung: Titelmelodie der "Sendung mit der Maus") Die Strandbuden an der Playa de Palma haben irgendwann Nummern erhalten und hießen dann "balneario no. uno" etc. Die Ballerbude war "balneario no. seís". Und weil der Deutsche das Wort "balneario" natürlich im volltrunkenen Zustand nicht mehr aussprechen konnte, wurde kurzerhand "Ballermann" draus. Lallermann wäre zwar passender gewesen, ist aber kein deutsches Wort. (Das war der Teil "Die Maus erklärt den Ballermann für Pauschaltouristen aus Deutschland").

Ich war aber nicht am Ballermann, sondern habe mir ganz gezielt einen Ort in Mallorcas Norden ausgesucht, da die Berge dort nahe sind und der Sauftourismus weniger sein soll. Nun ja, Läden mit billigem Alkohol und diverse um dieses Jahreszeit noch geschlossene Saufkneipfen habe ich auch dort gesehen. Am letzten Abend saß ich an der Strandpromenade, um die Abendstimmung noch etwas zu genießen, außerdem hatte ich ein paar Nachtfotos geschossen. Am Strand hat sich dann jemand geräuschvoll erbrochen, was meine abendliche Stimmung etwas getrübt hat. Immerhin, wenn man geschickt ins Meer erbricht, werden die Reste gleich weggespült, das ist dann schon praktisch.

Amüsiermuschel mit Fisch
Und bevor es jetzt noch unappetitlicher wird, möchte ich anmerken, dass mir die Insel sehr gut gefallen hat, der dort stattfindende Pauschal- und Sauftourismus ist jedoch etwas, das mich sehr befremdet hat. Es war sozusagen eine Art europäischer Kulturschock für mich.

Den Fisch habe ich im Sporthafen von Port d'Alcúdia entdeckt, er prangte auf einer der kleinen Amüsiermuscheln (auf Spanisch: mejillónes de diversión) und soll wohl ein Schwertfisch sein. Die Anzahl der Amüsiermuscheln in den Sporthäfen hat mich schon beeindruckt, wobei das hier noch gar nichts gegen Port de Sóller ist, aber dazu gibt's ein anderes Mal mehr.

Hier gibt's nix mehr zu sehen, gehen Sie weiter.