Samstag, 4. Januar 2020

Zen-Geist Anfänger-Geist - Neujahrsseshin im Kloster Ryumonji Weiterswiller

Das Leben birgt viele Umwege in sich. Die Kunst besteht darin, dabei die Landschaft zu bewundern. (Zen-Weisheit)

 Prolog

Ungefähr vor zwei oder drei Jahren habe ich aus Neugierde nach "Retreat Zenkloster" gesucht und bin auf Ryumonji gestoßen. Ich habe mir durchgelesen, was mich auf so einem Retreat in etwa erwarten würde und es dann beiseite gelegt.
Ne, jetzt nicht.
Später!
Irgendwann.

Im Sommersemester 2019 hielt eine meiner Kolleginnen ein interdisziplinäres Seminar in eben diesem Kloster ab und erzählte einige Zeit später davon bei einem unserer Institutsfrühstücke. Es klang sehr toll und ich habe darauf nochmal nach Ryumonji geschaut. Ja, da gibt's ein Neujahrsseshin. Hm. Ja. Vielleicht. Nach dem Urlaub entscheide ich mich. Eventuell.

Im September nach meinem Urlaub schlich ich wieder um die Seite herum. Irgendwie fand ich es spannend, aber ... der Tagesablauf mit all diesen festen Zeiten, etlichen Malen Zazen (Sitzmeditation)... ich weiß nicht... soll ich?

Anfang November hatte ich mich endlich überwunden, eine Mail an das Kloster zu schreiben und dachte mir dabei "Naja, wird eh schon voll sein...!"
Aber nichts da.
Soundso ist die Anmeldung, das und das ausfüllen, beachten, mitbringen, Anmeldegebühr zahlen und los geht's.
Mit der Anmeldegebühr ließ ich mir noch einen Tag Zeit und war ganz stolz, als ich den Betrag endlich überwiesen hatte und die Bestätigung kam. Mein Kollege war voller Bewunderung, dass ich mich nun wirklich durchgerungen hatte.

Ja, der Mensch wächst mit seinen Aufgaben und ich wollte endlich wieder an Silvester etwas Besonderes tun. So eine Zeit des Rückzugs und der Einkehr, bevor ich nun 2020 mit all meinen Projekten durchstarte, ist sicher keine schlechte Idee. Mal davon ab, kann ich Silvester überhaupt nichts abgewinnen. Dieses sinnlose Rumgeballere, Gesaufe und Fröhlichkeit auf Knopfdruck, ne, lass mal!

Ende November buchte ich meine Bahnverbindungen, gab im Kloster wegen meiner Ankunftszeit Bescheid und begann mich zu freuen. Dann kam der Streik in Frankreich und kurz vor meiner Abreise eine Mail, dass es einige Zugverbindungen nicht oder anders gäbe. Keiner wusste etwas genaues. Vom Kloster kam die Nachricht, dass man mich am Ankunftstag um 18:15 Uhr in Ingwiller abholen würde.

Na, wird schon alles klappen. Inzwischen bin ich reiseerfahren genug, um alle Dinge einfach auf mich zukommen zu lassen. Es ist bis jetzt immer alles gut gegangen und für jedes Problem gab es eine Lösung, oder es löste sich in Luft auf.

28.12.2019 Anreise nach Weiterswiller

Am 28.12. brach ich gegen Mittag in Freiburg auf. Erst ging es mit dem Zug nach Offenburg, dann mit der S-Bahn nach Straßburg. Ich hatte einen Platz auf einem Vierersitz mit einer Patchworkfamilie. Mama mit auftätowierten Brauen und Spachtelkleister im Gesicht, Tochter mit Eifohn und der Partner von Mama, der sich durch unglaublich sinnfreies Gerede hervortat. Die Beziehung zwischen Mama und dem Partner schien mir von einem aggressiven Unterton überschattet. Aber gut, nach den Tagen des Aufeinandersitzens an Weihnachten kein Wunder...

In Straßburg hatte ich dank eines Zugausfalls zwei Stunden Aufenthalt und fragte wegen Erstattung und Umbuchung meiner verschiedenen Tickets nach. Ja, da in der Haupthalle könnte ich das machen. Das gleiche Problem wie ich hatten gefühlt zweihundert andere Menschen, aber es ging dann doch erfreulich schnell voran. Nur leider leider konnte man mir nichts erstatten, denn die Erstattung für die Tickets am 1. Januar waren erst ab dem 31.12. freigeschaltet. Na fein, da bin ich im Kloster ohne Internet! Ja und ich soll mich doch an die Deutsche Bahn wenden, denn bei denen hatte ich ja alles bestellt. Also noch eine Mail abgesetzt und den Flixbus für den 1. Janur gebucht, denn der fährt ganz sicher. Endlich war es so weit, in den Zug nach Ingwiller zu steigen. Nein, aufgeregt war ich nicht, ich war einfach nur neugierig auf das, was mich nun erwarten würde.

In Ingwiller war ich nicht die Einzige, die zum Kloster wollte, wir waren ingesamt elf Personen. Wir wurden in zwei Autos gepackt und dann ging es los. Am Empfang des Klosters war schon einiges los, ich bezahlte meine restliche Gebühr und bekam meine Unterkunft - Bamboo left - zugeteilt. Ein junger Mann zeigte mir das Haus und ich zog zu fünf Französinnen, die sich schon von einem Sommerretreat kannten. Zum Glück spreche ich die Sprache inzwischen ganz gut (sagte man mir) und wir räumten und richteten uns ein. Da mir niemand gesagt hatte, dass ich um 20 Uhr zur ersten Einführung im Speisesaal sein sollte, platzte ich dort prompt zu spät rein. Ich hasse es, zu spät zu kommen und hier nochmal doppelt, denn Pünktlichkeit zu allen Meditationen, Einführungen, Samu, Mahlzeiten usw. ist oberste Pflicht. Und Pünktlichkeit heißt hier nicht "Punkt 20 Uhr", sondern mindestens 10 Minuten vorher. Auf diese Weise hatte ich keine Ahnung, wie ich mein Eßschälchen ein- und auszupacken hätte. Marie-Anna, die für uns im Bamboo-Haus zuständig war, zeigte mir husch-husch, wie man einpackt und dann war auch schon Zeit für das Abendessen.

"When in Rome, do as the Romans do!" war mein Motto für den restlichen Abend. Ich hatte keine Ahnung, was ich zu tun oder zu lassen hätte. Also mit allen anderen erstmal an die Tische stellen, meine nicht so kunstvoll verpackte Schale vor mir hoch halten. Dann auf Kommando hinsetzen, den Sutren lauschen. Auf Kommando die Schale auspacken und das Einwickeltuch hübsch falten, so dass ein Quadrat entsteht. Mein Tuch sah eher wie ein Rattennest aus, in dessen Mitte meine Schale wie eine fette, runde Mama-Ratte trohnte.
Sutren singen nicht vergessen, die Texte liegen auf dem Tisch.
Gang Nummer eins.
Erst wird den anderen serviert, dann nimmt man selbst.
Beim Essen schweigen.
Verständigung mit Handzeichen.
Ich lerne schnell, dass wenn man serviert bekommt, man die Schale in die Linke nimmt, die Rechte mit der Handfläche nach oben zeigt. Wenn man genug von etwas hat, hebt man die Rechte langsam an.
Gang Nummer zwei.
Mit Brot die Schale möglichst sauber wischen.
Sutren singen.
Tee und Wasser kommen.
Tee wird auf Kommando serviert.
Schälchen spülen, Tee trinken.
Wasser wird auf Kommando serviert.
Schälchen und Besteck reinigen.
Wasser auf Kommando in die gereichten Holzbottiche gießen.
Tücher auslegen, Schalen auf Kommando einpacken (Rattennest-Origami!).
Mit feuchten Tüchern umwickelte Holzstäbchen werden zum Reinigen der Tische abgelegt. Man zieht sie Stück für Stück über den Tsch. Krümel landen auf einem Teller, der eingesammelt wird. Es wird nichts verschwendet, nichts weggeworfen, alles recycelt, kompostiert, altes Brot getrocknet und an die Pferde verfüttert usw. Und Zeit verschwendet man auch nicht, es geht zügig weiter durch den Abend.

Nächster Punkt: Zazen im Tempel.
Zazen bedeutet eine dreißigminütige Sitzmeditation im Lotussitz oder Seiza auf einem Kissen (Zafu), Gesicht zur Wand, Augen fast ganz geschlossen, so dass nur etwas Licht hereinfällt. Stille. Dem Atem lauschen, das wahrnehmen, was im Moment ist. Keinen Gedanken nachhängen, nichts analysieren, einfach nur sein. Ich kannte Zazen schon, da ich eine erste Erfahrung im Freiburger Dojo gemacht hatte, die ich allerdings wenig erfreulich fand. Die Meditation und Zeremonie selbst ja, aber das Drumherum, nein.

Hier ist es anders. Man begegnet uns Anfängern mit Wohlwollen und Motivation für die Praxis des Zazen. Wir holen uns Zafus und jeder findet seinen Platz. Dann bekommen wir erklärt, wie man richtig sitzt und wie wir es uns halbwegs gemütlich einrichten können. Ein Mönch kommt herum, korrigiert unsere Handhaltung und wir machen eine Art Generalprobe für die Sitzmeditation. Danach bekommen wir Kinhin, die Gehmeditation erklärt. Richtige Hand- und Körperhaltung, Schrittfolge usw.

Bald darauf ist Nachtruhe. Ich schlafe zwar nicht wirklich gut, weil ich nicht zur Ruhe komme, jemand im Zimmer schnarcht auch, aber die Ruhe rund um unser Haus ist großartig. Kein Hundegekläffe mitten in der Nacht, niemand trampelt durchs Haus oder krakeelt herum. Herrlich!

29.12.2019

6:30 Uhr: Die Morgenglocke wirft uns  aus den Betten. Weil Sonntag ist, dürfen wir eine halbe Stunde länger schlafen, sonst ist um 6:00 Uhr Wecken.
Da ich normalerweise noch früher aufstehe, macht es mir nicht viel aus.
Im Bad ziehen wir uns schnell die Waschlappen durchs Gesicht und die Zahnbürsten durch den Mund, dann geht es auch schon zum Tempel.
10 Minuten vor Beginn des Zazen wird auf ein Holz geschlagen. 
Im Lauf der Zeit lerne ich einige der verschiedenen Trommel-, Glocken-, und Holzschläge zu verstehen. Aber heute früh heißt es erstmal nur: Zafu finden, einrichten.

Gassho. (Verbeugung zur Begrüßung)
Gassho.

Eine schwarze Katze läuft zwischen den Reihen durch und macht es sich einige Zabutons entfernt von mir auf einem bequem und beginnt, sich abzulecken. Wie gerne wäre ich die Katze! Nicht sitzen zu müssen, gemütlich herumliegen können, und vor allem so beweglich sein...

Trommelschläge. Glockenschläge. Trommelschläge. Glockenschläge. Trommelschläge. Glockenschläge.

Ich hatte ja gehofft, meine Beine halbwegs in Brezelform biegen zu können, stelle aber bereits nach kurzer Zeit fest, dass ich auf keinen Fall dreißig Minuten so sitzen kann. Lotus bekomme ich nicht hin, nur mein linkes Bein liegt auf dem Boden, das rechte mag nicht und mein Knie ragt nach oben, so dass ich total schief sitze. Unterlegkissen hin oder her.
Nein.
aua.
Das kleine aua wächst vom kleinen Wehwehchen zu einem fetten Schmerzmonster. AUA. AUUUUAAAAAAAA!

Glockenschlag.
Glockenschlag.

Die ersten zehn Minuten Zazen sind eine Höllenqual. Man hatte uns am Abend vorher schon vorbereitet, welche Art Gedanken und Stimmen auftauchen könnten und was sich alles melden würde. Ich hatte gedacht, dass mein Rücken und meine Schultern entspannt seien, aber das hier belehrt mich eines besseren.

Glockenschlag.

Als erstes meldete sich mein Körper, die Schulterblätter schmerzen, die Oberarme schmerzen, dann mein rechter Fuß, meine Knie.
Dann setzen die Stimmen ein "waaaaah, bist Du wahnsinnig! Warum tust Du Dir das an! Auf dem Sofa daheim ist es doch viel besser! Los, spring auf und sag, dass Du nach Hause willst und das nicht ertragen kannst...!"

Endloses Zerdehnen der Minuten.

Glockenschlag.

Ich ignoriere alles.
Die Schmerzen, die Stimmen.
Ich atme.
Ein.
Aus.
Das Universum des hundertfach verlangsamten Zeitablaufs befindet sich in diesem Tempel.
Ganz sicher.

Stunden später.

Glockenschlag.

Allmählich beginnt sich das Chaos in Körper und Kopf zu entwirren.
Es wäre übertrieben zu sagen, dass ich die Position genieße.
Glockenschlag.
Wir verbeugen uns und stehen auf.
Die dreißig Minuten sind ganz plötzlich zuende und wir dürfen Kinhin machen.
puh!
Ich war noch niemals so froh, wieder aufstehen und mich bewegen zu dürfen!
Überhaupt, für einen körperlich aktiven Menschen wie mich, ist das Stillsitzen schwerer als erwartet.
Da wir sehr viele sind, macht ein Teil von uns in einem Nebenraum Kinhin.
Die Katze ist uns gefolgt und liegt nun auf dem Nähtisch in der Mitte des Raums und putzt sich weiter.

Wenn man die Augen gesenkt hat und sich auf den Atem und auf das Gehen konzentriert, werden andere Sinneseindrücke wesentlich schärfer. Wie zum Beispiel der Mundgeruch der Katze... leicht ranzig mit einem fettigen Unterton von Trockenfutter. Trotzdem finde ich ihre Präsenz im Raum sehr tröstlich. Ein Teil von mir tut sich trotz Trost-Katze sehr leid denn gleich müssen wir wieder Zazen machen...

Nach dem Kinhin entscheide ich mich, in Seiza (auf Knien) zu sitzen und diese Position beizubehalten. Wir singen Sutren, u. a. das Hanya Haramita (Sutra zum Öffnen des Herzchakras). Die Sutren mitzusingen ist nicht so schwer, denn man singt nur einen Ton und hat einen bestimmten Rhythmus. Die Texte hat man in einer Art Gesangsbuch unter dem Zabuton liegen und es lenkt einen vom Zippeln und Zappeln im Körper ab.
Die zweite halbe Stunde ist zwar nicht eben gemütlich, aber alles hat ein Ende, auch das erste Zazen am Morgen des ersten Tages.
Trommelschläge.
Glockenschläge.
Holzschläge.
Tempelglocke.
Oder so.
Wir gehen nun schweigend zum Frühstück.

8:30 Uhr: Frühstück.
In den Speisesaal gehen.
Stehen.
Schalen heben, bis alle im Raum sind.
Hinsetzen, besser gesagt, hinknien.
Sutra singen.
Genmai (Reissuppe) wird auf die Tische gestellt.
Schale auspacken.
Rattennest bauen.
Sehr kunstvolles Rattennest!
Genmai servieren.
Links halten, Rechts heben.
Schüssel nehmen, Löffel ins Genmai.
Sutra.

Boaaaaahhhhh, tut dieser warme Schlabber jetzt gut!
Mit Gomasio (gerösteter Sesam mit Salz) gemischt finde ich das richtig lecker.

Sutren singen.
Schüssel mit Tee spülen.
Schüssel mit Wasser spülen.
Sutren.
Schale einpacken.
Wasser in Holzbottich schütten.
Tisch abwischen.
Auf Kommando aufstehen.
Schale ins Regal stellen.
Glocke.
Verbeugung.
"Bonjour!"
Wir wünschen uns einen guten Morgen.
Im Vorraum gibt es nun Kaffee und Brioche und wir dürfen uns unterhalten.
Nie haben ein Kaffee und ein Brioche besser geschmeckt als an diesem Morgen!

Pause.
Schnelldusche.

11:00 Uhr: Zweites Zazen. Diesmal tut mir zwar auch alles weh, aber es ist besser.
Ich weiß jetzt, was mich wirklich erwartet.
Etwas tut sich in mir.
Ich bin während der Meditation da und nicht da.
Mein Geist schaltet sich ein und wieder aus, mal bin ich bei meinem Atem, mal bin ich leer, dann wieder tut etwas weh, ich versuche, es zu ignorieren, mich nicht zu bewegen. Die erste halbe Stunde ist schnell vorbei.
Kinhin.
Zazen.
Vielleicht hole ich mir noch einen Zabuton, ich habe nur einen und das ist mir auf Dauer zu hart.

12:30 Uhr: Mittagessen.
Es gibt Linsen und Reis.
Gegessen wird in Stille, unterbrochen von Sutrengesang zu den Stationen: Schale auspacken und Rattennest bauen, Essen einfüllen, Essen beginnen, Essen beenden.
Schalen spülen.
Schalen einpacken.
Aufstehen.
Schale wegräumen.
Glocke.
Dessert und Kaffee.

Pause!

Die ist jetzt bitter nötig. In unserem Haus liegen alle in ihren Betten. Jede stöhnt. Jeder tut etwas anderes weh. Wir schlafen oder ruhen zumindest. Ich hätte nicht erwartet, dass es so hart sein würde. Eigentlich hatte ich gedacht, ich wäre tapfer, aber ich bin scheinbar doch eine Memme!

14:45 Uhr: Samu. Samu ist Arbeit für die Gemeinschaft. Beim Samu wird nicht mehr als nötig gesprochen, nur um sich zu koordinieren, aber man schwätzt nicht. Man kann sich eine Aufgabe aussuchen, ich wähle "Holz stapeln". Zu Beginn des Samu singen wir eine Sutra. Dann gehe ich zusammen mit neun anderen Menschen an die Arbeit. Wir bekommen Handschuhe und feste Schuhe, bilden eine Kette und bald wird aus dem Weiterreichen der teilweise schweren Scheite ein Tanz. Scheit nehmen, nach unten leicht fallen lassen, Schwung zum hochreichen nutzen. Packen, fallen lassen, hochschwingen, packen, fallen lassen, hochschwingen. Die Scheite sind schwerelos. Packen, fallen lassen, hochschwingen. Packen, fallen lassen, hochschwingen... Wir kommen in einen Rhythmus und ich schaue ringsum in fröhliche Gesichter. Es ist rattenkalt draußen, aber niemand beklagt sich. Wir arbeiten konzentriert und bald ist der Holzhaufen weg und das Holz aufgestapelt. Um 16 Uhr ruft uns die Glocke zur Teepause. Auch hier tut es gut, etwas warmes zu trinken, um nach fünfzehn Minuten die restliche Arbeit draußen zu erledigen. Alle packen mit an, alle sind glücklich, niemand fühlt sich überflüssig oder steht dumm herum.

Vor dem dritten Zazen um 17:30 Uhr erhalten die Anfänger noch ein paar Tipps. Eine Zennonne mit einer wunderbaren Ausstrahlung und großartigem Humor erklärt uns die Sutrengesänge, dass die Texte auf Japanisch sind und was sonst noch alles wichtig ist. Ein Zenmönch übersetzt simultan ins Deutsche. Dann werden wir nochmal in unseren Sitz- und Mudrapositionen (Handhaltung und -form) korrigiert und angehalten, alles korrekt einzuhalten. Und es wird angekündigt, dass Meister Wan-Genh unterwegs sei und am nächsten Morgen vermutlich unterweisen würde. Im zweiten Zazen würde es drei Niederwerfungen geben, die jedoch freiwillig sind. "When in a Dojo, do as the Zen people do!" denke ich mir.

17:20 Uhr. Holzschläge.
Gassho nicht vergessen!

Niederlassen im Dojo.
Zurechtruckeln.

17:30: Zazen. Trommeln. Glocken. Trommeln. Glocken. Trommeln. Glocken. Schmerzen. Keine Schmerzen. Transzendenz der Schmerzen. Transzendenz der Transzendenz.
Meine Schmerzen bekommen plötzlich Junge. Die Jungen werden erst dick und fett und sterben dann plötzlich.
Glockenschläge.

Schmerzen.

Woanders Schmerzen.

Die anderen Schmerzen bekommen auch Junge.

Die Jungen werden von einer Epidemie dahingerafft.

Atmen. Ein. Aus. Augen noch mehr schließen. Aufpassen, dass sie nicht zufallen. Kampf gegen den Schlaf. Glockenschläge. Kampf gegen Schmerzen. Sich den Schmerzen ergeben. Atmen. Glockenschläge.

Glocke.
Ruckeln.
Verbeugung.
Aufstehen.

Kinhin.
Spüren, wie das Blut wieder durch die Beine fließt. Atmen. Kleine Schritte. Einatmen, Bein heben. Ausatmen, Bein absetzen. Solarplexus mit gefaltetem linken Daumen leicht drücken, Spannung in die Arme. Einatmen. Schultern entspannen, Bein heben. Ausatmen, Fußballen spüren. Ein leichtes Glücksgefühl macht sich breit.
Glocke.

Zazen.

Seiza mit Schmerzen.
Schmerzen in den Knien.

Links. Rechts. Rechts. Links.

Ich habe keine Beine mehr.

Meine Beine fallen jetzt ab.

Gleich.

Ganz sicher.

Krampfadern!
Ich werde dicke, fette Krampfadern bekommen!

Haben die Mönche und Nonnen auch Krampfadern?

Das KANN DOCH NICHT GESUND SEIN!

Der Geist zappt weg, zappt zurück.

Hinter mir wird geschnauft und gehustet, geschmatzt.
Geschmatzschnaufhustet.
Gehustetschnaufschmatzt.
Geschnaufschmatzhustet.

Wut steigt in mir auf.
Ich schiebe die Wut beiseite, lasse sie passieren.
Atmen.
Ein.
Aus.

*kschiiiiet* links neben mir.
"Ich will keine Erkältung!"
Gedanken passieren lassen.
Einatmen.
Ausatmen.

Die Hände zu einer schönen halben Orange formen, Daumen berühren sich.
Mittelfinger und Ringfinger rechts beginnen zu krampfen.
Mein Geist zappt vom Schmerz in den Beinen zum Schmerz in der Hand, zum Schmerz in Schultern, Steißbein, Rücken. Und dann zappt er wieder weg.

Ich habe keinen Körper mehr.

Trommeln. Glocken.
Verbeugung, aufstehen, niederwerfen.

Ah, endlich nicht mehr sitzen!

Ah, Mist!
Es kommt noch ein Zazen heute.

Zum ersten Mal in meinem Leben bekommt das Wort "Gottergebenheit" einen Sinn.

19:00 Uhr: Abendessen. Es gibt zwei Gänge. Erst Salat, dann etwas Warmes. Ich bin langsam aber sicher echt fertig. Noch nie war mir mein Körper so bewusst wie heute. Und das sage ich als jemand, der Körperwahrnehmung unterrichtet und an sich selbst studiert...
Schalen heben.
Hinsetzen.
Sutra.
Schalen auspacken.
Sutra.
Essen servieren.
Sutra.
Tee. Wasser.
Schale spülen.
Tee trinken.
Wasser in Bottiche.
Dazwischen Sutren.
Schalen einpacken.
Aufstehen.
Schalen wegstellen.

Schweigen bis nach dem Genmai am nächsten Morgen.

Möchte überhaupt noch jemand reden?
Mehr als das Nötigste?

20:30 Uhr. Zazen.
HÖRT DAS NIEMALS AUF!
ICH HASSE ZAZEN!
Einatmen.
Ausatmen.

Mein Geist beginnt, hysterisch zu kichern. Einatmen. Ausatmen.
Hustschmatzschnaufen ignorieren.
*kschniiiieeeet* von links ignorieren.

Ich konzentriere mich auf das verschwommene, weiße Rechteck, das eigentlich das Bändel des Zafus vor mir ist.
Mir ist kalt.
Mir ist KALT.
MIR IST KALT!
Warum habe ich mir keine Decke geholt?
Warum habe ich mir keinen zweiten Zabuton geholt?

Ich werde krank.
Ich werde KRANK.
GANZ SICHER WERDE ICH KRANK!
Einatmen. Ausatmen.

Knie werden völlig überbewertet.
Ach, was! BEINE werden völlig überbewertet!

Mein Geist zappt hin und her, ich beginne die Sekunden zwischen den Glockenschlägen der ersten Runde zu zählen, weil ich die Theorie habe, dass sie alle drei Minuten kommen. Um mich nicht zu verzählen, gebe ich nach der 60 einen leichten Druck mit dem "fertigen" Finger. Ja, stimmt, es sind alle drei Minuten.

UND WAS NÜTZT MIR DIESE INFORMATION JETZT?
Waren es jetzt schon sechs oder erst drei Schläge?

Gottergebenheit.

Ich fixiere das verschwommene weiße Rechteck und atme. Ein. Aus.
Glocke.
Aufstehen.
Niederwerfungen.
Irgendwasirgendwasirgendwas.
Trommelglockesutrazazenkaltmüdeschmerzenkeinebeinekeinrückenkeinkörpernichtexistenzeinschlafenwollenschlurfen.

Autopilot.

22:15 Uhr Nachruhe.

Tiefschlaf meines Lebens!

30.12.2019

6:00 Uhr: Morgenglocke.
Pipi.
Waschlappendurchsgesicht.
Bürste über die Zähne.
Durch die Kälte zum Tempel.
Im Nebenraum ein zweites Zabuton und eine Decke nehmen.

6:20 Uhr: Holzschläge. Zurechtruckeln. In Decke wickeln. Zabuton falten, unter die Knie schieben, Kissen unter die Knie schieben. Kissen umarrangieren. Decke besser wickeln. Zabuton anders falten, Kissenrein. Kissenraus.

Katze kommt vorbei.
Katze streicheln.
Miauton unterdrücken.

Zafu anders zurechtschieben. Seiza. Mudra. Verbeugung.

Schmerzen. Herumrutschen.
Verbeugung.
Mudra. Schmerzen ignorieren.

Atmen.
AT-MEN!
AAAATTTMEEEEENNNNNNN!

6:30 Uhr. Zazen. Von hinten Hustschmatzschnaufen. Atmen. Ein. Aus.

Von hinten seufzen.
Schmatzen.
In einem Paralleluniversum drehe ich mich um und haue dem Typen hinter mir eine rein.

Atmen. Ein. Aus.

*kschnniiiiettt* von links.
Atmen. Nicht an Erkältung denken.
Ichwerdediebazillenwegmeditieren!
ICH BIN DIE KÖNIGIN DES BAZILLENWEGMEDITIERENS!


*karöcht* von rechts.
Schmatzen von hinten.
In einem Paralleluniversum habe ich den Typen hinter mir soeben mit bloßen Händen erwürgt.

Stille. Atmen. Schmerzen. Atmen.

*kabutschuuuu* von etwas weiter weg. Stille. Atmen.

*kschniiiieetttt* von links.
Den erwürge ich auch noch!
Nein, ich werde ihn mit seinem Rotz füttern und ihn daran ersticken lassen, DIESE NICHTSWÜRDIGE MADE!

Das weiße Rechteck fixieren.

Sadistische Mord- und Foltergedanken passieren lassen.
Sich dem eigenen Zazenmasochismus hingeben.

Etwas in mir beginnt sich wie ein Deckel anzufühlen, unter dem irgendetwas liegt, das raus möchte.
Ich betrachte den Deckel.
Der Deckel ist schwarz und oben unregelmäßig geformt.

Vermutlich ist es kein Deckel, sondern ein Zabuton.

Oben rechts vor meinen fast geschlossenen Augen erscheint ein rotes Quadrat.
Ist das die Erleuchtung, die leuchtet?
Werde ich nun wahnsinnig?

Es wird langsam heller.
Draußen.
Hühnergeräusche.

Atmen. Ein. Aus. Weißes Rechteck. Glockenschläge. Husten. Niesen. Röcheln. Atmen.

Glocke.
Verbeugung.
Aufstehen.

Kinhin.

Ich habe wieder Beine.

Es ist schön, Beine zu haben.

Und Füße.

Füße sind toll.

Ich liebe meine Füße.

Und meine Beine.

Trotz der Krampfadern, die sie vom Zazen bekommen werden.

Atmen. Schritt. Atmen. Schritt. Anspannung. Entspannung.
Kinhin ist das beste an der Meditation.
Ich liebe Kinhin.
Atmen. Schritt. Atmen. Schritt.

*kschniiiieeettttt*
WARUM GIBT NIEMAND DIESEN GOTTVERDAMMTEN ROTZNASEN EINEN MUNDSCHUTZ?

Atmen. Schritt. Atmen. Schritt. Spannung. Entspannung.
Glocke.

Setzen. Decke. Zweites Zabuton falten.

Wieder entfalten.
Anders falten.
Kissenrein.

Kissenraus. Zabuton entfalten.

Kissenreinkissenraus.

Verzweiflung.

Schmerzen.

Zafu hin. Zafu her. Seiza. Atmen.

SEIZA.
AUA.

Kissenschieben. Ruckeln. Decke neu wickeln.
Ahhhh. Mudra. Verbeugung.

GOTTERGEBENHEIT.
GOTT-ER-GE-BEN-HEIT!

Trommel. Glocke. Trommel. Glocke. Trommel. Glocke.

Hustschmatzröchelniesen ignorieren.

In die schmerzhafte Stille tönt die Stimme des Zenmeisters.
Sie füllt den Raum.
Sie trägt mich über die Schmerzen.
Über die Gedanken.
Über Hustschmatzniesröcheln.

"Zazen praktizieren heißt, sich selbst zu praktizieren."

Mein Geist saugt die Worte auf.
Mein Körper schmiegt sich freudig an die starke Stimme, an die raumfüllende Präsenz.
Ich werde zu der Stimme des Meisters, zu einem Partikel im Universum.
Alles verschwindet und ist nur noch diese Stimme. Ich löse mich auf.

"Bewegt euch nicht!"
Ja, Meister!
*aaaahschmerzendieseschmerzendieseschmerzendieseschmerzendieseschmeeee...*
"Zazen praktizieren, heißt sich selbst praktizieren!"
Ja, Meister!
Gehören die Schmerzen auch dazu, sich selbst zu praktizieren?
"Selbst und Nicht-Selbst sind eins."
Ja, Meister!
Wenn ich Schmerzen habe, habe ich die dann, oder mein Nicht-Selbst?
*Großes Selbst-Nichtselbst-Magenknurren reihum*
Ende des Zazen.

8:30: Frühstück.
Ich wünsche mir ein hohes, festes Zafu.

Ich bekomme ein hohes, festes Zafu.

Buddha, ich liebe Dich!

Nie habe ich mich mehr auf Genmai gefreut als heute!
Ich würde am liebsten die ganze Schüssel leerfuttern!
Mich im Genmai wälzen und nie wieder aufstehen.

Aber.
Stehen.
Schale heben.
Setzen.
Sutra.
Schale auspacken.
Sutra.
Genmai servieren.
Sutra.
Essen.
Essen.
Essenessenessenessen.
Tee.
Trinkentrinkentrinkentrinken.
Schale spülen.
Wasser.
Schale und Löffel spülen.
Wasserbottich.
Schale einpacken.
Tisch abwischen.
Ankündigung des Tagesprogramms.
Aufstehen.
Schale wegstellen.
Glocke.
Verbeugung.
"Bonjour!"
KaffeeundBriocheeinatmen.

Kurze Pause bis zum Samu um 9:30 Uhr.

9:20 Uhr stehe ich wieder im Vorraum.
9:30 Uhr: Für das Samu lasse ich mich zum putzen einteilen. Ich putze gerne, es entspannt mich. Wir sollen die Toiletten reinigen. Da ich nicht in die Gummihandschuhe reinpasse, übernimmt meine Putzpartnerin das Reinigen der Toiletten, während ich mich um Waschbecken, Spiegel und den Boden kümmere. Wir sind recht schnell fertig und ich habe ausreichend Zeit, mich im Haus schnell zu duschen, bevor das nächste Zazen naht.

11:30 Uhr: Zazen.
Der Zenmeister ist da.
Es ist tröstlich.

Schmerzen.

Knie.

Schmerzen.
Knieschmerzen.
KnieSCHMERZEN.
KNIESCHMERZEN.
KNIEschmerzen.
Knieschmerzen.
Knie.
Schmerzen.

Ich kann hören, wie die Krampfadern in meinen Unterschenkeln wachsen.
Ameisenherden wandern über meine Beine.
Kleine, ekelhafte Ameisen.
A.M.E.I.S.E.N.
Ich hasse Ameisen!

Ich ...

Ameisen sind auch Geschöpfe Buddhas.

Ich lasse die Ameisen passieren, denn die Ameise, das bin ich.

Das weiße Rechteck.
Räucherstäbchen.
Atmen. Ein. Aus.

Glocke.
Verbeugung.

Während des Kinhin kommt Meister Wan-Genh in unser Nebenzimmer und korrigiert unsere Armhaltungen. Ein fester Griff nimmt meinen rechten Ellbogen und zieht leicht daran. Ich korrigiere meine Armhaltung. Aber das war's nicht, denn der Griff geht nun an meine rechte Schulter und schiebt mich fest, aber wohlwollend aus der Kreisform zu einer eckigen Form.

Kinhin ist kein Entenspaziergang im Kreis, sondern man läuft ein schönes Rechteck.
Ich nicke leicht und bin irgendwie den Tränen nahe.
Der schwarze Deckel ist wieder da.
Es ist kein Zabuton, es ist eine schwarze, teerige Masse.
Aber die Tränen wollen nicht unter dem Teerdeckel raus.
Atmen. Schritt. Atmen. Schritt. Anspannung. Entspannung. Glocke.

Teisho. Das ist eine Unterweisung in Zenpraxis durch den Zenmeister.

Wir knien oder sitzen nun mit unserem Blick zum Zenmeister.
Ich habe den Blick gesenkt und achte nur auf seine Worte.
In meiner Herzgegend wird es warm und ich lächle.
Seine Worte sind wundervoll, einfach, einfühlsam, zugewandt und wohlwollend.
Wir lachen, nicken, versuchen zu verstehen.

"Und deshalb jetzt: Zazen!" lautet sein letzter Satz.

Och nö!

nönönönönönönönönönönöööööööööööö!

Ist nicht schon Mittagessen...?

GOTTERGEBENHEIT.

Glocke.
Verbeugung.
Beine reiben.
Kreislauf finden.
Aufstehen.
Platz ordentlich machen.
Zum Mittagessen gehen.

12:30 Uhr: Mittagessen.
Stehen.
Schalen heben.
Warten.
Hinsetzen.
Sutra.
Schalen auspacken.
Essen wird auf den Tisch gestellt.

Ich habe versäumt, mir ein festes Zafu zu wünschen und sitze jetzt auf einem matschigen Ding praktisch mit dem Hintern am Boden.
Mist.
Knieschmerzen.
Krämpfe.
Schmerzknie.

Sutra.
Essen servieren.
Sutra.
Essen essen.
Essen genießen.
Schmerzen ignorieren.
Sutra.

Tee.
Wasser.
Tee trinken.
Schale spülen.
Wasser in Bottiche.
Dazwischen: Sutren.

Holzstäbe.
Ankündigung des Programms für den restlichen Tag.

Heute wird es mehrere spezielle Dinge geben, zum einen Doku-san, d. h. ein Vieraugengespräche mit dem Zenmeister, sofern man Fragen stellen möchte. Zum anderen eine Kito-Zeremonie für alle Menschen, die gerade körperliche oder seelische Leiden haben. Hierzu kann man nach dem Essen einen Namen abgeben und dann eine Spende für den Tempel machen. Und beim Nachmittagszazen wird es ein Mon-Do geben, d. h. wir können öffentlich Fragen an den Meister stellen.

Pause bis 14:45 Uhr.

14:45: Samu. Ich entscheide mich nochmal für putzen und werde in den Keller geschickt. Dort beginne ich mit einem Regal, in dem die Putzmittel lagern. Alles rausnehmen, Boden wischen. Alles schön und ordentlich arrangieren. Das liebe ich! Ich mag ja Marie Kondo und ich mag es, wenn man in einen Schrank oder ein Regal schaut und dort alles hübsch aussieht. So stelle ich alle Waschpulverpackungen nach Sorte hintereinander, dann die Putzmittel, dann die Spülmittel, dann packe ich den restlichen Kruscht ansehnlich in einen Karton. Meine "Vorgesetzte" kommt vorbei und lobt mich "perfekt!"

Danach mache ich mich an das nächste Regal. Hier sind alle möglichen Gläser verpackt. Ich stelle die Kartons ordentlich hin. Auf dem nächsten Regalboden ist Kaffeekruscht, Deckel, Kram und Schlonz. Erstmal alles runter, abwischen. Dann sortiere ich die Dinge nach Kategorien, lege so etwas wie Deckel in eine transparente Box. Ich entdecke irgendwelche Platzsets in Blumenform und lege die unter den Bereich, in den ich einen Wasserkocher, Teekocher, Filter und anderen Kruscht stelle. Danach kommt der Tisch unten drunter mit den Kaffeemaschinen und den Kannen dran. Alles wische ich ab und arrangiere es hübsch.

Als nächstes widme ich mich dem Schrank, in dem Vasen, Schalen und Dekokram stehen. Erstmal wische ich auf dem Schrank, stelle die Vasen nach Art und Größe sortiert auf (Glas zusammen, Keramik zusammen). Als nächstes öffne ich den Schrank, wische aus, sortiere weiter, Glasvasen zusammen, Keramikvasen zusammen, Schalen zusammen, Dekokram zusammen.

Teepause.

Ich kümmere mich um den restlichen Schrank, wische und räume.

Als nächstes kommt die Ecke mit den Regalen für Putzlappen, Staubsaugerzubehör, Bürsten, Schwämmen etc. dran. Ja, das kann man auch hübscher machen!
Ich wische die Böden aus, falte Putzlappen und lege sie sortiert nach Art (Baumwolle, Mikrofaser) in das Körbchen zurück. Dann noch die Mops (Möpe?). Dann ist auch schon Ende des Samus.

Schnell zurück ins Haus, umziehen, denn um 17:30 Uhr ist wieder Zazen.

Auf dem Weg vom Haus zurück zum Tempel bemerke ich eine nie gekannte Leichtigkeit meines Körpers. Und ein zufriedenes Lächeln in meinem Gesicht.

Freude?

17:20 Uhr. Holzschläge. Langsam, dann immer schneller. Diese Schläge zeigen an, dass es jetzt noch 10 Minuten bis zum Beginn des Zazen sind. Und das Tempo der Schläge soll symbolisieren, dass unsere Lebenszeit immer schneller läuft, wenn wir älter werden.

Außer beim Zazen.

Zum Zafu gehen.
Decke entfalten.
Halbwegs einrichten.
Decke kunstvoll um den Körper schlingen.
Die zwei Kapuzen meiner Pullis möglichst hoch in den Nacken ziehen.
Nachher werden die Tempeltüren wieder geöffnet sein und draußen ist es wirklich kalt.

Versuch eines Seiza.
Zabuton falten.
Zabuton entfalten.
Entfaltet lassen.
Kissenrein, Kissenraus.
Kissen raus lassen.

Zafu so zusammendrücken, dass ich möglichst fest und hoch sitze.
Herumruckeln.
Sitzen.
Seiza.
Mudra.

ne.
ne. ne.
Ne.
Ne. Ne.
Ne. Ne. Ne!
NENENENENE!
NE!

Ruckeln.
Wurschteln.
Mudra.
Verbeugung.

Gottergebenheit.

Atmen.
AAAATTTMEEEEENNNNN.

*kschniiiiiet*
*karöcht*
*husthust*
*schmatz*

Trommeln. Glocken. Trommeln. Glocken. Trommeln, Glocken.

Versenkung.
Weißes Rechteck.
Atmen.
Ein.
Aus.

Der schwarze Deckel ist wieder da. Zwischendrin überkommt mich immer wieder das Gefühl, jetzt gleich loszuheulen, zu schluchzen und mich am Boden wälzen zu müssen.
Dann ist es wieder weg.
Ich würde gerne weinen, aber die Tränen bleiben unter dem schwarzen Deckel.

Atmen.
Versenkung.

Graue Strickjacke der Vorderfrau betrachten.
Augen wieder zu 80 % schließen.
Blick senken.
Weißes Rechteck.

Geist beim wandern erwischen.
Einfangen und zurückpacken.
Atmen.
Ein.
Aus.

Schmerzen ignorieren.

Bemerken, dass sich die Schmerzen verändert haben.
Bemerken, dass die rechte Hand nicht mehr krampft.
Sich irgendwie freuen und es zugleich ätzend finden.

Ich hätte gerne keine Schmerzen.
Klappt nicht.

Glocke.
Verbeugung.

Kinhin.
Glocke.
Verbeugung.

Nun gibt es Mon-Do. Die erste Frage, die gestellt wird ist, wie man damit umgeht, wenn negative Gefühle hochkommen. Nun, auch die sollen wir passieren lassen. Allerdings müssen wir uns von den Dualität gut-schlecht/gut-böse verabschieden. Etwas Gutes, wie Zazenpraxis, Essen oder Sex kann ebenfalls zu etwas schlechtem werden, wenn wir es übertreiben, und/oder uns oder jemand anderem damit schaden. Ansonsten: Nicht analysieren und wenn das Gefühl zu übermächtig wird. ihm sagen, dass man sich damit später beschäftigt. Und atmen.

Es werden noch andere Fragen gestellt wie z. B. wie ein Zenmeister mit dem Streik in Frankreich umgeht.

Wir sollen uns immer wieder daran erinnern, dass nichts von Dauer ist. Wir sind nicht von Dauer, ein Berg ist nicht von Dauer, das Universum ist nicht von Dauer. Die einzige Gewissheit, ist die Ungewissheit. Und natürlich, dass der Streik auch mal zuende gehen wird.

Es herrscht eine gelöste Atmosphäre und ein paar Mal muss ich bei den Antworten auch lächeln, da ich das eine oder andere während der Praxis genauso empfunden habe.

Am Ende des Mon-Do dürfen wir zum Abendessen gehen, ohne nochmal Zazen machen zu müssen.
Was für ein Geschenk!

19:00 Uhr: Abendessen in Stille.
Stehen.
Schalen heben.
Setzen.
Sutra.
Schalen auspacken.
Sutra.
Essen servieren.
Sutra.
Essen essen.

Das Essen im Tempel ist einfach, aber wirklich gut. Es gibt jeden Tag etwas anderes, mal Salat mit Nüssen und Karotten, dann Selleriesalat mit Ingwer und Sesam, dann dicke Eintöpfe, Tofugerichte, Aufläufe. Es sind aber nie mehr als 3-4 Zutaten drin. Nachwürzen kann man - sofern man möchte - mit Sojasauce, Salz und Olivenöl. Meist schmeckt es aber auch so sehr gut. Nur ins morgendliche Genmai schmeiße ich immer ordentlich Gomasio.

Tee.
Wasser.
Schalen spülen.
Schalen einpacken.
Aufstehen.

Kurze Atempause.

20:30 Zazen. Heute Abend wird es nach dem Zazen eine Kito-Zeremonie geben, an deren Ende die Namen derjenigen gelesen werden, die nach dem Mittagessen einer Praktizierenden gegeben wurden.

Seiza.
Schmerzen.
Erster tröstlicher Gedanke: Nach der ersten Runde wird es eine Zeremonie geben!
Zweiter tröstlicher Gedanke: Der Zenmeister ist da. Sich an seine Worte erinnern. Vor allem "Il reste que l'impermanence!" Auch Schmerzen sind nicht von Dauer. Auch Zazen ist nicht von Dauer.

Dann ist das Zazen plötzlich vorbei.
Drei Niederwerfungen.
Es wird ein Sutra gesungen, diesmal gibt es aber nicht nur an bestimmten Stellen Trommelschläge, sondern jedes Wort wird von einem Trommelschlag begleitet.
Nach dem ersten Durchgang des Sutra verdoppelt sich das Tempo des Gesangs und der Schläge, ein treibender Rhythmus.
Der Zenmeister beginnt mit lauter Stimme etwas zu rezitieren, wieder und wieder.
Im Raum entsteht eine unglaubliche Energie aus dem Gesang, den Trommeln, der Rezitation der immer gleichen Worte, Glockenschlägen, Räucherstäbchen. Ich lausche mit einer Mischung aus einer gewissen Faszination, Verzückung und dem Gefühl, gleich in Trance zu fallen.

Dann hört die Rezitation auf und der Meister beginnt, die genannten Namen vorzulesen, während weiter die Trommel schlägt und das Sutra wiederholt wird.

Ende der Zeremonie.
Ich schaue in lauter leuchtende Gesichter.

Gegen 21:30 Uhr treffen wir uns im Vorraum des Speisesaals zu einem kleinen Umtrunk. Einer der Mönche hat Geburtstag und wir singen "happy birthday" auf Französisch. Danach geht es auf direktem Weg ins Bett.

Was für ein Tag!

31.12.2019 Silvester

6:00 Uhr: Morgenglocke. Zerknitterausdembettwühlen. Schlafanzugaus, Meditationsklamottenan. Insbadschlurfen. Gesichtwaschen. Zähnebürsten. Pipi. Jackean. Mützean. Zumtempellaufen. Schuheaus. Mützerunter. Jackeaus. Dojobetreten. Verbeugen. Zumplatzlaufen.

6:20 Uhr: Holz wird geschlagen.
Decke entfalten.
Zabuton zurechtschieben.
Hoffen, dass ein Wunder geschen ist und die Knie nicht mehr weh tun.
Feststellen, dass kein Wunder geschehen ist.

GOTTERGEBENHEIT.

Seiza.
Decke.
Heute keine Katze.
Mudra.
Verbeugung.
Augen fast schließen.

Unterdrückt gähnen.
Weißes Rechteck.
Atmen.

Trommeln. Glocken. Trommeln. Glocken. Trommeln. Glocken.

Der Schmatzer hinter mir ist heute besonders aktiv.
Ich versuche, es als eine Übung zu nehmen.
Wut und Hass steigen in mir auf.
Und zerplatzen wieder.

Der Nieser niest, der Schmatzer schmatzt.
Ich atme. Ein. Aus.


Mir fällt auf, dass speziell beim ersten Zazen am Morgen besonders viel gehustet, geschnieft, geniest und geröchelt wird. Danach wird es ruhiger. Bis auf den Schmatzer. Der hat immer was zu schmatzen. *hust* *hööömniamniamniam* *schmatzschmatz* *hömmmniam* *gulp* *hömmmniam* *schmatzschmatzschmatz* *gulknurpsschmatzhööömniamschmatz*
Eine wahrhaftige Schmatzophonie.

In einem Paralleuniversum habe ich ihm bereits die genagelte Keule über den Kopf gezogen, ihn gehäutet und werde seine Gebeine zum Schlagen der Trommeln und der Tempelglocke verwenden.

Atmen.
Das weiße Rechteck.
Die Hühner.
Das Licht.
Räucherstäbchen.

Schmerzen. Irrelevant.
Andere Schmerzen. Auch irrelevant.

Den schwarzen Deckel betrachten. Wieder nicht weinen können. Sich ärgern.

Glocke.
Verbeugung.
Kinhin.

Zazen.
Magen.
Knurren.
Magenknurren.
MAGENknurren.
MAGENKNURREN.

Seit gestern habe ich das Gefühl, dass mein Körper alles mögliche loslässt und sich reinigt. Ich habe auf einmal Pickel bekommen und inzwischen dauernd Hunger. Ich freue mich wirklich auf das warme Genmai nach dem Zazen!

Glocke.
Holzschläge.
Tempelglocke.
Trommel. Glocke. Trommel. Glocke. Trommel. Glocke.

Wir gehen schweigend zum Frühstück.

8:30 Uhr: Frühstück.
Hoch die Schalen.
Hinknien.
Schmerzen.
Hunger.
Hungerschmerzen.
Schmerzhunger.
Sutra.
Genmai.
GENMAIGENMAIGENMAIIIIIIIIIII!

Ich lasse mir meine Schale zu 2/3 füllen und nehme nochmals nach.
Mein Gegenüber starrt mich fasziniert an, er kriegt das Genmai nicht wirklich runter und isst sehr wenig.

Tee.
Wasser.
Holzbottich.
Sutra.
Einpacken.
Aufstehen.
Glocke.
Verbeugung.
"Bonjour!"
Kaffee und Brioche.
Kurze Verschnaufpause. Umziehen.

9:30 Uhr: Allgemeines Samu. Ich fege die Flure nochmal durch und den Vorraum des Speisesaals.

10:30 Uhr: Umziehen.
10:50 Uhr: Den Dojo betreten.
Wissen, dass das Seiza weh tun wird.
Wissen, dass neue Stellen weh tun.
Wissen, dass die Knie ein paar blaue Stellen haben.

Gottergebenheit.

Gassho.
Gassho.'

Decke entfalten.
Zafu zurechtdrücken.
In Decke wickeln.
Mudra.
Verbeugung.
Augen senken.
Weißes Rechteck.
Atmen.
Ein.
Aus.

Trommel. Glocken. Trommel. Glocken. Trommel. Glocken.

Ans Mittagessen denken.
An die Beine denken.
Mit den Schmerzen spielen, indem man an sie denkt.
Feststellen, dass sie stärker werden.
Schnell sein lassen.

Atmen.
An die Katze denken.
Atmen.
Ein.
Aus.

Den schwarzen Deckel betrachten und wieder nicht weinen können. Ich will endlich diese verdammte Klippe runterspringen! Die Tränen würgen mich, aber sie kommen nicht.

Atmen.
Ein.
Aus.
ein.
aus.
Seufzen.
EIN.
AUS.
Gähnen.
Gänänänänänähhhhhhnen.

Sich zusammenreißen.
Atmen.
Weißes Rechteck.

Atmen.
Atmen.
Atmen.
Atmen.
Atmen.
Atmen.
Atmen.
Glocke.
Verbeugung.

Niederwerfungen.
Sutra.

Nun folgt die Zeremonie für die Toten, derer gedacht werden soll. Ich hatte auch hier einen Namen genannt, meine Tante. Ich kann nicht weinen. Die Tränen steigen hoch, gehen wieder. Die Zeremonie berührt mich sehr, aber tief in meinem Innersten ist immer noch der schwarze Deckel.

Wir verlassen den Dojo und gehen zum Mittagessen.

12:30 Uhr: Mittagessen.
Schale halten.
Setzen.
Sutra.
Essen servieren und wir dürfen uns nun beim Essen unterhalten.

Das fühlt sich total seltsam an. Ich habe nichts zu sagen und esse einfach schweigend weiter.

Tee.
Wasser.
Schalen einpacken.
Tisch reinigen.
Aufstehen.
Glocke.
Verbeugung.

Wir haben nun bis 17 Uhr Pause. Danach wird es ein allgemeines Samu geben, um den Speisesaal vorzubereiten, in der Küche zu helfen, zu dekorieren, Musik zu wählen und und. Ich bin mit meinem Samu schnell fertig und gehe ins Haus, ziehe meine normalen Stiefel an und mache einen Spaziergang.

Mir fällt auf, dass die Farben auf einmal leuchtender sind. Alles ist intensiver.

Ich laufe einen Weg entlang bis zu den Pferden. Die sind in ihrem dicken Winterfell und schauen mich sehr erwartungsvoll an. Das eine schwarze ist nicht davon überzeugt, dass ich nichts dabei habe und schlabbert mir mit Begeisterung meine rechte Hand ab. Die anderen sind zurückhaltender. Ich laufe weiter durch den Wald, das Licht fällt auf halbgefrorenes Moos, Farne und silbrig zwischen den Baumstämmen hindurch. Ich bleibe immer wieder stehen und bewundere alles. Ich fühle mich leicht und froh, aber auch etwas verloren. Die ganze Tagesstruktur und der strenge Ablauf hatten mir Stabilität gegeben. Die Gemeinschaft hatte mich getragen durch ihre Anwesenheit im Zazen, sie hat für mich gekocht, mir serviert, für mich geputzt, aufgeräumt und ich konnte einfach nur sein. Ich musste keine Entscheidungen treffen. Das alles fühlte sich sehr gut an, frei, selbst wenn das nach unserem Freiheitsbegriff absurd klingt. Nun bin ich wieder allein auf mich gestellt. Ich schicke ein paar Nachrichten und mache ein paar Fotos. Ganz oben auf dem Hügel hat man einen tollen Blick über die Rheinebene bis zum Schwarzwald.

Ich laufe den Hügel herunter und Richtung Dorf, dann weiter zum Tempel und dann zu unserem Haus. Ich lege mich ins Bett und verbringe einige Zeit mit dösen, nachdenken, driften. Versuche zu lesen, aber kann mich nicht konzentrieren, da die anderen über ihre Abendgarderobe diskutieren. Da habe ich wohl was verpasst. Außer meinen Jeans und Pulli habe ich nichts dabei. Ich habe auch gar keine so große Lust auf Feiern. Das ist so weit weg nach den Tagen in Schweigen und aus der Welt sein. Es kommt mir alles so banal vor.

Um 17 Uhr gehe ich zu der Veranstaltung für die Neuen. Wir bekommen Tipps, wie wir weiter praktizieren können. Und ich werde das ganz bestimmt tun!
  1. Sich jeden Tag des ersten Gedankens am Morgen bewußt sein, egal, ob direkt nach dem Aufstehen, oder später irgendwann. Egal, ob trivial oder nicht. 
  2. Rituale in den Alltag integrieren, wie z. B. ein paar Minuten in Stille essen.
  3. Unterwegs im Bus oder Bahn nichts tun, nicht lesen, nicht Smartphone, nicht reden, einfach nur sitzen.
  4. Ein Dojo finden, alternativ kann man zuhause praktizieren und dem Livestream aus dem Kloster zuhören.

Ab 19 Uhr findet im Vorraum des Speisesaals der Apéro statt. Ich gehe mit den anderen aus meinem Haus rüber und der Lärm im Raum überfordert mich total. Ich hole mir einen Saft, denn Alkohol mag ich nicht trinken und knabbere ein bisschen Knabberkram. Unterhalte mich ein paar Sätze hier und da und stehe ansonsten deplatziert herum. Ich habe keine Lust, mich irgendwo dazuzustellen. Das ist mir alles zu anstrengend. Ich würde jetzt lieber Zazen machen. Hoppla.

Gegen 20 Uhr gehen wir in den festlich dekorierten Speisesaal. Es fühlt sich total seltsam an, von einem Teller zu essen, ein Messer zu benutzen. Die anderen trinken alle Wein oder Sekt, ich trinke Wasser. Mein Hals brennt etwas und ich fürchte, dass mich die Röchelanten um mich herum angesteckt haben. Meine eine Hausgenossin fragt mich, ob ich mich nicht lieber zu den Deutschen gesellt hätte wegen der Sprache. Nö. Zu wem denn? Und mir ist eh nicht so wirklich nach reden. Irgendwas wühlt in mir herum.

Nach dem Essen gibt es ein recht lustiges Programm. Lieder werden vorgetragen, eine Geschichte, ein Sketch, Gedichte. Meine Stimmung ist nach dem Essen und dem Programm jetzt auch besser geworden. Ich habe mich wieder an den Lärm gewöhnt.

Um 23 Uhr gehen wir nach draußen. Die Tempelglocke wird nun bis Mitternacht 108 Mal geschlagen. Jeder von uns darf sie einmal oder sogar mehrmals schlagen und sich dabei etwas wünschen. Ich bin relativ weit vorn dabei und wünsche mir einfach nur ein gutes Jahr für mich.
Mein Blick geht nach oben zum Himmel. Man sieht in Deutlichkeit alle möglichen Sternbilder, Orion, Großer Wagen und unzählige, deren Namen ich nicht kenne. Es ist kalt, aber wir können uns zeitweise an der Feuertonne wärmen, wenn nicht gerade irgendwer davor steht.

Kurz vor Mitternacht gibt es vor dem Tempel eine Zeremonie und Hannya Haramita wird gesungen. Leider ist es zu dunkel, um den Text mitsingen zu können, also höre ich einfach nur zu. Dann gehen wir herum und wünschen einander ein gutes neues Jahr.

Der Zenmeister achtet darauf, dass er wirklich jedem ein gutes neues Jahr wünscht. Küsschen links, Küsschen rechts "bonne année!" Ich umarme diverse Menschen, Mönche, Nonnen. Dann gehen wir wieder ins Haus zurück. Es wird Musik aufgelegt und wir tanzen. Es ist zwar nicht unbedingt "meine" Musik, aber tanzen geht. Irgendwann höre ich auf, weil die Stücke mir immer weniger zusagen. Ich wechsle ein paar Worte mit anderen Tänzerinnen. Gegen 1/2 2 beschließe ich, ins Bett zu gehen.

Ich laufe zum Haus, atme die klare, kalte Winterluft, spüre die Leichtigkeit meines Körpers und die Freude über diese anstrengenden, aber so bereichernden Tage. Im Haus dusche ich den Dreck des alten Jahres herunter und meine kalten Füße warm. Ich krieche in mein Bett und schlafe. Irgendwann kommen die anderen, ich wache kurz auf. Mitten in der Nacht reißt irgendwer an meinem Bettzeug herum. Ich habe wohl geschnarcht. Ich schlafe wieder ein.

01.01.2020 Neujahr

8:00 Uhr: Morgenglocke. Die letzten Stunden im Kloster beginnen. Inzwischen haben wir Routine, sind fix angezogen und laufen durch die Stille und Kälte zum Tempel. Die letzten Tage hatten den Garten und die gesamte Anlage oft in einen japanischen Holzschnitt verwandelt. Reifüberzogene Nadelbäume, Gras, Blätter, Eisschichten auf dem Wasser der Teiche, Eiszapfen an den Wasserleitungen aus Bambus.

8:30 Uhr: Zazen.
Ich habe meinen Frieden mit Zazen gemacht und meine Knie fanden die Pause tröstlich. Heute schmerzen sie fast gar nicht.

Trommel. Glocke. Trommel. Glocke. Trommel. Glocke.

Ich merke, dass mein vreschwommener Blick nicht von den fast geschlossenen Augen kommt, sondern dass Tränen kommen. Ich sitze und lasse sie über mein Gesicht laufen und herabtropfen. Ich weine in Stille, obwohl ich mich nicht traurig fühle. Der schwarze Deckel ist weg.

Dies ist mein vorletztes Zazen im Tempel. Das letzte Kinhin.
Glocke.
Verbeugung.
Kinhin.
Glocke.
Verbeugung.
Zazen.
Trommel. Glocke. Trommel. Glocke. Trommel. Glocke.
Holzschläge.
Tempelglocke.
Holzschläge.
Klangschale.

Wir gehen zum Frühstück.

9:00 Uhr: Frühstück.
10:00 Uhr: Allgemeines Samu, Reste vom Abend beseitigen.
Ich kümmere mich um unser Haus und putze dort, so gut es geht, packe meine Sachen, sofern sie noch nicht gepackt sind.

11:00 Uhr: Zazen.
Schade, das letzte Mal!
ups.

Atmen.
Atmen.
Atmen.
Atmen.
Atmen.
Glocke.
Niederwerfungen.

Nun folgt eine weitere Zeremonie. Wir singen ein Sutra, das wieder von den treibenden Trommeln begleitet wird und dann bekommt jeder von uns einen Schutzspruch vom Zenmeister und einen leichten Schlag auf die linke Schulter.

Als erstes sind die Mönche, Nonnen und alle Mitglieder der Sangha dran, dann wir. Wir stehen in einer Reihe an, betreten den Teppich, verbeugen uns, erhalten den Schutz und den Schlag auf die Schulter. Verbeugen uns wieder, gehen nach vorn zum Altar, verbeugen uns, legen Weihrauch auf die Kohle, verbeugen uns wieder. Gehen zu unserem Platz. Seiza. Atmen.

Dann ist das Zazen beendet. Ich kann  noch gar nicht glaube, dass das jetzt das letzte Mal war. Mir wird es fehlen. ups.

Wir gehen zum Mittagessen.
Zum letzten Mal Schalen heben, Sutren singen, Schalen spülen, Schalen einpacken, Tisch reinigen, Verbeugen.

Im Vorraum gibt es Kaffee und Brioche, Käse, Joghurt. Ich verabschiede mich schon einmal von den Französinnen und frage im Sekretariat wegen einer Mitfahrgelegenheit. Marie-Claire hatte ich am Abend vorher beim Tanzen schon kennengelernt. Da es zeitlich eng wird, muss ich meinen Bus umbuchen. Ich verlasse das Tempelgelände, mache das Handy an und buche den Bus um. Es dauert etwas mit der Verbindung und ich merke, dass ich mich zwar irgendwie aufrege, das Aufregen ist aber nur eine äußere Form. Innen bin ich ganz ruhig geworden. Das Aufregen brauche ich nicht mehr.

Mein Bus wird um 18:45 in Straßburg abfahren. Ich gebe Marie-Claire Bescheid und sie meint, dass ich mit zu ihr soll. Am Place d'Ètoile ist nichts und es hat eh alles geschlossen. Sie würde nicht weit weg wohnen. Ok, machen wir. Unterwegs unterhalten wir uns richtig gut, ich bin doch erstaunt, wie leicht mir das Französisch auf einmal fällt. Wir diskutieren über Genderirrsinn, entgleisten Feminismus und sie erzählt mir aus ihrer Zeit, als sie für Ärzte ohne Grenzen im Jemen war.

In Strassburg angekommen setzen wir uns in ihre Wohnzimmer und trinken Tee. Es fühlt sich total komisch an, auf einem Stuhl zu sitzen, nicht mehr zu knien. Ihre Tochter fragt, wie es war. Wir lachen und sagen, wir sind müde von 4 Tagen Nichtstun! Bis um 18 Uhr verbringen wir eine lustige Zeit, tauschen unsere Handynummern aus, dann bringt sie mich zum Busbahnhof. Der Bus fährt quasi sofort, nachdem ich eingestiegen bin, los. Mir ist kalt und ich wickele mich in alle Jacken.

Kehl.
Grenzkontrolle.
Warten.
Ich döse weg.

Ist das schon Freiburg? Oh ja, wir sind schon da. Ich sehe den 11er-Bus an der Haltestelle. Steige aus und in meinen Bus ein, der nach ein paar Minuten losfährt. Von der Haltestelle laufe ich nach Hause, werfe alles ab, drehe die Heizungen hoch, koche mir ein schnelles Porridge und einen Tee. Danach ist mir wieder warm.

Das waren vier intensive, fordernde, konfrontierende Tage.

Ich falle ins Bett und schlafe 12 Stunden lang wie ein Stein.

Am nächsten Morgen bestelle ich mir ein Zafu und einen Zabuton. Ich schalte mein Smartphone erst nach dem Frühstück ein. Ich zünde eine spezielle Kerze an, während ich frühstücke. Ich lese ein Kapitel über Zenpraxis.

So wird es weitergehen bis zum nächsten Retreat und von da aus immer weiter.

Freitag, 25. Oktober 2019

(Fast) Bis ans Ende der Welt - Unterwegs in Nordspanien Teil 4

30.08.2019 Riaño - Santoña

Santoña Beach
Als ich am nächsten Morgen aufwache, ist es sehr neblig und von den Bergen vom Vorabend nichts zu sehen, dafür ist es nicht mehr windig. Als ich am einpacken bin, schleicht der kleine Junge von der Familie gegenüber um mein Zelt und mich herum. In der Hand hat er ein kleines Plastikmotorrad, also ein Nachwuchsbiker. Mit seiner Mutter komme ich rasch in ein Gespräch, sie erzählt mir, dass der Kleine beim Onkel immer das Motorrad anmachen und sich drauf setzen darf. Das erklärt natürlich die Begeisterung. Auch sie lobt mich wieder für mein gutes und klares Spanisch, ja, es geht immer "automatischer". Nochmal vier Wochen hier und ich werde mich nicht mehr vom Rest der Leute unterscheiden. Vielleicht.

Ich breche früh auf und fahre aus Versehen nochmal die Cangas de Onís, heute früh ohne großartige Ausblicke, was sich jedoch bald ändert. Es wird wärmer und die Sonne kommt heraus. In der Bar am Wasserfall, in der ich vor einiger Zeit schon einmal eingekehrt war, mache ich Rast. Ich bestelle mir einen Kaffee, Wasser und ein Bocadillo. Nach der Pause geht es weiter nach Cangas de Onís, wo ich tanke, danach fahre ich einen Mix aus Landstraße und Autobahn.
Santoña

Da das Wetter in den Bergen nach wie vor nicht so toll aussieht, fahre ich vor Santander weiter auf der Autobahn an der Küste entlang.

In Santoña, das ich heute von der anderen Seite erreiche, steuere ich den Camping municipal an. Von weitem war mir ein riesiges Gebäude aufgefallen. Eine Fabrik? Ich biege im Kreisverkehr Richtung Camping ab und links ist eine Station der Guardia Civil, rechts eine lange Mauer. Ein Gefängnis war das, was ich gesehen hatte, keine Fabrik. Als die Mauer endet, zeigt das Schild für den Camping nach rechts.
Ernsthaft?
Ein Campingplatz zwischen Gefängnis, Meer und Friedhof?

Der Platz ist um diese Zeit schon gut gefüllt, hauptsächlich Surfer. Ich bekomme eine kleine Parzelle, baue mein Zelt auf, dusche und beschließe dann, erst am Strand entlang und dann Richtung Ort zu laufen. Einkaufen und etwas essen gehen wären nicht schlecht. Ich bin schon zweimal durch Santoña gefahren, und beide Male hatte es mich nicht entzückt. So ist auch der erste Eindruck nicht sonderlich schön. Trister Vorortcharme, häßliche Bars. Ob ich hier etwas nettes finde?


Nach einigen hundert Metern wandelt sich das Bild jedoch und ich lande auf einem ganz hübschen Platz, umgeben von Bars, Restaurants, Geschäften. Dort bestelle ich ein Wasser, ruhe ein wenig aus. Hunger hätte ich jetzt schon, aber es ist noch zu früh zum Essen gehen. Also streife ich etwas weiter in der Stadt und lande an einer Art Kaffeebar. Dort gibt es auch nichts gescheites zu essen, aber ich bestelle fürs erste eine Waffel mit Dulce de Leche. Es kommt ein tellerfüllendes, riesiges Teil mit gefühlt einem halben Liter Dulce de Leche drüber, noch zudem sehr lecker. Am Nachbartisch sind Leute mit Kindern und die Kinder bekommen nach reichlich quengeln ein Eis. Ja, könnte mir auch gefallen, so ein Eis. Ich bezahle, bestaune im Restaurant noch die unglaublichen Kuchenschweinereien und suche die Eisdiele.
Die ist praktischerweise gleich um die Ecke.

In Spanien ein Eis zu kaufen kann unterschiedlich ablaufen. Manchmal gibt es Kugeln wie hierzulande, manchmal wird das Eis wie in Italien auf die Waffel oder in den Becher geschaufelt. Ich bestelle die "doble ración" Joghurt und Schokolade im Hörnchen, wenn schon, denn schon! "Wirklich? Die ist echt groß!" sagt die junge Frau hinter der Theke. "Mal sehen, was das so wird..." "Ja, egal, ich habe Hunger!" sage ich. Sie beginnt das Joghurteis zu bearbeiten. Und zu bearbeiten. Und zu bearbeiten. "Was wolltest Du noch...?" "Schoko" sagte ich, schon ein bisschen verhalten. Sie schaufelt ein gefühltes Kilo Schokoeis auf das gefühlte Kilo Joghurteis. "Das ist aber ECHT groß!" sage ich. "Hab ich Dir doch gesagt!"

Die nächste halbe Stunde verbringe ich damit, das Eis zu bezwingen. Als erstes brauche ich einen Platz zum hinsetzen, denn sonst fällt das alles runter. Das Hörnchen hätte 5 Mal so groß sein müssen, um diese Berge aufnehmen zu können. So sitze ich also und schlecke. Diverse Passanten mit EINFACHEN PORTIONEN laufen an mir vorbei. Ich kann an ihren Gesichtern sehen, dass sie sich denken "Boah, die Bekloppte hat die DOPPELTE PORTION bestellt!" Irgendwann ist das Eis ohne größeres Geklecker und Bauchweh verspeist. Aber was anderes zu essen brauche ich heute echt nicht mehr.
Marismas de Santoña

Ich spaziere jetzt Richtung Meer und dann an der Promenade entlang. Der zu Beginn so triste Ort entpuppt sich als recht hübsch und eine schöne Abendstimmung gibt es obendrein. Da es langsam Richtung Sonnenuntergang geht, beschließe ich zum Camping zurückzulaufen. Im Ort selbst kaufe ich noch eingelegte Sardinen als typisches Mitbringsel der Region.

Auf dem Rückweg komme ich nochmal am Naturschutzgebiet vorbei. Leider hat der Wind dort einige Plastiktüten hingeweht. Es ist so schade, dass selbst geschützte Ort nicht sicher vor diesem Zeug sind!

Als ich auf dem Platz ankomme, habe ich Nachbarn bekommen. Der eine spricht mich auf Englisch an, ob es in Ordnung ist, dass sie ihren Tisch und Stühle ein Stück auf meine Parzelle gestellt haben. Ja, kein Problem. "Eres Español?" frage ich, was er bejaht. Daraufhin setzen wir unsere Unterhaltung fix auf Spanisch fort. Fernando und Pablo sind Brüder, leben auf Mallorca und machen eine Woche Surfurlaub am Atlantik. Wir sind schnell in einem netten Gespräch über Reisen, Arbeitsleben, Achtsamkeit, Sport und gute Ernährung.

Die beiden wollen grillen und bieten mir Essen an. Daraufhin erzähle ich ihnen die Geschichte vom meinem Eis und vom Vortag im Restaurant in den Bergen. Fernando lacht und meint "In Cantabrien übertreiben sie immer. Wenn Du ein paar Scheiben Schinken bestellst, legen sie Dir die ganze Kuh auf den Tisch!"

Gegen Mitternacht verkrieche ich mich in mein Zelt und bin trotz der Party aus dem Surfcamp nebenan schnell eingeschlafen.

31.08.2019 Santoña - Zarautz

Embalse de Yesa in Navarra
Ich breche heute sehr zeitig auf, meine Nacht war nicht ganz so erholsam. Nach dem Aufstehen und Aufpacken genehmige ich mir in der Campingbar erst einmal einen Kaffee und ein Croissant, damit lässt sich der Tag schon etwas besser starten. Das Wetter heute ist auch eher grau und ich fahre an der Küste entlang auf der Autobahn und kleinen Straßen. Unterwegs fällt mir auf, dass ich ja jetzt schon wieder sehr nah an den Pyrenäen und der Grenze zu Frankreich bin. Hm, noch ein bisschen in Spanien herumtrödeln wäre doch eine Sache.

Der Tag verläuft relativ unspektakulär und in Zumaia beschließe ich, zum Campingplatz zu fahren. Der liegt nicht sonderlich schön in einem Industriegebiet und nach einem kurzen Moment am Checkin, der mich auffordert Conchita auf dem Parkplatz abzustellen, beschließe ich, dass ich lieber nach Zarautz fahre. Den Camping kenne ich jetzt schon gut, er liegt schön und ich bin schnell am Meer.

In Zarautz ist es kein Problem, einen Platz zu bekommen, diesmal fehlt sogar das Schild "completo" am Eingang. Man merkt, dass die Sommerferiensaison zuende geht. Ich stelle mein Zelt heute auch wieder auf der kleinen Campingwiese auf. Mit dem Blick aufs Wetter hänge ich trotzdem einige Sachen auf die Leine und mache mich nach der üblichen Dusche auf den Weg nach unten in den Ort. Ich spaziere wieder am Strand entlang, beboachte das Treiben und dann drehe ich langsam Richtung Ortskern. Ich muss noch etwas einkaufen, etwas essen wäre nicht schlecht und außerdem habe ich mir das Städtchen noch nie angesehen.

Als ich durch die Gassen laufe, sehe ich einen Laden, der Lederwaren verkauft. Auf dem Ständer draußen hängen recht schöne Geldbeutel und einer fällt mir sofort ins Auge, der Preis ist auch in Ordnung. Aber erstmal einkaufen. Ich verliere mich ein wenig in den sehr belebten Gassen, es ist echt was los hier. Außerdem gefallen mir die kleinen Läden und Boutiquen sehr gut. Endlich mal keine langweiligen H&M-Läden oder irgendwelche anderen Schlonzbuden, sondern individuelle Sachen. Es gibt sehr viele "handmade"-Geschäfte und ich bleibe tatsächlich vor einigen Schaufenstern stehen, weil mir die Klamotten gefallen, die dort hängen. Das passiert mir hier so gut wie nie. Mir gefällt das fröhliche Design, das trotz allem nicht überladen ist. In einem Laden sehe ich einen Pullover, den ich witzig finde, aber das hier ist kein Shoppingurlaub und ich lasse mich nicht hinreißen, etwas aus einer Laune zu kaufen. Ach so, wo war jetzt nochmal der Laden mit dem Geldbeutel?

Zum Glück ist Zarautz nicht so groß und nach ein paar Schwenks finde ich den Laden auch wieder. Er ist eine Mischung aus Schlüsselanfertigung, Geschenk- und Taschenladen. Verdammt, was war das spanische Wort für "Geldbeutel" nochmal? Ich gehe in den Laden und sage "Hallo, ich hätte gerne eins von diesen Dingsdas für Geld. Ich kenne das spanische Wort nicht." Die Verkäuferin lacht und sagt "cartera!" Sie schließt den Geldbeutel vom Ständer los, verpackt ihn noch hübsch und sagt nochmal "cartera!" Wir lachen beide. Jetzt fängt es an zu nieseln und ich laufe wieder zum Campingplatz zurück, denn meine Sachen hängen noch auf der Leine und aus dem Niesel wird sicherlich Regen werden. Als ich oben bin, rette ich meine leicht feuchteligen Sachen und gehe nochmal in die Bar um etwas zu essen und meine Route zu planen.
Embalse de Yesa

Als ich ins Zelt krieche, um noch etwas zu lesen, kommen meine Zeltnachbarn, eine Gruppe Jugendlicher. Eins der Mädels hat eine unglaublich nervtötende Lache, sie hört sich an wie eine Mischung aus Seehund und Gans "a-aaa-aaaaa a-aa-aaa". Zuerst denke ich, sie blödelt nur herum, aber ganz offensichtlich ist es ihre richtige Lache. Zum Glück kann ich einen Teil des Lärms mit meinen Ohrstöpseln ausblenden. Auch hier habe ich am Vortag das spanische Wort gelernt "tapones".

01.09.2019 Zarautz - Tardets

Am Morgen werde ich sehr früh von meinen Zeltnachbarn geweckt, die bald eifrig schnattern und in
ihren Sachen herumkruschteln. Zum Glück ist die Lachgans nicht dabei. Als ich einige Zeit später aus dem Zelt krieche, liegt zwischen den drei Zelten der jungen Leute ein riesiger Müllberg aus Verpackungen, leeren Dosen, Plastikmüll... und dazwischen hüpfen schon die Spatzen herum, die sich an den Krümeln bedienen.

Verlassener Ort in Navarra
Auf die Frage "Wie kommt Plastik ins Meer?" kann man hier die perfekte Antwort sehen. Ich stehe dieser "Fridays for Future"-Generation sehr gespalten gegenüber, denn wenn ich so etwas sehe, kommt mir die Galle hoch. Nicht ich, Angehörige der ach-so-bösen-Generation hat auf dem Zeltplatz ihren Müll verteilt, nicht ich lasse mein Zelt einfach zurück (auf dem Platz steht eins, das da schon stand, als ich vor fast drei Wochen dort war), nicht ich brauche alle drei Monate ein neues Smartphone, Markenklamotten, Gelnägel, Microblading, 20 Sorten Deo und Duschgel, Drölfmillionen Streamingdienste, ein E-Bike (oder E-Roller), jette am Wochenende zum Shopping nach New York, nicht ich hole mir jeden Tag mittags Essen vom Chinaimbiss oder Pizza zum mitnehmen. Und ich sehe auch selten Menschen meiner Generation, die dies tun. Nein, es ist diese Generation mit ihrem endlosen Anspruchsdenken, die die Finger auf uns richtet. Es ist natürlich immer einfacher von sich weg auf andere zu deuten, als selbst etwas zu ändern.

Ich schwanke noch, ob ich ihnen einen Nachricht auf den Müllberg legen soll, den Müll wegräumen, oder einfach alles so lassen. Am Ende entscheide ich mich für letzteres, denn auch das ist so ein Phänomen: Erwarten, dass sich andere drum kümmern und alles saubermachen und wegräumen. Und - ja- das ist meine subjektive Sicht, ich habe aber beruflich auch mit dieser Generation zu tun und kann auf dem Campus sehen, dass ihr Verhalten nicht anders ist. Jeder Pups muss mit einer "Party" gefeiert werden, danach liegt überall Konfetti und wie oft hebe ich leere Bäckertüten auf, die herumliegen. Nein, liebe FFF-Generation, da solltet ihr euch mal an eurer Nase packen, bevor ihr auf uns zeigt!
Alice in Campingland

Nachdem ich gepackt habe, frühstücke ich noch kurz in der Campingbar und mache mich dann auf den Weg Richtung Pyrenäen. Unterwegs entscheide ich, dass ich mich hier noch ein wenig herumtreiben möchte, bevor ich Conchitas Nase endgültig in Richtung Freiburg drehen werde. Bis hinter Pamplona nehme ich die Autobahn, da es heute auch wieder recht grau ist und sich ein Ausflug in die Berge zumindest in diesem Bereich nicht lohnt.

Ich nehme die Route entlang des Embalse de Yesa, das Wetter ist inzwischen sonnig geworden und hier werde ich mal wieder mit grandiosen Landschaften belohnt. Spanien ist so unendlich vielfätig! Diese Stauseen sind auch immer einen Besuch wert. Hier wechseln sich Mondlandschaften aus bizaaren Lehmbergen mit Pinienwäldchen, unglaublich türkisfarbenem Wasser und schroffen Felsen ab. Leider verpasse ich ein paar Mal gute Haltemöglichkeiten für einen Fotostopp, so dass ich erst gegen Ende auf einem Parkplatz anhalte, um Fotos zu machen. Aber auch das... ist großartig! Ich passiere verlassene Orte und der See ist an den Stellen, wo kaum noch Wasser ist, eine schillernde grün-türkise Fläche geworden. Es ist einfach unglaublich beeindruckend.

Hier zurück in Deutschland spüre ich auch, was mir fehlt: Diese endlosen Weiten, die wilden Landschaften, das Gefühl, frei atmen zu können und den weiten Himmel über mir. Auf meiner ersten Tour nach dem Urlaub denke ich an die Worte meines Kollegen "Hier ist eben alles Kulturlandschaft!" Ja, hier sieht es eher aus wie eine Märklinlandschaft.

Ich beschließe, eine Schlaufe zu drehen und über den Col de Larrau nach Frankreich und von dort wieder im Bogen zurück nach Spanien zu fahren. Diese letzten Tage möchte ich noch auskosten. Die Strecke auf den Col ist zunächst auch sehr schön, führt durch malerische kleine Dörfer, beeindruckende Berglandschaften, aber als ich allmählich höher komme sehe ich, dass ich dort oben wohl in den Wolken stecken werde. Naja, denke ich mir, wird schon nicht so schlimm werden.

Tardets im französischen Baskenland
Doch es wird schlimm! Die Kilometer auf den Col gehen noch, aber als ich oben bin, herrscht eine Sicht von vielleicht 10 Metern, teilweise sogar noch weniger. Im Schrittempo krieche ich die Straße entlang und fluche. Öffne das Visier. Muss anhalten, weil die Brille jetzt auch voller Nebelfeuchte ist. Erst als ich die Brille abgenommen habe sehe ich, dass ich am Beginn einer Kehre stehe. Ups! Das hat man so gar nicht erkannt. Als ich herunterfahre, kommt mir ein Camper entgegen, der die Kurve schneidet und beinah in mich reinfährt. Der Fahrer hat die Scheibe offen und ich brülle "eyyyyy!!!" worauf er ganz verschreckt das Steuer herumreißt. Der Nebel nimmt und nimmt kein Ende und ich bin verkrampft, die Konzentration aufs Äußerste angespannt. Als ich nach gefühlten Stunden endlich aus dem Nebel draußen bin, halte ich erst einmal an. Ich zittere vor Anstrengung, so eine schlimme Abfahrt hatte ich in all den Jahren noch nie! Ich putze meine Brille, schiebe mir etwas zu Essen in den Mund und schnaufe durch. Nein, die Schleife zurück nach Spanien, das kann ich heute knicken!

Als ich weiterfahre, kommt ein anderer Motorradfahrer von hinten. Ich kann sehen, dass er genauso fertig ist wie ich. Wir eiern die restlichen Kilometer des Passes wie Anfänger herunter und ich hoffe, dass es nicht regnen wird, denn es ist sehr grau und feucht hier unten. Auf der Karte mache ich Tardets als nächsten größeren Ort aus, vorher stoppe ich jedoch noch an einem Parkplatz, esse etwas und ruhe mich aus. Das hat jetzt wirklich Kraft gekostet.

In Tardets finde ich den Camping auch gleich, ich sehe ihn schon, als ich über die Brücke fahre. So einen Campingplatz habe ich noch nie gesehen! Er sieht aus wie der Schrebergarten von Alice im Wunderland. Kleine, mit Blumen dekorierte Hüttchen, akkurat geschnittener Rasen, auf jeder Parzelle ein Tisch mit einer Tischdecke und einer Suppenterrine oder anderem Porzellan obendrauf und drumherum pinkfarbene Stühle. Die Dame, die den Campingplatz betreut ist auch leicht skurril, wir unterhalten uns kurz auf Französisch und sie zeigt mir, wo ich Conchita und mein Zelt hinstellen soll. Nachdem ich alles aufgebaut habe, gehe ich erstmal duschen. Auch hier begrüßt mich Dekoration, die Waschebecken sind in Pastellfarben, im Küchenbereich hängen Gardinen und Plastikblumen und jede Toilette hat einen anderen, bunten Sitz.

Ich mache mich zu einem Spaziergang auf, erst nach Tardets selbst. Dort ist wenig los, alles wirkt wie ausgestorben. Am Fluß gibt es einen kleinen Park und ich sitze eine Weile am Wasser. Es gibt eine Infotafel über den Pyrenäendesman, ich sehe aber (natürlich) keinen. Ein Abstecher Richtung Wald ist wenig erfolgreich, ich komme an keinen Aussichtspunkt und drehe wieder um. Nachdem ich die Brücke über den Fluß erneut überquert habe, laufe ich durch den anderen Ort, der sich als erstaunlich idyllisch herausstellt. Überall stehen ziemliche große, alte Häuser, teilweise aus dem 17. Jahrhundert und älter. Es ist wirklich malerisch hier, im Hintergrund die dramatisch beleuchteten Berge. Da es doch nach Regen aussieht, gehe ich zurück zum Campingplatz, koche mir einen Tee, setze mich an den Tisch, schreibe Tagebuch und lesen. Irgendwann beginnt es tatsächlich zu nieseln und ich verziehe mich ins Zelt. Einige Zeit später beginnt es erst zu regnen, dann zu schütten und regnet die ganze Nacht fröhlich durch.

02.09.2019 Tardets - Laspaúles

Nach der verregneten Nacht ist es am Morgen zum Glück trocken. Darauf hätte ich jetzt gar keine Lust gehabt! Ich packe in Ruhe, das patschnasse Zelt wird heute früh auch nicht trocken werden. Conchita lasse ich probehalber an, denn der Regen war heftig und ich hoffe, dass nicht irgendwo Wasser reingelaufen ist, wo es nicht hingehört. Conchita ist das beste Motorrad der Welt und springt sofort an. Wunderbar! Jetzt noch gucken, wo ich möglichst nicht auf dem nassen Gras fahren muss, sondern auf dem Schotter und dann los.

Ich steige auf, ziehe den Choke, starte und schiebe den Choke zurück. Conchita ist etwas zickig am Gas und ich habe leichte Mühe, geschickt von der Ausfahrt auf die Straße zu kommen, schaffe es dann aber. "Wenn du nicht warm bist, bist du eine echte Zicke!" sage ich zu Conchita. Ich mache mich auf den Weg und überlege, wieviel Zeit ich noch in den Bergen verbringen will, etwas Puffer sollte ich ja einplanen. Es ist leicht windig, oder hat Conchita da gerade geruckelt? Kann irgendwie nicht sein.

Der Tripmaster zeigt 200 km, als wir an einer Tankstelle vorbeikommen. Nö, braucht's noch nicht, denke ich, und schalte in den 2. Gang herunter. Conchita stirbt mit einem indigniert-miauenden Ton ab.
Mist!
Was ist das denn?
Ich drücke auf den Startknopf, sie ist sofort wieder da.
Hoffentlich nicht die Spritpumpe!
Wir fahren weiter.
Conchita ruckelt jetzt wirklich.
Im nächsten Ort ist wieder Zone 30, also schalte ich in den 2. Gang, ich drehe das Gas hoch und stablisiere mit der Hinterradbremse. Kaum lasse ich das Gas nach, miaut Conchita wieder und geht aus.
Scheiße!
So kann ich nicht in die Berge fahren!
Ich will aber noch nicht nach Hause!

Von den Blauen Bergen kommen wir...
Sie startet wieder klaglos und ich steuere den nächsten Parkplatz an, erinnere mich an die Episode im Schwarzwald, als sie mir in einem Höllengewitter im strömenden Regen ausging und sich nicht mehr starten ließ. Als erstes checke ich den Benzinfilter, Sprit ist drin. Also schon mal nicht die Pumpe. Vielleicht Öl? Fühlte sich eigentlich nicht danach an, aber besser mal nachsehen. Der Ölstand ist, wie erwartet, perfekt. Ratlos stehe ich neben ihr, als mein Blick auf die Armaturen am Lenker fällt. Der Chokehebel steht auf "halb". Ich schiebe den Hebel auf "zu", steige auf, starte und... Conchita ist wieder das beste Motorrad der Welt! Oh Mann. Jetzt bin ich wach!

In Oloron kaufe ich ein, esse etwas und trinke einen Kaffee. Dann machen wir uns auf durch den Tunel du Somport in das hoffentlich wärmere und sonnige Spanien. Auf der anderen Seite begrüßen uns ein blauer Himmel und ein heftiger Wind. Als ich auf einem Parkplatz stoppe, um etwas zu essen, kommt mir ein Mann mit einem Käppi auf dem Kopf entgegen, das ein Windstoß ihm fast vom Kopf reißt. "Está muy fuerte, el viento!" sage ich und lache, der Mann lacht auch und sagt "Sí!" Ich muss mir ein bisschen mehr anziehen, damit es mich unterwegs nicht friert. Trotz Sonne ist es frisch hier.

Ich genieße die Berge und die Sonne und fahre bis nach Laspaúles. Der Camping dort ist sehr schön und nach dem üblichen Aufbau- und Duschprogramm mache ich einen Spaziergang. Es gibt einen Weg zum Thema "Hexen und Hexenverbrennung". Ich folge einigen der Wegweiser, lese ein paar der Infotafeln und genieße die Einsamkeit.
Dies ist mein letzter Tag in Spanien und meine letzte Nacht auf einem spanischen Campingplatz. Wehmut macht sich breit.
Ich sitze auf einem Hügel und sehe mir das beeindruckende Schauspiel der Wolken an, das sich verändernde Licht auf den Bergen. Ich genieße die Ruhe, mein alltägliches Leben zuhause liegt so weit hinter mir und diesmal freue ich mich auch nicht sonderlich darauf, nach Hause zu kommen. Nicht einmal die Aussicht auf ein richtiges Bett und meine eigene Dusche versüßen mir die Gedanken an die Rückkehr.

Dieses Gefühl der Freiheit auf dem Motorrad, die Nächte im Zelt, die Entbehrungen und Strapazen, das Einssein mit der Welt... es wird mir fehlen. Mein Herz gehört der Straße, dem Weg, dem Dahingleiten durch endlose Weiten, der Hitze, dem Wind, der Kälte, dem Regen und Nebel. Hier fühle ich mich 100% lebendig, frei, hier können meine Gedanken ungehindert schweifen, niemand kontrolliert mich, niemand bewertet mein Tun und Sein. Nirgendwo bin ich so hundertprozentig ich selbst wie auf meinem Motorrad.

Als ich auf den Campingplatz zurückkomme, ist dieser ziemlich voll geworden. Viele Familien mit kleinen Kindern bevölkern den Platz. Neben mir hat eine osteuropäische Familie mit einem kleinen Jungen ihr Zelt aufgestellt. Das Kind ist recht quengelig und die Eltern versuchen, es zu beruhigen. Ich versuche zu identifizieren, welche Sprache es sein könnte, Russisch ist es definitiv nicht. Ab und zu glaube ich einige Worte erkennen zu können. Wie Polnisch klingt es auch nicht. Vielleicht Tschechisch?

Ich lese noch einige Zeit im Zelt, bevor ich mir die Ohrstöpsel in die Ohren schiebe und das Halstuch über die Augen ziehe. Es wird heute Nacht frisch werden, das merkt man schon und ich zippe mich komplett in den Schlafsack ein, ziehe die Kapuze über den Kopf. Raspelkurze Haare haben einen entscheidenden Nachteil: Es ist kalt am Kopf!

Als ich mitten in der Nacht einmal auf die Toilette muss, ist über mir ein phantastischer Sternenhimmel, die Milchstraße ist zu sehen und Milliarden von funkelnden Sternen. Leider ist es so kalt, dass ich beschließe, nach diesem Ausflug lieber wieder in den warmen Schlafsack zu kriechen.

03.09.2019 Laspaúles - Nacelles

Am nächsten Morgen ist es wirklich sehr frisch. Ich ziehe mich halb im Schlafsack steckend an und als ich aus dem Zelt krieche, ist es sehr feucht. Erst später sehe ich, dass der Campingplatz auf gut 1200 Metern Höhe liegt. Kein Wunder, dass es so frisch wurde. Irgendwie habe ich kein Gefühl für die Höhe der Berge.

Während ich aufpacke, hat das kleine Kind von nebenan einen dauerhaften Quiekanfall. Die Eltern versuchen alles, das Kind zu beruhigen, aber es gelingt ihnen immer nur für kurze Zeit und man sieht ihnen langsam auch die Verzweiflung an. Immerhin lassen sie ihr Kind nicht einfach ungehindert herumgreinen, sondern greifen ein.

In der kalt-feuchten Luft wird das Aupfacken heute unangenehm. Meine Finger sind kalt und klamm und das Verzurren der Roc Straps ist schwierig. Die Griffhzeiung wird mir heute sicherlich gute Dienste leisten! Als ich alles gepackt habe, fahre ich Conchita nach oben neben die Bar. Ich möchte mich noch ein wenig aufwärmen und ein kleines Frühstück ist nicht schlecht. Heute Morgen ist mein Frühstück eine riesige, heiße Waffel mit reichlich Schokoladensauce, dazu der morgendliche Cortado. Zuhause habe ich zwar auch ein sehr gutes Café in der Nähe, aber an den spanischen Kaffee kommen sie trotzdem nicht dran. Egal, wo man hinkommt, der Kaffee ist immer stark und lecker.
Keine Ahnung, wie sie das machen.

Dies wird heute die letzte Runde durch die Pyrenäen, ich werde die letzten Kilometer durch Spanien fahren, den letzten Cortado trinken, das letzte Mal die Sprache sprechen. Über die Nationalstraße fahre ich durch die Berge, Richtung Vielha, durch den Tunnel, der mir dieses Mal gar nicht so endlos vorkommt und bin in Frankreich. Abschied von Spanien, der Alltag rückt näher. Ich will nicht, aber ich muss!

Da ich bis Deutschland einiges an Kilometern vor mir habe, nehme ich die Autobahn in Richtung Toulouse. Auf einer Raststätte mache ich Pause, setze mich in die Sonne und genieße den letzten Panoramablick auf die Pyrenäen. Es ist inzwischen wieder warm geworden und ich lasse mich von der Sonne durchwärmen.

Abendstimmung in Laspaúles
Als ich später zu Conchita zurücklaufe und mich anziehe, kommt von hinten jemand und sagt "Ach, auch aus Freiburg!" Ein Paar ist auf der Rückreise, ihren Bus hatte ich schon gesehen. Wir unterhalten uns eine Weile sehr nett und sie fragen, ob ich die ganze Strecke heute zurückfahren würde. Das ist doch ein bisschen sehr viel. Ich erkläre, dass ich immer so weit fahre, wie ich Lust habe, aber jetzt eben gegebenenfalls mehr Kilometer machen muss. Drei Tage brauche ich meistens aus den Pyrenäen nach Hause oder von zuhause in die Pyrenäen. Ich fahre weiter auf der Autobahn und dann Route National in Richtung Albí und weiter nach Rodez. Das Wetter meint es gut mit mir, der Himmel ist strahlend blau, es sind um die 25 Grad, nur der Wind nervt ein wenig.

Gegen späten Nachmittag suche ich mir einen Campingplatz und lande in Nacelles. Praktischerweise sind an den Autobahnen und großen Nationalstraßen immer Hinweisschilder mit "village étape" und den entsprechenden Symbolen. So habe ich diesen Camping gefunden. Der Patron gibt mir eine große Parzelle zum Sonderpreis von 10 €. Ich lande bei meiner Runde erst einmal auf einem falschen Platz, finde dann aber den richtigen und baue das feuchtelige Zelt auf, gehe duschen und dann lege ich mich in die Sonne und lese. Diese Faulenzmomente gab es irgendwie zu wenig auf dieser Reise, zu verlockend ist der Ruf der Straße und der Gedanke "weiter, weiter!"


Ich lasse mich braten, döse in der Sonne und mache heute mal keinen Spaziergang. Irgendwie bin ich ziemlich geschafft und könnte jetzt noch einmal vier Wochen brauchen. Immerhin saß ich diesen Urlaub nicht jeden Tag im Sattel, das war eine ganz neue Erfahrung.

Abends im Zelt denke ich an zuhause und was mich dort erwarten wird. Ich habe keine Lust darauf, bin aber bereit, den Kampf aufzunehmen.

04.09.2019 Nacelles - Chatel de Neuvre

Am Morgen ist mein Zelt wieder feucht und ich warte mit dem Aufpacken, bis alles in der Sonne getrocknet ist. Der vorletzte Tag meiner Reise ist angebrochen, heute möchte ich noch ein ordentliches Stück weiter kommen. Da mein Handy nicht funktioniert, habe ich keine Ahnung, welche Wetterbedingungen mich erwarten werden, ob ich vielleicht sogar noch länger brauchen werde.

Auch heute fahre ich eine Mischung aus Autobahn und Nationalstraßen. An einer Raststätte gibt es eine Brücke von Eiffel zu bestaunen und ich gönne mir ein Kastanieneis in der Sonne sowie einen Schafsmilchjoghurt ebenfalls mit Kastanie. Sonst hat der Tag außer endlosen Etappen geradeaus wenig zu bieten. Vor Clermont-Ferrand wird es richtig warm, schon fast zu warm und ich bin ein weiteres Mal um meinen Trinkrucksack froh. Gerade an solchen Tagen mit Kilometer schrubben ist es praktisch, immer mal wieder aus dem Schlauch zu schlürfen, statt halten zu müssen und dann doch zu wenig zu trinken.

Als ich nach Clermont-Ferrand komme, gibt es einen Stau an einer Baustelle und ich kann auch nicht zwischen den Autos durch. Dort merke ich die Anstrengung des Tages, die Wärme, die mir jetzt zusetzt. Zum Glück ist das bald überstanden und ich fahre aus der Stadt heraus in Richtung Moulins. Irgendwo ist ein Schild für einen Campingplatz, den ich dann leider nicht finde. In einer Schleife komme ich wieder zurück auf die Nationalstraße und sehe bei Chatel de Neuvre ein weiteres Schild, biege ab und stehe bald in der Einfahrt eines Campingplatzes.

Der erste Gedanke, den ich habe ist "Das ist Frau Draches Campingplatz!" Frau Drache, meine Vermieterin, ist nicht gerade das, was man einen Ausbund an Ordnung nennen könnte. Hier stehen halb eingewachsene Campingwagen, ein halb eingewachsener Mercedes und alles macht einen etwas ungepflegten Eindruck. Am Checkin werde ich jedoch sehr freundlich empfangen und kann mir einen Platz aussuchen. Der Teil des Campings, den ich wähle, stellt sich dann als üble Buckelpiste heraus. Ich muss ein paar Mal anfahren und halten, bis ich Conchita parken und einen hablwegs ebenen Platz für mein Zelt wählen kann.

Meine Campingnachbarn kommen aus Augsburg und Emmendingen. Ich bin also wieder nahe an Deutschland... abends mache ich noch einen kleinen Spaziergang an den Allier. Die Abendstimmung ist schön, es ist warm und ruhig und ich sitze eine Weile, bis es mir zu kühl wird. Als ich zurückkomme, sind meine Nachbarn aus Emmendingen da und wir kommen in ein sehr nettes Gespräch. Sie erzählen mir, dass sie schon oft auf diesem Campingplatz waren, ihn aber nie so trocken und den Fluß mit so wenig Wasser gesehen hätten. Ja, die Trockenheit fällt mir unterwegs auch auf und der beständige Wind, der das letzte Bisschen Feuchtigkeit auch noch mitnimmt.

05.09.2019 Chatel de Neuvre - Freiburg

In der Nacht hat es sehr stark gestürmt, gegen Mitternacht hatte ich mein Zelt nochmal abgespannt und gecheckt, ob Conchita gut steht. Ich denke mir, dass es schlecht wäre, wenn das so bliebe, denn Sturm würde heißen, dass ich nicht fahren kann. Wind ok, ein paar Böen, ok, aber Sturm macht mir das Fahren unmöglich.

Als ich aus dem Zelt krieche, ist der Sturm zum Glück vorbei, es wirkt relativ windstill, dafür ist es rattenkalt. Meine beiden Nachbarn kommen, während ich am aufpacken bin, auch aus dem Bus und fragen mich, ob ich schlafen konnte. Während ich packe, unterhalten wir uns noch sehr nett, dann breche ich auf.

Letzter Blick auf die Pyrenäen
Der Platz ist erst einmal noch verschlossen, der Patron kommt jedoch bald und wir unterhalten uns hier kurz über mangelnde Zahlungsmoral von Campern, bevor ich mich auf den Weg mache. Es ist heute früh wirklich kalt und nach ungefähr 100 Kilometern und der Hoffnung auf Wärme, halte ich auf einem Parkplatz an, um meine dicken Handschuhe und die Regenjacke überzuziehen. Der Wind ist eisig und ich fahre bis zum frühen Nachmittag mit Griffheizung, ohne dass es mir dabei zu warm würde. Die Regenjacke behalte ich die ganze Zeit bis Freiburg an.

Im Doubstal halte ich noch einmal an einem idyllisch gelegenen, aber total vermüllten Parkplatz. Wie zum Hohn stehen unter drei Schildern, die drakonische Strafen bei Vermüllung androhen, Kartons und Tüten voller Müll. Du meinte Güte! Fühlt sich denn niemand mehr für seinen Krempel verantwortlich? Wenn ich das Zeug im Auto (!) herschleppen kann, kann ich meinen Müll doch mitnehmen und in einer Mülltonne entsorgen! Demonstrativ wickle ich selbst meinen Apfelbutzen und die Bananenschale ein und stecke alles in den Tankrucksack.

Gegen späten Nachmittag erreiche ich Freiburg. Mit Blick auf den für den nächsten Tag angekündigten Wetterwechsel mit viel Regen, habe ich es perfekt erwischt. Später ist mein Kumpel, dem ich die Wohnung überlassen hatte, sehr überrascht, mich schon anzutreffen und kündigt mir an, dass er am Freitag noch alles putzen werde und ich auf gar keinen Fall irgendwas selbst machen sollte. Wir schätzen noch eine Weile ganz gemütlich und dann war es das.

Aber: Nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub! Und: Te quiero, España! Volveré!