Montag, 4. September 2017

Through the desert on a horse with a name - Unterwegs in Spanien Teil 2

17.08.2017 Aréu - Aínsa

Als ich morgens in Aréu aufbreche, ist es noch kühl. Ich fahre in Richtung Parque Ordesa y Monte Perdido und mache noch einen Abstecher hoch nach Benasque. In den Pyrenäen gibt es etliche Heilbäder, so auch dort. Aber ich bin weniger wegen einem Heilbad gekommen, als wegen der Natur. Im Ort mache ich eine Frühstückspause und bestelle mir einen Kaffee mit Milch und ein Madalena.

Als ich weiter nach oben fahre, fällt mir ein, dass das was ich trinken wollte ein "cortado" ist, also ein Espresso mit Milchschaum, wobei man das so nicht sagen kann. Meine Meinung ist, dass die Spanier den besseren Kaffee machen als die Italiener. Der spanische Kaffee ist meist so stark, dass der Löffel drin stehen könnte, aber nie bitter.

Den italienischen Kaffee habe ich ein wenig sanfter in Erinnerung als den spanischen. Jedenfalls wird das nächste Mal ein Cortado bestellt. So gestärkt fahre ich weiter und möchte so weit wie möglich nach oben ans Ende des Tals. Irgendwann kommt rechts ein Parkplatz und oben stehen zwei neonbewestete Frauen. Ich halte und will wenden, dabei passiert dann der erste und einzige Umfaller, mit dem ganzen Gepäck bin ich wackelig, ich verbremse mich und schon liege ich da. Die Damen sind aufgeregt und überzeugt, dass das Benzin, das aus den Vergasern gelaufen ist, darauf hinweist, dass Conchita jetzt unrettbar kaputt ist. Bevor ich irgendwas erklären kann (was heißt "Sturzbügel" auf Spanisch?), haben wir sie aufgestellt, ich wende weiter oben mit etwas mehr Platz und fahre wieder Richtung Tal. uff, das war jetzt echt unnötig!

In Graus mache ich einen Ziwschenstopp, denn die Temperaturen sind inzwischen auf weit über 30 Grad geklettert, außerdem habe ich Hunger. Ich parke Conchita und laufe in Richtung Ortsmitte. Da die Hitze wirklich anstrengend ist, lasse ich mich auf der Terrasse eines kleinen Restaurants in einen Stuhl fallen. Auf der Tagheskarte steht unter anderem Gazpacho Andaluz, das ist doch perfekt bei der Hitze! Ich lasse mir den Gazpacho schmecken und schütte kaltes Wasser in mich hinein. Die Bedienung kommt und fragt, ob ich einen Nachtisch möchte. Ganz entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten denke ich mir "warum nicht?" und bestelle die "tarta de queso" und einen Cortado. Kurz Zeit später steht ein köstlicher, cremiger Käsekuchen mit echter Vanille und einer Sauce aus frischen Himbeeren nebst einem Klecks Sahne vor mir. Alles schmeckt wunderbar und unter der Markise mit drei kräftigen Ventilatoren ist es auch auszuhalten.

Nach guten anderthalb Stunden im Restaurant breche ich auf und mache mich auf den weiteren Weg. An irgendeiner Stelle biege ich falsch ab und lande auf einer kleinen Straße, die hoch zum Puerto de Bonansa führt. Bonansa, das passt doch! Mein Pferd und ich reiten durch die Wüste zur Ponderosa Ranch! Mein Kopf spielt unaufgefordert die Titelmelodie von "Bonanza" und wir reiten zum Pass. Unterwegs und oben hat man phantastische Ausblicke in die umliegenden Berge, es ist nicht mehr ganz so brütend heiß wie unten und die kleine Straße ist toll.


Nach einiger Zeit wechseln wir wieder auf die N260 zurück, die leider in diesem Teil furchtbar befahren und voller LKWs ist.

In Aínsa beschließe ich, es gut sein zu lassen. Von meinem letzten Pyernäentrip weiß ich, dass dort ein Campingplatz ist. Beim anfahren stellt sich dann heraus, dass es sogar zwei sind, denn ich lande auf dem anderen. Dort werde ich am Eingang quasi gleich abgefangen und kurz darauf zu meinem Stellplatz geleitet. Oh, hier steht schon ein anderes Motorrad mit einem britischen Kennzeichen. Ich hoffe, dass es nette, gesprächige Menschen sind, denn ich hätte mal wieder Lust auf etwas Gesellschaft.

Ich parke Conchita und lade meine Sachen ab. Leider muss ich alles über eine Treppe hochschleppen und in Aínsa ist es ziemlich heiß. Als ich halbwegs aufgebaut habe, tauchen meine Zeltnachbarn auf, die ich kurzerhand gleich anspreche. Severine und Matthew kommen aus Brighton und sind - wie ich - auch erst kürzlich gelandet, sie wollen auch zwei Tage auf dem Platz bleiben.

Nachdem ich alles verstaut und mich geduscht habe, kommen wir fix ins Gespräch, allerdings mische ich spanische Brocken ins Englisch. Nach diesen fünf Tagen auf Tour ist mein Kopf leicht überfordert und ich muss mich zeitweise sehr konzentrieren, um bei einer Sprache zu bleiben. Matthew und ich reden natürlich übers Motorradfahren und mit Severine rede ich über alles mögliche, unter anderem kommen wir auf Fremdsprachen und es stellt sich heraus, dass sie Französin ist, aber seit 30 Jahren in Brighton lebt. Wir quasseln, bis es dunkel wird und ich beschließe, mir noch etwas die Beine zu vertreten. Ich laufe nach Ainsa, versuche auf der Brücke mein Glück mit einer Nachtaufnahme und gehe dann weiter hoch in die Altstadt.

Auf der Plaza Mayor steppt der Bär, hier scheint sich alles Leben in der Stadt abzuspielen, Kinder,
Erwachsene, Alte, Junge, überall sind volle Bars und Restaurants. Ich schlendere über den Platz und biege in eine Seitenstraße ab, mir ist das hier irgendwie zuviel mit den ganzen Menschen.

Als ich um eine Ecke komme, höre ich ein klägliches Miauen. Eine halbwüchsige Katze sitzt auf einer Mauer und schreit, was das Zeug hält. Ich versuche, mich ihr zu nähern, aber sie läuft immer weg. Also setze ich mich auf die Mauer und schaue, was passiert. Ich frage mich, ob das kleine Tier schon rollig sein könnte, denn die Schreierei hört sich ziemlich danach an. Unten im Ort hatte ich vor einem Restaurant und auf einer Verkehrsinsel schon ziemlich viele Katzen gesehen, eine davon war eindeutig eine Siam.

Die Straßenkatzen am Abend sind mir in vielen Orten begegnet, oft waren es richtig schöne Tiere, manchmal aber auch welche mit geknickten und fehlenden Schwänzen und fast immer waren sie halbwild oder zumindest scheu. Die kleine Katze nähert sich jetzt doch und miaut mich an. Nein, ich kann Dich nicht mitnehmen!

Cat content!
Ich gehe wieder nach oben auf die Plaza und dann etwas weiter hinten durch die Stadtmauer auf einen riesigen Platz. Dort gehe ich die Treppen hoch und schaue über die Stadt nach unten. Es ist immer noch ziemlich heiß, obwohl die Sonne schon seit Stunden untergegangen ist. Ein Sänger singt traurige Liebeslieder und ich denke mir, dass sich manches schöner anhört, wenn man den Text nicht versteht. Als ich ein Kind war, hat eine meiner Cousinen länger in den USA gelebt und als sie einmal zu Besuch war, habe ich sie danach gefragt, worum das Lied geht, das gerade im Radio läuft. Sie hat mir dann erklärt, dass es ein Liebeslied sei und ich dachte nur "wie langweilig!" Immerhin ist die Sangeskunst von Señor besser als die von Troubadix vom Campingplatz in Labesette, aber länger anhören mag ich mir das auch nicht.

Weil ich müde bin, kehre ich zum Campingplatz zurück. Als ich an der Straße entlanglaufe, ist es
wirklich stockdunkel, man hört die Grillen zirpen und der Sternenhimmel ist phantastisch, man kann sogar die Milchstraße erkennen. Ich wünsche mir, ich könnte mehr als nur den "Großen Wagen" und Orion identifizieren.

Als ich 1984 zum ersten Mal in Spanien war, sind meine Freundin und ich zusammen mit anderen jungen Leuten einmal nachts aus dem Dorf auf den Friedhof gegangen. Unterwegs haben wir uns Gruselgeschichten erzählt und ich erinnere mich daran, dass der Himmel geradezu mit Sternen übersäht war, so etwas hatte ich noch nie gesehen; außerdem regnete es förmlich Sternschnuppen.

Conchita in "Bonansa"
Sternschnuppen sehe ich diesmal keine, ich höre nur hysterisches Hundegebell und als ich in eine Straße einbiege, die sich dann als falsch herausstellt, kommen mir zwei kläffende Hunde entgegengerast. Ich mache ihnen klar, dass sie einen Tritt zu erwarten haben, falls sie sich mir nähern sollten und laufe wieder zur Hauptstraße zurück. Der Camping ist noch etwas weiter oben. Als ich zurückkomme, sitzen Severine und Mathew noch draußen und wir erzählen uns gegenseitig, wo wir waren und was wir gesehen und gehört haben. Ich gehe ins Zelt, aber es ist viel zu heiß zum schlafen, erst weit nach Mitternacht fallen die Temperaturen etwas und ich schlafe ein.

18.8.2017 - Aínsa - Sabiñanigo - Escalona - Val de Pineta - Aínsa

Aínsa bei Nacht
Ich wache gegen halb sieben auf, draußen ist es noch dämmerig und kühl, noch ein bisschen im Schlafsack dösen und dann möchte ich die Morgenkühle nutzen und früh aufbrechen.

Gegen acht Uhr bin ich mit Conchita schon auf der Straße, da ich nicht so gut geschlafen habe, ist das Gefahre ein bisschen mühsam. Ich fahre nach Torla, gehe etwas durch den Ort und entdecke einen Bäcker. Dort hole ich mir eine Art geflochtenen Zimtkuchen und ein Schokocroissant, beides ist hervorragend und ich fühle mich gleich besser.

Plaza Mayor bei Nacht
Als ich mein Handy heraushole, habe ich eine whatsapp-Nachricht einer Freundin, ich soll auf mich aufpassen, wer weiß, was in Spanien noch geplant sei. Da ich im Urlaub weder Nachrichten verfolge, noch großarig im Internet unterwegs bin, weiß ich mit der Nachricht erstmal nichts anzufangen. Ich schaue auf eine Nachrichtenseite und lese von den Anschlägen in Barcelona. Hier, in den Bergen fühlt sich das alles nur irreal an. Ich gebe Entwarnung und fahre auf die N260 Richtung Sabiñanigo weiter, fahre spontan ein Stück in eine kleine Straße nach Lárrede und mache Fotos. Ich wende Conchita und fahre dann wieder Richtung Aínsa. Es ist noch zu früh am Tag, um schon wieder auf den Campingplatz zu fahren und ich möchte noch etwas sehen. Also fahre ich durch Aínsa durch in Richtung Bielsa.

Es ist inzwischen fast 13 Uhr und als ich in Escalona rechts ein Restaurant sehe und einen passenden
Morgenstimmung am Río Cinca
Parkplatz dazu, stelle ich Conchita kurzerhand ab. Die Hitze ist inzwischen auch wieder beachtlich und ich möchte mich nicht jeden Tag bis zum Äußersten verausgaben. Als ich nach hinten zur Terrasse des Restaurants laufe, geht vor mir eine junge Frau mit zwei Hunden. Sie spricht mich auf Spanisch an, und fragt nach Uhrzeit.

Nach kurzer Zeit stellt sich heraus, dass ihre Muttersprache Englisch ist, wir setzen uns und zwei Belgier gesellen sich am Nebentisch dazu. Sie versuchen, uns zu einem zehnstündigen Raftingtrip einzuladen, aber wir sind beide nicht überzeugt. Weil wir beide Hunger haben, gehe ich in die Bar und frage, ob die Küche schon offen hat. Man sagt mir, dass es ab 13 Uhr Essen gibt, die Viertelstunde können wir auch noch aushalten. Die junge Frau und ich setzen uns zusammen an einen Tisch und sind ruckzuck im Gespräch. Sie erzählt mir, dass sie mit den beiden Hunden in ihrem Campervan schläft und seit drei Wochen wild campt. Wir sind im Handumdrehen in ein intensives Gespräch vertieft.

Torla
Sie erzählt mir, dass sie seit sechs Jahren in Barcelona lebt "but my Spanish is crap!" und auf den Ramblas arbeitet. Natürlich reden wir über die Anschläge, sie erzählt mir, dass eine Freundin von ihr stundenlang in einer Bar eingesperrt war, bis die Polizei grünes Licht gegeben hat. Sie selbst wohnt um die Ecke von den Ramblas. Wir reden und reden, inwzischen ist ein Gewitter durchgezogen und es sind fast vier Stunden vergangen. Spontan tauschen wir unsere whatsapp-Kontakte aus, ich wünsche ihr noch einen schönen Resturlaub, denn für sie geht es Montag wieder los.

Mountains of Madness!
Nach dieser langen Mittagspause fahre ich hoch zum Valle de Pineta, das möchte ich mir noch ansehen, bevor es dämmrig wird. Die Strecke ist schön und wäre gut zu fahren, wenn vor mir nicht ein stinkender Bus hochkriechen würde. Bei der nächsten Gelegenheit überhole ich und fahre auch unterwegs zügig an diversen Autos vorbei. Die Straße fährt sich schön und je näher ich dem Ende des Tales komme, desto mehr tolle Ausblicke bieten sich auf die Berge. Am Ende des Tals ist ein riesiger Parkplatz, im Fluß baden etliche Menschen und ich stelle Conchita kurz ab, um Fotos zu machen. Um zu den Wasserfällen zu laufen, fehlt die Zeit und ich habe auch nicht die richtige Kleidung dafür an. Das Valle de Pineta ist quasi die "andere Seite" von Gavarnie, wo ich 2014 war. Heute begnüge ich mich damit, die Eindrücke auf mich wirken zu lassen und trete bald den Heimweg zum Campingplatz an.

Severine und Matthew sind ebenfalls von ihrem Ausflug zurück. Sie waren nicht so weit unterwegs
Valle de Pineta
wie ich, haben aber versucht, an den See bei Aínsa heranzukommen. Das Ganze war wohl ziemlich frustrierend, denn die Straße war eine üble Offroadpiste und der See nicht zugänglich, die Ufer schlammig... den Nachmittag hatten sie dann in Aínsa verbracht, es war heiß und sie kamen in das Gewitter, das ich erfolgreich im Restaurant ausgesessen hatte.

Nachdem wir uns alle geduscht haben, sagt mir Matthew, dass Severine total fasziniert von mir sei und den ganzen Themen, über die wir geredet haben.  Später fragt Severine mich, wo ich denn Englisch gelernt hätte, was ich mit "at school!" beantwortet. Im Grund stimmt das ja, aber Englisch ist - neben Deutsch - die Sprache, die ich am längsten spreche, inzwischen seit 40 Jahren. Irgendwann rücke ich damit raus, dass ich Englisch studiert habe und auch Sprachwissenschaftlerin bin. Klar, ein bisschen Talent ist mit den Fremdsprachen auch dabei...

Severine hat Spanisch im Fernkurs gelernt und ist unter anderem Übersetzerin und Dolmetscherin für
Französisch und Englisch. Mit den beiden führe ich ein ähnliches Gespräch wie am Mittag in Escalona. Wir sind uns über die Dinge einig, die in der Gesellschaft und in der Welt falsch laufen, teilen ein ähnliches Menschenbild und auch die Ansicht, dass der gesunde Menschenverstand sich komplett auf dem Rückzug befindet.

Das Reisen verändert mich von Mal zu Mal mehr, ich sehe so viele Dinge und mich beschäftigen so viele Themen. Klar, ich bin Touristin in den Ländern, aber wenn man den Menschen offen entgegenkommt, dann sind sie in der Regel auch nett
Valle de Pineta
und offen. Niemand, mit dem ich gesprochen habe, möchte sich von Irren welcher Couleur auch immer instrumentalisieren, oder sich vorschreiben lassen, wie er zu leben, zu denken oder auszusehen hat. Ich habe den Eindruck, dass langsam immer mehr Menschen aufwachen und beginnen sich zu wehren, aber vielleicht treffe ich unterwegs auch nur Menschen, die schon wach sind?

Mit der jungen Frau habe ich mittags über Konsumexzesse, shoppen als Hobby und Abfall gesprochen. Wir kamen auch auf Minimalismus und darauf, wie wenig man wirklich braucht. Klar, diese Gedanken sind "first world problems", denn wir haben alles und können leicht sagen, dass wir auf dieses und jenes verzichten, denn wir können es ja jederzeit ersetzen. Niemand von uns hungert, oder muss auf dem Boden schlafen, ist wirklich in seiner Existenz bedroht
Aínsa am Morgen
usw.

Dennoch denke ich, dass der Gedanke, sich von diesen Strömen der Manipulation zu entkoppeln, nicht falsch sein kann. Wer braucht diesen ganzen Kram wirklich? Welche Lücken werden mit Konsum gestopft? Warum lassen sich Menschen bevormunden? Warum lassen sie sich manipulieren? Warum machen sie sich nicht frei?

Über all diese Dinge reden wir in dieser warmen Nacht in Spanien.

Fortsetzung folgt...

1 Kommentar:

  1. Guten Morgen...
    ♥ (((
    (""""")o
    •✿•ڿڰۣ✿•... und mit´m Cappuccino Deine Reiselektüre - genüsslich - lese ;) *freu*

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