Sonntag, 3. September 2017

Through the desert on a horse with a name - Unterwegs in Spanien Teil 1

El azul del mar inunda mis ojos,
el aroma de las flores me envuelve,
contra las rocas se estrellan mis enojos
y así toda esperanza me devuelve.
  (Golpes Bajos - Malos tiempos para la lírica)

Tage unterwegs: 18
Gefahrene Kilometer: 5600
Pannen: 0
Umfaller/Ausrutscher: 1
Gefahrene Kurven: gefühlt 10.000.000

Jetzt bin ich wieder zuhause und es ist Herbst. Die letzten 2,5 Wochen habe ich die überwiegende Zeit in Conchitas Sattel verbracht, ich habe geschwitzt, gefroren, es war staubig, es war nass, es war windig, es gab Gewitter... und es war TOLL!

Kriegsdenkmal Épinac
Aber fangen wir von vorne an.

Dieses Jahr hatte ich irgendwie keine wirklichen Pläne für meinen Urlaub, da sich einiges zerschlagen hatte. Den zweiten Teil der Nordlandfahrt wollte ich dann nicht antreten, das sah mir nicht so spannend aus und auf schlechtes Wetter und jede Menge Geradeausfahren hatte ich keine Lust. Auf der Burg bekam ich dann den Tipp, doch nach Kroatien zu fahren, danach kam der Vorschlag Slowenien. Also habe ich mir Karten bestellt, recherchiert, gemacht und getan. Aber... mein Herz war nicht wirklich bei der Sache. Und wenn das so ist, bin ich von einem Reiseziel nicht überzeugt.

Eine Woche vor meinem Urlaub waren schwere Unwetter in den Alpen, die Vorhersage schwankte zwischen Schnee auf 2000 m in den Alpen und 40 Grad im Mittelmeerraum. Auf beides hatte ich keine Lust. Im Hinterkopf spukte mir schon eine Weile die Idee herum, doch mal die spanische Seite der Pyrenäen zu erkunden und dann an der Küste in Richtung Westen entlangzutingeln so weit die Reifen halten und die Zeit reichen würde. Am Mittwoch vor meinem Urlaub sah ich mir die Wetterkarte an und entschied, dass ich nach Spanien fahren würde. Die Temparaturen sahen erträglich aus, es waren keine Unwetter angesagt und ich hatte Lust auf den Atlantik. Also fix Karten bestellt, grobe Tourplanung, fertig. Am Samstag war ich noch auf einer Geburtstagsfeier, aber die halb gepackte Ausrüstung stand schon in meiner Wohnung. Abends warf ich den Rest meiner Sachen in die Packtaschen und fuhr Sonntag los.

13.8.2017 Freiburg - Épinac

Am Morgen war schönes Wetter, der Wind war zwar zeitweise stark, aber es fuhr sich wunderbar. Da ich einiges an Strecke vor mir hatte und mich nicht lange in Frankreich aufhalten wollte, bin ich bis Abends zügig durchgefahren. Mir fiel am Samstagabend ein, dass ich vom nördlichen Teil von Frankreich keine Karte habe, aber ich würde schon den richtigen Weg finden, dafür war ich schon oft genug da.

Warum nicht immer so, Zentralmassiv?!?
Über eine schlechte Streckenplanung geht nur eine völlig fehlende Streckenplanung!

Nach inzwischen sechs Jahren im Sattel und vielen vielen Touren, Wochenendtrips und fünf langen Urlauben habe ich gelernt, mich komplett dem Zufall zu überlassen. So sehr mein Leben im Alltag durchstrukturiert und durchgeplant ist, so sehr kann ich mich im Urlaub einfach dem Fluß hingeben. Bis jetzt musste ich noch nie auf der Straße schlafen und zu essen gab es auch immer etwas, nach jeder kleinen Straße kommt irgendwann eine größere, nach jedem unbekannten Dorf kommt irgendwo ein größerer Ort, nach Regen kommt Sonne und die nächste Tankstelle kommt auch...

In Frankreich machte ich nur eine kurze Pause und fuhr bis hinter Dijon nach Épinac. Ich hatte keine genaue Ahnung, wo ich nun bin, nur dass die grobe Richtung stimmt. Später sah ich in meiner Handy-App nach (ja, Fortschritt!), wo ich mich nun genau befinde. Als irgendwo etwas von "Vallé de la Drée" stand, war mir klar, warum mir das hier so bekannt vorkam. Hier war ich 2014 schon mal durchgekommen auf meiner ersten Tour mit Conchita.

Ich werde öfter gefragt, wie ich denn die Campingplätze unterwegs finden würde.
Das ist ganz einfach: Durch Zufall!

Monts du Cantal
Je nach Fitness und Strecke lege ich z. B. gegen Mittag eine Zeit fest, ab der ich mich langsam nach einem Campingplatz umsehen werde.  In Frankreich (und später auch in Spanien) gibt es gefühlt überall Campingplätze. Wenn es einem egal ist, ob man auf dem Superduperwellness-Camping mit Sauna und Tralala oder auf einem obskuren Landcamping in der Prärie übernachtet (was ich bevorzuge), dann ist das der richtige Weg.

Bin ich z. B. auf einer großen Nationalstraße unterwegs, verlasse ich diese irgendwann und fahre auf einer kleineren Straße, die grob in meine Richtung geht, über die Dörfer. In der Regel findet sich schnell etwas. Manchmal, wenn es viele Campingplätze gibt, lege ich z. B. fest, den dritten zu nehmen, oder den mit dem seltsamsten Namen. Manchmal, wenn es doch später wurde als gedacht, schaue ich schon mal auf die Karte oder ins Internet. Das passiert aber sehr selten. Günstig ist natürlich auf die Suche zu gehen, so lange es noch hell ist...

Am Eingang zum Camping stelle ich Conchita ab und gehe zur Rezeption. Inzwischen spreche ich ganz passabel Französisch und Spanisch und kann ein bisschen Smalltalk mit Herrn Campingplatz austauschen. Die Ferien in Frankreich gehen wohl dem Ende entgegen und Herr Campingplatz sagt mir, dass ich mich hinstellen kann, wo ich möchte. Ich suche uns ein Plätzchen in einer Ecke an der Drée aus und Conchita darf auf einem geschotterten Platz stehen. Nebenan sind Ziegen und mähen mich erwartungsvoll an. Ich stelle das Zelt auf und richte mich häuslich ein. Danach geht es zu den Duschen.

Foix
Vor dem Gebäude mit dem WiFi-Zugang lungern diverse Typen herum. Ich verstehe ihre Sprache nicht - aber die Diskussion geht ganz offenbar darum, ob ich Frau oder Mann bin und dass Frauen ja nie allein mit dem Motorrad unterwegs sein können! Eine Diskussion, die mich in dem Urlaub so ziemlich überall begleitet hat - und - um es vorweg zu nehmen, ich habe (zumindest bewußt) zwei selbstfahrende Frauen gesehen, die eine war in Begleitung mit Zelt auf dem eigenen Motorrad unterwegs. Die andere war geduscht, hübsch gekleidet und auf einem sauberen, neuen Motorrad unterwegs, ebenfalls in Begleitung und nicht allein, nicht auf einem alten, dreckigen, bepackten Schlachtschiff mit verstrubbelten Haaren, schmutziger Kombi, dreckigen Fingernägeln, in einem verschwitzten Merinoshirt und noch verschwitzteren Stiefeln.

Und wißt ihr was?
Ich LIEBE es!
Ich liebe es, so allmählich zu verwildern, ich liebe, wie sich meine Gedanken mit jedem Kilometer und jedem Tag weiter vom Alltag entfernen, wie ich eintauche in ein anderes Leben in Freiheit und mit der Beschränkung auf das Nötigste. Ich genieße, wie Conchita und ich Eins werden, wie ich immer stärker beginne, mich als Teil der Natur und der Welt zu begreifen, den Wind spüre, die Hitze, die Kälte, den Regen, im Morgennebel allein auf einer kleinen Straße, Schafe am Straßenrand, die Sonne kommt durch die Wolken...


Ich will Euch aber auch nicht verschweigen, dass die Tage im Sattel hart sein können. Wenn ich bis an den Rand der Erschöpfung fahren muss, wenn der Körper sich meldet, die Knie weh tun, die Hände schmerzen, ich müde werde, weil die letzte Nacht auf dem Camping nicht erholsam war, wenn es den ganzen Tag regnet, oder extrem windig ist, wenn ich extrem konzentriert fahren muss, weil auf 10 km auf einer haarigen Bergstrecke handtief Rollsplit liegt... Die Belohnung dafür sind eine heiße Dusche auf dem Campingplatz, ein Spaziergang, ein tolles Essen, Begegnungen mit Fremden, endlose Eindrücke von der Schönheit dieser Welt...

In Épinac mache ich einen Spaziergang, es ist warm, aber nicht zu warm und ich fühle mich schon sehr weit weg von zuhause. Oben an der Kirche finde ich ein Schild, das über Kriegsgräber auf dem Friedhof informiert.

Unterwegs zum Pas de Case, Andorra
Ich gehe über den Friedhof, auf der Suche nach einer Aussicht und auch, um den Ort und die Stille auf mich wirken zu lassen. Still ist es nämlich wirklich, hier mitten im Nichts. Épinac war früher eine Bergbaustadt und ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt. Jetzt wirkt es einfach nur verlassen und der Name des Trödelladens "Bazar de Rien" scheint Programm. Nachdem ich leider keinen Platz finde, von dem aus ich das kleine Schloß fotografieren kann, kehre ich zum Campingplatz zurück. An der Drée stehen zwei Liegestühle und ich setze mich in einen, strecke die Beine aus und genieße den Abend.

14.08.2017 Èpinac - Labesette

Der heutige Tag sollte ähnlich wie der letzte verlaufen: Fahren, Strecke machen. Das Zentralmassiv taucht bald auf und dieses Mal regnet es nicht! Ich bin inzwischen ungefähr sechs Mal dort durchgekommen, mal mit dem Rad und mehrfach mit dem Motorrad und jedes Mal hat es geregnet! Einmal mehr, einmal weniger, aber es war immer feucht. Damals mit dem Rad war das ganz besonders nervig, denn es war auch noch kalt und alle Ausflüge, die wir irgendwohin machen wollten, sind sprichwörtlich ins Wasser gefallen. Ich erinnere mich an einen Nachmittag in irgendeinem billigen Hotel, wo wir im Bett saßen, die Pferdedecken, die damals in französischen Hotels Usus waren, über uns gestapelt, draußen 10 Grad und Regen. So kenne ich das Zentralmassiv.

Dieses Mal scheint aber die Sonne und es ist warm. Da ich nicht wirklich genau auf die Karte geschaut habe, ist die Fahrerei ein wenig ziellos, so dass ich heute weniger Strecke mache, als ich gehofft hatte. Aber auch das ist irgendwann egal.

Gegen Abend finde ich einen abgelegenen Campingplatz, keine Rezeption, nur ein Zettel von 2015, auf dem die Tarife stehen. Naja, wird abends schon wer kommen. Ich gehe kurz über den Platz, um zu gucken, wo ich mein Zelt hinstelle und sehe einen schönen Platz. Als ich mit Conchita über das Gras fahre, stellt sich der Boden als ziemlich übel weich heraus. Im letzten Moment sehe ich ein tiefes Loch und fahre so eben dran vorbei. Zum Glück ist ein Stückchen weiter alles wieder fester, ich stelle den Motor ab und fummele meine Seitenständerunterlage heraus, denn hier wird Conchita sicherlich sang- und klanglos einfach einsinken und umkippen und das brauchen wir nicht!

Pas de Case, Andorra
Es ist ordentlich warm und ich schwitze beim Aufbau wie ein Schwein. Die Motorradhose pappt an meinen Beinen und ich bin froh, als ich in die leichte Shorts und leichte Schuhe umsteige. Nach der Dusche - in der ein trauriges Duscheselchen mit einem klagenden Laut das Ende der jeweiligen Wasserladung ankündigt - packe ich mich mit meiner Reisedecke auf die Wiese, schreibe Tagebuch und gucke die weitere Strecke an. Zum Glück ist mir Sonntag schon eingefallen, dass der 15. August in Frankreich ein Feiertag ist und ich habe ausreichend Essen dabei, um den nächsten Morgen zu überstehen. Unterwegs gibt es genug Optionen, irgendwo ist immer ein Restaurant, eine Bar oder ein Café, notfalls tut es auch die Tankstelle. Aber mit leerem Magen losfahren mag ich nicht.

Etwas später vertrete ich mir etwas die Beine und laufe einen kleinen Weg rein, da ich dann aber Hundegebell höre, ziehe ich mich nach ein Paar Fotos wieder zurück. Nervige kläffende und womöglich bissige Köter brauche ich nicht! Damals mit den Rädern hatten wir irgendwann eine Art "Hundeschreck" dabei, nachdem wir in Irland und auch in Großbritannien auf der Straße von Hunden verfolgt und auch attackiert wurden. Mit dem Motorrad hatte ich bis jetzt immer Glück und irgendwelche Begegnungen mit Straßenhunden oder gelangweilten Hofhunden blieben mir erspart. Meine Horrorvorstellung ist dabei weniger gebissen zu werden (ich bin ja dick angezogen), als dass mir so ein dämliches Vieh ins Motorrad springt und mich zum stürzen bringt.

Pas de Case, Andorra
Gegen späteren Abend füllt sich der Platz; weil ich ziemlich müde bin, liege ich schon im Zelt und döse vor mich hin. Ein paar Kinder spielen in der Nähe und eins mahnt die anderen zu Ruhe, weil ich schon schlafe. Das finde ich lustig und zugleich auch nett. In der Nacht wird es dann leider recht laut, nachdem offenbar einige Monsieurs angeheitert von irgendwo zurückkehren und einer davon beschließt, es Troubadix gleichzutun und den Platz mit seinen Gesängen zu unterhalten. Seine Vorstellung bewegt sich auf ähnlichem Niveau, zum Glück hat er kein Instrument, welches seine Darbietungen begleitet. Irgendwann ist der französische Barde dann wohl auch im Zelt verschwunden und hat seinen Rausch ausgeschlafen.

15.08.2017 Labesette - Foix

Pas de Case, Andorra
 Am Vorabend ist niemand erschienen, um die Platzgebühr zu kassieren, laut Aushang schulde ich 5 €, aber es gibt niemanden und nichts, wo ich das Geld hinterlegen könnte. Ich spreche eine Frau an und sie meint ganz trocken, dass ich gar nichts zahlen soll. Wenn Monsieur Campingplatz nicht kommt, dann ist das nicht mein Problem! Das heißt also, dass diese Nacht für mich gratis war, das hatte ich auch noch nicht.

Von Labesette geht es im leichten Regen (Zentralmassiv, I'm looking at you!) weiter nach Süden. Ich fahre nach Sonnenstand und gelegentlichem Blick auf die Straßenkarte, ein paar Orte habe ich noch in Erinnerung. Diesmal möchte ich aber schon weiter westlich landen, um in Spanien gleich im Parque Ordesa y Monte Perdido zu landen.

Bald wird das Wetter besser, allerdings ist es nach wie vor sehr windig, was das Vorankommen anstrengend macht. Vor allem Böen und Seitenwind machen das Fahren unangenehm, ich muss in den Kurven immer noch etwas Sicherheitsspanne einplanen, da der Wind mich immer mal überraschend in die eine oder andere Richtung drücken kann. Zwischendurch bin ich sehr geschafft, aber als die Pyrenäen in Sicht kommen, fahre ich einfach immer weiter. Um Carcasonne mache ich einen Bogen, komme vorher noch durch Réalmont, wo ich 2013 auf meiner ersten Pyrenäentour im Hotel Noel übernachtet hatte. Das Hotel gibt es immer noch, es heißt jetzt aber anders. Ich überlege kurz, ob ich aus nostalgischen Gründen dort nochmal übernachten soll, entscheide mich aber dagegen.

Heute will ich in den Pyrenäen ankommen, koste es, was es wolle! Mein Körper gibt mir zwar ab und zu zu verstehen, dass er anderer Meinung ist, aber ich setze meinen Willen durch. Gegen Abend kommen wir nach Foix. Ich fahre erst ein Stück in die Stadt, sehe die Burg auf ihrem Berg stehen, aber das Wetter Richtung Berge sieht eher nach Regen aus. Nach der ganzen Fahrerei heute sollte ich es dann mal gut sein lassen! Am nächsten Kreisel drehe ich um und fahre zu dem Camping, der etwas außerhalb vor der Stadt liegt.

jippieh, Spanien!
Die Dame an der Rezeption ist sehr nett, erzählt mir, dass sie gerade ihren Motorradschein macht. Ich bekomme einen nicht so schönen Platz an einer Ecke zwischen lauter Bungalows, es ist auch sehr vll hier, aber das ist heute Abend egal. Nachdem ich das Zelt aufgebaut und geduscht habe, krame ich meine Karten für die weiteren Etappen hervor. Ich gehe runter an den kleinen See neben dem Camping, packe mein Essen aus, das Tagebuch und lege die Straßenkarte vor mich.

Ich bekomme eine Krise, weil ich mich hier einfach gar nicht entscheiden kann, wo ich zuerst hinfahren soll. Alles sieht toll aus! Kleine Straßen, große Straßen, kurvige Straßen... Nehmen wir einfach die grobe Richtung und schaue mal, wo es morgen so hingeht.

Mein geschundener Körper sagt mir deutlich, dass es jetzt Zeit für das Bett ist, ich liege schon um 21 Uhr in den Federn und bin bald eingeschlafen.

16.08.2017 Foix - Andorra - Aréu

Heute also soll es endlich über die Pyrenäen nach Spanien gehen. Der Morgen begrüßte mich wieder mit Grau und Nebel, aber ungefähr 20 km hinter Foix beginnt sich die Brühe langsam aufzulösen und die Sonne kommt heraus. Was nützt es mir, über Berge zu fahren, wenn ich nichts davon sehe?

Áreu, Katalonien
Die Strecke zum Pas de Case in Andorra war zu Beginn ziemlich leer, als ich mich allerdings dem Pass selbst nähere, ist ein riesiger Stau. Zuerst verstehe ich nicht, weshalb man hier nicht weiterfährt, mogle mich genervt an den ganzen Wohnmobilen und Autos vorbei, quetsche mich bei Gegenverkehr in Lücken und hoffe, dass mir in den Kehren niemand im Weg herumsteht. Zum Glück sind die Autofahrer kooperativ, niemand versucht, mich zu blockieren oder macht dicht, wenn ich in eine Lücke rutschen muss. Stau am Berg ist echt anstrengend und Schwerstarbeit für die Kupplungshand. Zwischendrin kommt ein kleiner Parkplatz, auf dem ich stoppe, um Fotos zu machen, denn das geht in dem ganzen Chaos natürlich auch nicht. Irgendwann sehe ich den Grund für den Stau, auf der Gegenseite ist ein Auto liegengeblieben und nun muss der Verkehr abwechselnd nach oben und unten an der Engstelle vorbeigeleitet werden. Der Parkplatz an der Shoppingmall kurz vor dem Pass beschert mir dann wieder Momente von Genervtsein, weil sich hier alles lemmingartig in die Läden stürzt, ohne links und rechts zu gucken.

Nach gefühlten Ewigkeiten stehe ich dann auf dem Pass, es ist nicht wirklich warm mit 15 Grad und ziemlich windig, aber man sieht die Berge und ich bin jetzt auf "der anderen Seite"! Ich bin schon ein paar Mal durch Andorra gefahren und wusste, dass mich zwar eine schöne Landschaft, aber auch furchtbarer Verkehr erwarten würde.

Áreu
Nach dem Fotostopp geht es dann wieder Richtung Tal nach Andorra la Vella. Je weiter unten, desto mehr Chaos und desto dickere SUVs, die wie die Verrückten an mir vorbeiziehen, oder später unten im Ort versuchen, mich abzudrängen. Das ist etwas, was mich wirklich nervt! Ich bin kein Roller und ich beanspruche mein Recht auf die gesamte Straßenbreite! Leider passieren mir solche Dinge auch in Deutschland und immer sind es SUV-Fahrer, die meinen, im Kreisverkehr überholen zu können, oder sich an Engstellen auf einmal  neben mich quetschen. An einem schlechten Tag werde ich wohl mal an einer Ampel zutreten, fürchte ich...

An einer Stelle steht ein weißbehandschuhter Polizist auf einem Zebrastreifen und winkt den Verkehr durch. Ich muss kurz anhalten und lächle freundlich aus dem Helm, was der Polizist mit einem erstauntenten aber ebenso freundlichen Lächeln quittiert.

Als ich aus Andorra raus bin, leeren sich die Straßen merklich und ich komme auf die mir schon bekannte N260, passiere einen Aussichtspunkt und halte ein wenig später an einem Parkplatz an. Jetzt ist es wirklich heiß geworden, die Sonne brennt gnadenlos und ich brauche eine Pause. Ich setze mich mit meinem Essen auf die einzige Bank in der prallen Sonne. Aber, hey! Ich bin jetzt auf der spanischen Seite der Pyrenäen!

Blich von der Kirche ins Tal
Ich sitze noch keine 5 Minuten, als eine rote Goldwing mit spanischem Kennzeichen anhält. Der Fahrer parkt, zieht den Helm runter und sein Baguette aus dem Topcase. Dann schaut er mich an, grüßt und fragt, ob ich Spanisch spreche. Ja, tue ich. Und prompt bin ich im ersten spanischen Benzingespräch meines Lebens. Wir unterhalten uns über alles mögliche und er bewundert Conchita, macht mir Komplimente für mein Spanisch, fragt nach dem Kilometerstand, allen möglichen Details und meiner Route. Dann meint er, er würde sich auch gerne eine Twin kaufen und die Goldwing verkaufen. Ich stehe irgendwann von der Bank auf und der Mann ist locker einen Kopf kleiner als ich... nun ja, dann mal viel Spaß mit der Twin, Señor... Wir verabschieden uns und ich fahre weiter in die Berge auf der N260.

In Sort biege ich einfach irgendwohin ab und lande in einem kleinen, idyllischen Seitental. Relativ
Einsamkeit
am Ende des Orts und der geteerten Straße ist ein Campingplatz. Es ist zwar noch relativ früh am Nachmittag, aber ich beschließe spontan, hier mein Zelt aufzuschlagen. Einen Platz zu bekommen, ist kein Problem und bald habe ich mich häuslich eingerichtet.

 Ich mache einen kleinen Spaziergang durch den Ort, und entdecke weiter oben eine alte Kirche. Leider kann man nicht hinein, aber reinschauen geht. Der Boden ist in geometerischen Mustern mit Kieseln belegt, das restliche Gebäude schlicht. Da es dort oben auch schattig ist, sitze ich eine ganze Weile auf der Mauer, esse etwas und genieße die Kühle und die Sicht über das Tal. Urlaubsfeeling pur!

Später gehe ich zum Camping zurück, essse etwas und gehe dann noch etwas weiter die Straße hoch. Es fahren sehr viele Autos nach oben und unten, obwohl die Straße nur noch eine Schotterpiste im Nichts ist, aber weiter oben gibt es wohl noch ein Refugio. So weit laufe ich nicht, denn langsam wird es dunkler und ich habe keine Stirnlampe dabei. Ich kehre um, laufe zum Camping zurück und verziehe mich in mein Zelt.

Fortsetzung folgt...

Kommentare:

  1. "Inzwischen spreche ich ganz passabel Französisch und Spanisch...
    Ich liebe es, so allmählich zu verwildern..."

    ... und, dass DU so gut biken kannst + mit DIR auskommst ;)
    Chonchita liebst, hegst & pflegst...
    sind wohl die besten Vorraussetzungen für solche TOURen !!!

    *Chapeau...wiederSEHRbeeindrucktbin...undaufdieFortsetzung...gibbel*

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    1. Danke Danke :-) Die Fortsetzung wird noch viel spannender *schwört*

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  2. Das ist soooooo schön! Großartiger Bericht! Liebe Grüße
    Gildi

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    1. Danke, Gildi! Die Kirsche hat von unterwegs per whatsapp immer mal VIP-News bekommen, aber ich wollte natürlich nicht alles verraten.

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  3. Ich liebe es, so allmählich zu verwildern, ich liebe, wie sich meine Gedanken mit jedem Kilometer und jedem Tag weiter vom Alltag entfernen, wie ich eintauche in ein anderes Leben in Freiheit und mit der Beschränkung auf das Nötigste. Ich genieße, wie Conchita und ich Eins werden, wie ich immer stärker beginne, mich als Teil der Natur und der Welt zu begreifen, den Wind spüre, die Hitze, die Kälte, den Regen, im Morgennebel allein auf einer kleinen Straße, Schafe am Straßenrand, die Sonne kommt durch die Wolken...

    aaaaaaaaaaaaaaaahhhhhhhhhhhhhhhhhh ich liebe es!!!!!

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