Sonntag, 6. August 2017

Ownworld - Bau Dir Deine Welt, wie sie Dir gefällt...

Ownhome Tiny House Isingen
Letzte Woche bekam ich eine Nachricht von einem meiner Kollegen aus dem Africa-Twin-Forum. Er hatte mein Blog gelesen und dass ich mich für das Thema "Tiny House" interessiere (an dieser Stelle grüße ich meine anonymen Blogleser...).

Bis jetzt kannte ich nur die Tiny Houses in Rheinau, wobei ich die auch noch nicht live gesehen habe, und das Black Forest Tiny House aus Staufen. "Ownhome" war mir neu.

Als ich vor ungefähr 2-3 Jahren zum ersten Mal auf einem amerikanischen Designblog über die Tiny Houses gestolpert bin, hat mich die Idee sofort begeistert. Die sahen immer supergemütlich und total durchdacht aus, und mir gefiel auch der Gedanke der Mobilität eines solchen Häuschens. Überhaupt mal etwas anderes zu wagen, als das übliche Einfamilien- oder Reihenhaus, das ich - von der finanziellen Belastung mal abgesehen - für eine Person völlig überdimensioniert finde, hat mir gefallen.

Deutschland ist, was Tiny Houses betrifft, ein totales Entwicklungsland. In den USA, wo der Trend herkommt, sind sie schon viel verbreiteter. Ok, dort gibt's auch trailer parks und ich denke, dass die Auflagen für permanent bewohnte Gebäude anders und nicht so streng sind, wie hier. Ein mobiles Tiny House in Deutschland permanent zu bewohnen, dürfte nach dem derzeitigen Stand der Dinge sehr schwierig, bis praktisch unmöglich sein.

Nun also schaute ich mir den Link an, den ich bekommen hatte. Praktischerweise war noch am Samstag ein Besichtigungstermin und die Uhrzeit passte ebenfalls.

Isingen ist nicht so weit weg von Freiburg, eigentlich wollte ich dieses Wochenende keine große Tour fahren, aber egal. Ich machte mich Samstagmorgen relativ zeitig auf den Weg, stoppte in Rottweil für ein zweites Frühstück und dann in Glatt beim Wasserschloß, um mir ein Stück von deren gigantischen Kuchen zu genehmigen.

Isingen war rasch gefunden, nach der Adresse fragte ich ein paar Leute, die gerade umzogen. Als ich in den Garten kam, war ich erstmal erstaunt, dass so viele Leute da waren. Irgendwie hatte ich damit gerechnet, praktisch die Einzige zu sein. In meinem Freundeskreis wurde beim Thema "Tiny House" nur mit den Schultern gezuckt, wenn ich es dann erklärt habe, kam als erste "so könnte ich NIE leben, viel zu wenig Platz, da müsste ich ja auf total viel verzichten...!"

Blick nach drinnen
Nun, ich sehe das etwas anders. Ich habe vor ungefähr 6 Jahren damit angefangen, meinen ziemlich umfangreichen Besitz drastisch zu reduzieren. Geschätzt würde ich behaupten, dass ich noch ca. 1/3 dessen besitze, womit ich den vorletzten Umzug bestritten hatte. Ok, da war ein komplettes Arbeitszimmer mit Maschinen und Material dabei, aber der "Privatbesitz" war auch nicht wenig. Bücher, Klamotten, Küchenkram, Deko... und und und! Ich kann mich noch erinnern, dass ich nachts mal aufgewacht bin und das Gefühl hatte, dass der ganze Kram mich erdrückt und ich am liebsten alles sofort rausgeworfen hätte.

Für das 18-qm-Haus hätte ich im Moment immer noch zuviel, das weiß ich. Ich bin gestern Abend heimgekommen und habe mich umgesehen und überlegt, wie ich alles dort verstaut bekommen würde. Da müsste schon nochmal gut die Hälfte aller Sachen weg bzw. durch kleinere, multifunktionale Dinge ersetzt werden.
Das ist schon mal ein Stichwort, Multifunktionalität.

Wenn ich mich in meinem Wohnzimmer umsehe, müsste z. B. die Stereoanlage weg. Man kann Musik über den Rechner laufen lassen, der ja gleichzeitig noch Nachrichtenzentrale, Verwaltungszentrale, Fernseher, Kreativzentrale und und und ist. Gut. Mein Sofa würde sogar in das Haus reinpassen und wäre dann auch Schlafplatz für Gäste. Die Sessel und der Couchtisch müssten allerdings weg. Ebenso die restlichen Regale. Da würden für den Inhalt dann die Einbauten im Haus herhalten.

Bücher kann man durch ebooks ersetzen und das habe ich zum allergrößten Teil bereits getan. Was ist mit Bildbänden? Ganz ehrlich? Wie oft schaut man da rein? Können also auch weg. Schwieriger ist es mit dem Papierkram. Die alte Buchhaltung, 10 Jahre Aufbewahrungspflicht von dem ganzen Schlonz? Das sind halt schon einige Ordner.

Dann wären da noch Kreativmaterial und Maschinen... vor allem letztere... Das Material kann man "projektbezogen" besorgen, die Maschinen sind nunmal nicht klein und wer verleiht schon einen Plotter? Ok, ich könnte in den Laden gehen und mir meine Motive schneiden lassen. Seit ich das nicht mehr professionell mache, benutze ich den Plotter und die Presse praktisch gar nicht mehr. Nähmaschinen... hm... ne, die würde ich nicht weggeben. Meine Malsachen brauchen nicht so viel Platz, Stoffe und Co habe ich sehr weit reduziert und von dem Rest könnte ich mich auch trennen, wenn nötig. Da ist also noch Luft nach oben.

Gehen wir in die Küche: Spülmaschine *seufz* Die gebe ich sehr ungern her, aber es wäre möglich. Ebenso der große Kühlschrank, bei dem ich in der letzten Zeit schon überlegt hatte, ihn durch einen kleineren zu ersetzen. Küchenmaschine habe ich keine, als Single-Use-Gerät gibt es nur ein Waffeleisen, aber das braucht nicht so viel Platz. Geschirr und Gläser kann man weiter reduzieren. Einiges davon ist meist nur bei Parties im Einsatz und da kann man sich auch behelfen. Die Vorratshaltung habe ich eh schon sehr eingeschränkt, also auch kein Problem. Meine Backleidenschaft...? Die Formen lagern im Moment im Backofen und es gäbe keinen Grund, warum das im Tiny House anders sein sollte.

Samba-Treppe
Waschmaschine...?
Das kam mir erst zuhause.
Wo wasche ich in dem Tiny House eigentlich meine Wäsche?
Denn dafür hatte ich nichts entdecken können.
Jedes Mal mit Sack und Pack zum Waschsalon stiefeln?
Handwäsche?
Och nö.
Das habe ich zuletzt Mitte der 80er in meiner ersten Wohnung gemacht, inklusive Jeans von Hand waschen. Wer das schon mal gemacht hat weiß, welche Strafe das ist. Also hier fehlt mir noch die Lösung!

Schauen wir mal ins Schlafzimmer. Hier kann im Grunde nichts wirklich weg. Eine zweite, wärmere oder kühlere Decke und ein zweites Kissen für Gäste. Ok, ich habe auch ein aufblasbares Campingkissen und einen Schlafsack, notfalls kann man das anbieten.

Das Tiny House hat ein recht ausgeklügeltes Wärmespeicher- und Kühlsystem. Im Boden und im Dach lagert Material mit einem Schmelzpunkt von 21 Grad. Es sind zwei Salze, die miteinander reagieren. Wenn das Material schmilzt, nimmt es die Wärme von außen auf und kühlt das Haus, fällt die Temperatur unter 21 Grad, gibt es die gespeicherte Wärme nach innen ab. Also vielleicht braucht man dann nur noch eine Decke für alle Jahreszeiten?

Klamotten habe ich nicht mehr viele, am meisten Platz brauchen die Motorradklamotten und da kann man auch nichts reduzieren. Die Campingsachen brauchen in meinem Schlafzimmer einen Regalboden, da ist alles drin. Meine Schlafsäcke hängen auf einem Bügel auf der Stange, weil es ihnen nicht gut tut, wenn sie das ganze Jahr über im Packsack sind. Die Packtaschen könnte man mit anderen Dingen füllen, die müssten nicht leer herumstehen. Schuhe halten sich bei mir in Grenzen, die könnte ich noch weiter reduzieren, will ich aber nicht. Alles, was da sonst noch rumsteht, könnte weiter aussortiert werden, z. B. habe ich meine Stoffe und einen Teil der Nähsachen umgelagert.

Bleibt noch der Keller: Der ist bei mir eh übersichtlich, es ist ein Doppelregal und da stehen viele leere Ikea-Kisten drin, ein bisschen Zeugs, das noch zum Recyclinghof muss. Der meiste Platz geht für die Motorradsachen drauf, meine Skier sind noch dort und ein bisschen Weihnachtsdeko. Alles überschaubar. Weil ich fürs Motorrad eh eine Garage oder einen trockenen Schuppen bräuchte, könnte das auch alles dort hin. Also: kein Problem!

Hydroponisches Gewächshaus
Wenn ihr Euch fragt, wieviel Stauraum eigentlich wirklich in dem Haus ist, kann ich Euch sagen, dass das Wort "begehbarer Schrank" eine neue Dimension erhalten hat. Der komplette Boden des Hauses ist nämlich Stauraum! Bis auf zwei Fächer, in denen die Batterien für die Solaranlage Platz finden. Der Boden besteht aus quadratischen Paneelen, hinter denen sich Fächer verbergen. Ok, wenn man vergesslich ist, wird das zum Memoryspiel. "Wo war nochmal das Silberbesteck von Erbonkel Gustav?" Man kann natürlich einen Plan aufzeichnen, und die Quadrate und deren Inhalt eintragen, oder einfach Gedächtnistraining machen.

Apropos. Wir werden ja alle älter und Körper und Geist lassen nach.  Der Schlafbereich befindet sich im Tiny House oben, erreichbar durch eine "Sambatreppe". Das muss ich erklären. Eine normale Treppe hat Stufen, die gleich hoch sind, allerdings braucht sie mehr Platz, weil ja eine bestimmte Stufenhöhe nötig ist, um bequem zu sein. Bestimmt seid ihr schon mal irgendwelche alten Kirchenstufen hochgelaufen, oder in einem alten Haus Holzstiegen, die ungleich hoch, oder steiler als gewohnt waren. Nicht bequem, oder? Im Tiny House gibt es eine Treppe mit versetzten Stufen, das spart Platz, ist aber erstmal ungewohnt. Auf die Frage, wie denn das im Alter wäre, meinte Klemens, der die Führung gemacht hat: "Mit den Sinnen ist es so: use it, or lose it! Da zweimal am Tag rauf und runter ist das beste Training, das ihr haben könnt!"

Ich habe vor einiger Zeit einen Artikel über ältere bis alte Leute gelesen, die in USA in Tiny Houses leben. Eine Dame ist dabei, die im Rollstuhl sitzt. Sie hat sich eine Rampe zu ihrem Haus gebaut und zieht sich mit Flaschenzug in einem Klettergeschirr nach oben. Klar, das ist alles "unbequem" und ungewohnt, aber mal ganz ehrlich: Die Bequemlichkeit ist doch das, was uns verweichlichen lässt und "alt" macht. Wenn wir uns mit unserem Leben wirklich beschäftigen müssen, weil eben nicht alles automatisiert ist, hält uns das lebendig und jung. Sollten wir uns nicht generell Fragen stellen über unser bequemes "gewohntes" Leben? Wie oft jammern wir, weil alles nur noch Routine ist, weil unser Leben langweilig geworden ist, keine Abenteuer mehr bietet?

Ich möchte das Leben im Tiny House nicht glorifizieren, da ich selbst keine Erfahrungen damit habe. Die Vorstellung, auf einer Parzelle mit anderen zu leben, die ähnlich denken und mit denen ich in Kontakt bin, wenn ich das möchte, aber auch für mich sein kann, wenn ich das will, finde ich toll. Nach den vielen Jahrzehnten der Vereinzelung, dem Zerfall der Familiensysteme scheint es nun einen Trend in die andere Richtung zu geben. Ich kenne viele Menschen, die sich auch vorstellen könnten, in einer Gemeinschaft zu leben, aber eben nicht dauernd jemand um sich zu haben. Vielleicht sind Tiny Houses eine Möglichkeit, das finanzierbar umzusetzen?

Hier sind wir an einem anderen Punkt, dem lieben Geld. Nicht jeder hat mal eben 60.000 € für das
Blick von der anderen Seite
fertige Haus plus X für ein erschlossenes Grundstück in der Portokasse. Klar, der Grundbausatz ist mit um die 15.000 € günstig, aber der Rest...? Natürlich kostet ein solches Häuschen sehr viel weniger als das oben genannte Einfamilienhaus, aber ich müsste dennoch einen ziemlichen Kredit aufnehmen, um mir das leisten zu können, wenn noch ein Grundstück im Regiokartenbereich um Freiburg dazu käme. Sagen wir mal, das Grundstück wäre höchstwahrscheinlich teurer als das Haus selbst und die Gesamtbelastung für alles für mich nicht machbar.

Da sind wir an einem anderen Punkt: Im Moment ist das Tiny House Movement etwas für - polemisch gesagt - Besserverdienerakademiker. Die Familie mit kleinem Einkommen, die Singleperson mit kleinem Einkommen, Rentner mit kleiner Rente... sie alle sind da außen vor. Mal davon ab, dass man sich - wären Tiny House Parks im größeren Stil geplant - auch über den Flächenverbrauch Gedanken machen müsste. Klar, auf einem 300 qm-Grundstück, wo heute ein Reihenhaus steht, könnten theoretisch 3 Tiny Houses stehen, aber eine Lösung "für alle" ist das sicherlich nicht, zumindest nicht in einem städtischen Ballungsgebiet. Vorstellen kann ich es mir gut im ländlicheren Raum, oder in Mischgebieten als quasi "Dorf in der Stadt". Allerdings fürchte ich, dass es in einer Stadt wie Freiburg wieder das "übliche" Klientel anzieht, mit dem ich mich nicht identifizieren kann.Sorry, Vauban-Besserverdiener-Ökogutmenschen, mit Euch mag ich nicht zusammenleben :-)

Da das ganze Thema in Deutschland noch viel Entwicklungspotenzial hat, wird sich sicherlich noch einiges in diesem Bereich tun. Ich selbst bin gestern sehr inspiriert und begeistert nach Hause gekommen. Mir hat gefallen, wie durchdacht das Haus ist, sei es in punkto Energie, Stauraum oder Wohngefühl. Für meinen eigenen "Wohntraum" wird sicherlich etwas Zeit ins Land ziehen, einerseits fehlen mir Ähnlichgesinnte, andererseits habe ich mich noch nicht für etwas 100% entschieden. Zu dem Tiny House als solches hat mein Gefühl definitiv "Ja!" gesagt. Als nächstes möchte ich jedoch nach meinem Urlaub eins von den Häusern in Rheinau ausprobieren, die kann man für ein Wochenende mieten.

Insgesamt gibt es von mir ein großes "Daumen hoch!" für ownhome/ownworld, ich bin gespannt, wie es dort weitergeht.

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Soeben habe ich eine Mail von Klemens bekommen, der mir einige der Fragen beantwortet hat, die noch offen geblieben sind:
Nein, ich möchte natürlich nicht mit der Hand meine Wäsche waschen ;-(( aber mit dem Fuß ;-))) hahaha, manchmal mache ich auch keine Scherze. Schau mal, die habe ich mir vor über einem Jahr bestellt und sie sollte bis Ende des Jahres geliefert werden. https://www.gadget-rausch.de/2015/11/12/drumi-fuss-betriebene-waschmaschine-ohne-strom/
Außerdem ist es natürlich möglich, eine ganz "normale" Waschmaschine zu nutzen. Im Idealfall teilt man sich diese mit anderen Bewohnern aus der Tiny-House-Gemeinschaft. Wenn mehrere Häuschen zusammenstehen, dann kann man auch das Thema eines gemeinsames Ateliers umsetzen bzw. einen Raum für Hobby-, Bastel- oder Nähaktivitäten.

Auch bei der Finanzierung ist das limitierende Element weniger der Preis als unsere Fantasie. Ich gehe davon aus, dass es möglich ist Gemeinden von der Idee einer zukunftsfähigen ownhome-Siedlung zu begeistern. Den Grund und Boden sollte die Gemeinde zur Verfügung stellen, der bleibt dann Allmende (Gemeingut oder Common), was sowieso viel passender für die Idee ist. Bei der Finanzierung selbst kann es dann auch ganz unterschiedliche Lösungsansätze geben so dass nicht jeder Einzelne die komplette Summe aufbringen oder sie sich bei einer "verbrecherischen" Bank ausleihen muss. Entweder über die Gründung eines Vereins oder einer Genossenschaft. Die Summe kann dann monatlich zurückbezahlt werden und müsste sicher nicht die Höhe der aktuellen Miete + Strom + Wasser übersteigen. Nach einigen Jahren wäre man dann der Besitzer der kleinen Villa und hätte dann fast keine monatlichen Ausgaben mehr. Wenn wir wissen was wir wollen, dann können wir auch Lösungen dafür finden oder entwickeln, davon bin ich überzeugt.