Montag, 31. Juli 2017

Herz am Montag - Mit der Kirche ums Dorf auf der Ostalb und im Fränkischen

Lustig ist das Zigeunerleben, faria, faria, ho.
Brauchen dem Kaiser kein Zins zu geben, faria, faria, ho.
Lustig ist es im Grünen Wald, wo des Zigeuners Aufenthalt…
Vorletzte Woche bin ich zufällig auf einen Artikel über das erste deutsche Earthship gestoßen. Ich
Ein glückliches Motorrad!
denke seit einiger Zeit darüber nach, meine Wohnform zu verändern, wenn ich meine Idee Anfang nächsten Jahres noch gut finde, werde ich sie vorantreiben. Seit längerer Zeit lese ich mit wachsender Begeisterung alles zum Thema "Tiny House" und auch viel über Menschen, die "anders" leben und ihr voriges Leben in Frage stellen. Ich stelle nicht so viel in Frage, aber ich merke, dass vieles, womit ich mich jetzt auseinandersetze, die logische Folge von den Entwicklungen der letzten Jahre ist. Ich habe viel losgelassen und mich von vielem auf der materiellen und emotionalen Ebene befreit.

Nun, vielleicht sollte ich noch kurz erklären, was ein "Earthship" ist. Ein Earthship ist ein autarkes Haus, das aus Recyclingmaterial besteht. In vielen Ländern gibt es bereits welche, und nun eben auch hier in Deutschland. Bei "Tempelhof" dachte ich als erstes "Na klar, Berlin, wo sonst?!" Aber ein Klick auf den Link belehrte mich eines besseren. Die Gemeinschaft Tempelhof befindet sich in der Nähe von Crailsheim, im Fränkischen. Das machte es natürlich interessant als potenzielles Tourziel. Ich schrieb am Freitag ganz spontan dort hin, da ich gesehen hatte, dass am 6. August eine Führung sein würde, da das aber leider ein Sonntag ist und die Führung nachmittags stattfindet, hoffte ich auf eine Tofu-Extrawurst für mich.

Badhaus Kloster Blaubeuren
Donnerstag auf Freitag hatte es ziemlich geregnet, meine Tasche und der Campingkram standen aber schon bereit, denn laut Wetterbericht sollte es schön werden. Nun, der Freitagmorgen begrüßte mich mit Niesel und Grau. Aber gut, der Tag hat ja noch ein paar Stunden. Mittags, als ich von der Arbeit kam, hatte das schlechte Wetter sich bereits verzogen und nach einem hektischen, knappen Mittagssnack holte ich die frisch bekerzte Conchita aus dem Stall und sattelte auf.

Krauchenwies hatte ich mir als Zwischenstopp ausgesucht und fuhr nun recht flott über den Schwarzwald Richtung Baar. Am frühen Abend erreichte ich den Campingplatz an den Ablacher Seen. Mir wurde gesagt, dass ich mir einen Platz auf der Zeltwiese aussuchen sollte. Ah, wunderbar, ich bin ganz allein auf der Wiese! Als ich dabei bin, mein Zelt aufzubauen, kommt eine Frau und fragt mich, ob ich da aufbauen dürfte. hm, das ist die Zeltwiese, weshalb denn nicht? Ja, morgen Abend sei da eine Veranstaltung. Morgen bin ich aber schon über alle Berge... sollte also kein Problem sein?! Ich richte mich häuslich ein und will gerade in meine normalen Klamotten steigen, als ein junger Mann ankommt. Ne, also ich dürfte da nicht zelten, weil da sei morgen eine Veranstaltung, ich müsste zum anderen Ende vom Camping und dort auf der "Wiese" mein Zelt aufschlagen. Etwas genervt schleppe ich alles mögliche in meiner Tasche durch die Hitze, danach schleife ich das aufgebaute Zelt nach hinten und hole Conchita.


Kloster Blaubeuren
Endlich ist alles verstaut, ich habe mich umgezogen und gehe erstmal duschen. So versorgt werfe ich meinen Waschbeutel und die schmutzigen Klamotten ins Zelt und mache mich auf den Weg in den Ort. Ich habe Hunger und möchte außerdem schauen, ob es ein Café gibt, in dem ich frühstücken kann. Ein
Café ist schnell gefunden, Öffnungszeiten Samstag ab 6 Uhr, perfekt! Gegenüber ist ein türkischer Imbiss mit Pizza und Kebap, auch super. Ich bestelle eine Pide mit Spinat und Käse und bekomme bald eine riesige Portion. puh, Motorradfahren macht hungrig und das Essen ist problemlos rasch in meinem Magen verstaut. Jetzt setzt die Müdigkeit ein. Ich gehe noch ein wenig an dem See spazieren, gegenüber spielt eine Blaskapelle, die Haubentaucher tauchen und einige Leute führen ihre Hunde aus.

Ich mache mich auf den Weg zurück zum Campingplatz und beschließe, den Tag ausklingen zu lassen. Als ich zurückkomme, stehen neben mir ein Pavillion mit Stühlen drunter und ein weiteres Zelt, es läuft beste "Ballermannmusik".

Mehrere junge Leute diskutieren herum, offenbar wollen sie grillen, außerdem muss das Toilettenpapier noch gerecht verteilt werden, dito die Küchenrollen, es muss überlegt werden, wie man das Feuer in Gang bekommt und ob es mich vielleicht stören könnte. Einer der Jungs meinte "Na, das wird DEN schon nicht stören!" Darauf das einzige Mädel in der Gruppe "Des ist ne DIE! Die ist vorhin bei 'Damen' aufs Klo!" "oh!" Ich liege in meinem Zelt und grinse mir eins. Schon immer spannend, wie frau wahrgenommen wird, wenn sie mit dem Motorrad unterwegs ist... Leider sind die jungen Leute ziemlich lärmig und kommentieren jeden Furz und Feuerstein. Ich bin so müde, dass ich irgendwann trotzdem einschlafe.

Rostige Herzen
Irgendwann wache ich wieder auf, es ist jetzt dunkel, aber die Party immer noch im Gange. *seufz* Ich überlege, ob ich etwas sagen soll, denn offenbar sind außer dieser Gruppe keine anderen Menschen mehr wach. Die Diskussionen haben sich jetzt vom Toilettenpapier zur Biermenge verschoben und darüber, ob Tänk auf dem Klo ist oder nicht, ob Tiere die Essenreste holen werden, wenn man den Grill nicht in das Vorzelt stellt, oder nicht und ob man die Luftmatratze noch weiter aufpumpen muss, oder nicht. Mit einer Mischung aus Faszination und Genervtheit höre ich den weitgehend sinnfreien Dialogen zu. Morgen früh sollte ich eigentlich mit einem lauten Kavaliersstart vom Platz donnern...

Am nächsten Morgen bin ich mit dem Morgengrauen wach, gegen halb sieben schäle ich mich aus dem Schlafsack und fange an, meine Sachen zusammenzuräumen. Um zwanzig vor acht stehe ich an der Rezeption und stelle fest, dass die erst um acht Uhr dreißig aufmacht. Ne, keine Lust zu warten, auch wenn mich das fünf Euro Schlüsselpfand kostet. Ich will weiter, die Kühle des Morgens und die noch weitgehend freien Straßen genießen! Also werfe ich den Schlüssel für die Sanitäranlagen ein und fahre ins Dorf zum Café.

Das Café bietet einige Frühstücke zur Auswahl und es ist schon ganz gut was los. Meine Frage an die
Historische Hammerschmiede Blaubeuren
Dame, die gerade Brötchen belegt, ob ich das Frühstück an der Theke vorne oder bei ihr bestellt wird mit einem knappen und genervten "Hier! Aber erst da!" beantwortet, bevor sie zu ihrer Kollegin verschwindet und die Schlange bedient, die sich gebildet hat. Nach einer Weile kommt sie dann zu mir und nimmt wieder recht genervt meine Bestellung auf. Ich bekomme schon mal meinen Kaffee und einen Piepser. Da draußen leider alle Stühle noch verschnürt sind, setze ich mich drinnen an einen Tisch und freue mich auf den Tag, der vor mir liegt. Als der Piepser piept und ich mein wirklich tolles und üppiges Frühstück entgegen nehme, wage ich es noch, nach Besteck zu fragen. Es sollte der Dame ja klar sein, dass ich nicht jeden Tag in das Café komme, aber als Antwort bekomme ich ein reichlich pampiges "Schauen Sie DA gegenüber!" Wie konnte ich es nur wagen, die Bestecktheke zu übersehen...? Nun ja. Jetzt genieße ich erstmal das Frühstück, das ebenso perfekt ist, wie sich der Morgen anlässt. Ich vertilge alles bis auf den letzten Krümel und so gestärkt kann es losgehen.

Bald sind Conchita und ich unterwegs und wir cruisen entspannt durch die Landschaft, vorbei
an Tälern, Felsen, landauf, landab. Ich mache mir unterwegs geistige Notizen, wo ich am Sonntag einen Umweg von der großen Bundesstraße fahren werde, vor allem, als wir am Biosphärenreservat Schwäbische Alb vorbeikommen. Am späten Vormittag mache ich einen Stopp in Blaubeuren. Ich war in den 90ern mal mit dem Rad dort und wir haben damals auch den Blautopf besichtigt. Ein Parkplatz ist rasch gefunden und ich mache mich bestens gelaunt auf den Weg Richtung Altstadt und Blautopf. Noch ist hier alles leer und noch sind die Temperaturen in Ordnung. Der Blautopf präsentiert sich heute zwar eher grün als blau, aber es ist eine schöne Stimmung und ich mache einige Fotos von der Mühle, dem Wasser und den Spiegelungen. Auf der Terrasse am Café neben dem Blautopf genehmige ich mir noch eine Erfrischung, denn so langsam wird es ziemlich warm. Bald sind Conchita und ich wieder auf der Piste und fahren weiter.

Unser nächster Stopp führt uns nach Ellwangen. Hier war ich - wie im Rest der Gegend ab Blaubeuren - noch nie. Ich kenne den Ort nur vom Durchfahren mit der Bahn, wenn ich nach Nürnberg gefahren bin.

Aber bevor wir in die Altstadt reinfahren können, stehe ich an einer Abzweigung an einer Ampel und warte.
Blautopf
Und warte.
Und warte.
Und... warte...

Als nach dem x-ten Durchlauf der anderen Ampeln immer noch kein Grün kommt, fahre ich geradeaus weiter. Scheinbar war die Kontaktschleife vor der Ampel nicht motorradfreundlich. Ich fahre aus Ellwangen raus. An einer Stelle kommt eine Abzweigung nach links zum Schloß und ich biege kurzerhand hier ab. Wo Schloß, da Altstadt, da Café! So langsam könnte mal wieder eine Stärkung und eine Pause sein. Das Fahren und die Temperaturen zehren an der Konzentration.

Ich finde sehr schnell einen Parkplatz, da es nach zwölf ist, kostet er mich auch nichts. Es ist inzwischen ordentlich heiß, praktischerweise kommt um die nächste Ecke gleich ein
Café in einem lauschigen Hof und ich ergattere einen Schattenplatz. puh, ich bin schon etwas platt jetzt, Hängematte wäre nicht schlecht...

Nach einem Eiskaffee und einem großen, kalten Glas Wasser sieht die Welt schon anders aus. Die
Blautopf in Blau
Kuchen im Café drinnen duften verführerisch, als ich zur Toilette gehe. Überhaupt ist das hier mal wieder ein zufälliger Glücksgriff, wie öfter unterwegs.

Gestärkt schlendere ich ein wenig herum, mache Fotos und dann geht es weiter. Eigentlich wollte ich hier erst einen Campingplatz ansteuern, alles abwerfen und dann weiter, aber ich habe keine Karte von der Gegend. Meine Karte hat schon in Aalen aufgehört, ab jetzt fahre ich praktisch blind, mit Notizzettel und dem, was ich von der Strecke im Kopf behalten habe. Im Café hatte ich noch auf google-maps geschaut, wo der Camping ist, aber dann fahren wir wohl doch versehentlich vorbei. Egal! Dann eben erst nach Kreßberg und danach auf den Camping!

Wir fahren weiter Richtung Crailsheim und ich komme durch die Orte auf meinem Zettel, allerdings kommt ein ganz bestimmter nicht. Die Umleitungen helfen auch nicht wirklich weiter. Auf einem Aldiparkplatz sehe ich nochmal nach. So ganz falsch war ich nicht, aber Kreßberg taucht auf keinem Schild auf. So kurve ich hin und her und auf und ab. Ne. Also das kann es echt nicht sein! Leider ist das Netz unterwegs so schlecht, dass ich die Anfahrtsbeschreibung von Schloß Tempelhof nicht geöffnet bekomme. Ich fühle mich ein bisschen wie der junge Amerikaner in Neil Gaimans Kurzgeschichte "Shoggoth's Old Peculiar"*, der nichtsahnend in einem seltsamen Ort in eine noch seltsamere Kneipe stolpert und am nächsten Morgen sieht, dass die Seite über den Ort aus seinem Reiseführer gerissen wurde. Seine späteren Recherchen ergeben, dass es den Ort wohl gar nicht gibt. Zumindest nicht offiziell...
Marktplatz Ellwangen

Die Mails, die ich wegen einer Besichtigung des Earthships ausgetauscht hatte, klangen jetzt auch
nicht so toll, als dass ich um jeden Preis dort hinfahren müsste. Ich könnte das Gebäude nur von der Straße aus ansehen, es sei Privatgelände und man dürfte nicht einfach so drumherum laufen. Hm. Kann ich ja verstehen, zumal es so klingt, als ob sie gerade überrannt werden von Anfragen und Leuten. Da ich jetzt doch müde werde, drehe ich um und suche nach dem Campingplatz. Morgen ist auch noch ein Tag und wenn nicht, dann nicht! Dann lieber mal in einem anderen Kontext ein ganzes Wochenende mit Führung dort verbringen!

Der Campingplatz ist recht fix gefunden, aber ich habe Pech. Es ist alles belegt. Ich soll es doch nebenan versuchen. Hm, ne! Wir fahren noch ein Stück nach Ellwangen zurück. Ich steuere den dortigen Platz an, ärgere mich ein wenig über den saftigen Preis (20 Euro!), aber es hilft ja nichts. Ich bin müde und es reicht jetzt mit dem Gefahre für heute. Bald steht mein Zelt, Conchita ist abgesattelt, ich dusche, knabbere Studentenfutter und verziehe mich bald. Heute habe ich zwar wieder etwas lautere Zeltnachbarn, aber die Geschichten, die sich die drei jungen Mädels erzählen, sind zumindest amüsant. Ich grinse, weil sich zwischen 20 und 51 wohl in manchen Dingen gar nichts ändert. Bald bin ich eingeschlafen und verbringe eine gemütliche und störungsfreie Nacht.
Marktplatz Ellwangen

Am Morgen bin ich wieder vor sieben wach und packe recht flott. Wir sind wieder vor acht auf der Straße und ich möchte möglichst weit kommen, ohne in den Sonntags-Ausflugsverkehr zu geraten. Heute geht es erstmal ohne Kaffee und Frühstück los. Ich fahre eine leichte andere Strecke als auf dem Hinweg und werde mit weitgehend leeren Straßen belohnt. Zwischen Geislingen und Bad Ditzenbach komme ich durch ein schönes Tal, das an einer Stelle leider gerade total durch eine Bahnbaustelle verschandelt wird. Ich darüber nach, dass das wahrscheinlich irgendwann mit großem Aufwand und für viel Geld wieder "renaturiert" wird. Genau nebenan ist dann das Biosphärenreservat... hm...

Vor Zwiefalten kurve ich noch durch das Große Lautertal und genieße die Landschaft. Aber jetzt merke ich doch, dass ich etwas zu essen und eine Pause brauche. Vor etlichen Jahren war ich mit der CBF schon einmal in der Gegend unterwegs und erinnere mich an ein Café, das direkt auf dem Marktplatz ist. Ich komme um eine Kurve und richtig! Hier stehen schon etliche andere Motorräder, ich parke Conchita und steige etwas o-beinig ab. Cowgirl-Feeling vom Feinsten. Ich lasse mich mit Kaffee, Käseseele und Croissant in einen Stuhl unter einem Sonnenschirm fallen. Das ist schon besser! Es ist mal wieder großes Schaulaufen und -fahren angesagt. Lauter fein geputzte Motorräder und saubere Menschen in sauberen Kombis. Zumindest sieht es auf den ersten Blick so aus. Dazwischen ich, verschwitzt, strubbelig in einer dreckigen Kombi, mit einem schrömmeligen, bepackten, alten Dampfer...

Das Glas Rotwein und der fiese Keksmann
Ich mag dieses Zigeunerleben, die Eindrücke unterwegs. Mein Kopf schaltet irgendwann alle Gedanken an den Alltag ab und es läuft irgendeine Musik. Manchmal sind es grausige Ohrwürmer, manchmal andere Lieder. Nach einigen Stunden erscheint dann meine eigene Melodie in Variation. Ich singe und pfeife oft unter dem Helm, es ist schon erstaunlich, was der Kopf so alles zutage fördert, wenn der ganze Alltagskram verschwunden ist. Das ist mir auch in Norwegen aufgefallen. An manchen Tagen komponiert mein Gehirn ganze Symphonien, nur um sie am nächsten Tag komplett vergessen zu haben. Außen Moped und Landschaft, innen Musik, das ist bestes Unterhaltungsprogramm.

Hinter Zwiefalten geht es bald in bekanntes Terrain. Ich cruise noch etwas herum und beschließe, meine Tour mit dem genialen Käsekuchen in Bräunlingen ausklingen zu lassen. Auf der Baar war es noch sonnig, aber Richtung Schwarzwald sieht es doch finster aus. Ich habe keine Lust, am Ende noch in ein Gewitter zu geraten. Nachdem ich meinen Kuchen gegen die Wespen verteidigt habe, fahre ich nach einem kurzen Schauer zügig nach Freiburg zurück.

Das war mal wieder ein schönes Wochenende, auch wenn ich das "Endziel" nicht erreicht habe. Was nicht ist, kann ja noch werden!

Mehr Herzen gibt es bei den Fredissimas.

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*Die Geschichte ist eine Anspielung auf "Shadow over Innsmouth" von H. P. Lovecraft. Ich bin ein totaler Trashliteratur-Nerd, ich weiß :-D








Montag, 17. Juli 2017

Herz am Montag - Waldbrettspiel im Einsatz

Donautal bei Beuron
Trotz eher suboptiomalen Wetters am Freitag bin ich am späten Nachmittag doch noch aufgebrochen. Ich hatte diesmal überhaupt nichts geplant, sondern wollte einfach dorthin fahren, wo es gerade nicht regnet. Als erstes sah es nach Norden gut aus, aber bei genauerem Hinsehen war es doch grau, weshalb ich Conchitas Nase auf die übliche Hausstrecke die Spirzen hoch drehte. Nach dem Motto "erstmal hoch und schauen, wie es oben aussieht".

Oben beschloss ich dann kurzerhand weiter Richtung Osten zu fahren und mich grob in den Hegau zu orientieren. Ich war ziemlich schnell in Engen, entschied mich aber wieder um, weil ich da schon so oft war... Also Richtung Tuttlingen weiter und ins Donautal, da wird schon ein Camping kommen und wenn nicht, kenne ich in Fridingen ein Bikerhotel. Tja, in Fridingen war das Hotel zu und ich fuhr weiter nach Beuron. Immer noch kein Camping weit und breit, die Sonne nähert sich langsam dem Horizont.

Drehen wir halt wieder und fahren Richtung Westen zurück, notfalls doch wieder heim und morgen frisch erholt los. Immerhin bin ich seit vor 6 auf den Beinen und sitze jetzt auch schon wieder mehrere Stunden im Sattel. Kurz vor Donaueschingen finde ich in Pfohren einen Campingplatz. Das hätte ich auch einfach haben können!

Also jetzt fix das Zelt aufbauen, bisschen was trinken und essen und dann krieche ich auch schon platt in den leider zu dünnen Sommerschlafsack. Mit drei Schichten Merino, Seideninlet, Reisedecke und Mopedjacke ist die Nacht dann doch angenehm und auf dem Zeltplatz kehrt früh Ruhe ein.

Am nächsten Morgen krieche ich zeitig aus dem Schlafsack, dusche ausführlich und sattle Conchita mit ungewissem Ziel. Grob Richtung Donautal und dann mal schauen, das ist der Plan. Oder halt da, wo das Wetter gut aussieht. Es ist recht frisch und der Entschluss, nur mit T-Shirt und den Sommerhandschuhen zu fahren, ist in den ersten Stunden nicht so toll. In Fridingen entdecke ich eine Bäckerei und mache Halt, um zu frühstücken. Ich habe ja schon letztes Jahr im Urlaub beschlossen, kein Kochgeraffel mehr mitzuschleppen und schon gar nicht für ein Wochenende. Einen Kaffee und irgendwas zu essen treibt man immer wo auf.

Also rein in die Bäckerei.
Auf meine Frage, ob sie Frühstück haben, sieht mich die Dame ratlos an und meint, ich könnte mir was aus der Theke bestellen.
Ok.
Ich bestelle einen Milchkaffee und dann hätte ich gerne ein belegtes Baguettebrötchen mit Camembert.
Ja, ne, Camembert ist nicht, ich kann ein Brötchen mit Salami und Camembert haben.
Nein, das möchte ich nicht.
Wir diskutieren hin und her, bis der Dame einfällt, dass sie ja anderen Käse hat, den sie mir aufs Brot legen könnte.
Na bitte, geht doch!

Während ich auf mein Brötchen warte, kommen mehrere Leute in die Bäckerei. Zwei Schweizer Radfahrer bestellen auch Frühstück und ich bin sehr gespannt, was jetzt kommt. Aha, offenbar ist inzwischen der Groschen gefallen und man kann hier also auch Butter bekommen und sich sein Brot selbst machen.... ich kaue derweil auf meiner Laugenstange und trinke meinen Kaffee.

Wegezoll an der historischen Brücke Beuron
Besonders organisiert ist die Dame hinter der Theke nicht, ich sehe imaginäre Schweißperlen auf ihrer Stirn, als der Laden auf einmal schlagartig voller wird. Nun ja, lasse ich sie mal machen und warte mit dem Zahlen, bis sie mit allen fertig ist. Ich habe Zeit, der Samstag ist noch jung, es ist vor neun Uhr. Nachdem der Andrang besiegt ist, zahle ich meine beiden Sachen und fahre weiter.

Es ist immer noch reichlich frisch, dafür habe ich die Straße praktisch für mich allein. Bei dem nicht so optimalen Wetter hält sich der Ausflugsverkehr in Grenzen und so kurve ich fröhlich nach Beuron. Hier war ich vor vielen Jahren schon einmal mit der CBF, allerdings war es da heiß und ich hätte gerne die Füße in die Donau gesteckt. Heute gehe ich hoch zum Kloster. Ich lasse die Stille auf mich wirken und gehe in die Klosterkirche. Meine Spiegelreflex lasse ich hier aus, denn das Geklapper vom Spiegel empfinde ich in der Stille störend. Ich lasse die Stille und Kühle auf mich wirken. Hier ist es noch leer, außer mir sind vielleicht noch drei andere Leute im Raum. Einen Moment, als sich mehrere Leute in der Seitenkappelle zum beten niederlassen, ist es wirklich komplett still. Man hört ganz leise das Zwitschern der Vögel draußen. Ich bin nicht religiös, aber ich mag die Stille in Klöstern und Kirchen, das macht mich immer selbst ganz ruhig und bringt mich "zur Besinnung".

Altstadt Engen
Als ich aus der Kirche komme, ist draußen schon ein ganzer Trupp Leute angekommen, die offenbar zu einer Führung in die Kirche gehen. Da habe ich ja nochmal Glück gehabt!

Ich merke in der letzten Zeit immer mehr, wie sehr ich Stille brauche und wie sehr mich Lärm und zuviele Menschen stressen. Das mit dem Lärm klingt ein bisschen paradox, weil das Motorrad auch laut ist, aber wenn ich drauf sitze, ist der innere Lärm komplett verschwunden.

Von Beuron aus fahre ich kreuz und quer zwischen Donautal und Schwäbischer Alb herum. Ich genieße die weitgehend leeren Strecken, die  schöne Landschaft und halte immer ein Auge auf das Wetter gerichtet.

An einer Stelle kommt ein Schild "In 500 m Samstag/Sonntag für Motorräder gesperrt". Ich denke mir, dass ich das Schild einfach mal nicht sehe, notfalls schiebe ich die Streckenwahl auf mein (nicht vorhandenes) Navi und meine mangelende Ortskenntnis. Passt schon! Naja, ich lande dann wirklich auf einer schönen Strecke und zuckele brav hinter den Autos her. Mal sehen, ob mich jemand anhält, rauswinkt, oder die Rennleitung informiert. Am Ende der Strecke ist genau gar nichts passiert und ich kurve fröhlich weiter der Nase nach.

Auf dem Witthoh
Richtung Albstadt sieht es sehr finster aus, weshalb ich Conchita wieder Richtung Beuron leite. Dort werde ich Pause machen und die Karte konsultieren, wo wir danach hinfahren wollen. In Beuron esse ich die interessantesten vegetarischen Maultaschen meines Lebens (frittiert...) in Kombination mit Kartoffelsalat. Ja, kann man essen, muss man aber nicht. Da ich Hunger habe, esse ich alles ratzeputz auf. Bald sind Conchita und ich wieder unterwegs, diesmal Richtung Hegau.

Der Tag ist noch jung und weiter Richtung Alb sieht das Wetter nicht so prall aus. Gegen späteren Nachmittag sitze ich im Café Huber und lasse mir einen noch warmen Johannisbeerkuchen und einen Chai Latte schmecken. Inzwischen ist auch die Sonne richtig rausgekommen und ich beschließe, nochmal auf den Witthoh zu fahren, um dort ein paar Bilder zu machen. Oben angekommen verspreche ich Conchita, im Herbst nochmal herzukommen und in dem gemütlichen Gasthof zu schlafen, diesmal mit Planung und Organisation!
Donauversickerung

Nach dem Witthoh zirkeln wir weiter auf und ab und ich lenke unsere Tour zur Donauversickerung (richtig heißt es "Donauversinkung") bei Immendingen. Hier bin ich schon ein paar Mal vorbeigekommen, habe aber nie gestoppt.

Heute ändere ich das!

Ich parke Conchita und laufe die paar Schritte nach unten zum Flussbett. "Premium-Weg" steht auf dem Schild, soll heißen, dass hier wirklich jeder runterkommt. Bald stehe ich unten im Flußbett. Das ist schon ein interessantes Gefühl, hier auf dem Grund der Donau zu stehen und keine naßen Füße zu bekommen! Die Donau führt an dieser Stelle hauptsächlich im Winter Wasser. Ein Schild klärt über die Wasserstreitigkeiten zwischen verschiedenen Gemeinden auf. Ich laufe ein ganzes Stück im Flußbett entlang, treffe aber neben üppiger Vegetation hauptsächlich auf gefräßige Mücken.


Der Donau auf den Grund gehen...
Eine kleine Stimme in mir sagte "Wow, Singletrail! Flußdurchfahrt!" Während eine andere der kleinen Stimme auf die Finger klopft und sagt "Gib nicht so an, würdest Du mit der Twin nie machen!". Was ja auch stimmt. Ich genieße die Stimmung und den kleinen Spaziergang. Heute zahlt es sich aus, dass es nicht so heiß ist und ich nicht wie Darth Vader durch die Vegetation stampfe und dabei schnorchend in meinen Helm atme.

An der Stelle der Furt sind ein paar große Steine aufgeschichtet, ich denke, dass sie da sicherlich aus dem oben genannten Grund liegen (wilde Enduristen...). Hier sind einige Schmetterlinge, die an der verbliebenen feuchten Stelle trinken. Ich setze mich in die Sonne und schaue ihnen zu.

Waldbrettspiel beim trinken
Nach einer Weile gesellt sich noch ein größerer, brauner Schmetterling dazu. Weil ausgerechnet jetzt ein Radfahrer durch das Flußbett fährt, fliegen die Schmetterlinge davon. Ich warte eine Weile und halte die Kamera im Anschlag. Der große, braune Schmetterling lässt sich von mir nicht stören und ich kann ihn ganz in Ruhe beim trinken fotografieren. Und wie es so will hat er zwei hübsche Herzen auf seinen Flügeln.

Ich sitze eine ganze Weile hier und schaue den Schmetterlingen zu, genieße die Sonne und dass ich an diesem Tag schon wahnsinnig viel gesehen habe, aber trotzdem noch Zeit zum trödeln ist.

Nach einer Weile beschließe ich, den Tag nun ausklingen zu lassen und fahre zum Campingplatz zurück. Nachdem ich mich halbwegs präsentabel gemacht habe, gehe ich mit meiner Kamera bewaffnet noch eine Weile spazieren.

Es ist doch schon richtig Hochsommer, die Zeit rennt dahin! Das Getreide reift schon und auf einer
Wiese sehe ich eine riesige Gruppe Gänse, die sich zum schlafen versammeln. Die werden hoffentlich noch nicht wegziehen!?! Bald werde ich müde und mit Sonnenuntergang verziehe ich mich in mein Zelt.

Nach einer recht unruhigen und kühlen Nacht packe ich früh meine Sachen und bin schon vor acht Uhr wieder on the road. Ich liebe es, sonntags so früh unterwegs zu sein, denn da sind die Straßen leer, die Luft ist frisch und der Tag fühlt sich herrlich unverbraucht an.

Was tun? Noch ein bisschen herumfahren, oder nach Hause? In Bräunlingen frühstücke ich und ziehe dann noch ein paar Kreise, bevor ich Conchita nach Hause lenke. Um 11:30 bin ich - lange vor den Sonntagsfahrern - zuhause, das Zelt liegt zum trocknen auf dem Balkon und ich koche mir einen Tee, sortiere Fotos und Eindrücke.

Mehr Herzen gibt es bei den Fredissimas.