Freitag, 15. September 2017

Through the desert on a horse with a name - Unterwegs in Spanien Teil 5

24.08.2017 Cabuérniga - Fuente Dé - El Molino de Liébana

Heute sollte es in die Picos de Europa gehen. Als ich von Cabuérniga starte, ist es noch taufeucht und grau, der Sonnenaufgang ist inzwischen schon ziemlich spät, erst deutlich nach sieben Uhr kommt die Sonne über den Horizont. Mein Zelt ist auch taufeucht und der Himmel immer noch etwas verhangen. Ich folge der Straße nach Cabezón de la Sal, dann weiter nach Unquera. Ich möchte die Straße nach Potes nehmen, um dann in das Seitental nach Fuente Dé zu fahren.

Die N621 hoch nach Potes ist extrem stark befahren. Es wäre eine schöne Motorradstrecke, kurvig und gut zu fahren, aber... Leider hängt auch immer noch der Nebel ziemlich weit unten, so dass ich vom der Desfiladero de Hermida recht wenig sehe. Ab und an erhasche ich Blicke im Rückspiegel, oder auch mal nach oben, wenn sich das Grau etwas hebt. An drei Stellen kann ich kurz anhalten, vom Motorrad steigen und Fotos machen. Ich hoffe sehr, dass es sich lohnt, nach Fuente Dé zu fahren und ich dort mehr als grauen Schwaden sehe.

Desfiladera de Hermida
Kurz vor Sotana habe ich dann endlich mehr Sicht auf die Berge und die sehen schon sehr schön aus. Ich halte an der Straße kurz vor einem Haus auf der rechten Seite.

Als ich Conchita abstelle fängt ein Dackel an, hysterisch zu kläffen, bald gesellt sich noch ein weiterer Hund in den Garten. Eine Frau kommt aus dem Haus und lächelt mich an, beruhigt die Hunde. Ich  sitze bald wieder im Sattel, nur um hinter der nächsten Kurve gleich wieder zu halten, zu großartig sind die Ausblicke, obwohl immer noch die eine oder andere Nebelschwade den freien Blick verwehrt.

Je weiter ich nach oben komme, desto sonniger wird es und desto blauer der Himmel. In Potes quäle ich mich wieder im Schritt-Tempo durch den Ort, aber ab der Abzweigung nach Funte Dé wird es besser. Ich hoffe, dass ich möglichst weit nach oben fahren kann, eine Seilbahn habe ich auf meiner Karte auch entdeckt.

Als ich nach Fuente Dé komme, fahre ich hoch bis zu einem Parkplatz an der Seilbahn, hier ist es aber proppenvoll, so dass ich drehe und nach unten auf den Kundenparkplatz des Parador-Hotels fahre.

So soll das!
Weil ich Hunger und Durst habe und ja auch ein braver "cliente" sein will, bestelle ich mir etwas und setze mich auf die Terrasse. Ganz nebenbei bekomme ich mit, dass alle anderen, die auch auf der Terrasse sitzen, wohl darauf warten, mit der Seilbahn nach oben zu fahren. Das erklärt die Durchsagen, die alle 10 Minuten über den Platz schallen.

Ich habe Urlaub, da ist es mir egal, ob ich warten muss. Es ist gegen Mittag und der Tag wird immer perfekter, das Essen schmeckt und als ich mit allem fertig bin, gehe ich hoch zur Seilbahn. Als ich an der Kasse stehe, sagt mir die Dame, dass ich anderthalb Stunden warten müsste, bis ich nach oben fahren könnte.

Na, ist doch egal, ich habe noch den ganzen Tag vor mir. Also kaufe ich eine Fahrkarte, sehe mich im Souveniershop um, laufe draußen herum, mache Fotos und setze mich irgendwann einfach ins Gras, schaue dem Wolkenspiel zu und wie die Gondeln nach oben und unten fahren. Die anderthalb Stunden sind recht schnell vorbei und meine Nummer wird aufgerufen. Ich stelle mich in den Pulk und freue mich darauf, nach oben zu fahren.

Die Bahn  fährt ziemlich zügig und steil nach oben, um mich herum kommentiere einige Leute das Geschehen nach dem Motto "wenn wir hier runterfallen..." oder "wenn die Bahn jetzt stehenbleibt..." Ich bin schon oft genug mit Seilbahnen
Fuente Dé
unterwegs gewesen, nicht zuletzt mit unserer Schauinslandbahn, so dass mich das alles nicht groß kratzt. Die Gondel taucht auf halber Höhe in die Wolken, aber als wir oben aussteigen, ist es strahlend sonnig und warm. In der Nähe der Bergstation tummeln sich einige Ziegen, die mehr oder weniger zudringlich sind.

Natürlich muss das eine oder andere Selfie mit Ziege gemacht werden... Als zwei Mädchen mit einer Ziege posieren, bin ich versucht, das Handy zu zücken, ebenfalls ein Foto zu machen und mit dem Text "spanische Ziegen" in unsere whatsapp-Gruppe zu posten, halte mich dann aber zurück.

Was ich viel interessanter finde als die Ziegen, sind die Menschen. Da gibt es ganz klar die Wanderer, ein paar Mountainbiker und Spaziergänger. Dann gibt es Leute, die scheinbar Zeit ihres Lebens noch nie jenseits vom Asphalt unterwegs waren. Die Wege dort oben sind breit, eben, leicht geschottert, ab und zu ein paar Steine, hier würde ich sogar ohne mit der Wimper zu zucken mit Conchita herumfahren, wenn ich das dürfte. Diese Leute bewegen sich, als ob sie auf Glatteis laufen würden.

Dann gibt es noch die Interaktionen mit den Ziegen, die völlig gelangweilt und entspannt sind, man
Über dem Nebelmeer
sieht, dass sie Touristen gewohnt sind und sich hier und da Futter erbetteln. Manche nähern sich den Ziegen, als ob sie Raubtiere wären und jeden Moment auf die Menschen springen würden.

Da sie aber auf das Selfie drauf müssen, muss man sich der schwierigen Mutprobe stellen, näher als 3 Meter an die Tiere heranzukommen. Die ganz besonders Mutigen strecken schon mal die Hand aus, um die Ziege für eine Zehntelsekunde zu berühren. Ganz großes Kino!

Diese Momente bringen mich wirklich dazu, an der Menschheit zu zweifeln. Wie weit sind wir weg von der Natur, wenn selbst domestizierte Tiere und ebene, geschotterte Wege schon zur Kategorie "großes Wagnis" zählen? Wenn Kinder nicht in der Lage sind, 500 Meter zu laufen, ohne wie die Walrösser zu schnaufen? Wenn alles nur noch durch das Auge des Smartphones oder der Kamera betrachtet wird?

Um die Bergstation herum ist mir zuviel Rummel. Ich genieße die Ausblicke über das Nebelmeer und laufe ein ganzes Stück weiter in der Sonne.

Wenn ich gewusst hätte, wie das hier oben aussieht, wäre ich mit Wanderkleidung gekomme und vom
Iberische Raubziegen
Berg runtergelaufen. So richtig schwierig sieht das nicht aus und ich wäre noch näher an der Natur gewesen. Ich biege um eine Ecke, wo dann der Abstieg ins Tal beginnen würde. Hier setze ich mich auf ein paar Steine und schaue ins Tal, den Wolken zu, die hier und da zwischen den Bergen hindurchziehen, genieße die Ruhe, den Wind und einen Moment des Alleinseins.

Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass ich jetzt langsam an die Rückfahrt denken sollte, ich muss ja später noch einen Campingplatz suchen. Als ich zur Station zurückkomme ist klar, dass ich hier sicherlich eine Weile warten muss. Inzwischen ist der Nebel höher gezogen und wo ich vorhin noch in der Sonne stand, ist jetzt alles grau.

Ich hole mir eine Nummer, dann gehe ich in die Bar, um mir einen Kaffee zu bestellen. Weil drinnen ein ohrenbetäubender Lärm herrscht, setze ich mich nach draußen. Irgendwann wird meine Nummer aufgerufen und ich mache mich auf den Weg zurück ins Tal. Hoffentlich wurde Conchita nicht abgeschleppt... aber sie steht immer noch auf dem Hotelparkplatz, niemand hat sich für sie interessiert.

Ich fahre aus Funte Dé heraus wieder nach Potes und finde bei Liébana einen Campingplatz. Hier ist es wieder etwas voller, aber ich bekomme problemlos einen Platz. Leider beginnt es leicht zu tröpfeln und für einen Spaziergang ist es schon zu spät. Ich begnüge mich damit, mir in der Bar ein Bier zu bestellen und den nächsten Tourtag zu planen.

25.08.2018 - El Molino de Liébana - La Vega

Als ich am Morgen vom Campingplatz aufbreche, ist es noch feucht und grau. Der Tag entwickelt sich dann aber rasch in Richtung Sonne.

Ich folge der N-621 in Richtung Riaña und auf dem Weg zum Puerto San Glorio habe ich immer wieder Blicke auf das Nebelmeer im Tal. Hier oben ist es noch komplett ruhig, die Straße habe ich praktisch für mich allein und so halte ich zwischendrin immer mal kurz, um Fotos zu machen. Die Gipfel der Picos schimmern in verschiedenen Blautönen und nach jeder Kurve habe ich eine andere Perspektive. An einer Stelle kommt ein Parkplatz, von wo aus ich ein paar Schritte zurück laufe und fotografiere. Ist das schön!

Je weiter ich nach oben komme, desto mehr WOW-Momente gibt es. Als ich am Puerto San Glorio ankomme, steht dort auch wieder so ein Hirsch an dem Aussichtspunkt. Und der Aussichtspunkt selbst liefert wunderschöne Bilder.

Ich fotografiere, packe dann etwas zu essen und zu trinken aus und schaue einfach nur auf die Berge. Es hat sich total gelohnt, die Picos zu besuchen. Matthew hatte mir in Aínsa auf dem Camping schon gesagt, dass ich dort unbedingt hinfahren sollte, weil sie etwas ganz besonders wären. Ich bin wirklich völlig begeistert. Auch die Vegetation ist unheimlich schön, so viele Eichenwälder habe ich noch nie gesehen. Die ersten leicht herbstlich verfärbten Bäume kann man hier auch schon entdecken.

Herbststimmung in den Picos de Europa
Als ich auf dem Puerto bin, kommen noch einige andere Motorradfahrer vorbei, die kurz stoppen, Fotos machen, aber dann rasch wieder weiterfahren. Wenn ich dort wohnen würde, würde ich wohl in jeder freien Sekunde hier rauf- und runterfahren.

Als ich den Pass überquere, bin ich wieder in Kastillien und León. Hier präsentiert sich eine völlig andere Landschaft, eher heidig und es wird auch wieder feuchter, als ich weiter nach unten komme. Auf dem Weg nach Riaña komme ich durch völlig surreale Landschaften.

Von den blauen Bergen kommen wir...
Hier gibt es wieder einen Stausee, dessen Ufer - ähnlich wie am Embalse de Ebro - braun-beige gestreift sind, abgestorbene Pflanzen ragen aus dem Boden und der Nebel, der jetzt auf halber Höhe zwischen der Straße und den Bergen hängt, gibt dem Ganzen noch zusätzlich ein außerirdisches Flair.

Leider hat der Verkehr hier ziemlich zugenommen, es fahren auch viele LKWs, so dass ich nicht gut anhalten und fotografieren kann. An einer Stelle schaue ich rechts in ein Tal und entdecke eine Straße, die mitten im Nichts endet, dort steht ein Auto, kein Mensch in Sicht. Bei solchen Eindrücken kommen mir immer Gedanken an eine wie auch immer geartete Apokalypse in den Kopf. Wenn ich dann noch allein auf der Straße bin, fühlt es sich wirklich so an.

Ich folge der Straße in Richtung Cangas de Onís und komme bald wieder in eine völlig andere
Umgebung. Die Desfiladera de Beyos ist wieder ähnlich wie die Desfiladera de Hermida am Vortag, nur sehe ich hier mehr, denn die Sonne brennt mal wieder und hat sämtliche Feuchtigkeit aufgesaugt.

Es ist wieder ruhiger geworden und ich bin relativ allein auf der Straße. An einer Stelle sehe ich eine Bar und halte kurzerhand an, einerseits für Fotos, andererseits wäre ein Kaffee und etwas zu essen nicht schlecht. Ich gehe in die Bar, wo ein alter Mann hinter der Theke steht und mich wie ein Alien ansieht. Ich bestelle und sage ihm, wie beeindruckt ich von der Gegend bin. Er lächelt und meint "ja, ist schon schön hier!".

Puerto San Glorio
Ich setze mich nach draußen und als mein boquerón kommt, beiße ich herzhaft hinein. Es ist zwar groß und der Käse ist lecker, aber das Brot ist staubtrocken und Butter sucht man auf spanischen boquerónes vergeblich. Ich kaue ziemlich lange auf dem Brot herum, aber wenigstens was im Magen und den Kaffee - der, wie überall in Spanien, super ist - konnte ich auch brauchen. In Conchitas Packtasche ist noch genug Wasser, um die staubige Kehle zu befeuchten.

Auf der Karte entdecke ich noch ein Seitental mit Seen, Covadonga. Da würde ich gerne noch reinfahren. Als ich später an die Kreuzung
Noch ein Hirschsprung auf Spanisch
komme und abbiege, ist es wieder grau geworden. An der Straße nach Covadonga sehe ich diverse Parkplatzschilder und hoffe, dass man an die Seen heranfahren kann.

Ewige Wanderungen müssen nicht sein, zumal ich das bepackte Motorrad ungern länger stehenlasse, auch wenn sich niemand dafür zu interessieren scheint. Irgendwann kommt ein Kreisverkehr und es ist klar, dass ich die Wahl zwischen irgendwelchem Kirchengedöns in Covadonga, Busfahrt zu den Seen oder wieder runterfahren habe. Die Wahl fällt leicht, denn der Tag ist fortgeschritten und ich habe keine Lust auf Menschenmassen. So fahre ich wieder zurück.

Weiter unten im Tal ist ein größerer Touristenladen mit Kaffee-Bar. Da meine Blase drückt und ich mal wieder in Ruhe auf die Karte gucken möchte, kehre ich dort ein. Ich werfe auch einen Blick in den Laden, der tatsächlich - neben dem üblichen Kitsch - auch richtig schönes Kunsthandwerk im Angebot hat.

Bei den Schlüsselanhängern entdecke ich kleine Motorräder aus Leder und werde schwach. Ich finde, Conchita hat sich etwas verdient, sie hat mich kein einziges Mal im Stich gelassen und schnurrt wie ein Kätzchen, also kaufe ich den Anhänger für sie und noch eine Kleinigkeit als Mitbringsel für eine Freundin. Die Lederwaren sind wirklich sehr schön, von elegant bis witzig-schrill ist alles dabei.

Heute Abend möchte ich irgendwo am Meer übernachten, als Kontrast zu den Tagen davor. Leider ist der Wendepunkt meines Urlaubs gekommen, ich muss mich langsam entscheiden, wie ich wieder nach Hause fahre und vor allem, ab wann.

Ich fahre Richtung Küste, biege kurz entschlossen an einem Campingschild ab und folge der Straße durch Eukalyptuswälder und an rötlichen Felsen vorbei. Schon wieder hat sich die Umgebung geändert, hier sieht es wie in einem tropischen Regenwald aus und der Eukalyptus duftet herrlich.

Der Campingplatz ist schnell gefunden und ich bekomme ebenso schnell einen Platz. Ich fahre eine Rampe hoch und kann mir etwas aussuchen. Die Parzelle ist recht klein und hier ist es auch ziemlich feuchtwarm, während ich aufbaue und später duschen gehe, tröpfelt es. Als ich zurückkomme, hat die Sonne wieder die Oberhand gewonnen und ich beschließe, zum Strand zu gehen, der irgendwo in der Nähe sein muss. Ich laufe durch eine Art tropischen Regenwald an einem Bach entlang, vorbei an einem vergessenen Apfelgarten und dann sehe ich schon die Dünen und kann den Atlantik hören.
Da ist der Strand!

Ich laufe zwischen den Dünen nach vorne, am Strand ziehe ich meine Schuhe aus und laufe am Meer entlang, so weit es eben geht. Es sieht danach aus, dass die Flut langsam kommt, also habe ich ein Auge auf dem Wasser, während ich der Bucht folge, bis sie im Meer endet.

Letztes Jahr hatte ich meine Füße auch im Atlantik, das war ein Stück oberhalb vom Polarkreis und ich saß da auch am Strand in der Sonne.

Ich möchte hier bleiben, bis die Sonne untergeht, und weil das noch eine Weile dauern wird, setze ich mich in den Sand und sehe den Leuten zu. Es wird gebadet, gesurft, gespielt, im Sand gebuddelt. Eine Familie läßt einen Lenkdrachen in Form von einem Piratenschiff steigen. Ich laufe noch einige Male am Strand auf und ab, Menschen machen Selfies mit sich und dem Meer, andere lassen sich in Yoga- und Ballettposen vor dem Sonnenuntergang fotografieren.

Als ich wieder einmal zurücklaufe, liegt ein Plastikbecher vor mir im Wasser. Ich hebe ihn auf und nehme ihn mit. Dann fällt mir erst auf, wieviel Plastik hier am Strand liegt, zwischen den Steinen, im Sand, mal mehr mal weniger vergraben. Es macht mich wütend und traurig zugleich, denn weiter hinten an den Dünen gibt es Mülleimer.

Ich denke bei mir, wieviel sauberer es wäre, wenn nur jeder, der gerade auch dort ist, ein einziges Teil aufheben und zu den Mülleimern tragen würde.

Nach meinen letzten Urlauben in Norwegen und vor allem nach dem Whalewatching auf den Azoren bin ich sensibel geworden, was das Meer betrifft. Wenn man einmal weiter draußen auf dem Wasser war und begriffen hat, was für eine kolossale Lebenswelt das ist, möchte man doch nicht, dass das zerstört wird?

Ich habe ja schon vorher von dem Plastik und Abfall in der Landschaft geschrieben, jetzt wieder zurück in Freiburg fällt mir auch auf, wie dreckig es bei uns ist. An diesem Abend am Strand beschließe ich, zuhause etwas an meiner Art einzukaufen zu ändern und so gut wie möglich auf Plastik zu verzichten.

Der Fliegende Holländer
Als die Sonne hinter den Hügeln verschwunden ist, gehe ich durch das verzauberte Tal zum Campingplatz zurück. Im Restaurant bestelle ich mir ein Bier und Kartoffeln mit Aioli. Beides schmeckt hervorragend und in dieser Nacht schlafe ich wie ein Stein.

26.08.2017 - La Vega - Arija

Der Morgen begrüßt mich wieder leicht feucht und grau, in erster Linie sind es aber Tau und Dunst. Ich packe recht rasch zusammen und mache mich auf den Weg. Das Tal, in dem der Camping liegt, wirkt jetzt am frühen Morgen besonders verzaubert. Der Kontrast zwischen dem Dunkelgrün der Eukalyptusbäume und dem Dunkelrot der Felsen wirkt schon fast künstlich, wie eine eigene, kleine Zauberwelt.

Bis Llanes folge ich kleinen Straßen in Küstennähe bis Unquera. Dort bin ich vor einigen Tagen auf dem Weg in die Picos schon einmal durchgekommen. Weil mein Zeitplan noch einigermaßen gut aussieht habe ich mich entschieden, noch eine Runde durch die Picos zu machen. In Unquera kaufe ich erst einmal ein, danach mache ich mich nochmal auf den Weg nach Potes.

Heute habe ich wesentlich mehr Glück, denn der Morgendunst ist getrocknet und der Himmel strahlend blau. Schon in den ersten Abschnitten habe ich tolle Blicke auf die Berge, und diesmal sehe ich in der Desfiladera de Hermida auch mehr. Leider ist der Verkehr auch diesmal nicht weniger, denn heute ist Samstag und es sind einige Ausflügler unterwegs.

Da ich Lust auf einen  Kaffee habe, halte ich am Besucherzentrum "Picos de Europa" in Sotana an. Das Zentrum wurde wohl mit großem Aufwand eingerichtet, die Anzahl der Besucher hält sich jedoch in Grenzen.

Ich habe den Eindruck, dass die Meisten in der Hoffnung auf einen Kaffee und eine Toilette hier gestrandet sind. Es gibt diverse Erklärungen und multimediale Exponate zu den Picos, den Mirador finde ich jedoch erst nach dem zweiten Anlauf. Leider ist er sehr enttäuschend, ich hatte gedacht, dass es eine Aussichtsplattform mit Blick auf die Berge gäbe, aber es gibt nur einen verglasten Raum, wo man genausoviel sieht, wie von der Straße aus. Sehr schade! Kaffee gibt es auch keinen, also mache ich mich nach einer kurzen Runde wieder auf den Weg.

Bei Ojedo biege ich von der großen Straße ab und folge der CA-184 über Piedrasluengas nach
Cervera de Pisuerga. Die Straße ist sehr schön und wenig befahren, ich muss nur einmal ein furchtbar langsames Auto überholen. In einem kleinen Dorf halte ich kurz an, um meinen Pullover auszuziehen und etwas zu trinken.

Auf dem Puerto de Piedrasluengas mache ich dann Pause. Hier ist einiges los und der Wind weht sehr stark. Ich mache Fotos, aber um etwas zu essen und zu trinken, ziehe ich mich von dem Aussichtspunkt zurück.

Ich krieche unter einem Elektrozaun durch und setze mich auf einen kleinen Hügel. Das gefällt mir schon besser, auf der Mauer zwischen Besuchermassen will ich nicht sitzen und essen. Die Aussicht ist leider nicht so klar, wie man sich das wünscht, vom Meer drückt feuchte Luft in die Berge.

Außer mir kommen einige andere Motorradfahrer an, die offenbar ihren Samstagsausflug machen.

Das ist mir in Spanien wirklich aufgefallen: Je weiter entfernt ich von den Pyrenäen und dem Baskenland war, desto weniger Motorradfahrer geschweige denn Motorradreisende gab es.

Spanien scheint so eine Art "unentdeckter Kontinent" zu sein, was das betrifft. Auf den Campingplätzen habe ich seltenst andere Motorradfahrer getroffen. Es ist schon verwundertlich, denn dieses Land hat so viel zu bieten und für mich ist es mit Sicherheit nicht der letzte Urlaub dort. Ich mag diese menschenleeren Weiten und die grandiose Vielfalt der Natur.

Als ich den Pass quere, werde ich von einigen heftigen Böen geschüttelt. An einer schmalen
Durchfahrt zwischen zwei Felsen kommt eine starke Bö von vorne und schiebt mich fast wieder zurück. Der Wind hat zweitweise das Fahren sehr anstrengend gemacht, da ich immer einkalkulieren musste, dass an einer ungeschützten Stelle wieder ein Stoß kommt und mich nach unten oder oben drückt. Manche Strecken bin ich in unfreiwilliger Schräglage gefahren. Der Wind sollte mich dann noch bis zu meinem letzten Tourtag begleiten.

Puerto de Piedrasluengas
Den Rest des Tages folge ich kleinen Straßen über Cervera de Pisuerga, Aguilas de Campoo und Reinosa bis zum Embalse de Ebro. Hier fahre ich heute auf der anderen Seite entlang. Als ich an einer Stelle kurz anhalte, um etwas zu trinken und auf die Karte zu sehen merke ich, wie müde ich bin. Ein Campingplatz am Ufer wäre doch was.

Als ich aufblicke ist 50 m vor mir ein Campingplatzschild, dem ich folge.


Ich fahre nach Arija und durch das Dorf hindurch, laut meiner Karte müsste der Platz am Ende der Straße liegen und richtig, rechts taucht ein riesiger Platz auf. Ich halte und gehe zur Rezeption. Die Dame, die ich herbeiklingle, geht zum Lachen wohl immer in den Keller.

Sie begrüßt mich säuerlich und fragte, wieviele Personen es seien. Gute Frau, guck mal aus dem Fenster, und sag mir, wieviele Personen Du siehst!? Hier hat man wirklich den Eindruck, dass Gäste nur stören... Ich bekomme aber anstandslos einen Platz, denn es ist fast alles leer.

Embalse del Ebro
Zum Glück habe ich letztes Jahr eine Strategie entwickelt, das Zelt auch im Sturm aufzubauen, denn der Wind hat sich inzwischen ausgewachsen und schickt immer wieder finstere Wolken, es bleibt aber trocken.

Ich befestige das Groundsheet und stopfe meinen Helm in das Innenzelt, dann befestige ich auch das und bald steht mein Zelt. Weil es so stark weht, schlage ich sämtliche Heringe ein und spanne alles gut ab. Als ich fertig bin, gehe ich zu den Duschen. Hier ist alles tiptiop sauber, es hängt aber eine Schild dort, dass die Duschen unter Umständen lange nicht benutzt wurden und man auf das warme Wasser länger warten muss. Nach dreimal drücken ist das Wasser warm und ich stelle mich darunter.

Campingplatzduschen sind eine Sache für sich. Ich habe mich oft gefragt, ob die Leute, die die
Duschen planen oder den Wasserstrahl regulieren, jemals in ihren eigenen Duschen standen. Da gibt es welche, wo man nichts ablegen kann und seine sauberen und dreckigen Klamotten einfallsreich verteilen muss, damit sie nicht nass werden.

Dann gibt es welche, wo das Wasser 10 Sekunden läuft und man dauernd auf den Knopf drücken muss. Ich frage mich, wie man da lange Haare waschen können soll? Zum Glück habe ich kurze, aber selbst ich hatte schon manchmal Probleme, richtig nass zu werden und dann noch die Seife wieder runterzubekommen. Eine Sache, die ich dieses Mal gelernt habe ist, dass Bodylotions mit einem Klappverschluss nicht für unterwegs taugen, denn der hatte sich einmal geöffnet und die Lotion großzügig in meinem Waschbeutel verteilt. Also das nächste Mal gleich wieder alles in einen Ziplock-Beutel, oder was zum schrauben mitnehmen.

Puente Noguerol
Nachdem ich mich erfrischt habe, packe ich meine Kamera, Wasser und etwas zu essen in meinen Rucksack und mache mich auf den Weg zum See. Ich komme bald ans Ufer und stehe in einer völlig eigenen Welt.

Die Farben vom Ufer, die bonbonbunten Kiesel, das türkise Wasser, die seltsamen Pflanzen und im Hintergrund die Berge lassen einen denken, auf einem anderen Planeten zu sein. Hier unten ist es auch mächtig heiß, zumal die Sonne langsam wieder hervorkommt.. Der Embalse del Ebro wurde 1952 unter Franco eingeweiht, gebaut wurde er zwischen 1921 und 1945. Um diesen riesigen See aufstauen zu können, wurden einige Dörfer geflutet. Die Einteignungen, die damit verbunden waren, erfolgten im Geheimen durch das Francoregime. Einige Dörfer wurden an den Ufern des Sees wieder aufgebaut. 

Reste einer vergangenen Zivilisation...
Als ich um eine Ecke komme, sehe ich Reste einer Brücke. Hier sieht es wirklich aus, wie auf einem anderen Planeten!

Ich tauche ein in dieses eigenartige Universum, mache Fotos und lasse die Stimmung auf mich wirken. Es ist hier totenstill und in meinem Kopf entstehen Bilder von zerstörten Zivilisationen, Endzeitstimmung und einer Alieninvasion. Ich muss an den "Unbesiegbaren" von Lem denken und natürlich auch an Geschichten von H. P. Lovecraft, vor allem an "Shadow over Innsmouth", schon allein wegen der seltsamen Dame an der Rezeption.

Ich laufe weiter am Ufer entlang, finde Reste von Bojen, einen toten, mumifizierten Fisch und jetzt
sieht man auch Menschen. Dort, wo die Straße zuende ist, ist eine Badestelle und hier ist  einiges los. Als ich Richtung Zivilisation stapfe, kommt mit jemand auf einer kleinen Enduro entgegen und fährt auf den Strand. Ja, das könnte ich mir hier auch fein vorstellen! Neben dem Parkplatz gibt es eine Bank und einen Tisch, wo ich meine Karte ausbreite und etwas esse und trinke. Das war wirklich ein interessanter Ausflug!

Es wird jetzt langsam dunkel und die Wolken versprechen auch nichts Gutes, so dass ich zu meinem Zelt zurückkehre. Im Internet lese ich die Bewertungen des Campingplatzes nach, die sich mit meinem Eindruck decken. Die Lage ist toll, alles ist sauber, aber das Personal kaut dauerhaft Zitronen.

27.08.2017 - Arija - Itxaspe

Brmbad, der Irrfahrer
Der Morgen beginnt sehr finster und stürmisch, ich bin darüber wenig begeistert, denn in so einem Sturm Motorrad zu fahren ist anstrengend. Immer muss man die Böen einkalkulieren, man kann nicht so locker fahren und muss generell noch aufmerksamer sein, als sonst. Das wird also ein anstrengender Tag werden, denn ich möchte bis zur Küste kommen und das ist ein Stück.

Ich baue mein Zelt ab und verstaue nach und nach alle Sachen, dann fahre ich zur Rezeption. Señora Limón nimmt mit dem gleichen säuerlichen Geischtsausdruck wie gestern mein Geld in Empfang. Den 20-€-Schein muss sie wechseln, was wieder mit einem Verziehen des Gesichts kommentiert wird. Schon am Vorabend hat sie betont, dass man auf gar keinen Fall mit Karte bezahlen könnte, da sie kein entsprechendes Gerät hat. Nun ja, wenn man alle Gäste mit so einem Gewitterziegengesicht und so einer Art vergrault, erübrigt sich das Gerät ja irgendwann sowieso.

Irland liegt eigentlich in Spanien!
Ich fahre nun zurück zur Straße von gestern und folge dem Ufer weiter, bei Soncillo wechsle ich auf die größere Nationalstraße und fahre auf ähnlichem Weg weiter, wie ich vor ein paar Tagen hier schon einmal entlang gekommen bin. In Entrebasmestas biege ich ab in Richtung Vega de Pas. Ich denke mir, dass es da so schön war, dass man auch nochmal durchfahren könnte. An der Wegkreuzung nehme ich dann versehentlich eine andere Straße.

Dieser kleine Umweg sollte eines der Highlights des Tages werden. Ich fahre durch Yera und komme auf eine supergut ausgebaute, aber völlig einsame Straße. Weil ich mir nicht sicher bin, wo ich mich gerade befinde und ob es eine Sackgasse ist, fahre ich erst einmal verhalten weiter. Ich komme in ein Tal, in dem es auf einmal aussieht wie in Irland oder Schottland.

Scho..panien!
Alle Hügel sind mit sattem Grün überzogen, in den Tälern ducken sich Hütten aus grauem Stein und ich frage mich, ob diese bewohnt sind. Ich halte und mache ein paar Fotos. Irgendwann kommen tatsächlich ein paar Autos und ich fahre hinter einem Tiertransporter her, der auf dieser kleinen, gewundenen Bergstraße natürlich nur sehr langsam unterwegs ist. Mir ist das egal, denn hier gibt es so viel zu sehen! Die Straße windet sich in etlichen Kurven und Kehren den Berg hinauf. Als wir den Paß queren, halte ich an und lasse das Auto hinter mir auch vorbei, denn das hier will ich genießen.

Es ist zwar nach wie vor sehr stürmisch und grau, aber die Landschaft lädt zum verweilen und staunen ein. Ich stehe hier in einem Gebiet, das genausogut auf den britischen Inseln liegen könnte. Die Fraben, das Licht, die Vegetation, die sanft geschwungenen Hügel mit den gelegentlichen Felsen dazwischen, das sieht wie Schottland aus oder Wales, ich bin aber mitten in Spanien.

Als ich dem Tal weiter folge, kommen mir auf der Straße eine Herde Ziegen, eine Herde Kühe und ein Bauer auf einem Pferd entgegen, gefolgt von seiner Frau, die die Kühe treibt. Ich halte an und mache den Motor aus. Für ein fixes Bild reicht es auch. Von der Gegenseite kommt ein Auto, das wohl unbedingt schnell an den Tieren vorbei will, denn es hupt wie wild. Die Ziegen sind davon völlig unbeeindruckt.

Ich warte, bis alle an mir vorbei sind, grüße den Reiter und die Frau. Die Rindviecher glotzen mich und Conchita verstädnislos an, lassen noch einige Fladen fallen und dann kann es auch für uns weitergehen. Apropos Rindviecher, von deren Hinterlassenschaften spricht man ja auch als "Bauernglatteis". Ich bin diesen Urlaub zweimal auf solchen Hinterlassenschaften gerutscht und zwar vorne, das war jedes Mal ein Schreckmoment und auf besonders "beschissenen" Straßen war es manchmal eine Herausforderung, zwischen den ganzen Fladen, Haufen und Kötteln durchzufahren.

Stau auf Spanisch!
Ein wenig später komme ich an eine Bushaltestelle und halte an, weil ich auch eine Pause brauche. Hier ist ein Schild, das erklärt, was es mit der Landschaft auf sich hat. Espinosa de los Monteros ist eine Gegend mit viel Landwirtschaft, da es hier oft regnet. Die Bauern treiben ihre Tiere im Frühjahr in dieses Tal, um sie dort weiden zu lassen und treiben sie im Herbst wieder zusammen. Im Frühjahr und im Herbst sind dann auch die Hütten bewohnt, die ich von weitem gesehen habe.

Die Landschaft ist ein Ergebnis von Weidewirtschaft und natürlichen Einflüssen steht dort. Ich fahre weiter durch Espinosa durch und wechsele bei Bercedo wieder auf die Nationalstraße. Das war bis jetzt zwar sehr schön, aber auch sehr anstrengend. Bei Balmaseda muss ich tanken und kaufe mir in der Tankstelle gleich noch etwas zu essen. Weil es jetzt auch zu regnen beginnt, nutze ich die Pause, meine Regenklamotten hervorzukramen und anzuziehen, außerdem warte ich den schlimmsten Schauer ab. Es ist zwar nicht gemütlich hier, aber trocken und das reicht mir im Moment.

Nun fahre ich einige Strecke wieder auf größeren Straßen, um Kilometer zu machen. Da ich auch dieses Mal nicht durch Bilbao möchte, muss ich wieder einen Haken schlagen.

Das ist alles nicht weiter schwierig, nur verfranze ich mich bei Azpigoita und lande wieder auf einer kleinen Bergstraße. Ich bin schon ziemlich müde und froh, als irgendwann wieder die richtige Straße auftaucht, allerdings regnet es jetzt wieder. In Lekeitio bin ich so fertig, dass ich Conchita hinter Altglascontainern auf einem Parkplatz abstelle und auf der Suche nach einem Café oder einer Bar Richtung Hafen laufe. Es ist Sonntagnachmittag und alles ist voll.

Itxaspe abends...
Ganz am Ende des Hafens stolpere ich zufällig in eine "Biker-Bar". Weil nicht klar ist, ob man drinnen oder draußen bestellt, sitze ich eine ganze Weile auf dem Trockenen, aber dann gehe ich rein, hole mir Kaffee und Wasser. Der Regen hat Fahrt aufgenommen und ich bin froh, dass ich hier unter der Markise sitze und nicht bei dem Pisswetter herumfahren muss. Ein Blick auf das Regenradar zeigt mir, dass ich besser noch eine ganze Weile hierbleiben sollte, denn es wird noch mehr Regen kommen. Knappe 2 Stunden, zwei Cortados, einen Liter Wasser und ein boquerón später lässt der Regen wie angekündigt nach und hört schließlich ganz auf. Das schätze ich übrigens sehr an den spanischen Bars: Es kommt nicht alle 5 Minuten jemand angelaufen und fragt, ob man noch etwas will, man kann sich einfach an seinem Getränk festhalten, Zeitung lesen, oder einfach nur herumsitzen.

Da es jetzt deutlich nach 17 Uhr ist beschließe ich, rasch einen Campingplatz zu suchen. Kurz hinter Deba werde ich fündig. Ich folge der kleinen Landstraße in Richtung Meer. Genauso wollte ich das heute: Mal wieder am Meer campen! Der Platz ist bald erreicht und ich werde dort sehr herzlich empfangen.

... und am Morgen
Señor Campingplatz sieht nach Student aus, der einen Ferienjob auf dem Camping hat. Wir unterhalten uns ganz nett auf Spanisch und er zeigt mir meinen Platz, ich habe quasi eine Privatzufahrt und kann Conchita neben dem Zelt parken. Gesagt, getan. Ich parke Conchita und baue mein Zelt auf, der Boden hier ist recht steinig, so dass ich meine Heringe nicht richtig tief einschlagen kann, aber da es nicht stürmt, denke ich mir, dass das schon nichts machen wird.

Danach will ich zu den Duschen gehen, aber der Blick von oben auf das Meer lässt mich erst einmal die Kamera holen und Fotos machen. So hatte ich mir das vorgestellt! Nach der Dusche packe ich ein paar Sachen in den Rucksack und laufe ein Stück in der Hoffnung, ein paar mehr Blicke auf das Wasser zu bekommen und vielleicht noch einen Strand zu finden. Es gibt einen sehr steilen Weg zu einem Aussichtspunkt und ich folge den Schildern. Der Wald ist auch hier wieder wie verzaubert, Pinien, dichtes Farngestrüpp überall und eine himmliche Ruhe. Am Aussichtspunkt angekommen sind noch ein paar andere Leute da, der Blick ist jetzt nicht so toll, aber immerhin habe ich mich bewegt und die Abendstimmung genossen.
... und das war Baskisch!

Es ist jetzt schon langsam dämmrig und ich bringe meine Sachen ins Zelt, gehe zur Bar und setze mich auf die Terrasse, um ein Bier zu trinken, die Karte zu studieren und den Tag an mir vorbeiziehen zu lassen.

Als ich ins Zelt krieche, sind die Nachbarn von der Ferienwohnung über mir angekommen. Die
Familie besteht aus Vater, Mutter und zwei Kindern, einem Mädchen (Kind 2) und einem Jungen (Kind 1). Die Interaktion zwischen den Familienmitgliedern läuft an den beiden Abenden, die ich dort verbringe ungefähr identisch ab.

Kind 1 (gefühlt 120 Dezibel) "Mamáaaaaaaaaa!" "Mamáaaaaaaaaa!" "Mamáaaaaaaaaa!"
Mutter genervt-liebevoll "Alejándro!!!"
Kind 1 (gefühlt 220 Dezibel) "Mamáaaaaaaaaa!" "Mamáaaaaaaaaa!" "Mamáaaaaaaaaa!"
*gefühlte 500.000 Wiederholungen*
Zwischendrin Kind 2 "nörgelningelmeckernörgelnörgel"
Kind 1 (gefühlt 120 Dezibel) "Mamáaaaaaaaaa!" "Mamáaaaaaaaaa!" "Mamáaaaaaaaaa!"
Mutter genervt-liebevoll "Alejándro!!!"
Kind 1 (gefühlt 220 Dezibel) "Mamáaaaaaaaaa!" "Mamáaaaaaaaaa!" "Mamáaaaaaaaaa!"
*gefühlte 500.000 Wiederholungen*
Vater *kratzt sich am Sack und spielt am Handy*

Irgendwann ist Ruhezeit auf dem Campingplatz, Familie Gritón ist nach drinnen gegangen und ich bin sowieso schon längst eingeschlafen.

28.08.2017 - Itxaspe

Gestern hat mich ein Blick auf den Kalender und einer auf die Karte davon überzeugt, dass ich mir noch ein wenig Zeit lassen kann. Ich möchte erst am 1. September wieder in Freiburg sein und so weit ist die Strecke dann auch wieder nicht. Als ich mich aus dem Zelt schäle und zu den Toiletten gehe, ist der Tag schon ziemlich verhangen und grau, aber das soll mich nicht schrecken. Die Rezeption öffnet um 8 Uhr und ich frage dort nach, ob es möglich wäre, noch eine weitere Nacht zu bleiben, wenn nicht, wäre es auch nicht schlimm. Doch, es ist kein Problem, ich kann gerne noch eine Nacht bleiben.

Weil ich von den letzten Wochen ziemlich geschafft bin, beschließe ich, es heute ganz gemütlich angehen zu lassen und sowohl mir als auch Conchita eine Pause vom fahren zu gönnen. Nach dem Frühstück mache ich mich zu Fuß auf nach Deba. Angeblich sind es 3 Kilometer, also ein gemütlicher Spaziergang. Der erste Teil des Weges führt nach unten durch den Wald. Irgendwann muss ich an einer ziemlich stinkenden Kläranlage vorbei, hier endet der Weg an der Straße. hm. Schön ist das ja nicht, an der Straße entlangzulaufen, aber ich bin dafür nah am Meer. Teilweise kann man hinter den Leitplanken oder hinter eine Mauer laufen und es gibt immer wieder Parkplätze mit Bänken und Meerblick. Es ist schon ziemlich schwül und ein Blick Richtung Berge zeigt mir, dass es keine so gute Idee war, ohne irgendeinen Regenschutz loszulaufen. Aber es ist ja warm, wird schon nicht so schlimm.
Flysh vom Feinsten

An einer Stelle steht ein Schild, dass darauf aufmerksam macht, dass sich hier eine besondere Gesteinsart namens "Flysh" befindet. Es sind die leicht gekippten, senkrechten Abbrüche entlang der Küste. Überhaupt ist mir schon in den letzten Tagen immer wieder aufgefallen, dass überall Schilder mit "Geoparque" stehen und dass sich das Gestein wirklich überall sehr unterscheidet. Für Geologie-Freaks muss das hier ein Paradies sein.

Deba kommt viel schneller in Sicht, als ich vermutet hätte und ich hoffe, dass ich dort eine Bank finde und etwas, wo ich mich unterstellen kann. Inzwischen hat es gedonnert und der Himmel ist noch finsterer geworden. Als ich am Strand entlang laufe, fängt es an zu tröpfeln. Ich entdecke auf der anderen Straßenseite ein paar Arkaden und eine Bar, einige Schritte weiter ist auch eine Bank. Also erstmal Geld abheben und dann Kaffee trinken. Perfektes Timing, denn kaum sitze ich in der Bar, öffnet der Himmel seine Schleusen. Hier ist es aber gemütlich, man kann Zeitung lesen, Kaffee trinken, nichts tun, am Handy Nachrichten lesen oder einfach nur rausschauen. An der Theke bedient mal wieder eine von diesen toughen Punkrockfrauen mit lila Haarsträhnen und es läuft auch richtig gute spanische Rockmusik. Hier kann ich es eine Weile aushalten. Nach ungefähr einer Stunde hört das Gewitter auf und ich beschließe, wieder zum Camping zurückzulaufen.
Flysh soweit das Auge blickt

Einen Wanderweg habe ich mir ja anders vorgestellt, denke ich mir, aber ok, das Meer ist ja schön. Als ich an der Stelle ankomme, wo ich aus dem Wald gekommen war, steht da eine riesige, hölzerne Fußgängerbrücke, die habe ich glatt übersehen. Klar, hätte man durch den Wald nach Deba laufen können. Nun ja... an einer Abzweigung höre ich unten das Meer und denke mir, dass ich noch ein Stück woanders entlanglaufen könnte, vielleicht komme ich irgendwo ans Wasser. Der Weg führt zwar nach unten, aber irgendwann stehe ich in einem halb überwucherten Obstgarten.

Als es unter mir im Gebüsch knackt und trappelt, drehe ich lieber um. Auf eine Konfrontation mit einem Wildschwein oder irgendeinem anderen Viech habe ich keine Lust.Weiter oben steht an der Stelle, wo der Weg noch gepflastert ist, aber schon sehr steil wird, eine Gruppe Fahrradfahrer. Ich sage zu ihnen "no me parece una buen idea!" Rasch stellt sich raus, dass es Deutsche sind und ich sage ihnen, dass ich das für eine schlechte Idee halte, da mit den Straßenrädern und E-Bikes runterzufahren. Der Weg ist weiter unten matschig, rutschig, steil und steinig. Sie sollten besser die Straße nehmen.

Ich kehre zum Campingplatz zurück und beschließe, in der Bar etwas zu trinken und eine Kleinigkeit zu essen. Die Konversation mit dem Barmann ist dann eine lustige Mischung aus Englisch und Spanisch, weil ich hartnäckig Spanisch spreche und er mir genauso hartnäckig auf Englisch anwortet, mit gelegentlichen spanischen Einsprengseln. Ich setze mich mit allem auf die Terrasse, inzwischen ist es auch sonnig geworden. So gepflegt nichts zu tun fühlt sich richtig gut an. Ich mache mir Notizen, gucke meine Straßenkarten an, schreibe Tagebuch und genieße die Zeit. Später mache ich noch ein Nickerchen im Zelt und als es Abend wird, gehe ich im Restaurant essen. Es gibt ein leckeres Steinpilzrisotto, Wein und am Ende noch ein Stück Schokoladenkuchen und einen Kaffee.

Als ich zum Zelt zurückkehre, ist Familie Gritón schon in Aktion. Heute gibt es jedoch ein leicht geändertes Programm, denn Papá ruft heute die gesammelte Verwandtschaft an, um sich darüber zu informieren, dass er und seine wundervolle Familie Urlaub in Spanien machen. Ich erfahre auf diese Weise, dass die Familie aus Argentinien kommt, dass es in Argentinien andere, längere Ferien gibt, dass Familie Gritón die Ferien jetzt nach den Kindern richten muss.

Die nächsten Stunden (gefühlt) verlaufen in etwa so:

Papá stellt das Handy auf laut und läßt es wählen. *prrrrrrrriiiiiiitprrrriiiiiiitprrriiiiiiiiitprrrriiiiiiittprrrrriiiiiiiiiiiiiiit*
Auch, wenn der Angerufene nach dem 50. Klingeln noch nicht abhebt, Papá juckt das wenig!

Papá (gefühlte 200 Dezibel) "Hallooooooo Onkel José *hohohohohohohoho* damit hast Du nicht gerechnet, Du alter Schwuli, was?" (Man muss dazu sagen, dass es normal ist, sich unter Freunden als Schwuler, Arschloch, oder ähnliches zu bezeichnen, ernsthaft!) *hohohohohohohohohohohoho* Wir sind gerade auf einem CAMPINGPLATZ und machen URLAUB! *hohohohohohohohohooooo* WAS? Ja! Die sind auch da! Alejándro! Komm her und sag zu Onkel José mal 'Schwuler', na los!"
Mutter: Murmelt Unverständliches.
Kind 2 (ich weiß inzwischen, dass sie Paula heißt) *nörgelningelningelnörgel*
Papá zu Paula: "Paula, geh mit dem Tablet spielen! Los! Onkel José? Jaja, Kinder eben! *hohohohohohoho*!"
*Papá legt auf*

Ich bin kurz vorm einschlafen.

*prrrriiiiiiiiiiitprrriiiiiiiiiitpriiiiiiiiiiitprrriiiiiiiiiiiiiitpriiiiiiiiiiiiiiiiiiiiit*
Papá (Lautstärke eines startenden Düsenjägers) "Hallooooooo Tante Maria! *hohohohohohohohoho* Wir machen gerade FERIEN! Jaaaaaa *hohohohohohohoho* die Kinder sind auch da!"
Kind 1 (Stimme, die dem Geräusch von zwei aufeinander reibenden Styroporplatten ähnelt, aber mit gefühlten 180 Dezibel) "Mamáaaaaaaa! Mamáaaaaaaaaaaaaaa! Mamáaaaaaaaaaaaa!"
Mutter genervt-süßlich "Alejándro!"
Kind 1 "Mamáaaaaaaa! Mamáaaaaaaaaaaaaaa! Mamáaaaaaaaaaaaa!"
Mutter "Alejándro!!!"

Das alles übertönend Papá "*hohohohohohohoho* Tante María!?! jaaaa, die Kinder sind auch DA!" Sie sind auch nicht zu überhören!

Deba
Allmählich bin ich genervt, denke über spanische Sätze nach, die dem Kerl das Maul stopfen, aber es ist noch nicht Mitternacht, also keine offzielle Ruhezeit und ich versuche, das Gebrüll auszublenden. Irgendwann wird es einem Nachbarn wohl zu bunt, er klopft an die Tür, aber Papá, Mamá und die lieben Kinderlein röhren um die Wette und hören nichts. Dann reicht es dem Nachbarn, er wird jetzt auch laut und fordert Papá und Konsorten auf, ins Haus zu gehen, denn jetzt ist es Mitternacht.

puh, denke ich mir, endlich Ruhe!

Irgendwann in der Nacht wache ich davon auf, dass es draußen gewittert und der Regen auf das Zelt prasselt. Ich stecke die Nase kurz raus und gucke, ob die Apside noch gespannt ist, wegen dem steinigen Boden hatte ich den Hering nicht gut reinbekommen. Ja, alles noch im grünen Bereich. Ich schlafe tief und fest, während es draußen tobt und gewittert. Gegen Morgen merke ich, dass mein Schlafsack unten feucht ist, na, bin ich wohl an die Zeltwand gekommen. Ich drehe mich um und schlafe weiter.

29.08.2017 - Itxaspe - Lasseube

Als es dämmert und ich wach werde, merke ich, dass ich Wasser im Zelt stehen habe. Der Schlafsack ist nicht nur unten etwas feucht, er ist NASS! Die Apside hat sich losgerissen und meine Stoffschuhe sind ebenfalls patschnass, zum Glück nicht die Stiefel, denn Goretex lässt kein Wasser durch, auch nicht, wenn es IN den Stiefeln steht! Na klasse!

Ich packe die nassen Sachen so gut es geht ein, mein Zelt lege ich in die Morgensonne, um es zumindest etwas trockener zu bekommen. Das wird heute nicht lustig, in einem nassen Schlafsack schläft es sich nicht wirklich gut. Es ist gerade 8 Uhr, als ich Conchita schon gepackt und zur Rezeption gefahren habe. Ich bezahle, wechsele noch ein paar nette Worte mit den wirklich sympathischen Leuten dort und dann sind wir auch schon auf dem Weg.

Aus meinem Plan, noch etwas in der Gegend herumzuschaukeln und in Frankreich vielleicht noch durch die Cevennen oder die Ardèche zu fahren, wird wohl nichts. Der Wetterbericht kündigt für Donnerstag einen krassen Wetterwechsel an und ich möchte nicht 1000 Kilometer im Regen und Sturm fahren müssen. Also wird das heute wohl eher ein schnellerer Abschied werden. Ich fahre von der Küste weg in Richtung Azkoitia, unterwegs kaufe ich noch etwas ein, denn heute ist dann eher nicht so viel mit trödeln drin, heute muss ich schauen, dass ich ein ganzes Stück nach Frankreich reinkomme.

Nach einiger Zeit wechsele ich ein Stück auf die Autobahn, aber dann in Beasain nervt es mich schon und ich fahre wieder auf kleineren Straßen nach Etxarri-Arranatz und dann noch einmal durch Lizarraga-Ergoyena und hoch auf den Pass. Leider spielt das Wetter hier auch nicht wirklich mit, es regnet jetzt und ist ziemlich frisch.

Ich erinnere mich, dass oben auf dem Pass eine Bar ist und richtig! Ich halte an, wühle die Regensachen hervor, klemme mir alles unter den Arm und gehe in die Bar. Erstmal Kaffee! Hier sieht es total gemütlich aus und an den Wänden hängen Preise für den besten Käse, für gute Bewirtung usw. Die Dame hinter der Theke ist sehr freundlich und der Kaffee schmeckt und tut gut. Inzwischen hat sich noch ein englisches Paar hinzugesellt, die ebenfalls Kaffee trinken. Draußen schüttet es inzwischen, ich versuche, den Nachrichten zu folgen, die im Fernsehen laufen und hoffe, dass es bald aufhört zu regnen. Hunger hätte ich auch. Also frage ich nach einem boquerón mit Käse. Die Dame ist total nett und zeigt mir auf dem Tisch, dass sie kleine, mittlere und ganz große boquerónes haben. Ich entscheide mich für ein kleines, das dann auch schnell kommt und dass ich ebenso schnell verschlungen habe. Der Käse ist wirklich super!

Der Regen hört nun auf und es sieht auch so aus, als ob die Sonne demnächst durchkommen könnte. Ich steige in die Regenklamotten, zahle und verabschiede mich. Als ich den Pass herunterfahre, wird es rasch merklich sonniger und wärmer. Bald ist es so warm, dass ich aus den Regenklamotten rauswill. Da kommt auch schon ein Parkplatz inklusive Tischen und Bänken. Ich halte, schäle mich aus den Klamotten, dann packe ich das nasse Zelt, die nassen Isomatten und den nassen Schlafsack ab und lege alles in die Sonne. Hoffentlich kommt jetzt niemand, der meint, ich will hier mein Lager aufschlagen!
Bad gefällig?

Nach knappen zwei Stunden ist das Zelt trocken, die Isomatten auch, der Schlafsack plusminus und meine Stoffschuhe sind nur noch etwas feucht. Ich packe alles zusammen und fahre weiter. Über Estella-Lizarra geht es grob in Richtung Pamplona. Das Wetter spielt inzwischen wieder gut mit, aber mir blutet das Herz. Jetzt muss ich das tun, was ich nicht wollte: hetzen! Und dabei ist es hier so schön, es gäbe noch so viel zu sehen...

Ein paar Highlights hat der Tag dann noch zu bieten, denn ich fahre noch einmal durch die Pyrenäen, auf ähnlichem Weg war ich hier schon einmal unterwegs, aber das Wetter war wesentlich verhangener. Ich fahre noch einmal über den Puerto de Larrau und genieße die tollen Ausblicke. Leider ist der Regen auch wieder da, und als ich oben stehe und meine Regensachen herausfummele, fängt es natürlich an zu schütten. Ich fluche, wurschtele mich in die Regenklamotten und fahre vom Paß herunter nach Frankreich.

Nach Regen kommt Sonnenschein!
Ich halte mich grob in Richtung Pau und ungefähr 20 km bevor es in die Stadt geht, sehe ich links ein Campingplatzschild. Da steht etwas von 9 km, aber das ist mir egal. Ich mag jetzt Schluß machen für heute und biege in die Straße ab. Es geht um tausenduneinde Kurve, zwischendurch verzweigt sich die Straße, ohne weitere Hinweisschilder. An einer Straßenecke steht jemand an einer Hecke, ich halte, mache den Motor aus und frage, ob das die richtige Straße zum Campingplatz ist. Ja, ist es, der Monsieur meint, es wären noch ca. 6 Kilometer und viele Kurven. Na, das macht mir nichts, so lange ich nicht nachher irgendwo in der Prärie stehe und nicht weiß, wo ich die Nacht verbringen werde.

Der Campingplatz taucht nach einiger Zeit auf und ich halte vor der Schranke. Monsieur Campingplatz hat eine ordentliche Weinfahne, aber auch einen Platz für mich. Ich fahre rein, stelle Conchita ab und mein Zelt auf. Als ich gerade dabei bin, mich umzuziehen, kommen meine Zeltnachbarn an, ein junges Paar mit zwei Hunden.

Valle Roncal
Heute Abend wird neben mir nicht telefoniert, aber "Choupette" ist ein steter Quell der Freude! "Choupette, vien ici!!!!!!! Choupette!!!!! Elle n'écoute jamais!!!"

Ich denke mir nur, dass alles ok ist, solange Choupette nicht auf meinen Platz läuft, nicht an mein Motorrad oder Zelt pinkelt, oder irgendwas wegschleppt.

Jetzt gehe ich erstmal duschen! Am Eingang zu den Duschen entdecke ich einen Trockner, das passt ja super, der Schlafsack ist immer noch feucht, den werfe ich nachher da rein. Als ich mit duschen fertig bin, hole ich meine Schlafsack, stopfe ihn in den Trockner und stelle den Timer meines Handys. Ich sitze noch keine 5 Minuten im Zelt, als Madame La Chienne ihren Partner anmeckert.

"So ein Mist, jetzt ist der Trockner belegt, ich habe Dir doch gesagt, dass Du unsere Wäsche da reintun sollst, nie kann man sich auf Dich verlassen!!!" Monsieur Le Chien in versöhnlich-süßlichem Ton "Ach Schatz, ich liebe Dich...!!! Lass uns nachher Liebe machen!" *flötflötflöt*
Madame La Chienne "Jetzt wird unsere Wäsche nie fertig! So eine Scheiße!!!!!! Ich habe Dir vorhin EXTRA gesagt, dass Du sie in den Trockner tun sollst!!!!"

Dann wird gegessen, zwischendurch ruft man nach Choupette, die wieder nicht hört. Dafür hört man Monsieur Le Chien umso deutlicher, er läßt seiner Natur freien Lauf und rülpst und furzt, dass sich die Balken biegen. Das kann ja heiter werden, fehlt nur noch der lautstarke Versöhnungssex in der Nacht... Mein Schlafsack ist jetzt fertig und als ich ihn raushole, wunderbar fluffig und sehr schön warm. Ich krieche ins Zelt und decke mich zu.

"So eine Schweinerei!!!!!!! Den Dreck darfst DU wegmachen! Ich schlaf nicht da!!! Das macht sie JE-DES MAL!!!! Raus mit dem KÖTER!!!!! So ein DRECKSTÜCK!!!!!" Choupette hat offenbar nicht an sich gehalten und ins Zelt gepinkelt, was ihr und dem anderen, namenlosen Hund eine Nacht im Auto beschert. Unter diversem Gefluche von Madame wird nun aufgeräumt, danach legt man sich zu Bett. Zum Glück gibt es keine lautstarke Versöhnung und ich schlafe bis zum nächsten Morgen ungestört durch.

30.08.2017 - Laseube - Clermont-Ferrand

Ich bin heute auch wieder früh auf der Piste, denn jetzt heißt es Kilomter machen. Der Wetterbericht verheißt schon für den Abend nichts Gutes und ich möchte mindestens bis nach Clermont-Ferrand kommen.


Unterwegs in Richtung Pau habe ich noch ein letztes Mal Blicke auf die Pyrenäen, die sich mit einem großartigen Feuerwerk an Blautönen, Nebelfetzen und imposanten Gipfeln von mir verabschieden. Dann drehe ich Conchitas Nase nach Norden und wir fahren und fahren und fahren... Es ist inzwischen wieder furchtbar heiß geworden. Gegen späten Nachmittag mache ich eine Pause, trinke Kaffee und Wasser und konsultiere die Karte für unseren weiteren Weg.

Mit Hilfe von Straßenkarte und Offline-Navi kommen wir Clermont-Ferrand immer näher. Leider kippt das Wetter nun und ich muss wieder das Regenzeug hervorkramen. Heute Nacht werde ich nicht im Zelt schlafen, denn in der Bar, in der ich vorhin gestoppt habe, hieß es, für den Süden seien Unwetter vorhergesagt. Eine Nacht im Nassen hat gereicht und morgen liegt auch noch ein anstrengender Tag vor uns.

Ich kaufe zwischendurch noch etwas ein, damit ich für heute Abend und morgen früh ein paar Vorräte habe. In Clermont-Ferrand irre ich erst etwas herum, fahre ein Stück heraus und hoffe auf ein Hotel im nächsten Ort. Weil es jetzt langsam dunkel wird und da nichts kommt, fahre ich wieder zurück. In einem Industriegebiet sind dann auch sämtliche Billigketten vertreten. Vor einem F1-Hotel parke ich Conchita und gehe rein.

Ja, es gibt ein Zimmer, natürlich darf ich hoch in den zweiten Stock laufen mit meinem ganzen Geraffel, denn einen Aufzug gibt's hier nicht. Das Zimmer ist ganz ok, Duschen und WC auf dem Gang, Frühstück habe ich nicht gebucht, ich will morgen so bald wie möglich auf Achse sein.

Nach 2,5 Wochen im Zelt fühlt sich das Bett ungewohnt an, aber draußen hat es jetzt angefangen zu regnen und im Lauf der Nacht schüttet es wie aus Kübeln. Ich hasse es, dass Conchita draußen auf dem Parkplatz stehen muss und hoffe, dass sie nicht wieder von irgendwem umgefahren wird oder jemand meint, er muss an ihr herumreißen.

Nachdem ich mich durch sämtliche Kanäle gezappt habe, finde ich einen Wetterbericht, der nur bestätigt, dass es gut ist, im Hotel zu schlafen, aber dass mich morgen auch kein schönes Wetter erwarten wird. Ich konsultiere nochmal die Karte, schreibe mir die Orte auf und dann schlafe ich ein.

31.8.2017 - Clermont-Ferrand - Freiburg

Als ich am nächsten Morgen aufbreche, hat es zwar aufgehört zu regnen, aber die Wolken sind finster und es ist auch noch nicht wirklich hell. Ich schleppe alles nach unten, ziehe die Regenkombi an und fahre los. Kaum bin ich ein paar Kilometer gefahren, beginnt es zu regnen und dann zu schütten. Sicht gleich Null. Ich fahre und fahre und muss dann irgendwann meine Abfahrt verpasst haben, denn auf einmal sind wir auf der Autobahn in Richtung Paris.

Immerhin hört der Regen auf und die Sonne kommt hervor. An einer Raststätte konsultiere ich die App und sehe, dass wir einen ziemlichen Umweg fahren müssen. In Bourges fahre ich ab und dann weiter in Richtung Nevers, durch den Morvan.

Zum allem Überfluss kommen hier einige Passagen französisch-offroad, sprich wieder die geliebten Gravillons. Ich prügele mich weiter, denn heute will ich nicht noch einmal übernachten! Irgendwann habe ich dann wieder die richtige Straße unter den Rädern und schaukele über die Nationalstraßen und dann wieder über die Autobahn weiter nach Besançon. Kurz vor Besançon brauche ich eine Pause, einen Kaffee und eine Toilette. Als ich Conchita parke, steht auf dem Parkplatz eine GS mit Passauer Kennzeichen. Vor der Raststätte sitzt der Fahrer und tippt auf seinem Handy herum. Reflexartig lege ich meinen Helm auf den Tisch nebenan und hole mir einen Kaffee.

Als ich zurücklaufe, telefoniert er in einer Sprache, die sich wie Hebräisch anhört. Nachdem er fertig ist, spreche ich ihn erst auf Französisch an, dann wechseln wir zu Englisch. Seine Frau gesellt sich zu uns und wir trinken Kaffee, reden über das schlechte Wetter. Dann frage ich sie woher sie kommen. Sie erzählen mir, dass sie aus Israel sind und nun Freunde in Mulhouse besuchen wollen. Sie würden das Motorrad bei Freunden in Passau stehen haben und kämen jedes Jahr nach Europa, um dort drei Wochen herumzureisen. Wir plaudern eine ganze Weile sehr nett miteinander, dann brechen wir auf. Ist schon lustig, aus welchen Ländern die Leute kommen, die man so unterwegs trifft.

Bye-bye Berge!
Bei Dôle mache ich eine weitere Pause und verbinde einkaufen, tanken und Toilette miteinander. Im Supermarkt gibt es wieder die herrlichen Joghurts mit Kastanienpüree, von denen ich eines gleich auf dem Parkplatz verschlinge, neben einem Apfel und einem Müsliriegel. Mir ist eingefallen, dass ich ja nichts zuhause habe und heute Abend sicherlich hungrig bin und zu kaputt sein werde, um noch irgendwo Essen zu gehen. Also nehme ich mir hier Brot, Käse und Joghurt mit.

Gegen Abend erreiche ich Freiburg, freilich nicht ohne im Elsaß nochmal begossen zu werden. Conchita decke ich vor dem Haus ab, sie braucht eine Wäsche, Fett und Öl und ich brauche ein Bett.

¡Hasta la proxima vez!