Montag, 22. Mai 2017

Herz am Montag - Ein Herz für Afrika

Fankani
Herr Zebra ist schon lange afrikabegeistert und trommelt seit mehreren Jahren. Die eine
Trommelgruppe - Fankani - trifft sich dazu immer in Lörrach im "Nellie Nashorn". Werner hatte mir den Flyer für den Afrikanischen Abend schon vor geraumer Zeit in die Hand gedrückt und ich hatte ihn so hingelegt, dass ich auch wirklich dran denke, dort hinzufahren.
Samstag war es dann so weit. Das Wetter, das am Freitag noch mit Regen den Stammtisch vereitelt hatte, war pünktlich zum Freitagabend besser geworden. Samstagmorgen sah dann zwar noch nicht so ganz optimal aus, aber nur einfach nach Lörrach fahren, fand ich dann auch langweilig. Also wurde eine recht ausführliche Tour draus, inklusive (entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten) einer langen Mittagsrast mit leckerer Pizza und später am Nachmittag noch einem Abstecher nach Bad Säckingen.

Kanampor - weiß jemand, wie das Instrument heißt?
Dort saß ich lange am Rhein, sah den Schwänen zu, den Ruderern und einfach nur dem Wasser. Das war herrlich entspannend. Irgendwann genehmigte ich mir noch einen Milchkaffee, in weiser Voraussicht auf einen recht langen Abend.

Im "Nellie Nashorn" angekommen, warf ich erstmal meine Mopedklamotten in Werners Auto, schaute mir das mitgebrachte Kunsthandwerk an und ging dann noch etwas trinken.

Im Nellie Nashorn war ich noch nie. Es ist ein Kulturzentrum, das die unterschiedlichsten Programme anbietet. Die Räumlichkeiten sind sehr hübsch, es gibt einen lauschigen Biergarten und eine nette Kneipe, einen Raum  mit Bühne und wohl noch ein kleines Kino. Es hat mich ein bisschen an früher erinnert, das "Kino im Krawattenhaus" in Fürth.

Gegen 19 Uhr ging es los mit "Fankani", die unter kundiger Anleitung einige Stücke zum Besten gaben. Wir wurden immer wieder aufgefordert, nicht nur herumzustehen, sondern uns zu bewegen, zu klatschen und im Lauf der Zeit wurde das Publikum etwas lockerer.

Nach "Fankani" kam "Kanampor" aus Basel, die - wie ich finde - ein Art afrikanischen Jazz spielten.
Saf Sap
Es wurde sehr viel getrommelt, aber es kam auch ein Instrument zum Einsatz, dessen Name ich nicht kenne. Es sah aus wie eine Art überdimensionales Banjo, wurde aber nicht unter den Arm geklemmt, sondern vor dem Bauch gehalten und dort gezupft (glaube ich). Ein Sänger begleitete die Gruppe und das Ganze war schon sehr tanzbar. Im Lauf des Abends bin ich immer tiefer in diese Musik eingetaucht. Die Trommeln und die Rhythmen waren unglaublich energiegeladen und voller Lebensfreude. Man hat den Musikern auch die Freude am Spiel und der Improvisation angesehen. Es war nicht nur ein Spielen von Musik, sondern ein Spielen miteinander, mit dem Publikum, der Melodie, dem Rhythmus. Auf jeden Fall sehr mitreißend.

Am Ende kamen noch "Saf Sap" (Heißes Blut), die das Blut im Saal wirklich zum kochen brachten. Die Trommler lieferten sich regelrechte "battles", forderten sich gegenseitig auf und heraus und brachten im Publikum fast alle dazu, sich der Musik hinzugeben. Ich habe zwar auch ein paar Bilder gemacht, aber am Ende entschieden, dass es zu schade ist, sich hier nicht völlig reinfallen zu lassen und stattdessen auf dem Smartphone herumzudrücken.

Saf Sap hatten noch einen Tänzer dabei, der mich wirklich schwer beeindruckt hat. Ich habe schon viele Arten von Tanz gesehen, auch selbst schon einiges probiert, aber das war etwas völlig anderes. Der Tänzer bewegte sich, als ob die Schwerkraft um ihn aufgehoben sei und als ob er ungefähr doppelt so viele Gelenke hätte, wie ein normaler Mensch. Das war wirklich eine ungebändigte Kraft und erdige Energie, die da rüberkam. Ich war am Ende des Abends versucht, mich zum Tanzworkshop anzumelden.

Die bezaubernde Nellie steht im Hof und begrüßt die Gäste des Kulturzentrums. Ich werde das ab jetzt mal auf dem Schirm behalten und vielleicht versuche ich mich im Winter dann an afrikanischem Tanz, der fehlt mir noch in meiner Sammlung.

Mehr Montagsherzen gibt es wie immer bei den Fredissimas.

Montag, 15. Mai 2017

Herz am Montag - Ein Herz für die Vergänglichkeit

 Nach Rolands Unfall im April haben sich für mich einige Aufgaben und ein Thema wieder in den Vordergrund gedrängt. Die Aufgaben (sollten eigentlich schon im Winter erledigt sein...) waren, meine Patientenverfügung zu schreiben und mich mit meiner eigenen Vergänglichkeit auseinanderzusetzen.

Motorradfahren hält Leib und Seele zusammen!
Nun, die Patientenverfügung stellte sich als ziemlicher Klops heraus, denn ich wusste gar nicht, wo ich da anfangen und was dort drinstehen sollte. Meine Nachbarin hatte mir ein Buch ausgeliehen und ich konnte mir einige Beispiele ansehen und mir meine eigenen Gedanken machen.

Aber dann war es das auch erstmal, weil dann der Frühling kam und das Moped auf die Straße wollte. Wenn ich solche Dinge nicht im Winter erledige, liegen sie in der Regel bis zum nächsten Herbst auf Halde. Am 1. April kam das Schicksal in Form von Rolands Unfall und sagte mir "hey, Du bist auch sterblich, Dir kann auch was passieren und dann...? Los, ran an die Patientenverfügung!" Die erste Version davon habe ich jetzt im Kasten und meine "Opfer" sind schon gefragt, bzw. werde ich fragen. Es ist keine leichte Aufgabe und auch keine schöne, aber ich möchte mein Leben nicht in die Hand von Wildfremden geben, wenn ich nicht mehr in der Lage bin, selbst zu entscheiden.

Eine Regelung für das Verscharren meiner Überreste zu finden, war dagegen ein Kinderspiel. Ich bin schon oft an der Abzweigung nach Kleineisenbach am Friedwald vorbeigekommen und wusste sehr schnell, dass das was für mich ist. Diesen ganzen Friedhofsquark möchte ich nicht, das ist nichts für mich. Aber den Gedanken, einmal an einer meiner Hausstrecken zum Käsekuchen verscharrt zu sein, mitten im Wald unter einem schönen Baum, das gefiel mir. Nun habe ich also für den letzten Samstag einen Termin zur Waldführung belegt. Naja, was soll ich sagen? Erstmal, dass ich total aus der Gruppe rausfiel, altersmäßig (ich war ganz offensichtlich die Jüngste) und auch sonst. Außer mir war natürlich niemand mit dem Motorrad da, aber während wir an der Infotafel standen, kamen etliche Motorradfahrer vorbei und so sollte auch für die restliche Truppe klar geworden sein, weshalb ich hier stehe und mir den Wald angucken möchte.

Einer meiner Lieblings(Park)plätze
Der Friedwaldförster hat mich beeindruckt. Er war wirklich ein "Waldmensch". Als wir im Wald unterwegs waren, habe ich gespürt, wie sehr er damit verbunden ist, wie er tatsächlich so etwas wie Teil des Waldes ist. Der weiche Waldboden sei "wie ein Körper, über den wir laufen" und er sprach auch von einer Kraft, die er nur im Wald spüren kann. Ich konnte das sehr gut nachvollziehen. Am eindrücklichsten hatte ich dieses Gefühl letztes Jahr in Norwegen, als ich am Åselistraumen gehalten habe. Wir waren ungefähr 1,5 Stunden im Wald unterwegs und er hat uns alles erklärt, von der Art der Bäume, über die möglichen Zeremonien, die Bestattung, den Andachtsplatz... mir war ganz schnell klar, was ich möchte und ich werde die nächsten Tage dort anrufen und einen Termin für die Baumwahl ausmachen. Entweder - wenn es das gibt - eine Gruppenbuche oder eine Gruppeneberesche, oder diese eine Weißtanne, die hat mir auch gefallen.

Nach dem Friedwaldbesuch bin ich ziemlich weit herumgefahren, hin und her, auf und ab. Ich dachte mir, wie weit wir als Stadtmenschen doch von der Natur entfernt sind und wie schnell solche Dinge, wie das mit der Kraft im Wald als Spinnereien abgetan werden.

Ich bin wahrlich keine Esoterikerin, aber je älter ich werde und je mehr ich mit Conchita überall unterwegs bin, desto mehr spüre ich diese Verbindung wieder. Schon lustig, denn das Motorrad ist ja nun auch nichts "Natürliches".

Vom Gefühl her kommt es für mich aber einem Reittier am nächsten und die Art, sich in der Natur zu bewegen, ab und zu innezuhalten, anzuhalten, zu gucken, sich irgendwo ins Gras zu setzen, oder sein Zelt aufzuschlagen, das aktiviert und stärkt diese Verbindung in mir. Ich spüre immer wieder, dass ich mich in der "Reiseszene" total wohl fühle und auch zu diesen Menschen dazugehöre. Das ist meine "Familie", auch wenn ich nicht die riesigen Weltreisen gemacht habe, aber der Entdeckergeist, die Neugierde und die Verbindung zur Natur, da finde ich mich wieder. Als Kind und Jugendliche bin ich stundenlang allein durch den Wald gestreift und habe mich dabei wohl gefühlt. Stadt ist ok, aber ich könnte niemals dauerhaft so große Menschenansammlungen wie in Berlin ertragen, das macht mich total kirre. Ich brauche das Gefühl von Platz um mich herum, die Möglichkeit, meinen Blick weit schweifen zu lassen, Einsamkeit, Ruhe. Das ist meine Welt.

Panoramablick vom Berggasthof Witthoh
Nun, nach etlichen Stunden Herumgefahre bis rüber in den Hegau (am Ende lande ich fast immer dort...) haben die Kräfte doch nachgelassen. Ich habe hin und her überlegt, ob ich wo was einkaufe, oder einkehre. Wie immer, wenn ich keine klare Entscheidung treffe, dann trifft sie Conchita für mich. Ich komme um eine Kurve herum und sehe rechts einen Gasthof, zwei Motorräder stehen auch schon da. Also Blinker setzen, auf den Parkplatz fahren. Ich steige ab und trete ein, gehe durch zum Gastraum und sehe... ein überwältigendes Panorama! Die Alpenkette und der Bodensee sowie einige Hegauhügel und die Reichenau liegen vor mir. WOW!

Noch bevor ich mein Essen bestellt habe, meldet sich eine kleine Stimme in mir "Hey!!! Lass uns hier übernachten! Ich will jetzt nicht mehr heimfahren! Da hinten regnet es und wir haben bald 19 Uhr! Au ja, lass uns hier bleiben!!!" Während ich mir mein Essen schmecken lasse, höre ich der Stimme weiter zu, die munter vor sich hinplappert. "Hey!!! Morgen könnten wir dann am Bodensee rumfahren oder in die Berge, oder hier!! Du bist dann wieder wach!!! Guck mal, da hinten Richtung Freiburg regnet es und es wird dunkel!!!"

Bad mit Herz
Als die Bedienung kommt, frage ich, ob sie zufällig ein Zimmer frei hätten, wenn nicht, wäre es auch nicht schlimm. Noch kann ich nach Hause fahren und mit Essen im Bauch ist die Strecke nach Freiburg zu bewältigen. Nach ein paar Minuten bekomme ich ein Zimmer, die Chipkarte für das Zimmer und gehe nach oben.

Ich habe echt alles mögliche erwartet, aber nicht so ein Zimmer für mich allein. Es ist mit Bad fast so groß wie meine Freiburger Wohnung, das Badezimmer ungefähr dreimal so groß wie zuhause und außer einem Schälchen mit Süßigkeiten neben dem Bett gibt es im Bad ein Kosmetikkörbchen und Duschgel in der Dusche. Somit macht es auch nichts, dass ich selbst nicht mal eine Zahnbürste dabei habe.

Immerhin trage ich noch normale Klamotten unter der Kombi und wechsle jetzt in die Turnschuhe, vertrete mir ein bisschen die Beine und mache Fotos. Diesmal ärgere ich mich, dass ich nicht die Spiegelreflex dabei habe, sondern nur die mittelprächtige Kamera von meinem Handy. Egal! Der Abend hinterlässt auch so genug Eindrücke bei mir. Der Himmel bietet von hellblau bis tiefschwarz alles, hier schauert es, dort sind weiße Wolken, da kommen die Alpen hervor und da unten der Bodensee. Ich habe überhaupt keine Ahnung, wo ich gerade genau bin, aber das ist auch völlig egal. Ich stehe mitten in einer nassen Wiese zwischen Hahnenfuß und Pusteblumen und verbringe einen dieser perfekten, vergänglichen Glücksmomente.

Als ich am näcsten Morgen aufwache und das Fenster öffne, höre ich die Glocken einer kleinen Kirche im Tal und den Kuckuck rufen. Draußen ist es eher grau als blau und teilweise neblig und noch recht frisch. Ich dusche mich und ziehe meine normalen Klamotten an. Im Gastraum erwartet mich - neben einem Rudel Motorradfahrer, die wohl eine geführte Tour machen und eine gute Stunde nach mir eintrafen - ein großartiges Frühstücksbuffett. Von Müsli über Obstsalat, Käse, Wurst, Lachs, Brötchen Croissants, Joghurt, Spiegelei, Marmelade... ist wirklich ALLES da. Ich genieße das Frühstück, die Aussicht ist an diesem Morgen leider eher verhangen, aber ich hatte ja am Abend den Ausblick genießen können.

Ich frühstücke in aller Ruhe, ziehe mich danach um, zahle und sattle Conchita. Ich liebe es, am Wochenende so früh auf der Straße zu sein, denn dann ist nichts los. So gondeln wir von gemütlich bis zügig durch kleine Täler, idyllische Örtchen, ein Stück an der Donau entlang, bei der Donauversickerung vorbei auf und ab. Nach zwei Stunden drehe ich Conchitas Nase Richtung Freiburg und bin gegen Mittag noch vor den ganzen Sonntagsfahrern wieder zuhause.

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Sonntag, 30. April 2017

Monatsimpressionen April

Für den 2. April hatte ich morgens ein Fotoshooting für eine Freundin ausgemacht. Tags zuvor war ich bei herrlichstem Sonnenschein und warmen Temperaturen mit Conchita unterwegs, völlig entfesselt, weil ich am Freitag die erste Osteopathiebehandlung meines Lebens hatte und die irgendwie sämtliche Blockaden gelöst hat. Nun saß ich also in Freiamt im Café und schrieb ein whatsapp an Roland, der mit seinem Sohn unterwegs war. Die whatsapp hatte nur einen Haken, aber da es im Schwarzwald Funklöcher gibt, habe ich mir da nichts dabei gedacht.

Abends war an der whatsapp immer noch nur ein Haken, keine Meldung, kein Anruf von Roland. Ok, vielleicht hat er unterwegs Freunde getroffen, das Handy ist aus, liegt daheim oder oder, es gibt ja keine Pflicht zur Meldung.

Als am Sonntagmorgen nach wie vor nur ein Haken an der whatsapp war, wurde ich unruhig.
möge Conchita nie so enden...

Um 10 vor 9 klingelte mein Telefon.
Eine unbekannte Nummer.
Rolands Schwester war am Apparat.

Danach habe ich erstmal nur ungefähr 10% des Gesprächs wirklich aufgenommen, "Speiche gebrochen", "Unfall", "Intensivstation", "Krankenhaus Villingen" war das, was mein Gehirn durchgelassen hat.

Mechanisch schrieb ich die Telefonnummer auf und wählte.

Roland war selbst am Telefon und erzählte mir, was geschehen war und dass er bald auf die normale Station verlegt würde.

Es ist, wie wenn man die Welt plötzlich durch Gelee wahrnimmt, sich alles nach innen zurückzieht, sich Blei auf die Glieder legt und man sich nur noch in einer Ecke verkriechen möchte.
Alles ist wie unter Wasser.
Ein böser Traum.

Ich habe gewiss schon bessere Fotos gemacht als an diesem Morgen. Nach dem Shooting bin ich nach Hause gefahren, das Café im Vauban war voll, so dass ich zuhause erstmal etwas gegessen und Kaffee getrunken habe, um mich irgendwie zu sammeln. Die Angebote von zwei Freundinnen, mich nach VS zu fahren, habe ich ausgeschlagen.

Ich wollte und musste da allein durch.

Ich bin über Bräunlingen gefahren und habe dort Käsekuchen gekauft.
Eigentlich total absurd, aber ich wollte nicht mit leeren Händen kommen.

Vom Abschlepper zum Abdecker
In Villingen parkte ich mein Motorrad, ging zur Information und fragte nach Rolands Station und Zimmernummer.

Roland lag im  Halbschlaf, als ich in sein Zimmer kam.

Wir haben in den letzten neun Monaten, seit wir uns das erst Mal über den Weg gefahren sind, schon einiges miteinander durchgestanden, aber das... das war etwas völlig anderes. Roland war sichtlich vollgepumpt mit Schmerz- und Beruhigungsmitteln und kämpfte zwischen zwei Sätzen immer damit, die Augen offen zu halten. Weil er seine Arme nicht bewegen konnte, habe ich ihn mit dem Kuchen gefüttert.

Wieder so eine total absurde Situation.
Der Mann liegt keine 24 Stunden nach dem Unfall mehr oder weniger bewegungsunfähig im Krankenhausbett und ich füttere ihn mit Käsekuchen!

abgedeckt...
Das Erstaunlichste für mich war, dass er da in seinem Bett lag, mit einem Lächeln auf den Lippen und einem seltsamen Strahlen um sich herum. Es war, als ob jemand einen Spot auf ihn gerichtet hätte, alles andere verschwamm.

Jede Minute dieses Tages ab dem Anruf ist in meiner Erinnerung zu etwas Künstlichem geronnen, inszeniert wie eine billige Fernsehproduktion mit uns als Hauptakteuren.

Nach ungefähr zwanzig Minuten bin ich gegangen, weil es ihn sichtlich anstrengte, die Augen offen zu halten und ich dachte, dass er nichts als Ruhe braucht, schlafen, Regeneration.

Als ich aus dem Krankenhaus draußen war, habe ich mich auf eine Bank gesetzt und geheult. Dann hat mein Wille wieder die Oberhand gewonnen und ich bin nach Hause gefahren.

Zum Glück bin ich inzwischen eine routinierte Fahrerin, zum Glück war es eine anspruchslose
Essen auf Rädern
Strecke und zum Glück ist mir nichts passiert. Es war natürlich völlig unvernünftig, die Angebote meiner Freundinnen auszuschlagen, zumal mir unterwegs auch übel wurde.

Ich wusste, dass ich nicht anhalten könnte, weil ich dann nicht mehr nach Hause kommen würde und Montagmorgen musste ich wieder im Büro sein. Ich war noch nie so froh, als Conchita in der Garage geparkt war und ich wieder zuhause.

Die folgende Woche war ich dreimal im Krankenhaus. Am Mittwoch haben wir uns einen Rollstuhl ausgeliehen und ich habe Roland damit durch die Gänge ins Café geschoben. Da konnten wir schon wieder Scherze machen, nach dem Motto "die neue Africa Twin, jetzt mit Stützrädern...!"  Zwischen dem Sonntag nach dem Unfall und meinem letzten Krankenhausbesuch am Sonntag danach lagen Welten. Roland lief wieder, zwar langsam und vorsichtig, aber immerhin.

Tütensuppe kommt nicht in die Tüte
Seit dem Dienstag vor Ostern ist Roland wieder zuhause und in der nächsten Woche beginnt sein Arbeitsalltag. Drei Twins wurden angeschaut und eine werden wir in den nächsten Wochen aus Creglingen holen.


Am dritten Aprilwochenende waren wir bei Sandra und Heiner. Heiner hatte Rolands Twin vom Abschleppdienst (fast hätte ich "Abdecker" geschrieben) geholt und unsere Gruppe per whatsapp mit Bildern auf dem Laufenden gehalten. Es war eine Sache, die Fotos zu sehen und eine andere, live vor dem Wrack zu stehen. Der Tank hatte eine riesige Delle, die Gabelrohre sind verbogen und geborsten, der Vorbau erstaunlicherweise zum Teil noch in Ordnung. Der Rahmen ist bis zum Getriebe gestaucht, geknickt, aber nicht gebrochen (Honda baut Qualität...), die rechte Fußraste mitsamt der Aufhängung aus dem Rahmen gerissen und und und... Patient tot.

Zum Glück nur der mit den zwei Rädern.

Als Heiner uns Rolands Helm gab, wurde mir beim Anblick der Blutspritzer auf dem Visier wieder anders. Ich bin wirklich hart im nehmen, aber das... das setzte mir zu.

Ende Gelände
Roland hat von den beiden alten Leutchen, denen er reingefahren ist, eine Fotostrecke des Unfalls bekommen.

Er meinte, dass er mir die Bilder nicht zeigen wird, weil ich sonst nicht mehr fahren werde. Vielleicht sehe ich sie mir im Winter an, dann ist Zeit vergangen, Abstand gewonnen und man kann eh nicht viel fahren. Den beiden ist nicht viel passiert, außer dass das Auto im Eimer ist und sie nehmen es mit Humor. Auch sie sind froh, dass Roland noch lebt.

So viel Glück in nur einem Leben...strapazier es bitte nicht nochmal!

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Montag, 24. April 2017

Herz am Montag - Platz für 170 Herzen

Münster Radolfzell
Freitag war unser Stammtisch in der idyllischen, aber leider sehr vollen Griestal-Strauße. Wir waren  diesmal nicht sehr viele, es haben ja nicht immer alle Zeit. Roland und ich sind mit dem Auto gefahren, wobei derzeit noch er fährt. Ich habe mich vor Ostern nach 31 Jahren ohne Fahrpraxis auf vier Rädern wieder ans Steuer gesetzt, aber ich möchte sein Leben nicht noch einmal riskieren, daher gibt es noch ein paar Übungsstunden. Freitag stand die Geschichte von seinem Unfall im Mittelpunkt und viele Geschichten von Stürzen, Havarien und anderem Ungemach wurden erzählt. Natürlich gab es diverse Vorschläge, was mit den havarierten Teilen angefangen werden könnte, Gestaltungsvorschläge für das Motorrad, besseren Gemächtsschutz und und und. Wir hatten jedenfalls ordentlich was zu lachen.

Rolands Unfall ist jetzt etwas über drei Wochen her und wir sind bereits auf der Suche nach einer neuen Twin für ihn.

Es hat sich herausgestellt, dass seine unrettbar zerstört ist, ein Wiederaufbau wäre zwar möglich, aber aufgrund des Aufwands nicht sinnvoll. Nun sind unsere alten Schlachtschiffe immer noch sehr beliebt und die Einführung der neuen CRF hat - entgegen meiner Annahme - nicht zu großartigen Preisrutschen geführt. Gut, manche Angebote sind einfach nur absolute Phantasiegebilde. Wer 6000 € für ein 20 Jahre alte Maschine möchte, die vor 20 Jahren 13.000 DM gekostet hat, der... hat nen weichen Keks!

Da Roland nun doch rasch wieder aufs Motorrad steigen möchte, muss Ersatz her. Wir haben neulich einen Abend damit verbracht, uns gegenseitig per whatsapp Angebote zum anschauen zu schicken. Die Wahl fiel auf eine Twin, die in der Nähe von Radolfzell zum Verkauf steht. Also sind wir am Samstag nach seinem Geburtstagsfrühstück in Richtung Bodensee gefahren, um uns das gute Stück anzusehen.

Es war ein ziemlich lustiger Besuch, denn es gab ja ein paar Überraschungen für den Verkäufer. Rolands Verhandlungsgeschick war wirklich bewundernswert, aber das Gesicht des Verkäufers war in zwei Situationen unbezahlbar.

Frau läuft um das Moped, fragt sogleich nach den bekannten Schwachpunkten der Twin (Benzinpumpe, Regler), zieht den Choke und wirft die Twin an. Der Verkäufer macht ein überraschtes Gesicht. "Fahren Sie auch eine Twin?" Ich (empörter Tonfall): "Selbstverständlich!"
Ich stand da mit dem Rücken zu Roland, aber sein Grinsen habe ich deutlich gespürt.

Dann kam die unvermeidliche Frage des Verkäufers in Richtung Roland: "Möchten Sie sie probefahren?"
Roland: "Ich darf gerade nicht, der Unfall ist erst 3 Wochen her."
Ich: Wildes Nicken.
Verkäufer: "Ach so." Ratloses Gesicht.
Ich zu Roland: "Soll ich sie probefahren?"
Er: "Ja, mach mal."
Gesicht des Verkäufers: unbezahlbar.

Frau steigt also in die mitgebrachten Klamotten, schwingt sich auf die Twin und fährt los. Eine nette kleine Runde ist das geworden, aber das Motorrad kam nicht in die engere Wahl, da gibt's besseres woanders.

Danach brauchten wir beide einen Kaffee, um eine Lagebesprechung zu machen und sind nach
Radolfzell gefahren. Nach dem Kaffee sind wir ein wenig herumspaziert und - obwohl wir beide nicht religiös sind - waren wir im Münster und haben dort zwei Kerzen angezündet.

Ich habe Roland gestanden, dass ich für ihn in den vergangenen Monaten schon öfter welche angezündet habe, was wohl den fleißigen Einsatz seiner Schutzengel erklärt hat. Auf dem Rückweg zum Auto ist uns dann das Schild untergekommen, es gibt sogar eine Herzenstraße in Radolfzell.

Wenn das mal nicht passend war für unseren Ausflug...

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Montag, 3. April 2017

Herz am Montag - mein Herz ist mit Dir

Ja, mein Hobby ist gefährlich. Jetzt sind die ersten längeren, warmen Tage, die uns die ersten richtigen Touren ermöglichen.

Uns... nein, in den nächsten Wochen werden es nur meine Touren sein.

Roland ist am Samstag mit seiner Twin auf dem Heimweg verunglückt. Er hatte sehr viel Glück, liegt mit Prellungen, drei gebrochenen Rippen und einer gebrochenen Speiche im Krankenhaus. Sein Schutzengel hatte an dem Tag wirklich viel zu tun und hat ihn vor schlimmerem bewahrt.

Es sind Bruchteile von Sekunden, die über Leben und Tod entscheiden, Bruchteile, in denen wir nicht aufmerksam sind, nicht 100% bei der Sache, uns überschätzen, Gefahren unterschätzen. Ja, auch ich bekenne mich schuldig, ich bin schon mehr als einmal über den Rand der Erschöpfung und Müdigkeit hinaus unterwegs gewesen, habe auch schon ein paar derbe Rutscher erlebt, Vollbremsungen...

Diesen Blogeintrag widme ich allen Motorradfahrern, die nicht mehr unter uns weilen, weil dieser Bruchteil über ihr Leben und Sterben entschieden hat. Ich widme ihn auch denjenigen, die nochmal davongekommen sind und wieder auf ihren Maschinen sitzen.

Ganz besonders widme ich diesen Blogeintrag aber Dir, Roland.
Ich bin dankbar, dass Du noch lebst und dankbar, dass nicht mehr passiert ist!
Lieber Roland, werde schnell wieder fit, Conchita und ich vermissen Dich!

Freitag, 31. März 2017

Monatsimpressionen März

hui, der März ist schon wieder vorbei... Habt ihr auch das Gefühl, dass das Jahr ab Februar immer
mehr Fahrt aufnimmt und die Zeit nur so dahinrast?

Mein März war voller großer und kleiner Glücksmomente, Touren allein und zu zweit, Stammtisch, Geburtstage... Frühlingsritual Nr. 1 - Kaffee und Kuchen im Café Huber in Engen - ist bereits absolviert, allerdings werde ich es mit dem netten Mann aus dem Kinzigtal wiederholen.

Ich war auch an der Aachquelle in Stockach und habe an dem sonnigen Sonntag nochmal den leckeren Kuchen genossen. Conchita hat ihr schwer verdientes frisches Öl erhalten, wartet aber immer noch auf kleinere Wartungsarbeiten und eine gründliche Wäsche. Weil ich ihr beim Ölwechsel unters Röckchen geschaut habe, habe ich entdeckt, dass ich der einen oder anderen Roststelle jetzt mal zuleibe rücken muss. Ganz davon abgesehen, dass sie einfach immer noch saudreckig ist...

Im März gab es drei besondere Höhepunkte für mich.

frisch gestochen und noch rot...
Höhepunkt Nr. 1: Ich habe mir ein neues Tattoo stechen lassen. Die Idee trug ich schon eine Weile mit mir herum, es sollte was mit Reisen zu tun haben und mit Motorradfahren.

Letztes Jahr unterwegs in Norwegen, kam ich auf die Idee, mir einen Kompass stechen zu lassen. Weil das allein jedoch "langweilig" ist, habe ich mir überlegt, den Kompass in einen Motorradreifen zu packen. Um genau zu sein: In den Hinterreifen von Conchita, der seit ich sie habe, immer mit einem Heidenau Scout K60 beschuht ist. Im Dezember war ich bei Rattattoo und habe mir dort einen Termin geben lassen, ein Design entworfen und hingeschickt. Gestochen hat mit das Tattoo Pau aus Spanien und ich muss sagen, ich bin absolut begeistert, hin und weg und freue mich jeden Morgen, wenn ich es im Spiegel sehe.

Höhepunkt Nr. 2 war das "Huse jazzt" Jazzfestival in Hausach im Kinzigtal. Roland hatte mich vor einiger Zeit gefragt, ob ich nicht Lust hätte, den Bardienst zu übernehmen.

Weil ich gerne im Getümmel bin und Feiern mag und Bar toll finde, habe ich zugesagt.
Eigentlich habe ich "nur" unterstützt, denn Evi hat die Bar ziemlich gerockt, aber sie hat auch sehr
Die Ruhe vor dem Sturm...
viel mehr Erfahrung als ich. Ich habe nur die Caipis und Tequila Sunrises gemixt. Fragt mich nicht, wieviele Caipis das waren. Am Anfang war's noch sehr ruhig, aber im Lauf des Abends hatte ich dauerhaft alle Hände voll zu tun und konnte nur sehr begrenzt zusammen mit Roland das Tanzbein hinter der Theke schwingen.

Hier seht ihr einen Filmbeitrag zu dem Abend und am Ende mich in Aktion.

Die Band, die im Guck rein gespielt hat, hieß "Jitterbug Bites" und hat den Laden mächtig in Schwung gebracht. Bis nachts um 1/2 2 haben sie gespielt und wir waren erst um 1/2 5 im Bett. Am Sonntag war es schon ein Kampf, Conchita um die Kurven zu bringen. Als Ausklang dieses wunderschönen Wochenendes haben wir dann in Landeck noch Kaffee getrunken.

Vielen Dank, lieber Roland, das war ein richtig tolles Event und ich habe den Abend extrem
genossen, auch wenn ich danach "Hintern" hatte und meine Füße sich wie Brei angefühlt haben.

Höhepunkt Nr. 3 war der überraschende Besuch meines besten Freundes aus Studienzeiten, der inzwischen schon seit 9 Jahren in Bern lebt. Wir waren bei perfektem Frühlingswetter spazieren und sind danach in der Griestal-Strauße eingekehrt, haben leckeres Essen genossen und uns über die letzten Monate ausgetauscht.

Nun bin ich mal gespannt, was der April für mich bereithält.

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Sonntag, 19. März 2017

Ballast abwerfen

Letzes Jahr im Februar wurde ich 50. Mein Körper muss sich irgendwann danach gedacht haben, dass er jetzt gerne middle age spread ansetzen möchte. Als ich im Juni meinen Bikini hervorzog, dachte ich "oh je, DIE Zeiten sind auch vorbei..."

Ne, keine Sorge, ich schreibe jetzt keinen Diätblog. Mir geht es um was ganz anderes.

Man kann sich dann sagen "ok, ich kauf mir halt die Hosen größer, einen Shapingbadeanzug und dann hab ich eben die Wechseljahresringe, so what!" Man kann aber auch schauen, wo es herkommt, sich selbst den Gefallen tun und achtsamer mit sich umgehen und gegen den inneren Schweinehund kämpfen.

Ich lebe jetzt seit über 7 Jahren allein und leider hat sich meine Ernährung nicht gerade vorteilhaft entwickelt. Kochen tu ich zwar gerne, aber regelmäßig unter der Woche...? Mit knurrendem Magen nach dem Studio...? Spätabends nach Kursen...? Nö. Also schnell ein Brot geschmiert. Ist ja selbst gebacken und ich weiß, was drin ist! Als ich aus Norwegen zurückkam, war es schweineheiß. An meinem letzten Urlaubstag war ich mit Roland bei 42 Grad im Schatten im Schwarzwald unterwegs ... da hatte ich wenig Lust, den Ofen anzuwerfen und Brot zu backen. So ging es los mit der Veränderung, ich habe einfach kein Brot mehr gebacken und geschaut, ob ich es vermisse.

Low carb essen einige Leute aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis, mit ziemlich überzeugenden Ergebnissen. Und dann lief mir "30 day shred" von Jillian Michaels über den Weg. Angeblich sollte man da in kürzester Zeit (Tage, nicht Wochen oder Monate) sensationelle Ergebnisse sehen.

Weil ich bei sowas immer skeptisch bin, wollte ich es selbst ausprobieren. Also stand bzw. hüpfte ich eines abends vor dem Laptop herum und quälte mich durch den ersten Level Shred. puh... nach drei Tagen stellte ich fest, dass man doch besser Turnschuhe dazu trägt und nicht barfuß herumspringt. Zwei Wochen nach meinem Urlaub kam unsere Putzfrau im Büro aus dem Urlaub und meinte "gut siehst Du aus, wie Mädchen! Schlank!"

Ich will nicht lügen, die erste Woche low carb war furchtbar! Ich hatte dauernd Hunger, weil mein Körper die Kohlehydrate vermisst hat. Statt Frühstücksbrot gab es jetzt Rührei, Chiapudding mit Obst und ins Büro Magerquark mit Himbeeren und Haferflocken mit Obst, abends Salat oder Suppe, manchmal auch gar nichts. Den Unterschied in punkto Fitness habe ich rasch gemerkt, mein Arbeitsweg geht leicht bergauf, bald habe ich davon nichts mehr gespürt. Auch im Studio fielen mir die Übungen immer leichter, ich konnte die Gewichte raufsetzen. Der lästige Schwimmreifen wurde zusehends kleiner, die Figur straffer, die Laune besser. Bald hielt ich die Übungen in allen drei Leveln problemlos durch.

Inzwischen bin ich fertig mit dem zweiten Durchlauf von "Shred" und an guten Tagen denke am Ende von Level 3 "wie, schon rum?" An schlechteren Tagen bringen mich "travelling pushups" und "Mountainclimber" im Wechsel immer noch an die Grenzen... Ganz nebenbei haben sich die Sprungübungen positiv auf mein linkes Bein ausgewirkt, das ja immer noch nicht bei 100% Kraft angekommen ist. Über Gewichts- und Umfangsverlust kann ich nichts schreiben, da ich keine Waage besitze und nur am Anfang gemessen habe. Circa zwei Hosengrößen kleiner sollte aber überzeugend genug sein, finde ich. Und nein - ich sehe nicht wie ein Magermodel aus und ich esse auch nicht streng low carb. Brötchen, Kuchen etc. habe ich auf das Wochenende beschränkt und werde das auch während der Saison bei allen Verlockungen möglichst durchziehen. Lustigerweise habe ich sowieso immer weniger Bedürfnis danach.

Über Jillian Michaels kann man sich streiten. Ich muss jedoch oft lachen, wenn sie im Brustton der Überzeugung sagt, dass Shred nicht nur körperlich stark macht, sondern auch "fürs Leben". Ich sehe es als eine Form an, auf andere Art nett zu mir zu sein. Es ist nun mal so, dass unsere Körper mit den Jahren "wartungsintensiver" werden und mehr Aufmerksamkeit brauchen. Vielleicht ist dies auch ein schöner Moment, innezuhalten und zu schauen, wo es jetzt langgehen kann, nicht nur figur- und ernährungsmäßig, sondern auch so.

Ballast abwerfen tut immer gut.
Mir jedenfalls.