Montag, 23. Januar 2017

Herz am Montag - Herzen stehen Kopf

Mein Herz steht tatsächlich Kopf in diesen Tagen.

Ich habe am Sonntag von einem Menschen Abschied nehmen müssen, leider konnte ich es nicht mehr persönlich tun.

Liebe Tante Traudel, Du warst für mich in den letzten 30 Jahren meines Lebens ein wichtiger Mensch. Durch Dich habe ich vieles über meine Vergangenheit und meine Familie erfahren, das ich sonst niemals erfahren hätte.

Du warst für mich da in schwierigen Zeiten, hast mir zugehört und hast mich nie verurteilt, auch wenn Du mir nie verziehen hast, dass ich die 50 DM damals in Bremen in einen neuen Haarschnitt steckte und mit einem flammroten Stern im schwarzen Schopf zurückkam. Ich fand es toll, aber Du hast Dich ein bisschen geschämt für Deine schräge Nichte.

Titisee on the rocks
Als ich Liebeskummer hatte, war ich bei Dir, Du warst da und hast zugehört.

Nach ein paar Tagen kam mein Appetit wieder und ich erinnere mich daran, dass Du zu mir "Wenn Du so weitermachst, brauchst Du in zwei Wochen eine neue Hose!" sagtest. Ich weiß, dass Du das nicht böse meintest, im Gegenteil, Du fandest Deine schwarz gekleidete Nichte aus der Stadt viel zu dünn.

Oh ja, wenn Du meine Mutter gewesen wärst, hätte ich sicherlich noch mehr rebelliert, als ich
esschon tat.

Wir hätten uns gestritten und es wären die Fetzen geflogen. So warst Du für mich immer etwas wie eine Stimme der Korrektur, jemand, der mir mit fester Hand aber liebevoll den Kopf gerade gerückt hat.

Meine x-te Trennung in den letzten Jahren hast Du trocken mit "Du hast einen ganz schönen Verschleiß!" kommentiert und wir haben beide gelacht.

Wenn ich bei Dir war, haben wir uns Portwein auf die Nase gegossen und es wurde ein sehr lustiger
Abend. Du hast mir von Mohrchen, dem alkoholabhängigen Hofhund erzählt, der auf dem Küchentisch stand und den kompletten Käsekuchen für den Sonntagskaffee gefressen hat, weil jemand die Tür vom Haus offen ließ und der beim Schützenfest immer stockbessoffen auf der Theke lag, weil ihn jemand mal wieder mit Bier abgefüllt hatte.

Als mein Onkel starb, warst Du Anfang 50 und weil Du auf dem Land wohntest und nicht Auto fahren konntest, bist Du in die Ferienfahrschule marschiert und hast in drei Wochen Deinen Führerschein gemacht.

Du bist liebend gern gereist, hast Dir die Welt angesehen, auch wenn Du Deinen Traum, mit den
Hurtigruten nach Norwegen zu reisen, nicht mehr umsetzen konntest. Du warst in Portugal, Frankreich, Italien, St. Petersburg, Du hast Schweizer Berge erklommen und Dein Leben so reich und bunt gestaltet, dass Du nun am Ende wirklich zufrieden in Deinem Ohrensessel saßest.

Einzig das Reisen hast Du vermisst, und das verstehe ich gut.

Als ich mit 45 den Motorradschein machte und dann eines Tages mit meinem Motorrad auf den Hof fuhr, hast Du allen stolz von Deiner Nichte berichtet, die allein mit dem Motorrad die 750 km zu Dir gefahren ist. 

Du hast es gehasst, dass Du immer abhängiger von anderen Menschen wurdest, Dein Körper immer
schwächer und Dein Aktionsradius immer kleiner. Trotzdem hast Du Dich bis zum Schluss nicht unterkriegen lassen und Deinen Willen durchgesetzt.

In vielen Dingen bist Du ein Vorbild für mich.
Wenn ich einmal 92 sein werde, möchte ich auch in meinem Ohrensessel sitzen und sagen können "ich bereue nichts!" - außer, dass ich den Motorradschein erst mit 45 gemacht habe.

Wo auch immer Du jetzt hingereist bist, in meinem Herzen wirst Du immer einen Platz haben.

Mach es gut, ich habe Dich lieb und Du wirst mir fehlen.

Montag, 9. Januar 2017

Herz am Montag - Azoren-Herzen von Yves Decoster

Der belgische Künstler Yves Decoster hat auf Sao Miguel
365 Herzen auf Mauern, Garagentoren, Häuserwänden... hinterlassen.

Yves Decoster möchte den Menschen in dieser wirtschaftlich schwachen Region Hoffnung machen. Das ist eine sehr schöne Idee, finde ich.

Hier findet ihr einen Videobeitrag vom SWR über die Arbeit von ihm. Ich finde, er und seine Arbeit strahlen eine unglaubliche Lebensfreude aus und ich kann gut verstehen, dass sich die Hausbesitzer um Bild von ihm prügeln.

Ich hatte vor meiner Reise auf die Azoren bereits von den Herzen gelesen und neben diesem hier fotografierten auch noch etliche andere entdeckt. Für mich hat so das alte Jahr mit Herz geendet und das neue Jahr beginnt auf meinem Blog (und nicht nur da) mit Herz.

In den letzten zwei Woche hatte ich Urlaub und habe die Zeit neben Tapetenwechsel und To-Do-Listen abarbeiten auch mit etwas Innenschau verbracht.

Alles auf Kurs, würde ich mal sagen.
Jetzt fehlt nur noch das Motorradwetter, aber auch das kommt wieder.

Mehr Herzen findet ihr wie immer bei den Fredissimas.

Dienstag, 3. Januar 2017

Winterurlaub auf den Azoren - Teil 2

28.12.2016

Ananas im Sturm!
Ab heute soll es also stürmen. Naja, erstmal Frühstück! Da ich durch die Zeitverschiebung für meine Verhältnisse spät aufstehe (Azorenzeit ist -2 h unserer Zeit), es aber nach Ortszeit noch total früh ist (7:00 Uhr) bin ich fast immer die Erste und Einzige im Frühstücksraum. Mein Hotel ist aus den 80ern, hat schon mal bessere Zeiten gesehen, aber alles ist tiptop in Schuss gehalten und das Frühstücksbuffet ist wunderbar! Ok, über den Kaffee könnte man meckern, aber das Buffet...!

Es gibt zwei riesige Hauben unter denen Wurst und Käse liegen, so eine Art Eiermuffins, diverse Aufstriche, Cornflakes, Brot, Brötchen in zwei Variationen, Croissants, Kuchen, eine Art süßes Brot, Obstsalat, frische Ananas, Joghurt. Wer da nichts gefunden hat, war selbst schuld. Ich muss gestehen, dass ich mich morgens immer ziemlich vollgestopft habe, weil es einfach lecker war und ich ohne ein gescheites Frühstück nicht funktioniere.

Für heute hatte ich mir überlegt, nochmal etwas durch die Stadt zu streifen und zu den
Lagoa Verde
Ananasplantagen rauszulaufen. Tja, mit durch die Stadt streifen war schon mal nicht wirklich viel, denn da ich so früh dran war, hatte alles noch geschlossen. Der Wind verhieß nichts Gutes, es pfiff schon ziemlich durch die Gassen, zwar nicht kalt, aber wirklich stark. Naja, also laufe ich halt mal raus zu den Ananassen (Ananässern?). Auf dem Plan sah das ganz gut machbar aus. Ich laufe und laufe und laufe und laufe und laufe... keine Ananas weit und breit. Irgendwann lass ich Ananas Ananas sein, denn der Wind ist besonders von vorne kein Spaß. Später sehe ich auf dem Smartphone, dass ich erst ungefähr die Hälfte der Strecke hinter mir hatte... das nächste Mal vielleicht besser vorher gucken.

Tja, was tun? Es ist zwar warm und halbwegs sonnig, aber irgendwo draußen sitzen und lesen oder Kaffee trinken, ist nicht praktikabel, weil man in dem Wind nicht gemütlich sitzen kann. Da mir von dem ewigen Gelatsche auf Apshalt die Füße weh tun, beschließe ich, zurück ins Hotel zu gehen, ein bisschen auszuruhen, zu lesen. Vielleicht könnte ich später noch in den Park gehen oder so etwas.

Naja, später kam dann der vorhergesagte Regen in Schauern oder aber auch in Strömen. Was soll's, mein Buch ist spannend und ich verschwende diesen Tag im Hotel mit der Nase im Buch, muss auch mal sein!

29.12.2016 

Lagoa Azul
Heute wollte ich doch mal versuchen, ob nicht ein Ausflug möglich wäre, ein Spaziergang oder eine Wanderung. Der junge Mann vom Reiseveranstalter hatte mir als Ausflugsziele Sete Cidades und den Lagoa do Fogo genannt. Da Sete Cidades einfach zu erreichen ist, entschied ich mich für dieses Ziel. Mein Bus fuhr schon recht früh ab, so dass ich diesmal ein recht schnelles Frühstück einwarf und dann zum Turismo runter lief.


So richtig mies sah es ja gar nicht aus, windig, hier und da dickere Wolken und Schauer, aber auch ein paar Flecken blauer Himmel. Neben mir stieg noch jemand in Wanderkleidung in den Bus. Der Busfahrer schaute uns ungläubig an, als wir "Sete Cidades" nannten. Unterwegs fing es dann wieder an zu regnen, zwischendrin hörte es wieder auf, dann kam Nebel und tendenziell sah es nicht so toll aus.

Als der Bus in Sete Cidades hielt, war es total bezogen. Ich lief einfach los und kam recht schnell an
Lagoa Azul
den Seen an. In Sete Cidades befinden sich zwei Seen, Lagoa Azul und Lagoa Verde. Von oben betrachtet sieht der eine blau und der andere grün aus. So die Theorie. Als ich an den Seen ankam, sahen beide gleich aus. Grau, aufgewühlt und außenrum Nebel. Theoretisch hätte man hier zwei Wanderwege zur Auswahl, sowie diverse Aussichtspunkte. Ich entschied mich, erstmal an dem größeren der beiden Seen entlang zu laufen und dann zu gucken, was sich anbieten würde.

Heute hatte ich zwei Fehler gemacht: zum einen hatte ich statt der dünnen Wanderhose meine Jeans an, weil ich dachte, dass es kühl sein könnte und zum anderen hatte ich den Schirm im Hotel gelassen. Nach ungefähr 20 Minuten Spaziergang fing es erst an zu nieseln, dann zu regnen und schließlich zu schütten. Leider stellte sich meine Softshelljacke als nicht 100% dicht heraus. Ich stellte mich ein wenig unter Bäumen unter und hoffte darauf, dass der Regen aufhört oder weniger wird. Wurde er aber nicht. Im Gegenteil, es wurde immer schlimmer, grauer, nasser. Inzwischen war meine Jacke durchgeweicht, die Jeans von vorne patschnass und zentnerschwer. Ich machte mich auf den Weg, einen Unterstand oder irgendwas zu suchen, wo ich die Zeit bis zum nächsten Bus überbrücken könnte.

Auf der Straße nach Süüüüüdennnn...
Leider gab es kein Bushäuschen und inzwischen kam der Regen von allen Seiten, so dass ich nass bis auf die Unterhose war.

Ich lief jetzt in den Ort, irgendwo wird es schon eine Bar oder irgendwas geben! Am Ufer fand ich dann auch ein Café, wo ich erstmal einen Kaffee trank und ein Stück Schokoladenkuchen aß. Meine Jacke hinterließ veritable Pfützen auf dem Boden, meine Wanderstiefel waren nass und die Jeans klebte unangenehm an den Beinen, von der nassen Unterhose mal ganz zu schweigen.

Das war also schon mal nichts heute. Eigentlich wollte ich ja einen Wanderurlaub und keinen Badeurlaub machen... Gegen Mittag bestieg ich den Bus, der andere Wanderer und einige andere Leute, die wohl auch wandern gehen wollten und abbrechen mussten, stiegen ebenfalls ins den Bus.

Im Hotel habe ich erstmal die nassen Klamotten runtergerissen und mich heiß geduscht und umgezogen. Boah, ne! Zur nächsten Wanderung würde ich auf jeden Fall die dünne, schnell trocknende Hose anziehen und den Schirm einpacken.

Da der Regen draußen wieder an Fahrt aufnahm, beließ ich es für heute dabei und stecke die Nase wieder in mein spannendes Buch. Vielleicht ist morgen ja ein besserer Tag für eine Wanderung.

30.12.2016

Somewhere over the rainbow
Für heute war ab Mittag Wetterbesserung angesagt und ich wollte noch einmal mein Glück mit einer Wanderung versuchen. Ich nahm den Bus nach Ribeira Grande, um von dort zum Lagoa do Fogo zu laufen. Auf dem Weg befindet sich noch die Caldeira Velha, wo man sich unter einen Wasserfall stellen kann und in warmen Quellen baden.

Unterwegs nach Ribeira - die zweitgrößte Stadt nach Ponta Delgada - gab es wieder den üblichen Mix mit Schauern, Regengüssen, blauem Himmel, Nebel. Aber heute hatte ich die dünne Hose an und den Schirm dabei! Von der Endhaltestelle Ribeira lief ich los, den Schildern zur Caldeira und zum See nach. Da es die Tage zuvor ziemlich geregnet hatte, zog ich den Weg die Straße hoch vor. Durch matschige Wege laufen zu müssen und vielleicht über glitschige Felsen zu klettern, darauf hatte ich gar keine Lust!

Nach ungefähr einem Kilometer begann es wieder zu regnen, diesmal mit Schirm gerüstet, war es
nicht ganz so schlimm, der Wind hielt sich auch in Grenzen. Beim Blick zurück nach Ribeira sah ich einen Regenbogen. Das sollte nicht der letzte heute sein.

Langsam wand sich die Straße den Berg hoch. Der Feuersee liegt zwar "nur" auf knapp 600 m Höhe, aber man läuft auch bei Null auf Meereshöhe los, so dass es sich schon etwas zieht. Nach 1,5 Stunden strammem Marsch kam auf einmal hinter einer Kurve der Eingang zur Caldeira Velha. Prima, jetzt ein warmes Bad unter dem Wasserfall und dann weiter nach oben zum See.

Die Dame am Kassenhäuschen verkaufte mir lächelnd und mit den Worten "enjoy!" den Eintritt. Die
Caldeira Velha befindet sich in einem tief eingeschnittenen Tal und es gibt diverse Baumfarne und andere tropische Vegetation zu bestaunen. Den Wasserfall finde ich auch schnell und mir kommen schon diverse Leute in Badekleidung entgegen.

Auch hier ist alles recht einfach, es gibt ein paar Umkleidehäuschen im Freien und man klemmt sich seine Klamotten unter den Arm und macht sich auf den Weg zum warmen Wasserfall...

Vor mir turnen noch andere Besucher in dem Becken herum und machen Fotos. Da ich da nicht mit
Blaue Lagune 2.0
drauf sein will, warte ich, bis sie fertig sind. hm... so richtig WARM ist das Wasser in dem Becken ja nicht gerade. Lau würde ich sagen. Sehr lau. Ich laufe und schwimme vor zum Wasserfall und stelle mich in Erwartung von warmem Wasser drunter.

puhaaaaa... das ist KALT! Nach ein paar Sekunden verlasse ich den Wasserfall und das Becken. Ne, also das ist mir zu kalt. Ich trockne mich ab und ziehe mich wieder an.

Weiter unten entdecke ich dann das eigentliche Planschbecken. Da sitzen mir aber schon zu viele Leute drin. Ne, da gehe ich lieber mal weiter zum See hoch.

Richtung Gipfel sieht es nicht so toll aus, neblig, wolkig. Da wird bestimmt noch der eine oder
andere Schauer drin sein, denke ich mir. Nach ungefähr einer Stunde bergauf komme ich um eine Kurve, eine heftige Windböe erfasst mich und es beginnt quasi sofort zu regnen. Ich krame den Schirm hervor, aber der ist in dem jetzt immer stärker auffrischendem Wind kaum noch zu halten, klappt um. Der Regen kommt von allen Seiten und meine Hose, die inzwischen wieder trocken war, ist in Sekunden patschnass, in die Wanderstiefel läuft das Wasser. Keine Frage: Der Berg will mich nicht. Ich drehe um und laufe zurück.

Auf dem Rückweg sehe ich gefühlte 20 perfekte Regenbögen, vor dem Meer, hinter Kühen, fast zum greifen nah, halbe Regenbögen, Viertelregenbögen, Regenbögen, die irgendwo anfangen und mittendrin aufhören, um dann irgendwoanders zu enden...

Nach vorne in Richtung Ribeira sieht das Wetter gut aus, am Ende laufe ich sogar in der Sonne und mir wird schon fast zu warm. Hinter mir dräuende Wolken und die Androhung weiterer Schauer. tja, das war also der letzte Versuch, eine Wanderung zu unternehmen. Vielleicht klappt es bei einem nächsten Besuch besser?

31.12.2016

Ponta Delgada vom Meer gesehen
Ui, schon wieder ein Jahr um? Vor einem Jahr war ich in Norwegen im Schnee beim Skifahren und bei den Vorbereitungen für die Silvesterfeier. Dieses Jahr sollte es ein ganz anderes Silvester geben.

Zu Beginn der Woche hatte ich mich ja für "whale watching" angemeldet. Der Termin war um einen Tag verschoben worden, weil das Wetter nicht gut genug und die See nicht ruhig genug waren. Am Samstag sollte es aber so weit sein. Das Frühstück fiel heute etwas bescheidener aus, da ich nicht 100% sicher war, ob ich seekrank werden würde, oder nicht. Ich bin schon öfter auf größeren und kleneren Schiffen unterwegs gewesen, auch auf dem Atlantik bei ziemlichem Wellengang, seekrank wurde ich nie. Ich habe einfach immer so weit wie möglich in die Ferne geschaut und den Horizont fixiert, da machte mir das wildeste Geschaukel nichts aus, ich konnte es sogar genießen.

Ein Wal wird kommen...
Heute sollte es aber auf einem relativ kleinen Boot auf den Atlantik gehen und zwar schon ein ganzes Stück raus. Das Wasser war nach wie vor nicht gerade das, was man als glatt bezeichnen würde. Immerhin hatte ich das große Boot und war nicht in einem der kleineren Schlauchboote. Wobei die Abenteurerstimme in mir das bedauert hat, vor allem später, als wir auf See waren. Das ist schon nochmal unmittelbarer. Auf der anderen Seite kann man den Kotzbrocken, die es unweigerlich immer gibt, schlechter ausweichen.

In diesem Bild haben sich Delfine versteckt, findest Du sie?
In den Räumen des Touranbieters bekamen wir eine Einweisung in Sicherheitsmaßnahmen sowie eine Erklärung zu den Tieren, die wir unterwegs sehen würden. Um die Jahreszeit befinden sich in der Regel drei Delfinarten (Gemeiner Delfin, Streifendelfin, Großer Tümmler) und Pottwale vor den Azoren. Im Frühjahr und Sommer sieht das schon anders aus, es gibt dort 27 verschiedene Delfin- und Walarten.

Die sympathische Meersbiologin, die unsere Tour begleitete meinte aber, dass sie in den letzten 8 Jahren noch nicht alle Arten gesehen hätte. Wir würden zumindest Delfine sehen können und wenn der Aussichtsposten im Süden von Sao Miguel Wale sichten würde, würden wir dort hinfahren und die Tiere beobachten.

Es gab auch noch eine Einweisung in punkto Seekrankheit und dem Verteilen von Kotztüten. Es
Delfinporno
wurde eindringlich davon abgeraten, über Bord ins Meer zu kotzen, weil der Wind dann alles gerecht über alle verteilen würde.

So gerüstet betraten wir das Boot und schon während wir noch im Hafen waren, quiekten die ersten wegen den Wellen. Wir fuhren rasch ein ganzes Stück parallel zum Ufer und fast jeder starrte wie gebannt auf das Meer in der Hoffnung, einen Wal zu erspähen. Was ist das da hinten denn? Ach so, das sind nur die kleinen Schlauchboote.

Es dauerte aber nicht lange, da sahen wir Seeadler und Möwen kreisen und wo die sind, sind Fische und wo Fische sind, sind auch Delfine. Von den ersten Delfinen gab es nur die Flossen zu sehen und sie waren bald wieder verschwunden.

jepp, das sind Delfine
Wir fuhren weiter und stießen bald auf eine weitere Gruppe. Unser Tourguide erklärte viele Dinge, unter anderem, dass sich die verschiedenen Delfinarten untereinander paaren und dadurch auch öfter Hybride herumschwimmen, deren Art man nicht genau zuordnen kann. Sie erklärte uns auch, dass Delfinweibchen ein Leben lang zusammen bleiben, mit den Männchen circa 2-3 Jahre und dass Delfine aus Spaß Sex haben und um den jeweiligen Partner genauer kennenzulernen.

Nach einigem Herumgekurve stießen wir auf etwas neugierigere Delfine, die sehr nah ans Boot kamen, zwei davon schwammen direkt vor den Bug. "Look, these two are mating!" rief unsere Tourguide. Ein echter Delfinporno direkt vor unseren Augen! Delfine paaren sich übrigens Bauch an Bauch, meines Wissens nach einmalig bei Säugetieren, vom Menschen einmal abgesehen.

Die gurgelnden Geräusche hinter mir waren jedoch keine Paarungsgeräusche von Delfinen, sondern
Spot the dolphin!
einer der Leute, die sich geräuschvoll in ihre Tüte erbrachen. Nun denn... ich habe während der Tour tunlichst vermieden, neben den Kotzbrocken zu sitzen. Ok, sie können nichts dafür... wobei, wenn man - wie einer - mit geschlossenen Augen auf dem wackelnden Boot sitzt, braucht man sich nicht zu wundern, zumal die Tourguide extra erklärt hatte, dass man bei Übelkeit einen fixen Punkt ansehen und tief atmen sollte. Manchmal fragt man sich schon, ob die Leute zuhören, oder sich vor so einer Tour ein paar Gedanken machen.


Wir fanden bald noch eine weitere Gruppe Delfine, diesmal Streifendelfine. Unsere Tourguide
erklärte, dass diese Delfine besonders gern schnell schwimmen und dass die auch gerne springen, was sie dann auch taten. Die Gruppe führte außerdem ein paar Jungtiere, die besonders enthusiastisch aus dem Wasser sprangen. An meinen Fotos könnt ihr sehen, dass es verdammt schwierig ist, Delfine zu fotografieren. Am besten stellt man die Kamera auf Dauerfeuer und hält auf gut Glück drauf. Und selbst dann ist es nicht leicht, weil sich die Tiere bewegen, das Boot schaukelt und andere Leute im Bild herumstehen, man aber auf dem schwankenden Kahn nicht so einfach von A nach B laufen kann... naja, you get the picture (haha).

Nach drei Stunden hieß es Abschied vom Meer nehmen. Die Wale hatten an diesem Tag frei und wir
Der Bär steppt
haben leider keine gesehen. Trotzdem möchte ich dieses Erlebnis, auf dem offenen Meer wilde Delfine zu sehen, nicht missen und würde es jederzeit wiederholen. Es ist wirklich berührend, die Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum bei ihren natürlichen Verhaltensweisen zu beobachten. Umso wütender macht mich, was wir Menschen mit dem Meer machen, das Plastik, das darin herumschwimmt, der Dreck, Abwässer, Ausbeutung von Bodenschätzen usw. usf.

Wieder an Land war es herrlich sonnig geworden und ich trieb mich noch eine Weile im Hafen
herum, trank Kaffee und schaute aufs Meer. Da ich am nächsten Morgen um fünf Uhr morgens abgeholt werden sollte und abends unbedingt noch runter in den Ort gehen wollte, bin ich langsam Richtung Hotel geschlendert, nicht ohne noch einem Café einen Besuch abzustatten, süße Teilchen zu essen und azoreanischen Tee zu trinken. Übrigens zum rekordverdächtigen Preis von 2,75 € für eine Kanne Tee und ein nicht allzu kleines Stück Kuchen! Überhaupt ist Essen gehen und Kaffee trinken, oder Teilchen beim Bäcker holen unglaublich billig. Der durchschnittliche Espresso kostet 70 Cent und süße Teilchen vom Bäcker gibt's schon für 25 Cent das Stück und das ist keine Industrieware.

Im Hotel versuchte ich vergeblich zu schlafen, las in meinem Buch, chattete, duschte, döste...
irgendwann gegen 23 Uhr machte ich mich dann auf den Weg nach unten. Auf dem Hauptplatz war schon in den Tagen zuvor einiges aufgebaut worden und es gab eine ziemlich gute Band und Sängerin inklusive Zappelschnecken. Außenrum gab es Hot Dog-Stände und Stände, wo man rot-weißes Popcorn kaufen konnte. Das Publikum war entweder leger gekleidet oder im Abendkleid respektive Anzug. Natürlich gab es auch Idioten, die Böller zwischen die Menschen warfen, aber sie hielten sich in Grenzen.

Eine Minute vor Mitternacht kochte dann die Stimmung hoch, die letzten 10 Sekunden wurden heruntergezählt und dann knallten die Sektkorken und das Feuerwerk im Hafen begann. Das war übrigens sehr angenehm, im Gegensatz zu Deutschland, wo schon Tage vor Silvester herumgeballert wird und man an Silvester selbst besser nicht mehr in die Stadt geht, wenn man sich nicht im Krieg wähnen möchte, hier wird fast gar nicht "wild" geböllert, sondern man guckt sich in erster Linie das Feuerwerk an. Und das war wirklich toll, 10 Minuten ein Crescendo von Raketen, Böllern, Feuerspeiern und am Ende noch richtig bunte, riesige Raketen und Kanonenschläge zum Abschluss.

Nach dem Feuerwerk bin ich direkt ins Hotel zurück. Auf dem Weg kamen mir noch etliche hupende Autos mit gröhlenden Menschen entgegen. Kurz vorm Hotel stoppte plötzlich ein Auto neben mir und eine Frau rief irgendwas, das wohl "gutes neues Jahr" hieß auf Portugiesisch. Ich war total überrascht und musste erstmal nach der passenden Sprache suchen. Angesichts der Sprachverwirrung mussten wir beide lachen und unsere Wege trennten sich wieder.

Das war also Silvester auf Sao Miguel, in ein paar Stunden sollte es zurück nach Deutschland gehen. Ich hatte schon Wetterbericht geschaut und mich leise gegruselt... als wir in Frankfurt ankamen, gab es überfrierenden Nebel bei minus 3 Grad... wie schön, den Silvestertag auf dem Meer bei Sonne und später 20 Grad verbracht zu haben...

Ein schönes, neues Jahr voller neuer Abenteuer und Erlebnisse hat begonnen und ich werde auch dieses Silvester wieder nicht in Deutschland verbringen.

Es ist zwar schon der dritte Januar, aber ich wünsche meinen Bloglesern ein schönes, gesundes, fröhliches, sonniges und erlebnisreiches Jahr 2017 und uns Motorradfahrern eine lange, warme, kurvenreiche und unfallfreie Saison.





Montag, 2. Januar 2017

Winterurlaub auf den Azoren - Teil 1

Gelandet!
Eigentlich wollte ich wieder nach Norwegen, um auf den Vesteralen die Polarlichter zu sehen, im Schnee herumzustapfen und die Polarnacht zu erleben. Leider war die Reise ausgebucht und ich dachte über zwei Wochen gemütlich zuhause rumsitzen nach.

Naja, gemütlich rumsitzen ist dann irgendwie doch nichts für mich. Oben kein Schnee, unten kann man nicht Moped fahren, alle sitzen bei ihren Familien unter dem Weihnachtsbaum. Neeeee, ich muss raus, weg, Welt anschauen, was erleben! Einen richtigen Plan hatte ich nicht, klickte mich durch diverse Reiseportale. Teneriffa... hm... Madeira... hm... Azoren... hm...

Altstadt Ponta Delgada
Azoren..?
Die Azoren kennt man in erster Linie in Verbindung mit dem berühmten Tiefdruckgebiet, das uns hier Regen und Sturm beschert oder dem stabilen Hoch, das im Sommer für Sonne sorgt. Ansonsten...?
Azoren?
Wo sind die überhaupt und wo gehören die dazu?
Naaaa?

Also die Azoren sind eine autonome Region und gehören zu Portugal. Sie liegen mitten im Atlantik in den sogenannen "Rossbreiten", die deshalb so heißen, weil die Segler damals dort ihre Rösser gegessen oder über Bord geworfen haben, weil es in der Ecke gerne windstill war und das Futter für die Rösser knapp wurde. Da hat man die lieber selbst gegessen. So war das früher!


Auch auf den Azoren landet der Weihnachtsmann...
Heute liegen die Azoren immer noch in den Rossbreiten, genauer gesagt befinden sie sich bereits in subtropischen Breitengraden.

Sie bekommen ab und an den Rest von tropischen Wirbelstürmen ab und nach Neufundland ist es nicht weit (2342 km). Von Deutschland aus fliegt man etwas mehr als vier Stunden und die portugiesische Küste ist zwar nicht in Sichtweite, aber auch nur knapp 1900 km entfernt. Ekelige Krabbeltiere in Meerschweinchengröße gibt es nicht, genauso wenig wie merkwürdige Krankheiten, gegen die man sich impfen lassen müsste, man muss keine Visa beantragen oder sonst irgendwas großartig vorbereiten, sondern man kann einfach los. Nicht mal Geld muss man tauschen.

Eine Woche vor meinem Abflug unterhielt ich mich auf der Geburtstagsfeier einer Freundin wiederum mit einer Freundin von ihr. Sie fliegt regelmäßig auf die Azoren, aber nicht um dort Urlaub zu machen, nein, sie verkauft Tee von den Azoren. Ja, ihr lest richtig, auf den Azoren wird Tee angebaut. Genauer gesagt befindet sich auf den Azoren die einzige Teeplantage Europas und zwar im Nordosten der Insel in Gorreana. Ich habe mir natürlich welchen mitgenommen und auch welchen im Café getrunken, auch wenn der Kaffee auf den Azoren ebenfalls sehr empfehlenswert ist. Besagte Freundin meinte erst einmal, dass es eine ungewöhnliche Zeit sei, die Azoren zu besuchen (Hauptreisezeit ist Juli/August) und dass ich einen Schirm mitnehmen solle.

Mit diesem Ratschlag packte ich meinen kleinen Tourenrucksack und natürlich hatte ich vorher immer wieder einen Blick auf die Wetterkarte geworfen. 17-20 Grad sah auf jeden Fall gut aus, mit dem Regen würde ich schon klarkommen. Voller Vorfreude mache ich mich dann am 25. auf den Weg nach Frankfurt.

Hafen bei Nacht
Mit rekordverdächtigen 8 kg Gepäck checkte ich ein, da mich im Urlaub eh niemand kennt, ist es völlig egal, wie ich aussehe und ob ich die ganze Woche den gleichen Pulli anhabe. Da halte ich es wie beim Motorradurlaub: Weniger ist mehr und nachher kann man den Rucksack auf dem Rückweg mit leckeren Spezialitäten vollstopfen. An der Sicherheitsschleuse fiel mir dann ein, dass ich meine Wasserflasche noch voll hatte und ich leerte einen Liter Wasser auf ex. Der gut gelaunte Mann an der Schleuse und ich scherzten und insgesamt war es leer und alle Leute sehr entspannt. Danach musste ich durch den Nacktscanner, der prompt anschlug, weil ich unter meinen Jeans noch dicke Strickstulpen trug. Die Sicherheits-Swetlana tastete mich gründlich ab, aber ausser den bemängelten Wollstulpen gab es nichts zu finden. Ich meinte nur zu ihr, dass sie besser nicht zu fest auf meinen Bauch drücken sollte, weil sonst das soeben geleerte Wasser wieder rauskäme. Und dann ging es irgendwann in den Flieger, auch hier alles entspannt und in Vorfreude auf die Azoren.

Gegen späten Nachmittag landeten wir dann auf dem Flughafen Ponta Delgada. Es war bezogen, aber bei durchaus angenehmen Temperaturen. Nachdem auch geklärt war, mit welchem Transport ich zu meinem Hotel gebracht werden sollte, ging es die ersten Kilometer über die Insel. Ponta Delgada ist die Hauptstadt von Sao Miguel und - naja - nicht wirklich schön. Es gibt eine ganz nette Altstadt, aber auch jede Menge Verfall, Bausünden.

Was mir allerdings aufgefallen ist, sind die kunstvollen Kopftsteinpflaster, auf denen sich Sterne, Wellen oder maritime Motive befinden. Und das bei Feuchtigkeit auf Deutsch gesagt ARSCHGLATT ist. Keine Ahnung, wie die Damen mit ihren Stöckelschuhen da unbeschadet drüber laufen können, ich bin nicht nur einmal gerutscht und auch mal hingeflogen.

Im Hotel angekommen, wurde ich mit Kuchen und Wein begrüßt, die ich dann nachdem das Gepäck im Zimmer abgeworfen war, auch pflichtschuldigst verdrückt habe. Beides war lecker, aber der Wein hatte es echt in sich, zum Glück war es nicht viel. So gerüstet machte ich mich mit einem Stadtplan bewaffnet auf in die Stadt. Ich wollte ans Meer runter und schauen, was es sonst noch so zu sehen gibt. Als erstes fiel mir - neben der Weihnachtsbeleuchtung - auf, dass auf dem Hauptplatz Weihnachtslieder von Sinatra und Co liefen. Und da stand auch ein Schlitten mit Rentieren, in dem man für Fotos posen konnte. Wenn Sinatra bei 17 Grad "Let it snow" schmettert, entbehrt das nicht einer gewissen Komik.

Grinsend lief ich weiter in Richtung Hafen, ich wollte endlich den Atlantik sehen. An der Hafenpromenade war natürlich auch alles weihnachtlich beleuchtet, und ich lief ein ganzes Stück, um alles auf mich wirken zu lassen. Wegen der zwei Stunden Zeitunterschied zu den Azoren war ich dann irgendwann zur Unzeit schon müde und machte mich auf den Weg zurück ins Hotel. Was für ein Luxus, am ersten Weihnachtstag statt unterm Tannenbaum zu sitzen bei angenehmen Temperaturen am Meer herumzulaufen...

26.12.2016


Da ich nichts geplant hatte und mich komplett treiben lassen wollte, bin ich am nächsten Morgen einfach losgestiefelt und in Richtung Meer gelaufen.

Immer am Atlantik entlang wollte ich einfach so weit laufen, wie ich Lust hatte. Nachdem es morgens zunächst bezogen war, hatte ich meine Sonnencreme im Hotel gelassen und war ungecremt losgezogen.

Wenn ich in diesem Urlaub eins gelernt habe, dann dass man auf den Azoren am besten alles einpackt: Bikini, Schirm, Jacke, Pulli, Sonnencreme. Meist braucht man im Lauf des Tages mindestens einen Gegenstand, der im Hotel geblieben ist. In diesem Fall die Sonnencreme.

Erst einmal ging ich zurück zum Hafen. Dort waren mir am Abend schon Bilder aufgefallen, die auf den Kai gemalt waren.  Es scheint wohl eine Art Brauch zu sein, beim Zwischenstopp einer Atlantiküberquerung auf Sao Miguel ein Bild auf der Mauer zu hinterlassen. Die Bilder sind sehr unterschiedlich und reichen von kunstvoll bis sehr einfach.

Am Hafen befindet sich auch eine Art Einkaufs- und Restaurantzentrum mit verschiedenen Bars,
Cafés, kleinen Andenkenläden usw., einer Discothek und wohl auch einem Kino.

Ich lief und lief, leider immer nur auf Straßen, was das Laufen ziemlich anstrengend machte. Mir fiel  auf, dass vor den Cafés und Bars außerhalb der Stadt nur Männer herumstanden, rauchend, diskutierend. Frauen? Fehlanzeige. In der Stadt sieht das anders aus, da sitzt bunt gemischt alles.

Was mir allerdings auch auffiel war, dass es auf den ersten Blick wenig junge und sehr junge Leute gibt. Der gefühlte Altersschnitt liegt bei 40+, so zumindest mein Eindruck. An Silvester saß ich zufällig nach Ende der Messe im Café gegenüber der Kirche, mein erster Eindruck bestätigte sich, viele, sehr viele alte Menschen, sehr wenige Kinder.

Die Strände auf den Azoren sind dunkel und nicht weiß oder hellbraun. Das liegt daran, dass die Azoren vulkanischen Ursprungs sind und die Strände aus vulkanischem Material bestehen. Vulkanische Aktivität gibt es an vielen Stellen, Thermaquellen, Fumarole, heiße Quellen usw. Die Azoren liegen auf der Grenze der Europäischen und der Afrikanischen Kontinentalplatte. Die ehemalige Hauptstadt Provoação im östlichen Teil der Insel z. B. wurde bei einem Erdbeben komplett zerstört und auch so wackelt die Erde hier wohl nicht ganz selten.

Nach gefühlten Stunden fand ich dann einen zugänglichen Strand und konnte endlich über anderen Untergrund laufen. Als dann noch ein Café auftauchte, machte ich Pause, ließ mir die Sonne auf den Pelz scheinen und sah einem Jogger am Strand zu.

Übrigens haben diverse Leute im Atlantik gebadet, mir war das ein bisschen zu heikel, da das Meer meist ziemlich aufgewühlt war und wenn man die lokalen Gegebenheiten nicht wirklich kennt, lasse ich sowas lieber sein. Im Hafen von Ponta Delgada gibt es eine Art "Schwimmbad", wo man relativ geschützt baden kann.

Was mir bei meinem Spaziergang auffiel, waren die vielen kunstvollen Graffiti auf Türen, Wänden,
Oktopus-Einhornsteinböcke...
Gebäuden. Nicht das Geschmiere, was wir hier oft haben, sondern richtige Bilder, mehr oder weniger kunstvoll mit mehr oder weniger regionalem Bezug.

Auf dem Rückweg schaute ich einem Kitesurfer zu und genoss die angenehmen Temperaturen.

Da ich am Nachmittag Infos und Tipps zur Insel bekommen sollte, ging es nun wieder ins Hotel zurück. Dort erwartete mich ein netter junger Mann, der mir erklärte, welche Teile der Insel ich in meiner begrenzten Zeit ansehen sollte. Außerdem fiel das Stichwort "whale watching". Ich hatte im Netz bereits gelesen, dass sich in den Gewässern vor den Azoren diverse Wal- und Delfinarten tummeln und wollte mir das auf keinen Fall entgehen lassen.

Weil für die nächsten Tage Sturm angesagt war, wurde die Tour für Freitag auf den Plan gesetzt. In der  Nähe meines Hotels gab es einen hübschen Park, der mir ebenfalls empfohlen wurde, aber leider war der montags geschlossen, ebenso die mir empfohlenen Restaurants. Ich fand jedoch einen Supermarkt, wo ich mich mit dem Nötigsten versorgte. Mal ganz abgesehen davon, dass das Frühstück im Hotel wirklich üppig war und man sich morgens bestens satt essen konnte. Bei so milden Temperaturen hält sich mein Hunger sowieso in Grenzen.

27.12.2016

Kitesurfer
Für den Dienstag hatte ich  mir Furnas vorgenommen. In Furnas gibt es einen Park mit Thermalbad (Parque Terra Nostra) und in der Nähe einen See (Lagoa das Furnas) sowie eine Caldeira mit Fumarolen und heißen Quellen. Weil ich mit Bussen unterwegs sein würde, war eine gewisse Zeitplanung nicht ganz verkehrt.

Man kann die Insel auch mit Mietwagen oder Taxi erkunden, die Taxipreise für bestimmte Sehenswürdigkeiten sind festgelegt und stehen auf Tafeln im Zentrum von Ponta Delgada.

Ich hatte mir die Buspläne schon zuhause auf das Smartphone geladen, jetzt musste ich nur noch rausfinden, welche der drei Betreiber mich nach Furnas bringen würde. Das war schnell erledigt und ich machte mich nach einem gemütlichen Frühstück auf den Weg zur Bushaltestelle.

Die meisten Busse fahre vor dem Turismo ab, manchmal muss man schauen, welches die richtige
Heißer Thermalbach
Haltestelle ist, im Zweifelsfall einfach dem gewünschten Bus winken, dann hält der schon an.

Busfahren auf Sao Miguel war nicht besonders abenteuerlich im Sinne von klapprigen Bussen oder Hühnern an Bord. Aber... die Straßen durch die die großen Busse  - teilweise Linienbusse, teilweise Reisebusse, je nach Strecke - fahren, sind ENG.

Nicht einfach nur schmal, sondern eng im Sinne von zwischen Busdach und in die Straße ragende Balkons befinden sich gefühlte 2 cm Abstand. Dazu kommt, dass die Straßen oft zumindest auf einer Seite komplett zugeparkt sind. Gegenverkehr gibt es auch noch. Ne, also Auto muss ich da nicht unbedingt fahren! Die Fahrer haben zwar keinen besonders halsbrecherischen Fahrstil, aber es ist oft wirklich keine Handbreit Platz zwischen zwei Fahrzeugen.

Baumfarne
Im Bus liefen Discohits der 70er, so dass wir von ABBA, Boney M und Co untermalt gemütlich Richtung Furnas schaukelten. Modern Talking scheint sich im Ausland ziemlich großer Beliebtheit zu erfreuen, das letzte Mal hatte ich diese Begeisterung auf Gozo erleben dürfen, aber auch in einem azoreanischen Bus kann man jenes deutsche Liedgut vernehmen...

Da ich an der Promenade einen Verleih u. a. für Motorräder entdeckt hatte, habe ich mir die Strecke natürlich genau angeschaut. Sagen wir mal so: Bei Trockenheit würde ich gerne eine oder zwei Runden drehen. Die Straßen sind - außer an der Küste und auf der Autobahn (jepp, gibt eine Autobahn, brandneu!) - kurvig, kurviger, am kurvigsten. Als wir durch etwas bergigere Regionen kamen und überhaupt über Land reihte sich eine Kurve an die nächste, echt toll.

Allerdings... gibt es auf Sao Miguel sehr viele Rindviecher. Nein, keine motorisierten, sondern
Gingko-Allee im Winterkleid
vierbeinige. So auch auf unserer Fahrt. Der Bus stoppte plötzlich, weil eine Herde von Weide A nach Weide B getrieben wurde. Natürlich hinterlassen diese Tierchen auch etwas Schmutz auf der Straße. Ok, sagt ihr, das ist ja nicht schlimm. Nö, aber das ist nicht alles. An den Rändern der Straßen ist es oft algig oder moosig oder algig-moosig und auch mal moosig-algig, dazu Erde, Rinderdung, undefinierbare andere Dinge, Ölflecken (gerne nach forstwirtschaftlichen Vorgängen)... Teilweise sind die Straßen sehr gut, teilweise schlecht und in Kurven wird gerne längsgeriffelter Betonbelag genommen, oder es kommt einfach mal ein Abschnitt mit Kopfsteinpflaster, das, wie ich schon erwähnte, gerne schön glatt ist, weil moosig-algig oder algig-moosig. Also Mopedfahren kann man, muss man aber nicht! Die meisten Motorräder, die ich auf dem Land gesehen habe, waren verhaute Einzylinderzweitakter, also leicht, wendig und fährt auch auf Scheißbelag. In der Stadt gab es Harleys (nur bei Sonne!), eine Ducati, die die Promenade rauf und runter durfte, ein paar Sportler und eine Tenéré habe ich auch gesichtet.

Dazu kam an diesem und an den folgenden Tagen noch ein Wetter, das nicht gerade einladend war. War es am Dienstag nur bezogen und etwas windig, steigerte sich das in den nächsten Tagen zu allen möglichen Schattierungen von Sturm, Sturm und Regen, Regen und Sturm, Schauer und Sturm, Wolkenbrüche und Sturm, Sturm und Wolkenbruch und dann alles wieder von vorne.

Kamelie
In Furnas angekommen, spie der Bus eine Reihe Touristen aus, die sich dann über den Ort verteilten.

Ich lief zum Park, dessen Eingang gleich neben der Haltstelle war, löste eine Karte und ging der Nase nach. Als erstes stieß ich auf das Thermalbecken, in dem zu der relativ frühen Morgenstunde nur wenige Leute badeten. Da ich selbst auch nicht auf irgenwelchen Badebildern bei facebook oder sonstwo landen möchte, habe ich auf Fotos von dem Becken verzichtet, auch wenn spätere Gäste das anders gehandhabt haben.

Das Becken ist ziemlich groß und das Thermalwasser, das man auf den Fotos vom Bach sehen kann,
hat eine rötlichbraune Farbe, da es eisenhaltig ist. Es gibt keinen Schnickschnack und kein Chichi, keine Duschen, Whirlpools oder irgendwas anderes, sondern nur das Becken. Man kann sich in den Umkleiden in der Nähe umziehen und Klamotten und Co legt man einfach auf eine der Bänke neben dem Becken. Schließfächer gibt es nicht und man braucht auch keine Sorge haben, dass jemand etwas mitnimmt. Ich hatte meinen Bikini und ein Handtuch dabei, wollte aber erst einmal den Park genauer ansehen, bevor es in die Fluten gehen sollte.

Im Park gibt es verschiedene Bereiche mit exotischen Pflanzen, einen Kameliengarten mit etlichen Sorten, einen Palmengarten, eine Gingko-Allee, Baumfarne, Palmen und und und. Um diese Jahreszeit ist allerdings alles weitgehend kahl, nur die immergrünen Pflanzen sind eben immergrün. Bei den Kamelien gab es ein paar wenige Blüten zu bestaunen und etwas gefärbtes Herbstlaub, Gingkoblätter am Boden, riesige Goldfische, Enten, Schwäne sorgten für ein paar weitere Farbtupfer.

Jurassic Parc 2016!
Die Baumfarne, die es an allen möglichen Stellen der Insel gibt, haben mich ziemlich beeindruckt. Überhaupt... es gibt auf Sao Miguel Pflanzen, die wir hier im Topf haben oder die bei uns bescheiden im Garten wachsen im Großformat. Weihnachtssterne in Baumgröße, Farne in Baumgröße, Monstera als Büsche, Teppiche von Kapuzinerkresse, Hortensien, irgendwelche dornigen Aloe-Gewächse und jede Menge wilden Ingwer. Letzterer ist ein Neophyt aus China, sieht zwar hübsch aus, aber er verdrängt einheimische Arten.

In einem Teil des Parks entdecke ich lustige, halb überwucherte Tierfiguren. Känguruhs, Affen,
Bären, Flamingos, Pelikane... alles halb zugewachsen.

Poledancebaum für Elfen
Der ganze Park hatte zur Zeit meines Besuchs eine leicht irreal-verträumte Atmosphäre, außer mir waren nur sehr wenige Besucher unterwegs, die sich in dem weitläufigen Areal verteilten und das leicht grau-neblig-verhangene Wetter tat sein übriges.

Nach einer längeren Runde durch den Park zog ich mich um und ging in das Badebecken. Das Wasser war wirklich sehr angenehm, das Becken ist nicht tief und man kann entweder ein bisschen schwimmen, oder einfach nur die Wärme genießen, dem stürmischen Himmel zusehen und die Muster betrachten, die die Bäume gegen den Himmel bilden oder gucken, welche interessanten Samen und Pflanzenteile im Becken schwimmen.

Weil ich später noch zur Caldeira und zum See laufen wollte, bin ich nach einer Stunde entspannt und
verschrumpelt aus dem Becken gestiegen. Im Lauf der Zeit hatte es sich auch ziemlich gefüllt. In der Nähe des Parks ist ein Hotel und viele Gäste scheinen das Becken ebenfalls gerne zu nutzen.

Vorsicht, kocht!
Wunderbar durchgewärmt ging es jetzt den Berg hoch zum Lagoa das Furnas. Ich habe erst auf dem Rückweg noch einen anderen - leider auch asphaltierten - Weg entdeckt, so lief ich erstmal an der Straße entlang. Da relativ wenig Verkehr unterwegs war, war das ziemlich entspannt, nur das Laufen auf dem Teer ging mir auf die Nerven.

Nach einer halben Stunde erreichte ich das Schild, das auf die Caldeira hinwies und das Ufer des Sees. Von weitem konnte man schon eine Nase voll Schwefeldampf bekommen und die Geysire dampfen sehen. Als ich zur Caldeira lief, lag Nebel über den Hängen rund um den See. Man kann auch einen Gipfel (Pico do Ferro) besteigen, bei dem Wetter habe ich mir das gespart. Auf dem Weg zu den Fumarolen und Geysiren fielen mir sehr viele Enten und anderes Geflügel auf, sowie eine Gruppe Katzen, die an den beiden Verkaufsständen gefüttert werden.
Hügel der azoreanischen Kochmaulwürfe

Das kochende Wasser der Geysire wird zum kochen von Mahlzeiten (Cozido das Caldeiras - eine Art  Eintopf) genutzt.

Es sieht recht lustig aus, weil überall kleine Maulwurfshügel sind, in denen ein Holzschild steckt, auf dem wohl die Kochzeit vermerkt wird. Wenn man von diesen Bräuchen nichts weiß, könnte man das auch für eine Art makabres Urnenfeld halten. Allerdings liegt über dem Gelände auch der Duft von Eintopf, so dass Zweifel rasch ausgeräumt sein dürften.
Lagoa das Furnas

Ich musste ein wenig die Zeit im Blick behalten, da ich den Nachmittagbus nicht verpassen wollte.

Am See selbst beschränkte ich meinen Ausflug auf einen kleinen Spaziergang. Der Weg den See entlang war wirklich komplett verlassen, in der Hauptsaison dürfte es hier jedoch sehr viel anders aussehen. Ich genoss die leicht irreale Nebelstimmung und die Ausblicke auf den windgepeitschten See. Nach einer guten Stunde machte ich mich dann auf den gemütlichen Rückweg zur Bushaltestelle. Da ich viel zu früh dran war, überbrückte ich noch etwas Zeit in einer Bar, trank Kaffee, sah den Leuten zu und machte einfach mal gar nichts.

An der Bushaltestelle traf ich dann andere Leute aus meinem Hotel, die schon am Morgen mit dem gleichen Bus wie ich nach Furnas gefahren waren. Wir unterhielten uns ein wenig und bestärkten uns gegenseitig darin, dass der Bus ganz gewiss kommen würde. Nach diesem entspannungsreichen Tag ging es gemütlich wieder zurück nach Ponta Delgada.

Der Bus füllte sich unterwegs ganz ordentlich und neben mir saß  irgendwann ein Mann, der eine Madarine schälte. Der Duft ließ mir das Wasser im Mund zusammenlaufen. Das waren nicht die gleichen Früchte, die wir unter diesem Namen im Laden bekommen. Der Duft hatte einen leicht bitteren Unterton, später habe ich diese Mandarinen dann im Supermarkt entdeckt und gleich gekauft. Sie sind klein, fleckig und schwer zu schälen, aber der Geschmack und die Saftigkeit sind unbeschreiblich! Ich möchte bitte ein Abo haben!

Caldeira von weitem
Auf den Azoren gibt es nicht nur Mandarinen, sondern es werden auch Bananen angebaut. Auch diese sind klein, fleckig und unglaublich aromatisch, kein Vergleich zu den genormten Dingern in unseren Supermärkten.

Und von den Ananas will ich gar nicht erst anfangen. Jeden Morgen habe ich mir im Hotel ziemlich viel davon in eine Schüssel getan und gegessen.

Übrigens sind auch die azoreanischen Milchprodukte äußerst lecker, halbstichfester Joghurt und Käse habe ich probiert. Leider beides nicht so ideal zum mitnehmen nach Deutschland.

Fortsetzung folgt...