Sonntag, 19. März 2017

Ballast abwerfen

Letzes Jahr im Februar wurde ich 50. Mein Körper muss sich irgendwann danach gedacht haben, dass er jetzt gerne middle age spread ansetzen möchte. Als ich im Juni meinen Bikini hervorzog, dachte ich "oh je, DIE Zeiten sind auch vorbei..."

Ne, keine Sorge, ich schreibe jetzt keinen Diätblog. Mir geht es um was ganz anderes.

Man kann sich dann sagen "ok, ich kauf mir halt die Hosen größer, einen Shapingbadeanzug und dann hab ich eben die Wechseljahresringe, so what!" Man kann aber auch schauen, wo es herkommt, sich selbst den Gefallen tun und achtsamer mit sich umgehen und gegen den inneren Schweinehund kämpfen.

Ich lebe jetzt seit über 7 Jahren allein und leider hat sich meine Ernährung nicht gerade vorteilhaft entwickelt. Kochen tu ich zwar gerne, aber regelmäßig unter der Woche...? Mit knurrendem Magen nach dem Studio...? Spätabends nach Kursen...? Nö. Also schnell ein Brot geschmiert. Ist ja selbst gebacken und ich weiß, was drin ist! Als ich aus Norwegen zurückkam, war es schweineheiß. An meinem letzten Urlaubstag war ich mit Roland bei 42 Grad im Schatten im Schwarzwald unterwegs ... da hatte ich wenig Lust, den Ofen anzuwerfen und Brot zu backen. So ging es los mit der Veränderung, ich habe einfach kein Brot mehr gebacken und geschaut, ob ich es vermisse.

Low carb essen einige Leute aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis, mit ziemlich überzeugenden Ergebnissen. Und dann lief mir "30 day shred" von Jillian Michaels über den Weg. Angeblich sollte man da in kürzester Zeit (Tage, nicht Wochen oder Monate) sensationelle Ergebnisse sehen.

Weil ich bei sowas immer skeptisch bin, wollte ich es selbst ausprobieren. Also stand bzw. hüpfte ich eines abends vor dem Laptop herum und quälte mich durch den ersten Level Shred. puh... nach drei Tagen stellte ich fest, dass man doch besser Turnschuhe dazu trägt und nicht barfuß herumspringt. Zwei Wochen nach meinem Urlaub kam unsere Putzfrau im Büro aus dem Urlaub und meinte "gut siehst Du aus, wie Mädchen! Schlank!"

Ich will nicht lügen, die erste Woche low carb war furchtbar! Ich hatte dauernd Hunger, weil mein Körper die Kohlehydrate vermisst hat. Statt Frühstücksbrot gab es jetzt Rührei, Chiapudding mit Obst und ins Büro Magerquark mit Himbeeren und Haferflocken mit Obst, abends Salat oder Suppe, manchmal auch gar nichts. Den Unterschied in punkto Fitness habe ich rasch gemerkt, mein Arbeitsweg geht leicht bergauf, bald habe ich davon nichts mehr gespürt. Auch im Studio fielen mir die Übungen immer leichter, ich konnte die Gewichte raufsetzen. Der lästige Schwimmreifen wurde zusehends kleiner, die Figur straffer, die Laune besser. Bald hielt ich die Übungen in allen drei Leveln problemlos durch.

Inzwischen bin ich fertig mit dem zweiten Durchlauf von "Shred" und an guten Tagen denke am Ende von Level 3 "wie, schon rum?" An schlechteren Tagen bringen mich "travelling pushups" und "Mountainclimber" im Wechsel immer noch an die Grenzen... Ganz nebenbei haben sich die Sprungübungen positiv auf mein linkes Bein ausgewirkt, das ja immer noch nicht bei 100% Kraft angekommen ist. Über Gewichts- und Umfangsverlust kann ich nichts schreiben, da ich keine Waage besitze und nur am Anfang gemessen habe. Circa zwei Hosengrößen kleiner sollte aber überzeugend genug sein, finde ich. Und nein - ich sehe nicht wie ein Magermodel aus und ich esse auch nicht streng low carb. Brötchen, Kuchen etc. habe ich auf das Wochenende beschränkt und werde das auch während der Saison bei allen Verlockungen möglichst durchziehen. Lustigerweise habe ich sowieso immer weniger Bedürfnis danach.

Über Jillian Michaels kann man sich streiten. Ich muss jedoch oft lachen, wenn sie im Brustton der Überzeugung sagt, dass Shred nicht nur körperlich stark macht, sondern auch "fürs Leben". Ich sehe es als eine Form an, auf andere Art nett zu mir zu sein. Es ist nun mal so, dass unsere Körper mit den Jahren "wartungsintensiver" werden und mehr Aufmerksamkeit brauchen. Vielleicht ist dies auch ein schöner Moment, innezuhalten und zu schauen, wo es jetzt langgehen kann, nicht nur figur- und ernährungsmäßig, sondern auch so.

Ballast abwerfen tut immer gut.
Mir jedenfalls.



Montag, 6. März 2017

Herz am Montag - neue Wege

Da hab ich doch tatsächlich erst beim x-ten Blick auf meine Fotos vom Samstag festgestellt, dass hier
auf dem Teller ein Herz versteckt ist!

Gegessen habe ich das hervorragende Kartoffelrösti im Landgasthof Maien zusammen mit dem netten Mann aus dem Kinzigtal.

Wir haben am Samstag unsere dritte gemeinsame Runde gedreht und ich bin eine kleine Straße reingefahren, die mich schon länger immer wieder angelacht hat.

Wir wurden wirklich reichlich belohnt! Zum Einen ist die Strecke von Schlächtenhaus aus wunderbar zu fahren, kleine Straße, viele Kurven, tolle Ausblicke, zum Anderen kam dann auch endlich die Sonne raus. Davor sind wir dem blauen Himmel zwar entgegen gefahren, aber er wollte und wollte nicht näher kommen. Na, und der Gasthof ist echt klasse! Ein urgemütlicher Kachelofen, die alten Möbel wurden beibehalten, aber ansprechend aufgearbeitet, das Essen ist reichlich, liebevoll zubereitet und serviert. Roland hat man beim essen fast nicht gesehen, weil sein Pulli praktisch die gleiche Farbe wie der Tisch hatte...

Noch sind die Stunden für unsere Ausfahrten gezählt und eine längere Pause dient nicht nur zum essen, sondern auch zum aufwärmen, aber immerhin kann man überhaupt schon etwas fahren, das sich halbwegs Tour nennen kann. Davor habe ich 1,5 Stunden Conchitas Felgen und Speichen bearbeitet und den gröbsten Dreck runtergewischt. Eine gründliche Tiefenreinigung auf dem Waschplatz steht trotzdem auf dem Programm neben ein paar Schraubaktionen, Ölwechsel und Co. Conchita wird jetzt 21 und braucht ein paar echte Streicheleinheiten, Mesoroller und Hyaluronsäure für Mopeds im reifen Alter sozusagen.

Mehr Herzen am Montag gibt es wie immer bei den Fredissimas.

Dienstag, 28. Februar 2017

Monatsimpressionen Februar

Keinegeschenke-Geschenke
Der Februar ist "mein" Monat, ich habe gleich zu Beginn Geburtstag. Dieses Jahr wurde allerdings
nur im "kleinen" Kreis gefeiert. Nichtsdestotrotz habe ich zwei Tage vorbereitet, gekocht, gebacken, eingekauft.

Ich liebe das, nach Herzenslust Rezepte ausprobieren, planen, organisieren... auch dieses Mal ist es wieder eine schöne Feier geworden, wir haben mit Kaffee und (größtenteils glutenfreiem) Kuchen und Muffins angefangen und die letzten Gäste gingen gegen Mitternacht nach Hause. Meine Gäste haben sich leider nicht an meine Vorgabe "keine Geschenke" gehalten, aber es sind immerhin keine "Stehrumsel" dabei. Die nächsten zwei Jahre brauch ich kein Duschgel mehr kaufen...

Im Februar ist auch Valentin, eigentlich bin ich niemand, der zu solchen "aufgesetzten" Anlässen Geschenke macht, aber... manchmal muss man Ausnahmen machen... außerdem war es eine Gelegenheit, mich an Piñata-Keksen zu versuchen.

Es hat ganz ok geklappt, das Ergebnis war aber weit von Perfektion entfernt, vielleicht probiere ich mal eine Version mit Pfefferkuchenteig und ausschneiden/ausstechen oder Hefeteig.

Ich stelle immer wieder fest, dass backen mich extrem glücklich macht und ich verbringe vor jeder Feier oder jedem Anlass sehr viel Zeit damit, ausgefallene Rezepte zu suchen, manchmal denke ich mir auch selbst etwas aus. Außerdem habe ich wieder etwas mit zeichnen angefangen und festgestellt, dass ich es nicht verlernt habe, auch wenn die Hand nicht ganz so geschmeidig ist.

Ein paar Motorradhighlights hatte der Februar ebenfalls zu bieten.

Roland und ich haben zufällig ein Plakat entdeckt, das uns zu einer schönen Veranstaltung geführt hat. Eine junge Frau ist 5 Monate mit dem Motorrad durch den Balkan nach Istanbul gefahren, ganz allein. Es gab Fotos zu sehen und später für einen guten Zweck zu ersteigern, Videos wurden gezeigt, Auszüge aus dem Reisetagebuch vorgelesen und es gab ziemlich gute Livemusik.

Mit Landschaftsfotos ist es ja so eine Sache... die gibt es sprichwörtlich wie Sand am Meer. Wenn man reist, verbindet man mit bestimmten Fotos natürlich auch den Tag und/oder ein Erlebnis, während es für jemand anderes eben "nur" ein Foto ist. Mal ganz davon ab, dass sie bei mir vom Stil nicht gepasst hätten und ich auch gar keinen Platz für so große Bilder habe. Roland hat am Ende noch ein Bild ersteigert und ich habe noch etwas draufgelegt. Die Location - der Peterhofkeller in der Nähe der Uni - war ebenfalls sehr stimmungsvoll und wir verbrachten einen sehr schönen Abend.

o'biked is!
Für mich war die Veranstaltung der endgültige Kick, einen Vortrag zu verfassen, den ich - sofern er angenommen wird - bei Horizons Unlimited halten werde. Einige meiner Stammtischjungs sind sowieso der Meinung, dass ich mit meinen Reiseberichten mehr an die Öffentlichkeit sollte, also mehr als "Nein" kann's nicht werden. Das Ding ist schon im Kasten, nur muss ich es noch überarbeiten und passende Bilder dazu raussuchen.

Tja und dann gab es Motorradwetter! Am 16. habe ich "angebiked", man hätte auch schon in den Tagen um meinen Geburtstag herum fahren können, aber da hatte ich Küchendienst.

Stilleben mit Helmen
Vor jedem "ersten Mal" ist man ja immer aufgeregt, so auch ich vor der ersten Tour. Schon am Samstag habe ich nachgesehen, ob Conchita noch anspringen will (beim zweiten Versuch war sie da), den Vorderreifen aufgepumpt und den Staub abgewischt. Diesmal gab es ja keine Gelegenheit, im Winter herumzufahren, wenn man sich das Moped nicht total einsauen wollte. Die ersten paar Kilometer waren dann auch etwas steif, bis Mensch und Maschine wieder eine Einheit wurden. 130 km waren es und am Samstag und Sonntag saß ich auch wieder auf dem Moped.

Am Sonntag gab es die erste gemeinsame Runde mit Roland, Das Heiner, Conchita und mir. Es war zwar mit 4-10 Grad frisch, aber das hat uns nicht geschreckt. Von Gutach ging es über das Prechtal nach Biederbach und dann über Freiamt nach Landeck. Dort konnten wir sogar draußen in der Sonne sitzen und ließen es uns bei Kaffee und Kuchen gut gehen. Von der Burgruine sah die Landschaft wie gemalt aus und wir ließen uns von der vorfrühlingshaften Stimmung verzaubern.

Rheinfähre bei Kappel-Grafenhausen
Am Faschingssonntag gab es dann auch noch mal einige Sonnenstrahlen. Nach einem windigen, grauen Start in Freiburg, sind wir von Gutach das nördliche Kinzigtal hochgefahren und es wurde immer blauer. Allerdings hat uns die Sonne dann erst in Ettenheim erreicht, wo wir uns in dem hervorragenden und gemütlichen Café Ettiko gestärkt und aufgewärmt haben. Nachdem die Sonne es nun gut meinte, sind wir noch an den Rhein gefahren und haben den Möwen, Schwänen und der Rheinfähre zugesehen.

Faschingsdeko in Ettenheim
Die Sonne tut nach dem ganzen Grau der letzten Monate unglaublich gut und die Motorräder schnurren von Mal zu Mal zufriedener.

Wobei mir am Sonntag aufgefallen ist, wie dreckig Conchita ist. Rolands Heiner ist frisch geputzt, inklusive Speichen, während an Conchita noch die Fliegen vom letzten Jahr kleben. Vielleicht mal Zeit für eine Tiefenreinigung... Alles in allem habe wir es beide genossen, endlich wieder durch die Kurven fliegen zu können und so langsam hält der Frühling überall Einzug.

Unterwegs im Markgräfler Land
Der Rosenmontag hatte dann noch besseres Wetter parat und ich konnte in der Wiese neben einem meiner Lieblingsstopps im T-Shirt in der Sonne liegen. Conchita bekommt im neuen Monat ein paar Streicheleinheiten, habe ich ihr versprochen. Allerdings muss es erst etwas wärmer werden, denn der Ölwechsel auf dem eiskalten Garagenboden macht nicht so wirklich Spaß und zum putzen von Madame sollte es dann auch warm und sonnig sein. Ich hoffe mal auf das Beste. Im Februar eine Handvoll Touren, die sich wirklich so nennen lassen fahren zu können, war jedenfalls ein Luxus erster Klasse.

Mehr Monatsimpressionen gibt es wie immer bei den Fredissimas.

Freitag, 10. Februar 2017

Minimalismus reloaded

Seit ich in meine kleinere Wohnung gezogen bin, habe ich immer wieder ausgemistet. Ich bin jetzt nicht der "jede-Woche-Soundsoviele-Teile"-Ausmister, sondern ich mache das eher anfallsweise.

In den letzten knapp zwei Jahren nach meinem Umzug haben sich meine Billy-Regale im
Ziemliche viele Stoffquadrate...
Wohnzimmer ordentlich geleert. Vor allem das Stoffregal ist wirklich übersichtlich geworden. Kürzlich konnte ich Frau zuse noch mit meinem restlichen Vorrat Canvasstoffe glücklich machen. Der Stoffshop lief irgendwie gar nicht mehr, aber die Stoffe werden vom rumliegen auch nicht schöner. Meine geschnittenen Stoffe habe ich auch reduzieren können. Ein Teil der schwarz-weiß-gemusterten steckt jetzt in einem Quilt, der auf meinem Bett liegt. Ich hatte immer wieder über eine Tagesdecke nachgedacht, aber nichts gefunden, das mir gefiel, bis ich dann auf die (offensichtliche) Idee kam, etwas selbst zu nähen.


Es ist leider so, dass der Großteil meines Stauraums in Schlaf- und Wohnzimmer nicht mit meinen Kleidungsstücken, Büchern etc. belegt ist, sondern mit dem Lager meiner Shops. Und da ich dort nicht mehr viel Energie reinstecke, liegt es und liegt und liegt... Es lohnt sich einfach nicht für mich, da ich im Verhältnis viel zuviel Steuern nachzahlen muss, wenn ich über einen dreistelligen Gewinn komme. Von daher kann ich das Zeug auch spenden oder verschenken. Oder zum Supersonderpreis auf etsy rauswerfen.

Was die anderen Bereiche in meiner Wohnung betrifft, habe ich alles inzwischen sehr übersichtlich bekommen. Meine Kleidung organisiere ich seit einiger Zeit um, Merino statt Sweatshirts (ok, ein paar Ausnahmen gibt es) und die nächsten Jeans möchte ich bei "manomama" kaufen. Auf die Idee hat mich Roland gebracht, der dort im Sommer eingekauft hat. Die Jeans sehen super aus und sind nicht aus diesem Labberstoff, der nach einem Jahr Löcher bekommt, sondern so "wie früher", nämlich richtig fest und dick. Die Produktion der Hosen erfolgt in Deutschland.
Zwischenstopp


Ein paar Koch- und Backbücher habe ich noch aussortiert, da ich mir meine Rezepte und Anregungen inzwischen hauptsächlich über das Internet hole. Es gibt ein paar Kochbücher, die ich behalten werde, auch wenn ich da draus nur eine Handvoll Rezepte zubereite, aber von denen mag ich mich nicht trennen.

Mein Freundeskreis hat sich inzwischen an meine "keine-Geschenke"-Politik gewöhnt, aber ab und zu gibt es immer noch schräge Blicke, wenn ich mich dem Konsum verweigere.

Impulskäufe gibt es so gut wie gar nicht mehr und mit jedem Teil, das meine Wohnung verlässt, wird
Fertig!
mir leichter ums Herz. Ich könnte mich räumlich weiter reduzieren, aber ich habe gemerkt, dass ich das nicht möchte, da ich gerne auch mal größere Gruppen Freunde einlade und in einer Einzimmerwohnung wäre ich dann doch arg eingeschränkt. Außerdem ist so ein zweites Zimmer, bei dem man eine Tür zumachen kann, ganz schön und eine richtige Küche mag ich auch haben, nicht nur zwei Platten und eine Spüle.

Als Inspiration für weitere Aufräum- und Ausmistaktionen hatte ich mich bei der "January Cure" von apartmenttherapy angemeldet. Ab und zu gibt's da ganz interessante Anregungen für mich.

Je weniger ich habe, umso klarer wird mir, was ich behalten möchte, was mir wirklich wichtig ist.

Das finde ich eine prima Sache und damit mache ich weiter.

Montag, 23. Januar 2017

Herz am Montag - Herzen stehen Kopf

Mein Herz steht tatsächlich Kopf in diesen Tagen.

Ich habe am Sonntag von einem Menschen Abschied nehmen müssen, leider konnte ich es nicht mehr persönlich tun.

Liebe Tante Traudel, Du warst für mich in den letzten 30 Jahren meines Lebens ein wichtiger Mensch. Durch Dich habe ich vieles über meine Vergangenheit und meine Familie erfahren, das ich sonst niemals erfahren hätte.

Du warst für mich da in schwierigen Zeiten, hast mir zugehört und hast mich nie verurteilt, auch wenn Du mir nie verziehen hast, dass ich die 50 DM damals in Bremen in einen neuen Haarschnitt steckte und mit einem flammroten Stern im schwarzen Schopf zurückkam. Ich fand es toll, aber Du hast Dich ein bisschen geschämt für Deine schräge Nichte.

Titisee on the rocks
Als ich Liebeskummer hatte, war ich bei Dir, Du warst da und hast zugehört.

Nach ein paar Tagen kam mein Appetit wieder und ich erinnere mich daran, dass Du zu mir "Wenn Du so weitermachst, brauchst Du in zwei Wochen eine neue Hose!" sagtest. Ich weiß, dass Du das nicht böse meintest, im Gegenteil, Du fandest Deine schwarz gekleidete Nichte aus der Stadt viel zu dünn.

Oh ja, wenn Du meine Mutter gewesen wärst, hätte ich sicherlich noch mehr rebelliert, als ich
esschon tat.

Wir hätten uns gestritten und es wären die Fetzen geflogen. So warst Du für mich immer etwas wie eine Stimme der Korrektur, jemand, der mir mit fester Hand aber liebevoll den Kopf gerade gerückt hat.

Meine x-te Trennung in den letzten Jahren hast Du trocken mit "Du hast einen ganz schönen Verschleiß!" kommentiert und wir haben beide gelacht.

Wenn ich bei Dir war, haben wir uns Portwein auf die Nase gegossen und es wurde ein sehr lustiger
Abend. Du hast mir von Mohrchen, dem alkoholabhängigen Hofhund erzählt, der auf dem Küchentisch stand und den kompletten Käsekuchen für den Sonntagskaffee gefressen hat, weil jemand die Tür vom Haus offen ließ und der beim Schützenfest immer stockbessoffen auf der Theke lag, weil ihn jemand mal wieder mit Bier abgefüllt hatte.

Als mein Onkel starb, warst Du Anfang 50 und weil Du auf dem Land wohntest und nicht Auto fahren konntest, bist Du in die Ferienfahrschule marschiert und hast in drei Wochen Deinen Führerschein gemacht.

Du bist liebend gern gereist, hast Dir die Welt angesehen, auch wenn Du Deinen Traum, mit den
Hurtigruten nach Norwegen zu reisen, nicht mehr umsetzen konntest. Du warst in Portugal, Frankreich, Italien, St. Petersburg, Du hast Schweizer Berge erklommen und Dein Leben so reich und bunt gestaltet, dass Du nun am Ende wirklich zufrieden in Deinem Ohrensessel saßest.

Einzig das Reisen hast Du vermisst, und das verstehe ich gut.

Als ich mit 45 den Motorradschein machte und dann eines Tages mit meinem Motorrad auf den Hof fuhr, hast Du allen stolz von Deiner Nichte berichtet, die allein mit dem Motorrad die 750 km zu Dir gefahren ist. 

Du hast es gehasst, dass Du immer abhängiger von anderen Menschen wurdest, Dein Körper immer
schwächer und Dein Aktionsradius immer kleiner. Trotzdem hast Du Dich bis zum Schluss nicht unterkriegen lassen und Deinen Willen durchgesetzt.

In vielen Dingen bist Du ein Vorbild für mich.
Wenn ich einmal 92 sein werde, möchte ich auch in meinem Ohrensessel sitzen und sagen können "ich bereue nichts!" - außer, dass ich den Motorradschein erst mit 45 gemacht habe.

Wo auch immer Du jetzt hingereist bist, in meinem Herzen wirst Du immer einen Platz haben.

Mach es gut, ich habe Dich lieb und Du wirst mir fehlen.

Montag, 9. Januar 2017

Herz am Montag - Azoren-Herzen von Yves Decoster

Der belgische Künstler Yves Decoster hat auf Sao Miguel
365 Herzen auf Mauern, Garagentoren, Häuserwänden... hinterlassen.

Yves Decoster möchte den Menschen in dieser wirtschaftlich schwachen Region Hoffnung machen. Das ist eine sehr schöne Idee, finde ich.

Hier findet ihr einen Videobeitrag vom SWR über die Arbeit von ihm. Ich finde, er und seine Arbeit strahlen eine unglaubliche Lebensfreude aus und ich kann gut verstehen, dass sich die Hausbesitzer um Bild von ihm prügeln.

Ich hatte vor meiner Reise auf die Azoren bereits von den Herzen gelesen und neben diesem hier fotografierten auch noch etliche andere entdeckt. Für mich hat so das alte Jahr mit Herz geendet und das neue Jahr beginnt auf meinem Blog (und nicht nur da) mit Herz.

In den letzten zwei Woche hatte ich Urlaub und habe die Zeit neben Tapetenwechsel und To-Do-Listen abarbeiten auch mit etwas Innenschau verbracht.

Alles auf Kurs, würde ich mal sagen.
Jetzt fehlt nur noch das Motorradwetter, aber auch das kommt wieder.

Mehr Herzen findet ihr wie immer bei den Fredissimas.

Dienstag, 3. Januar 2017

Winterurlaub auf den Azoren - Teil 2

28.12.2016

Ananas im Sturm!
Ab heute soll es also stürmen. Naja, erstmal Frühstück! Da ich durch die Zeitverschiebung für meine Verhältnisse spät aufstehe (Azorenzeit ist -2 h unserer Zeit), es aber nach Ortszeit noch total früh ist (7:00 Uhr) bin ich fast immer die Erste und Einzige im Frühstücksraum. Mein Hotel ist aus den 80ern, hat schon mal bessere Zeiten gesehen, aber alles ist tiptop in Schuss gehalten und das Frühstücksbuffet ist wunderbar! Ok, über den Kaffee könnte man meckern, aber das Buffet...!

Es gibt zwei riesige Hauben unter denen Wurst und Käse liegen, so eine Art Eiermuffins, diverse Aufstriche, Cornflakes, Brot, Brötchen in zwei Variationen, Croissants, Kuchen, eine Art süßes Brot, Obstsalat, frische Ananas, Joghurt. Wer da nichts gefunden hat, war selbst schuld. Ich muss gestehen, dass ich mich morgens immer ziemlich vollgestopft habe, weil es einfach lecker war und ich ohne ein gescheites Frühstück nicht funktioniere.

Für heute hatte ich mir überlegt, nochmal etwas durch die Stadt zu streifen und zu den
Lagoa Verde
Ananasplantagen rauszulaufen. Tja, mit durch die Stadt streifen war schon mal nicht wirklich viel, denn da ich so früh dran war, hatte alles noch geschlossen. Der Wind verhieß nichts Gutes, es pfiff schon ziemlich durch die Gassen, zwar nicht kalt, aber wirklich stark. Naja, also laufe ich halt mal raus zu den Ananassen (Ananässern?). Auf dem Plan sah das ganz gut machbar aus. Ich laufe und laufe und laufe und laufe und laufe... keine Ananas weit und breit. Irgendwann lass ich Ananas Ananas sein, denn der Wind ist besonders von vorne kein Spaß. Später sehe ich auf dem Smartphone, dass ich erst ungefähr die Hälfte der Strecke hinter mir hatte... das nächste Mal vielleicht besser vorher gucken.

Tja, was tun? Es ist zwar warm und halbwegs sonnig, aber irgendwo draußen sitzen und lesen oder Kaffee trinken, ist nicht praktikabel, weil man in dem Wind nicht gemütlich sitzen kann. Da mir von dem ewigen Gelatsche auf Apshalt die Füße weh tun, beschließe ich, zurück ins Hotel zu gehen, ein bisschen auszuruhen, zu lesen. Vielleicht könnte ich später noch in den Park gehen oder so etwas.

Naja, später kam dann der vorhergesagte Regen in Schauern oder aber auch in Strömen. Was soll's, mein Buch ist spannend und ich verschwende diesen Tag im Hotel mit der Nase im Buch, muss auch mal sein!

29.12.2016 

Lagoa Azul
Heute wollte ich doch mal versuchen, ob nicht ein Ausflug möglich wäre, ein Spaziergang oder eine Wanderung. Der junge Mann vom Reiseveranstalter hatte mir als Ausflugsziele Sete Cidades und den Lagoa do Fogo genannt. Da Sete Cidades einfach zu erreichen ist, entschied ich mich für dieses Ziel. Mein Bus fuhr schon recht früh ab, so dass ich diesmal ein recht schnelles Frühstück einwarf und dann zum Turismo runter lief.


So richtig mies sah es ja gar nicht aus, windig, hier und da dickere Wolken und Schauer, aber auch ein paar Flecken blauer Himmel. Neben mir stieg noch jemand in Wanderkleidung in den Bus. Der Busfahrer schaute uns ungläubig an, als wir "Sete Cidades" nannten. Unterwegs fing es dann wieder an zu regnen, zwischendrin hörte es wieder auf, dann kam Nebel und tendenziell sah es nicht so toll aus.

Als der Bus in Sete Cidades hielt, war es total bezogen. Ich lief einfach los und kam recht schnell an
Lagoa Azul
den Seen an. In Sete Cidades befinden sich zwei Seen, Lagoa Azul und Lagoa Verde. Von oben betrachtet sieht der eine blau und der andere grün aus. So die Theorie. Als ich an den Seen ankam, sahen beide gleich aus. Grau, aufgewühlt und außenrum Nebel. Theoretisch hätte man hier zwei Wanderwege zur Auswahl, sowie diverse Aussichtspunkte. Ich entschied mich, erstmal an dem größeren der beiden Seen entlang zu laufen und dann zu gucken, was sich anbieten würde.

Heute hatte ich zwei Fehler gemacht: zum einen hatte ich statt der dünnen Wanderhose meine Jeans an, weil ich dachte, dass es kühl sein könnte und zum anderen hatte ich den Schirm im Hotel gelassen. Nach ungefähr 20 Minuten Spaziergang fing es erst an zu nieseln, dann zu regnen und schließlich zu schütten. Leider stellte sich meine Softshelljacke als nicht 100% dicht heraus. Ich stellte mich ein wenig unter Bäumen unter und hoffte darauf, dass der Regen aufhört oder weniger wird. Wurde er aber nicht. Im Gegenteil, es wurde immer schlimmer, grauer, nasser. Inzwischen war meine Jacke durchgeweicht, die Jeans von vorne patschnass und zentnerschwer. Ich machte mich auf den Weg, einen Unterstand oder irgendwas zu suchen, wo ich die Zeit bis zum nächsten Bus überbrücken könnte.

Auf der Straße nach Süüüüüdennnn...
Leider gab es kein Bushäuschen und inzwischen kam der Regen von allen Seiten, so dass ich nass bis auf die Unterhose war.

Ich lief jetzt in den Ort, irgendwo wird es schon eine Bar oder irgendwas geben! Am Ufer fand ich dann auch ein Café, wo ich erstmal einen Kaffee trank und ein Stück Schokoladenkuchen aß. Meine Jacke hinterließ veritable Pfützen auf dem Boden, meine Wanderstiefel waren nass und die Jeans klebte unangenehm an den Beinen, von der nassen Unterhose mal ganz zu schweigen.

Das war also schon mal nichts heute. Eigentlich wollte ich ja einen Wanderurlaub und keinen Badeurlaub machen... Gegen Mittag bestieg ich den Bus, der andere Wanderer und einige andere Leute, die wohl auch wandern gehen wollten und abbrechen mussten, stiegen ebenfalls ins den Bus.

Im Hotel habe ich erstmal die nassen Klamotten runtergerissen und mich heiß geduscht und umgezogen. Boah, ne! Zur nächsten Wanderung würde ich auf jeden Fall die dünne, schnell trocknende Hose anziehen und den Schirm einpacken.

Da der Regen draußen wieder an Fahrt aufnahm, beließ ich es für heute dabei und stecke die Nase wieder in mein spannendes Buch. Vielleicht ist morgen ja ein besserer Tag für eine Wanderung.

30.12.2016

Somewhere over the rainbow
Für heute war ab Mittag Wetterbesserung angesagt und ich wollte noch einmal mein Glück mit einer Wanderung versuchen. Ich nahm den Bus nach Ribeira Grande, um von dort zum Lagoa do Fogo zu laufen. Auf dem Weg befindet sich noch die Caldeira Velha, wo man sich unter einen Wasserfall stellen kann und in warmen Quellen baden.

Unterwegs nach Ribeira - die zweitgrößte Stadt nach Ponta Delgada - gab es wieder den üblichen Mix mit Schauern, Regengüssen, blauem Himmel, Nebel. Aber heute hatte ich die dünne Hose an und den Schirm dabei! Von der Endhaltestelle Ribeira lief ich los, den Schildern zur Caldeira und zum See nach. Da es die Tage zuvor ziemlich geregnet hatte, zog ich den Weg die Straße hoch vor. Durch matschige Wege laufen zu müssen und vielleicht über glitschige Felsen zu klettern, darauf hatte ich gar keine Lust!

Nach ungefähr einem Kilometer begann es wieder zu regnen, diesmal mit Schirm gerüstet, war es
nicht ganz so schlimm, der Wind hielt sich auch in Grenzen. Beim Blick zurück nach Ribeira sah ich einen Regenbogen. Das sollte nicht der letzte heute sein.

Langsam wand sich die Straße den Berg hoch. Der Feuersee liegt zwar "nur" auf knapp 600 m Höhe, aber man läuft auch bei Null auf Meereshöhe los, so dass es sich schon etwas zieht. Nach 1,5 Stunden strammem Marsch kam auf einmal hinter einer Kurve der Eingang zur Caldeira Velha. Prima, jetzt ein warmes Bad unter dem Wasserfall und dann weiter nach oben zum See.

Die Dame am Kassenhäuschen verkaufte mir lächelnd und mit den Worten "enjoy!" den Eintritt. Die
Caldeira Velha befindet sich in einem tief eingeschnittenen Tal und es gibt diverse Baumfarne und andere tropische Vegetation zu bestaunen. Den Wasserfall finde ich auch schnell und mir kommen schon diverse Leute in Badekleidung entgegen.

Auch hier ist alles recht einfach, es gibt ein paar Umkleidehäuschen im Freien und man klemmt sich seine Klamotten unter den Arm und macht sich auf den Weg zum warmen Wasserfall...

Vor mir turnen noch andere Besucher in dem Becken herum und machen Fotos. Da ich da nicht mit
Blaue Lagune 2.0
drauf sein will, warte ich, bis sie fertig sind. hm... so richtig WARM ist das Wasser in dem Becken ja nicht gerade. Lau würde ich sagen. Sehr lau. Ich laufe und schwimme vor zum Wasserfall und stelle mich in Erwartung von warmem Wasser drunter.

puhaaaaa... das ist KALT! Nach ein paar Sekunden verlasse ich den Wasserfall und das Becken. Ne, also das ist mir zu kalt. Ich trockne mich ab und ziehe mich wieder an.

Weiter unten entdecke ich dann das eigentliche Planschbecken. Da sitzen mir aber schon zu viele Leute drin. Ne, da gehe ich lieber mal weiter zum See hoch.

Richtung Gipfel sieht es nicht so toll aus, neblig, wolkig. Da wird bestimmt noch der eine oder
andere Schauer drin sein, denke ich mir. Nach ungefähr einer Stunde bergauf komme ich um eine Kurve, eine heftige Windböe erfasst mich und es beginnt quasi sofort zu regnen. Ich krame den Schirm hervor, aber der ist in dem jetzt immer stärker auffrischendem Wind kaum noch zu halten, klappt um. Der Regen kommt von allen Seiten und meine Hose, die inzwischen wieder trocken war, ist in Sekunden patschnass, in die Wanderstiefel läuft das Wasser. Keine Frage: Der Berg will mich nicht. Ich drehe um und laufe zurück.

Auf dem Rückweg sehe ich gefühlte 20 perfekte Regenbögen, vor dem Meer, hinter Kühen, fast zum greifen nah, halbe Regenbögen, Viertelregenbögen, Regenbögen, die irgendwo anfangen und mittendrin aufhören, um dann irgendwoanders zu enden...

Nach vorne in Richtung Ribeira sieht das Wetter gut aus, am Ende laufe ich sogar in der Sonne und mir wird schon fast zu warm. Hinter mir dräuende Wolken und die Androhung weiterer Schauer. tja, das war also der letzte Versuch, eine Wanderung zu unternehmen. Vielleicht klappt es bei einem nächsten Besuch besser?

31.12.2016

Ponta Delgada vom Meer gesehen
Ui, schon wieder ein Jahr um? Vor einem Jahr war ich in Norwegen im Schnee beim Skifahren und bei den Vorbereitungen für die Silvesterfeier. Dieses Jahr sollte es ein ganz anderes Silvester geben.

Zu Beginn der Woche hatte ich mich ja für "whale watching" angemeldet. Der Termin war um einen Tag verschoben worden, weil das Wetter nicht gut genug und die See nicht ruhig genug waren. Am Samstag sollte es aber so weit sein. Das Frühstück fiel heute etwas bescheidener aus, da ich nicht 100% sicher war, ob ich seekrank werden würde, oder nicht. Ich bin schon öfter auf größeren und kleneren Schiffen unterwegs gewesen, auch auf dem Atlantik bei ziemlichem Wellengang, seekrank wurde ich nie. Ich habe einfach immer so weit wie möglich in die Ferne geschaut und den Horizont fixiert, da machte mir das wildeste Geschaukel nichts aus, ich konnte es sogar genießen.

Ein Wal wird kommen...
Heute sollte es aber auf einem relativ kleinen Boot auf den Atlantik gehen und zwar schon ein ganzes Stück raus. Das Wasser war nach wie vor nicht gerade das, was man als glatt bezeichnen würde. Immerhin hatte ich das große Boot und war nicht in einem der kleineren Schlauchboote. Wobei die Abenteurerstimme in mir das bedauert hat, vor allem später, als wir auf See waren. Das ist schon nochmal unmittelbarer. Auf der anderen Seite kann man den Kotzbrocken, die es unweigerlich immer gibt, schlechter ausweichen.

In diesem Bild haben sich Delfine versteckt, findest Du sie?
In den Räumen des Touranbieters bekamen wir eine Einweisung in Sicherheitsmaßnahmen sowie eine Erklärung zu den Tieren, die wir unterwegs sehen würden. Um die Jahreszeit befinden sich in der Regel drei Delfinarten (Gemeiner Delfin, Streifendelfin, Großer Tümmler) und Pottwale vor den Azoren. Im Frühjahr und Sommer sieht das schon anders aus, es gibt dort 27 verschiedene Delfin- und Walarten.

Die sympathische Meersbiologin, die unsere Tour begleitete meinte aber, dass sie in den letzten 8 Jahren noch nicht alle Arten gesehen hätte. Wir würden zumindest Delfine sehen können und wenn der Aussichtsposten im Süden von Sao Miguel Wale sichten würde, würden wir dort hinfahren und die Tiere beobachten.

Es gab auch noch eine Einweisung in punkto Seekrankheit und dem Verteilen von Kotztüten. Es
Delfinporno
wurde eindringlich davon abgeraten, über Bord ins Meer zu kotzen, weil der Wind dann alles gerecht über alle verteilen würde.

So gerüstet betraten wir das Boot und schon während wir noch im Hafen waren, quiekten die ersten wegen den Wellen. Wir fuhren rasch ein ganzes Stück parallel zum Ufer und fast jeder starrte wie gebannt auf das Meer in der Hoffnung, einen Wal zu erspähen. Was ist das da hinten denn? Ach so, das sind nur die kleinen Schlauchboote.

Es dauerte aber nicht lange, da sahen wir Seeadler und Möwen kreisen und wo die sind, sind Fische und wo Fische sind, sind auch Delfine. Von den ersten Delfinen gab es nur die Flossen zu sehen und sie waren bald wieder verschwunden.

jepp, das sind Delfine
Wir fuhren weiter und stießen bald auf eine weitere Gruppe. Unser Tourguide erklärte viele Dinge, unter anderem, dass sich die verschiedenen Delfinarten untereinander paaren und dadurch auch öfter Hybride herumschwimmen, deren Art man nicht genau zuordnen kann. Sie erklärte uns auch, dass Delfinweibchen ein Leben lang zusammen bleiben, mit den Männchen circa 2-3 Jahre und dass Delfine aus Spaß Sex haben und um den jeweiligen Partner genauer kennenzulernen.

Nach einigem Herumgekurve stießen wir auf etwas neugierigere Delfine, die sehr nah ans Boot kamen, zwei davon schwammen direkt vor den Bug. "Look, these two are mating!" rief unsere Tourguide. Ein echter Delfinporno direkt vor unseren Augen! Delfine paaren sich übrigens Bauch an Bauch, meines Wissens nach einmalig bei Säugetieren, vom Menschen einmal abgesehen.

Die gurgelnden Geräusche hinter mir waren jedoch keine Paarungsgeräusche von Delfinen, sondern
Spot the dolphin!
einer der Leute, die sich geräuschvoll in ihre Tüte erbrachen. Nun denn... ich habe während der Tour tunlichst vermieden, neben den Kotzbrocken zu sitzen. Ok, sie können nichts dafür... wobei, wenn man - wie einer - mit geschlossenen Augen auf dem wackelnden Boot sitzt, braucht man sich nicht zu wundern, zumal die Tourguide extra erklärt hatte, dass man bei Übelkeit einen fixen Punkt ansehen und tief atmen sollte. Manchmal fragt man sich schon, ob die Leute zuhören, oder sich vor so einer Tour ein paar Gedanken machen.


Wir fanden bald noch eine weitere Gruppe Delfine, diesmal Streifendelfine. Unsere Tourguide
erklärte, dass diese Delfine besonders gern schnell schwimmen und dass die auch gerne springen, was sie dann auch taten. Die Gruppe führte außerdem ein paar Jungtiere, die besonders enthusiastisch aus dem Wasser sprangen. An meinen Fotos könnt ihr sehen, dass es verdammt schwierig ist, Delfine zu fotografieren. Am besten stellt man die Kamera auf Dauerfeuer und hält auf gut Glück drauf. Und selbst dann ist es nicht leicht, weil sich die Tiere bewegen, das Boot schaukelt und andere Leute im Bild herumstehen, man aber auf dem schwankenden Kahn nicht so einfach von A nach B laufen kann... naja, you get the picture (haha).

Nach drei Stunden hieß es Abschied vom Meer nehmen. Die Wale hatten an diesem Tag frei und wir
Der Bär steppt
haben leider keine gesehen. Trotzdem möchte ich dieses Erlebnis, auf dem offenen Meer wilde Delfine zu sehen, nicht missen und würde es jederzeit wiederholen. Es ist wirklich berührend, die Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum bei ihren natürlichen Verhaltensweisen zu beobachten. Umso wütender macht mich, was wir Menschen mit dem Meer machen, das Plastik, das darin herumschwimmt, der Dreck, Abwässer, Ausbeutung von Bodenschätzen usw. usf.

Wieder an Land war es herrlich sonnig geworden und ich trieb mich noch eine Weile im Hafen
herum, trank Kaffee und schaute aufs Meer. Da ich am nächsten Morgen um fünf Uhr morgens abgeholt werden sollte und abends unbedingt noch runter in den Ort gehen wollte, bin ich langsam Richtung Hotel geschlendert, nicht ohne noch einem Café einen Besuch abzustatten, süße Teilchen zu essen und azoreanischen Tee zu trinken. Übrigens zum rekordverdächtigen Preis von 2,75 € für eine Kanne Tee und ein nicht allzu kleines Stück Kuchen! Überhaupt ist Essen gehen und Kaffee trinken, oder Teilchen beim Bäcker holen unglaublich billig. Der durchschnittliche Espresso kostet 70 Cent und süße Teilchen vom Bäcker gibt's schon für 25 Cent das Stück und das ist keine Industrieware.

Im Hotel versuchte ich vergeblich zu schlafen, las in meinem Buch, chattete, duschte, döste...
irgendwann gegen 23 Uhr machte ich mich dann auf den Weg nach unten. Auf dem Hauptplatz war schon in den Tagen zuvor einiges aufgebaut worden und es gab eine ziemlich gute Band und Sängerin inklusive Zappelschnecken. Außenrum gab es Hot Dog-Stände und Stände, wo man rot-weißes Popcorn kaufen konnte. Das Publikum war entweder leger gekleidet oder im Abendkleid respektive Anzug. Natürlich gab es auch Idioten, die Böller zwischen die Menschen warfen, aber sie hielten sich in Grenzen.

Eine Minute vor Mitternacht kochte dann die Stimmung hoch, die letzten 10 Sekunden wurden heruntergezählt und dann knallten die Sektkorken und das Feuerwerk im Hafen begann. Das war übrigens sehr angenehm, im Gegensatz zu Deutschland, wo schon Tage vor Silvester herumgeballert wird und man an Silvester selbst besser nicht mehr in die Stadt geht, wenn man sich nicht im Krieg wähnen möchte, hier wird fast gar nicht "wild" geböllert, sondern man guckt sich in erster Linie das Feuerwerk an. Und das war wirklich toll, 10 Minuten ein Crescendo von Raketen, Böllern, Feuerspeiern und am Ende noch richtig bunte, riesige Raketen und Kanonenschläge zum Abschluss.

Nach dem Feuerwerk bin ich direkt ins Hotel zurück. Auf dem Weg kamen mir noch etliche hupende Autos mit gröhlenden Menschen entgegen. Kurz vorm Hotel stoppte plötzlich ein Auto neben mir und eine Frau rief irgendwas, das wohl "gutes neues Jahr" hieß auf Portugiesisch. Ich war total überrascht und musste erstmal nach der passenden Sprache suchen. Angesichts der Sprachverwirrung mussten wir beide lachen und unsere Wege trennten sich wieder.

Das war also Silvester auf Sao Miguel, in ein paar Stunden sollte es zurück nach Deutschland gehen. Ich hatte schon Wetterbericht geschaut und mich leise gegruselt... als wir in Frankfurt ankamen, gab es überfrierenden Nebel bei minus 3 Grad... wie schön, den Silvestertag auf dem Meer bei Sonne und später 20 Grad verbracht zu haben...

Ein schönes, neues Jahr voller neuer Abenteuer und Erlebnisse hat begonnen und ich werde auch dieses Silvester wieder nicht in Deutschland verbringen.

Es ist zwar schon der dritte Januar, aber ich wünsche meinen Bloglesern ein schönes, gesundes, fröhliches, sonniges und erlebnisreiches Jahr 2017 und uns Motorradfahrern eine lange, warme, kurvenreiche und unfallfreie Saison.